Mit den Küsten leben
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WOR 5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck | 2017

Die Leistung der Küsten

Die Leistung der Küsten © Pietro Canali/SIME/Schapo- walow/Mato

Die Leistung der Küsten

> So vielfältig wie die Küstenlebensräume sind auch die Leistungen, die sie für die Menschen erbringen. Manche dieser Leistungen, wie die Produktion von Fisch, stehen vielerorts zur Verfügung, andere nur in einigen wenigen Gebieten – etwa die Bereitstellung von Bodenschätzen wie Diamanten in den Gewässern vor Namibia. Und schon seit jeher sind Küsten für den Menschen interessante Siedlungs- und Handelsplätze.

Das enge Band zwischen Küsten und Menschen

Für die Menschen sind die Küsten seit Jahrtausenden ein bedeutender Lebensraum. Zunächst stellte der Übergang vom Land zum Meer nur eine natürliche Barriere dar. Mit der Zeit aber lernten die Menschen die Vorzüge der Küstenregion zu schätzen. Schon früh lieferten die Küstengewässer Fisch, Algen oder auch Salz. Mit der Entwicklung einfacher Fischerboote wurden die Küstenbewohner zunehmend mobiler. Es waren vor allem die mit dem Meer vertrauten Fischer, die sich weiter hinauswagten und nach und nach die Inseln entlang der heimischen Küste entdeckten.
Frühe Hinweise auf diese Erkundung gibt es zum Beispiel in China. Archäologische Funde im Gebiet der südchinesischen Stadt Guangzhou deuten darauf hin, dass die Menschen dort bereits um 6500 vor Christus Einbäume nutzten, um das weitläufige Delta des Perlflusses, aber auch offene Gewässer in Küstennähe zu befahren. Von den neu entdeckten Gebieten wagten sich die nautisch erfahreneren Menschen immer weiter in noch unerschlossene Meeresregionen vor. Mit der Zeit entdeckten sie andere Kulturen, die über andere Nahrungsmittel oder Werkzeuge verfügten. Güter wurden zwischen den verschiedenen Küstenvölkern getauscht. Daraus entwickelten sich Handelsrouten, die nicht mehr nur die Siedlungen an der Küste miteinander verbanden, sondern über Händler bis weit ins Binnenland reichten.
2.1 > In den 1960er-Jahren wurde bei Ausgrabungen am Isthmus von Korinth ein 2600 Jahre alter Schiffskarrenweg freigelegt.
Abb. 2.1: In den 1960er-Jahren wurde bei Ausgrabungen am Isthmus von Korinth ein 2600 Jahre alter  Schiffskarrenweg freigelegt. © Public Domain
Gehandelt wurden vor allem Güter und Rohstoffe, die für den Alltag wichtig waren. Auf Zypern zum Beispiel hat man Reste von Messern gefunden, die aus dem glasartigen Vulkangestein Obsidian bestehen und aus der Zeit um 6000 vor Christus stammen. Da das Gestein nicht auf Zypern vorkommt, muss es zu jener Zeit auf dem Seeweg dorthin gelangt sein. Archäologen vermuten, dass es über eine jungsteinzeitliche Siedlung auf der anatolischen Hochebene gekommen ist, die damals mehrere Tausend Einwohner hatte und 150 Kilometer vom Mittelmeer entfernt lag. Heute gehört die Ausgrabungsstätte unter dem Namen Çatalhöyük zum Weltkulturerbe der UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Or­ganization, Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur). Der Obsidian selbst dürfte vom Vulkan Göllü Dağ stammen, der noch einmal
200 Kilometer östlich von Çatalhöyük liegt.
Andere frühe Hinweise auf maritime Handelswege von Küste zu Küste finden sich in Vorderasien. Inschriften aus Mesopotamien, einem Gebiet, das sich über Teile des heutigen Iraks und Syriens erstreckte, deuten darauf hin, dass indische Seefahrer bereits um 2300 vor Christus ­Kupfer, Holz, Elfenbein und Perlen aus dem hoch ent­wickelten Industal ins westliche Asien transportierten. Hier entwickelte sich demnach schon früh eine Art Fernhandel über das Meer.

Küsten verbinden

In den folgenden Jahrhunderten gewann der Seehandel in Europa und Asien weiter an Bedeutung. Zunächst entstanden starke regionale Handelszonen – beispielsweise rund um das Ostchinesische und das Südchinesische Meer sowie um das Mittelmeer. Im östlichen Mittelmeer suchten die Händler an den stark frequentierten Schiffsrouten schon früh nach Möglichkeiten, die Wege abzukürzen. So wurde um 600 vor Christus am Isthmus von Korinth der sogenannte Diolkos angelegt – ein gepflas­terter Pfad, auf dem Schiffe vom Golf von Korinth zum Saronischen Golf über Land gezogen wurden. Die Abkürzung an der schmalsten Stelle der Landbrücke ermöglichte es, die
400 Kilometer lange Umschiffung der Halbinsel Peloponnes zu vermeiden. Der Schiffs­karren­weg war bis in das 1. Jahrhundert nach Christus in Betrieb, bis größere und schnellere Schiffe ihn überflüssig machten.
2.2 > Im 3. Jahrhundert vor Christus waren die wichtigsten Mächte im westlichen Mittelmeer Karthago, Rom und Griechen­land. In den folgenden Jahr­hun­derten weitete vor allem Rom seinen Machtbereich aus.
Abb. 2.2: Im 3. Jahrhundert vor Christus waren die wichtigsten Mächte im westlichen Mittelmeer Karthago, Rom und Griechenland. In den folgenden Jahrhunderten weitete vor allem Rom seinen Machtbereich aus. © Dörrbecker

Vormachtstellung im Mittelmeer

Beim Handel entlang der Küsten ging es aber nicht nur um den reinen Austausch von Waren, sondern oft auch um die wirtschaftliche Vormachtstellung in einer Region. Immer wieder gerieten die Anrainer über strategisch wichtige Handelspunkte oder Rohstoffquellen in Streit, der nicht selten zu kriegerischen Auseinandersetzungen führte. Beispielhaft dafür steht der mehr als 300 Jahre lange Konflikt zwischen den beiden großen aufstrebenden Mächten am Mittelmeer – den Römern und den Karthagern. Im 6. Jahrhundert vor Christus betrieben beide Mächte bereits rege Geschäfte. Karthago beherrschte das Gebiet im Norden des heutigen Tunesiens und trieb vor allem im westlichen Mittelmeer Handel. Rom begann damals, seinen Machtbereich über die Apen­ni­nen-Halb­in­sel hinaus auszuweiten. Um Konkurrenz zu vermeiden, schlossen die beiden Reiche im Laufe der Zeit mehrere Verträge. Der allererste wurde um 500 vor Christus ausgehandelt und definierte klar den jeweiligen Einflussbereich. Die Römer durften an der nordafrikanischen Küste nicht über einen bestimmten Punkt im Norden der Stadt Karthago hinaus nach Westen fahren. Wollten römische Kaufleute im karthagischen Einflussbereich in Nordafrika und auf Sardinien Geschäfte abschließen, so konnte dies nur im Beisein eines karthagischen Beamten geschehen. Im von Karthago beherrschten westlichen Teil Siziliens hingegen wurden die römischen Kaufleute den karthagischen gleichgestellt. Die Karthager wiederum verpflichteten sich, römisch beherrschte Städte in Latium, der Region um die Stadt Rom, nicht anzugreifen.
2.3 > Bis heute zieren die Wappen von Amalfi, Genua, Pisa und Venedig die Flagge der italienischen Marine. Die einstigen Stadtstaaten, groß geworden durch die Verknüpfung von Meer, Stadt und Land, hatten ihre Blütezeit im Mittelalter.
Abb. 2.3: Bis heute zieren die Wappen von Amalfi, Genua, Pisa und Venedig die Flagge der italienischen Marine. Die einstigen Stadtstaaten, groß geworden durch die Verknüpfung von Meer, Stadt und Land, hatten ihre Blütezeit im Mittelalter. © ug/fotolia.com
Da beide Reiche weiter expandierten, folgten 348 und 306 vor Christus weitere Verträge. Sie legten fest, dass sowohl Rom als auch Karthago den erweiterten Einflussbereich der jeweils anderen Macht respektieren sollten. So wurde Karthago unter anderem die Souveränität über Libyen und Sardinien zugesichert.
Vor allem Rom expandierte in den folgenden Jahren und herrschte schließlich über die gesamte Apen­ni­nen-Halb­in­sel. Die alte Rivalität blieb aber weiter bestehen und mündete schließlich in die Punischen Kriege, einer Serie von Kriegen. Daraus ging 146 vor Christus das Römische Reich als Sieger hervor. Die Stadt Karthago wurde vollständig zerstört. Von da an blieb Rom im Mittelmeer für lange Zeit die herrschende Großmacht.
Ab dem 5. Jahrhundert nach Christus zerfiel das Römische Reich. In der Folge gewannen vor allem islamische Volksgruppen am Mittelmeer und im Nahen Osten an Bedeutung. Zu wichtigen Handelsposten wurden zu jener Zeit die syrische Stadt Damaskus, die Vorläufersiedlungen der Stadt Kairo, Isfahan im heutigen Iran und Bagdad, die spätere Hauptstadt Iraks – Binnenstädte, über die ein Großteil des Handels zwischen den Küsten des Mittelmeers und China und Indien abgewickelt wurde. Über mehrere Jahrhunderte kontrollierten Muslime die Handelsrouten entlang der nordafrikanischen Küste, des Mittelmeers und des Roten Meeres, das den Zugang zum Indischen Ozean eröffnete. Nach Ansicht von Historikern ist es deren großes Verdienst, die Handelsrouten Zentral- und Westasiens und des Mittelmeerraums zu einem großen System verbunden zu haben.
Im frühen 9. Jahrhundert wurde das westliche Mittelmeer vor allem von muslimischen Piraten dominiert, die die Küsten plünderten und Sardinien und Sizilien in ihre Gewalt brachten. Diese wurden von den Christen verallgemeinernd als Sarazenen bezeichnet, obwohl sie verschiedenen islamischen Volksgruppen ­entstammten. Die Stadt Amalfi an der heutigen italienischen Riviera wiederum war wegen ihrer besonderen Lage vor den Angriffen sicher. Am Golf von Salerno auf der Sorrentinischen Halbinsel an einer Steilküste gelegen, war sie bestens geschützt. Den Kaufleuten dort gelang es, mit den Sarazenen ins Geschäft zu kommen – und so einen Zugang zu den wichtigen islamischen Märkten in Nord­afrika zu erhalten. Die Sarazenen verfügten zu der Zeit über wichtige Handelskontakte nach Nordafrika. Amalfi konnte sich daher zu einem bedeutenden Handelsplatz entwickeln und eine größere Flotte aufbauen. Die Stadt wurde so mächtig, dass sie schließlich die Sarazenen im Hafen Ostia bei Rom schlagen und deren Einfluss auf den Handel in dieser Region erheblich schwächen konnte. Amalfi wird mit Genua, Pisa und Venedig zu den sogenannten italienischen Seerepubliken gezählt – Stadtstaaten, die durch kluges Handeln und Taktieren zu großen Wirtschaftsmächten aufsteigen konnten und deren Handelsbeziehungen bis nach Byzanz reichten, jenem Reich im östlichen Mittelmeer mit der Hauptstadt Konstantinopel, dem heutigen Istanbul.
Eindrucksvoll ist die Geschichte der Seerepublik Venedig, die sich etwa ab dem 7. Jahrhundert zur wichtigen Wirtschaftsmetropole entwickelte. Im Hinblick auf den Warenaustausch hatte die Stadt große Vorteile. Sie verfügte über ein gut ausgebautes Textilgewerbe, besaß einen Flusshafen mit großer Wassertiefe und kontrollierte über ein funktionierendes Netz von Flüssen auch das Hinterland. Venedigs Entwicklung verlief auch deshalb so dynamisch, weil die Stadt nach außen aggressiv agierte. Venedig unterwarf benachbarte Konkurrenten und kontrollierte Dalmatien, jene Region, die heute zu Kroatien und Montenegro gehört. Diplomatisches Geschick, militärische Brutalität und Boykott von Handels­kon­kurrenten: Das war die Mischung, mit der Venedig seinen Einflussbereich schließlich bis auf die Krim und nach Zypern ausdehnen konnte. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts verlor die Seerepublik an Bedeutung, weil der Handel im Mittelmeer keine große Rolle mehr spielte. Wirtschaftlich wichtiger war fortan der Überseehandel nach Amerika und Asien, der von anderen Mächten wie England oder den Niederlanden dominiert wurde.

Die Hanse – ein starkes Bündnis für 500 Jahre

Im Ost- und Nordseeraum bildete sich seit der Mitte des 12. Jahrhunderts mit der Hanse ein großes Handelsbündnis heraus, das sich von Brügge im heutigen Belgien bis nach Reval in Estland erstreckte. Handelte es sich zunächst um eine Vereinigung von Kaufleuten, deren wichtigstes Ziel die sichere Fahrt durch die Küstengewässer der Nord- und Ostsee war und die sich zum Schutz vor Piraten zusammenschlossen, gehörten ihr schließlich fast 300 Städte in Nordeuropa an. Diese lagen nicht alle an der Küste, sondern teils weit im Binnenland – wie beispielsweise Köln. Der Erfolg der Hanse beruht insbesondere darauf, dass man Waren transportierte, die nur in bestimmten Regionen hergestellt wurden und an anderen Orten wiederum sehr gefragt waren. Tuche, Pelze, Wachs, Salz, Trocken- oder Salzfische, Getreide, Holz und Bier machten den größten Teil des Warenvolumens aus. Wobei Textilien lange Zeit das bedeutendste Gut waren. Erst Mitte des 17. Jahrhunderts löste sich die Hanse auf.
2.4 > Ende des 15. Jahrhunderts war der Einfluss der beiden See­mächte Portugal und Spanien so groß, dass Papst Alexander VI. die Welt unter diesen aufteilte. Die Gebiete westlich der blauen Linie im Atlantik wurde Spanien zuge­schlagen, die Gebiete östlich Portugal. Im Vertrag von Tordesillas wurde die Demarka­tions­linie korrigiert.
Abb. 2.4: Ende des 15. Jahrhunderts war der Einfluss der beiden Seemächte Portugal und Spanien so groß, dass Papst Alexander VI. die Welt unter diesen aufteilte.  Die Gebiete westlich der blauen Linie im Atlantik wurde Spanien zugeschlagen, die Gebiete östlich Portugal. Im Vertrag von Tordesillas wurde die Demarkationslinie korrigiert. © maribus

Reichtum und Missgunst entlang der Küsten

Wie stark die Handelsschifffahrt von Machtinteressen geprägt war, verdeutlicht der Überseehandel, der sich nach der Entdeckung der Neuen Welt 1492 durch Chris­toph Kolumbus zu Beginn des 16. Jahrhunderts zwischen den Häfen des neu entdeckten Kontinents und Europa entwickelte. Die mächtigsten Seemächte waren damals Portugal und Spanien. Spanien hatte die Neue Welt in Besitz genommen, Portugal wollte insbesondere die neu erschlossenen Handelswege nach Indien entlang der afrikanischen Küste absichern. Zudem hatten die Portugiesen bereits Anfang des
15. Jahrhunderts Madeira und die Azoren er­obert. Papst Alexander VI. verfügte daher 1493, dass die Welt außerhalb Europas zwischen Spanien und Portugal aufgeteilt werden solle. Spanien erhielt als Besitz die bis dahin bekannte westliche Welt und alle westlichen Ländereien, die noch entdeckt werden sollten. Portugal wurde die östliche Welt zugesprochen. Die Grenze zwischen West und Ost sollte in der Mitte des Atlantiks auf Höhe des 38. Längengrads verlaufen. Die Portugiesen aber protestierten und verlangten, die Grenze noch etwa 1000 Kilometer weiter nach Westen zu verschieben – bis etwa zum 46. Grad westlicher Länge. Ihr Protest hatte schließlich Erfolg, und 1494 wurde die Grenze im Vertrag von Tordesillas dementsprechend festgelegt. Heute wird vermutet, dass den Portugiesen damals bereits der Küsten­verlauf Südamerikas bekannt war, denn durch die Westverschiebung der Linie fiel ein großer Teil des heutigen Brasiliens den Portugiesen zu. Schon wenige Jahre nach dem Vertrag begann die Ausbeutung Südamerikas. Die eroberten Gebiete wurden zu Kolonien. Große Mengen an Gold und Silber wurden aus der Neuen Welt nach Europa gebracht. Wichtige Häfen für diesen frühen interkontinentalen Fracht­verkehr zwischen Europa und Amerika waren Sevilla und Lissabon. Die spanische Flotte war die größte und mächtigste ihrer Zeit.

Zusatzinfo Taktik kleiner Nadelstiche – die Kaperei

Doch in den folgenden Jahrzehnten begann sich eine weitere Seemacht zu etablieren: England. In den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts gewann das englische Bürgertum, das weniger den Papst, sondern den eigenen König als Oberhaupt seiner Kirche betrachtete, an Einfluss. Zwischen Spanien und dem aufstrebenden Neuling kam es immer wieder zu Konflikten, die sich im Laufe der Zeit aufschaukelten. Mitte des 16. Jahrhunderts entdeckten die Engländer die Gewässer vor Neufundland als reiche Fischgründe, weil dort große Bestände an Kabeljau zu finden waren. Die Spanier aber betrachteten die Fischerei als Wilderei in den ihnen vom Papst zuge­sproch­enen Gewässern der westlichen Hemisphäre. Die Spannungen stiegen, als die Spanier englische Schiffe im Golf von Mexiko angriffen, die für Werftarbeiten in einem Hafen lagen. Zu offenen kriegerischen Auseinandersetzungen kam es damals zwar nicht, doch schickte Königin Elisabeth I. englische Kapitäne auf Kaperfahrt. Lange Zeit blieb der Konflikt daher eher ein Handelskrieg.
Erst 1588 kam es zur großen Seeschlacht zwischen den Mächten. Der spanische König Philipp II. schickte die große spanische Flotte, die Armada, gegen England, um ­Elisabeth I. zu stürzen. Die Invasion Englands misslang jedoch. Die Engländer konnten die Armada im Ärmelkanal zurückschlagen. Anders als vielfach überliefert, wurde die spanische Flotte damit aber nicht gänzlich vernichtet. Spanien blieb weiter eine starke Seemacht. Erst ein Überraschungsangriff der Niederlande im Jahr 1607 in der Bucht von Gibraltar war so durchschlagend, dass Spanien einen maßgeblichen Teil seiner Flotte und seine Rolle als stärkste Seemacht verlor.

Historische Verkehrsdrehkreuze

Der Handel zwischen den weit entfernten Küsten machte es erforderlich, auf bestim­mten Strecken Häfen einzurichten, in denen sich die Mannschaften mit Nahrung und Frischwasser versorgen konnten. Viele dieser Häfen entwickelten sich zu Verkehrs­dreh­kreuzen. Ein Beispiel ist Mauritius. Bereits seit dem 10. Jahrhundert war die Insel auf Karten arabischer Seefahrer verzeichnet. Von Portugiesen wurde sie Anfang des 16. Jahrhunderts entdeckt, und zwar als Zwischenstopp für ihre Schiffe auf dem Weg nach Asien und zurück nach Portugal. Die Portugiesen nutzten Mauritius aber nur als Stützpunkt und machten die Insel nicht zur Kolonie. Mitte des 17. Jahr­hun­derts schließlich siedelten sich hier die Niederländer als Kolonialherren an, nun wurde Zuckerrohr eingeführt und die Produktion von Rum aufgenommen.
2.6 > Im Jahr 1607 kämpfte Spanien vor Gibraltar gegen die Niederlande. Dabei verloren die Spanier einen maßgeblichen Teil ihrer Flotte und in der Folge ihre Vormachtstellung zur See.
Abb. 2.6: Im Jahr 1607 kämpfte Spanien vor Gibraltar gegen die Niederlande. Dabei verloren die Spanier  einen maßgeblichen Teil ihrer Flotte und in der Folge ihre Vormachtstellung zur See. © https: © //en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_ Gibraltar_(1607)#/media/File: ©Battle_of_Gibraltar_1607.jpg (Stand: © 02.2017)
1715 dann besetzten Franzosen die Insel. Sie verkauften nicht nur Lebensmittel, Wasser und vor allem Zucker sowie Rum an die Handelsschiffe, die auf ihren langen Reisen Mauritius ansteuerten, sondern nutzten darüber hinaus die strategisch gute Lage, um Schiffe der Engländer zu überfallen, die auf dem Weg zwischen Europa und Asien die Gewässer um Mauritius passierten. Dieser Piraterie machten die Briten 1810 ein Ende, indem sie ihrerseits die Franzosen angriffen und die Insel übernahmen. Genutzt wurde Mauritius fortan vor allem von europäischen Kaufleuten, die einen regen Seehandel zwischen Europa, Südamerika, Indien und Südost­asien unterhielten. Umgeschlagen wurden auf Mauritius Texti­lien und Gewürze aus Indien sowie Porzellan aus China, aber auch Elfenbein aus Afrika. Erst mit den modernen, motorisierten Schiffen, die große Strecken nonstop zurücklegen konnten, und schließlich mit dem Bau des Sueskanals sank die Bedeutung der Insel. Andere Häfen hingegen konnten ihren Status als wichtiges Drehkreuz über die Jahrhunderte halten. Der niederländische Hafen Rotterdam etwa war bereits zu Beginn des 17. Jahr­hun­derts ein wichtiger Sitz der Niederländischen Ostindien-Kompanie, die im Gewürz­handel aktiv war. Es wurden und werden noch immer Waren aus aller Welt nach Rotterdam gebracht und dann weiter ins europäische Binnenland transportiert: seinerzeit mit dem Schiff über den Rhein, heute auch per Güterzug und Lastwagen. Gemessen am Warenumschlag steht Rotterdam in der Rangliste der größten Häfen der Welt heute auf Platz 6. Vor allem Container, Erdgas und Erdöl werden hier angelandet.

Küsten entwickeln sich zum Urlaubsziel

Die Küsten weltweit sind nicht nur Handelsplatz, militärische Grenzzone oder Lieferant von Nahrung. Schon früh erkannten die Menschen auch die Bedeutung der Küsten als Ort der Erholung, Gesundheit und als Kraftquelle für die Seele. 414 vor Christus schrieb der griechische Philosoph Euripides: „Das Meer wäscht und säubert von jeg­lichem Schmutze.“ Er bezog sich dabei vor allem auf das Küstengebiet, in dem sich die Elemente Erde, Wasser und Wind berühren. Die Römer übernahmen die Vorstel­lung von der Heilkraft des Meeres. Spaziergänge und Festessen am Strand gehörten zum kultivierten Müßiggang des Adels. Für das süße Nichtstun verwendeten die Römer den Begriff „otium“. Sie badeten jedoch nicht im Meer. Vielmehr errichteten sie zahlreiche Thermalbäder an warmen vulkanischen Quellen – etwa auf der italienischen Insel Ischia, wo sie noch heute in Betrieb sind.
2.7 > Die Promenade des englischen Seebads Brighton war bereits im Jahr 1907 gut besucht. Bis heute hat die Stadt nichts von ihrer Attraktivität für Touristen eingebüßt.
Abb. 2.7: Die Promenade des englischen Seebads Brighton war bereits im Jahr 1907 gut besucht. Bis heute hat die Stadt nichts von ihrer Attraktivität für Touristen eingebüßt.<br /> © Interfoto/Mary Evans
Abb. 2.8: Der Hamburger Reeder Albert Ballin gilt als Erfinder der Kreuzfahrt. Um seine Passagierschiffe im Winter besser auszulasten, bot er ab 1891 Schiffsreisen zu Städten rund um das Mittelmeer an. © ull- stein bild – The Estate of Emil Bieber/Klaus Niermann

2.8 > Der Hamburger Reeder Albert Ballin gilt als Erfinder der Kreuzfahrt. Um seine Passagier­schiffe im Winter besser auszulasten, bot er ab 1891 Schiffsreisen zu Städten rund um das Mittelmeer an.
Im Mittelalter entfremdeten sich die Menschen wieder vom Meer. Obgleich sich der Handel zwischen den teilweise weit entfernt voneinander liegenden Küsten aus­brei­tete, galten die Meere allgemein als bedrohlich und von Monstern bevölkert. Die Strände des Mittelmeers galten als abschreckender, von Piraten verseuchter Raum. Erst ab dem 17. Jahrhundert begann die Rückbesinnung auf das Meer als Sehn­suchts­ort. Dazu trug unter anderem der englische Gelehrte Robert Burton bei, der 1621 das Buch „The Anatomy of Melancholy“ (Die Anatomie der Melancholie) veröffentlichte – eine Sammlung historischer und philosophischer Betrachtungen aus 2000 Jahren zum Thema Melancholie. Darin lobte er die Sommerfrische an der See und riet Melancholikern, das bewegte Meer zu betrachten.
Die Gentry, der englische Landadel, begann zudem die Bedeutung der körperlichen Ertüchtigung an der frischen Luft zu schätzen. 1626 wurden in der Stadt Scar­borough an der englischen Ostküste säurehaltige Mineralquellen entdeckt. Die Bevölkerung sprach dem Wasser heilende Wirkung zu, was die Quellen schnell überregional bekannt machte. Bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt zu einem etablierten Seeheilbad, zunächst in der Regel allerdings nur für Adlige, die sich den Aufenthalt leisten konnten.
Einen Boom löste der englische Arzt Richard Russell mit seinen Studien über die heilende Wirkung von Meerwasser aus. 1747 ließ er sich im südenglischen Seebad Brighton nieder. Er schrieb, dass Menschen mit Erkrankungen des Drüsensystems dank heilender Bäder im kühlen Wasser schneller genesen würden und sich auch Frauen, die an Kraftlosigkeit litten, schnell erholten. Vor allem aus London reisten nun etliche Menschen zur Erholung nach Brighton, das sich zu einem der beliebtesten Seebäder im Land entwickelte – nicht mehr nur für Adlige, sondern auch für wohlhabende Bürgerliche. 1793 wurde schließlich mit Heiligendamm an der deutschen Ostseeküste das erste deutsche Seebad gegründet. In den folgenden Jahrzehnten entwickelten sich viele weitere Küstenorte in Europa zu Seebädern.
Eine gänzlich andere Art von Küstentourismus forcierte der Hamburger Reeder Albert Ballin in den 1890er-Jahren: die Kreuzfahrt, bei der Passagiere gleich mehrere Reiseziele an den Küsten besuchten. Ballin betrieb seit längerer Zeit Passagierschiffe auf der Route zwischen Nord­amerika und Europa. Auch viele Auswanderer reis­ten mit Ballins Schiffen. Da die Schiffe in der Winterzeit aber nicht stark genug genutzt wurden, kam Ballin auf die Idee, Vergnügungsreisen in wärmere Regionen anzubieten, um die Schiffe besser auszulasten. So stach am 22. Januar 1891 in Cuxhaven das Passagierschiff „Augusta Victoria“ zur weltweit ersten Kreuzfahrt in See. 57 Tage, 22 Stunden und 3 Minuten war das Schiff unterwegs und lief Gegenden an, die damals für die meisten Menschen ­ in Nordeuropa noch sehr exotisch klangen: Ägypten, die Insel Malta oder die Hafenstadt Lissabon.

Was Küsten zu leisten vermögen

Der Lebensraum Küste erfüllt aus Sicht des Menschen allerdings noch viele weitere Funktionen, er erbringt sogenannte Ökosystemleistungen, die sich wie folgt einteilen lassen:
  • unterstützende Ökosystemleistungen, die als unabdingbare Basis für die übrigen Dienstleistungen angesehen werden können und beispielsweise die Primär­produk­tion oder Nährstoffkreisläufe umfassen;
  • regulierende Ökosystemleistungen, die Vorteile und Nutzen beinhalten, die der Mensch aus der regulierenden Wirkung der Küstengewässer und ihrer Öko­sys­teme bezieht;
  • bereitstellende Ökosystemleistungen, zu denen einerseits Produkte und Güter für die Versorgung des Menschen gehören, andererseits Räume, die das Meer zur Verfügung stellt;
  • kulturelle Ökosystemleistungen, die vielfältige Leistungen und Nutzen beinhalten, die dem immateriellen Wohlbefinden des Menschen dienen.
Das Konzept der Ökosystemleistungen bietet sich an, um die Vielzahl von Leistungen, die beispielsweise in Küstenregionen erbracht werden und aus denen der Mensch materiellen wie immateriellen Nutzen zieht, systematisch zu ordnen und zu ana­ly­sieren. Allerdings bleiben gesellschaftliche Fragen wie etwa die Vertei­lungs­gerech­tigkeit oder eine Betrachtung, welche Bevölkerungsgruppen von diesen Leistungen profitieren, bei derartigen Analysen in vielen Fällen offen. Insofern wird etwa eine einseitige, rein ökonomische Beurteilung von Ökosystemleistungen ohne Einbeziehung von soziokulturellen oder ethischen Zusammenhängen kritisch gesehen.
Bei der Betrachtung von Lebensräumen nur hinsichtlich ihrer Leistungen wird häufig nicht berücksichtigt, dass jeder Lebensraum, auch ohne dass er genutzt wird, einen Wert haben kann. Umweltethiker sprechen vom sogenannten Nicht-Nutzungswert. Zu diesem zählt zum einen der Existenzwert, den Menschen Lebewesen wie Korallen oder Lebensräumen wie Mangrovenwäldern beimessen, ohne davon ausgehen zu können, die Lebensräume selbst einmal zu nutzen oder zu erleben. Der Existenzwert ergibt sich aus der bloßen Freude darüber, dass die Lebewesen oder Lebensräume überhaupt exis­tieren. Zum Nicht-Nutzungswert zählt zum anderen der Vermächt­nis­wert, der darauf beruht, dass Menschen den Wunsch verspüren, Naturgüter so unversehrt wie möglich an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Die Bemessung der Nicht-Nutzungswerte, die zu den kulturellen Ökosystemleistungen zählen, ist nicht einfach. Für die Bewertung muss beispielsweise auch das Wissen der einheimischen Bevölkerung oder anderer Interessengruppen eingeholt werden – etwa das Wissen darüber, ob ein Lebensraum für die Bevölkerung eine besondere religiöse oder spirituelle Bedeutung hat. Erst wenn man dieses Wissen berücksichtigt, lässt sich der Wert des Lebensraums ermessen.
Unterstützende Ökosystemleistungen –
die Grundlage der Nahrungsnetze

Abb. 2.9: Produktive Preziosen: Kieselalgen gehören zu den wichtigsten Primärproduzenten. Erst bei starker Vergrößerung wird die Schönheit ihrer Schalen sichtbar. Mikroskopische Präparate wie dieses waren vor etwa 100 Jahren vor allem unter Diplomaten ein beliebtes Mitbringsel.  © Watson & Sons, London

2.9 > Produktive Preziosen: Kieselalgen gehören zu den wichtigsten Primärproduzenten. Erst bei starker Vergrößerung wird die Schönheit ihrer Schalen sichtbar. Mikroskopische Präparate wie dieses waren vor etwa 100 Jahren vor allem unter Diplomaten ein beliebtes Mitbringsel.

Klein, aber produktiv

Die Basis allen Lebens im Meer und zugleich die bedeutendste Ökosystemleistung ist die Primärproduktion: der Aufbau von Biomasse durch Pflanzen und Mikroorganismen. Diese gewinnen ihre Energie meist durch Photosynthese oder durch bestimmte chemische Verbindungen und stellen energiereiche Substanzen wie zum Beispiel Glukose (Zucker) her. Zu den wichtigsten Primärproduzenten im Ozean zählen die mikroskopisch kleinen Vertreter des marinen Phytoplanktons wie die Diatomeen (Kieselalgen), die Coccolithophoriden (Kalkflagellaten) oder auch die Cyanobakterien (früher Blaualgen genannt). Da das Phytoplankton auf Sonnenlicht angewiesen ist, kommt es ausschließlich in den oberflächennahen Wasserschichten der Weltmeere vor. Wie die Pflanzen an Land benötigt es zusätzlich zum Sonnenlicht Nährstoffe wie Phosphor- und Stickstoffverbindungen. Diese gelangen vor allem durch die Flüsse ins Meer. Da in den Küstengewässern sowohl ausreichend Sonnenlicht als auch Nährstoffe vorhanden sind, zählen diese zu den besonders produktiven Regionen der Meere. Diese Produktivität führt auch zu besonderem Fischreichtum. Denn vom Phytoplankton ernähren sich Kleinstkrebse und Fisch- und Muschellarven, die wiederum Nahrung für Fische sind.
Jedoch nicht immer stammen die Nährstoffe aus den Flüssen. Zum Beispiel in sogenannten Auftriebsgebieten steigt nährstoffreiches, kaltes Wasser aus der Tiefe des Ozeans auf. Das ist unter anderem an den Küsten von ­Chile, Kalifornien, Mauretanien und Namibia der Fall. Die Primärproduktion ist hier entsprechend hoch. Wie schon die produktiven Küstengewässer sind auch die Auftriebsgebiete besonders fischreich.

Seegraswiesen
Seegraswiesen sind spezielle Lebensräume, die auf Sand­böden in flachem Wasser und im Wattenmeer vorkommen. Anders als Algen, die sich meist mit Haftorganen auf Steinen festsetzen, schlägt das Seegras Wurzeln, mit denen es in sandigen Meeresgebieten eine feste Struktur bildet. Zahlreiche Organismen finden hier Halt, etwa kleinere Algen oder Schnecken, was Seegraswiesen oftmals zu besonders artenreichen Lebensräumen macht. Darüber hinaus ist Seegras für viele Meerestiere und Wasservögel eine wichtige Nahrungsquelle.

Wie stark die Primärproduktion in den Küstengewässern ist, hängt aber nicht nur von der Menge an Nährstoffen ab, die Strömungen und Flüsse herantragen, sondern auch von der Intensität, mit der die Wassermassen durchmischt werden. Durch diese Durchmischung kann die Nährstoffkonzentration in verschiedenen Küstenabschnitten oder Wassertiefen stark variieren. Im Golf von Bengalen, wo Ganges und Brahmaputra ein großes Flussdelta bilden und viele Nährstoffe aus dem Himalaja-Hochland herantransportieren, verändert sich die Primärproduktion beispielsweise in Abhängigkeit vom Monsun. Weil dort im Sommer, wenn die feuchten Monsunwinde wehen, sehr viel Niederschlag fällt, wird das Wasser entlang der Küste stark verdünnt. Damit sinkt auch die Konzentration an Nährstoffen.
Zu den besonders produktiven Küstenregionen der Welt zählt auch das Süd­chine­sische Meer, weil hier westlich von Hongkong der Perlfluss mündet. Er wird aus mehreren Flüssen gespeist und bildet das größte Flusssystem in Südchina. Sein Einzugsgebiet ist rund 452 000 Quadratkilometer groß, was in etwa der Fläche von Schweden entspricht. Entsprechend gewaltig sind die Nährstoffmengen, die sich ins Südchinesische Meer ergießen.
Regulierende Ökosystemleistungen –
Schutz vor Schadstoffen und Stürmen

Zusatzinfo Die Wandlung eines wichtigen Nährstoffs – der Stickstoffzyklus

Klärwerk Küste

Küstengewässer spielen eine wichtige Funktion bei der Reinigung von Abwässern und Schadstoffen, die über die Flüsse, aus der Kanalisation oder über die Atmosphäre ins Meer eingetragen werden. Sie haben somit eine regulierende Funktion und sind unter anderem für den Abbau von Nährstoffen von Bedeutung – insbesondere von Stickstoffverbindungen. Pflanzen benötigen Nährstoffe, vor allem Stickstoff und Phosphat, für ihr Wachstum. Um die Produktivität von Ackerflächen zu erhöhen und höhere Erträge erwirtschaften zu können, werden diese als Dünger auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht, entweder in Form von Gülle und Fäkalien oder auch als Kunstdünger.
In Regionen, in denen intensiv Landwirtschaft betrieben wird, gelangen sehr viele Nährstoffe in den Boden, die dort meist nicht vollständig von den angebauten Kulturpflanzen aufgenommen werden. Mit dem Regen werden diese überschüssigen Nährstoffe dann in das Grundwasser und die Bäche und Flüsse gespült, über die sie bis ins Meer gelangen. Die Phosphor- und Stickstoffverbindungen regen auch das Wachstum der Algen an. Bei einem Überangebot an Nährstoffen entwickeln sich die Algen aber so stark, dass es zu ausgeprägten Algenblüten kommt. Je mehr Algen vorhanden sind, desto intensiver ist dann in tieferen Wasserschichten der Abbau durch Mikroorganismen, die Sauerstoff zehren. Dieses Phänomen wird als Überdüngung beziehungsweise Eutrophierung bezeichnet. Im Extremfall entstehen sauerstofffreie Zonen, in denen Fische, Krebse oder Muscheln nicht mehr überleben können.
Mit der Intensivierung der Landwirtschaft hat die Zahl der sauerstoffarmen beziehungsweise -freien Zonen in den Küstengewässern seit den 1960er-Jahren vor allem auf der Nordhalbkugel massiv zugenommen. Weltweit gibt es etwa
400 Küstengebiete, in denen regelmäßig ein Sauerstoffmangel auftritt, insgesamt auf einer Fläche von 245 000 Quadratkilometern, was in etwa der Fläche Rumäniens entspricht. Besonders betroffen sind die Küstengewässer in Europa, an der US-amerikanischen Ostküste, im Golf von Mexiko und zunehmend auch in China. Da vor allem große Mengen an Stickstoff ins Wasser gelangen, ist gerade dessen Abbau von zentraler Bedeutung. Stickstoff liegt in Dünger, Gülle und Exkrementen meist als Ammonium-Ion (NH4+) vor. Kommt ­Sauerstoff hinzu, wandelt sich das Ammonium in Nitrat. In Gewässern wird das Nitrat dann von Mikroorganismen (denitrifizierenden Bakterien) über die sogenannte Denitrifikation zu reinem Stickstoff (N2) abgebaut, der von den Algen nicht mehr als Pflanzennährstoff genutzt werden kann. Die Küstengewässer fungieren dank der Denitrifi­kation bis zu einem gewissen Grade als Kläranlage des Meeres.
2.11 > Das Mündungsgebiet des Flusses Salak auf der Insel Borneo wird von Mangroven dominiert. Sie schützen die Küste vor Orkanen und Sturmfluten.
Abb. 2.11: Das Mündungsgebiet des Flusses Salak auf der Insel Borneo wird  von Mangroven dominiert. Sie schützen die Küste vor Orkanen und Sturmfluten. © Timothy Laman/Getty Images
Gelangen aber zu viele Nährstoffe ins Meer, können diese nicht mehr vollständig abgebaut werden, sodass es zur Überdüngung kommt.
In den Küstengewässern tragen auch die verschiedenen Pflanzengemeinschaften erheblich zum Abbau der Nährstoffe bei. Dazu gehören insbesondere die Mangroven und die Seegraswiesen, die wie die Pflanzen an Land über ihre Wurzeln große Mengen an Nährstoffen aufnehmen. Verstärkt wird der Nährstoffabbau ferner durch die zahlreichen im Meeresboden lebenden Organismen wie zum Beispiel Muscheln und Würmer. Abermillionen von ihnen leben in Böden vergraben, und ihre mehrere Zentimeter tiefen Gänge lassen die Sedimente vielerorts durchlöchert wie Schwämme erscheinen. Im Vergleich zu dem ansonsten festen und dichten Sediment, wo das Wasser nur durch die Poren zwischen den Sedimentkörnern eindringt, vergrößert sich durch die vielen Gänge die Fläche, an der die Mikroorganismen Denitrifikation betreiben können. Die Klärwerksfunktion der Küstengewässer wird dadurch deutlich gesteigert.
Eine regulierende Funktion haben die Küstengewässer auch beim Abbau und bei der Neutralisierung von Schadstoffen wie zum Beispiel langlebigen chemischen Verbindungen und Schwermetallen, die über die Flüsse und die Atmosphäre ins Küstenmeer eingetragen werden. Zum einen werden Schadstoffe verdünnt, zum anderen werden sie durch die Aktivität der Bodenbewohner ins Sediment eingelagert, etwa indem sie mit der Nahrung aus dem Wasser gefiltert und mit dem Kot ins Sediment abgegeben werden. Die Schadstoffe werden somit zwar nicht aus der Umwelt entfernt, doch die Einbindung ins Sediment verhindert, dass andere Meeresorganismen die Schadstoffe aufnehmen. So wird letztlich auch verhindert, dass die Schadstoffe über die Nahrungskette vom Menschen aufgenommen werden.

Die Gewalt des Meeres dämpfen

Küstenlebensräume wie Dünen, Korallenriffe und Mangroven übernehmen für den Menschen eine wichtige Schutzfunktion, denn sie sind in der Lage, Wind und Brandung zu dämpfen – in diesem Sinne regulieren sie die physikalischen Kräfte des Meeres. So wird Abidjan, die Stadt in Elfenbeinküste, genauso durch vorgelagerte Dünen geschützt wie die niederländische Stadt Amsterdam, die nigerianische Stadt Lagos oder die südafrikanische Stadt Durban.
Besonders deutlich wurde in den vergangenen Jahren auch die Bedeutung der Mangrovenwälder für den Küstenschutz. Tropische Stürme können Brandungswellen mit einer Höhe von bis zu 7 Metern erzeugen. Wie eine Studie englischer Forscher belegt, bieten Mangroven einen erstklassigen Schutz gegen solche Sturmfluten und Orkane. Anhand von Modellrechnungen konnten sie zeigen, dass bereits ein Mangrovenstreifen von 1 Kilometer Tiefe die Windenergie um 75 Prozent und die Wellen­höhe um bis zu einem halben Meter verringern kann. Bedenkt man, dass natürliche Mangrovenwälder viele Quadrat­kilometer groß sein können, so bedeutet dies eine erhebliche Schutzwirkung – wie etwa an der Südküste Floridas, wo sie eine Ausdehnung von rund 2000 Quadratkilometern haben. Über viele Jahre wurden Mangrovenwälder an zahlreichen tropischen Küsten allerdings in großem Stil zerstört. In Indonesien beispielsweise wurden sie entfernt, um Platz für Aquakulturanlagen zu schaffen. In Kolumbien wiederum, wo knapp 20 Prozent aller Mangrovenbestände zerstört sind, fielen sie der Holzgewinnung zum Opfer. Studien zeigen, dass die Schäden, die der Tsunami 2004 im Indischen Ozean vor allem an der Küste Indonesiens angerichtet hat, viel geringer ausgefallen wären, wenn man die Mangroven dort nicht über Jahre abgeholzt hätte.
Bereitstellende Ökosystemleistungen –
Fisch, Diamanten und noch viel mehr

Aquakultur
Unter dem Begriff „Aquakultur“ werden mehrere Zuchtformen zusammengefasst. Im klas­sischen Sinne bezieht sich die Aquakultur auf Zucht im Süßwasser, beispielsweise von Karpfen. Zur Aquakultur zählt aber auch die sogenannte Marikultur, die Zucht im Meer. Inzwischen gibt es auch Mischformen, bei denen Meeres­tiere an Land in speziellen Salzwasserbecken gezüchtet werden.

Eiweiß für eine wachsende Weltbevölkerung

Seit jeher versorgen sich die Menschen mit Fisch und Meeresfrüchten aus dem Meer.
Über Jahrtausende wurde Meeresfisch nur in Küstennähe verzehrt, weil es keine Möglichkeit gab, den Fisch über weite Strecken ins Binnenland zu transportieren. Mit der Zeit entwickelten sich aber Verfahren, um Fisch haltbar zu machen. Zunächst wurde er mit Salz konserviert, später in Konserven verpackt und dadurch über große Distanzen transportierbar. Allerdings erst mit der Erfindung der Tiefkühltechnik und der damit verbundenen Möglichkeit, Lebensmittel bei­nahe unbegrenzt haltbar zu machen, entwickelte sich Fisch auch fernab der Küsten zu einem Grundnahrungsmittel. Heute wird Fisch weltweit in großen Mengen verzehrt und spielt für die Eiweißversorgung des Menschen eine tragende Rolle. Das gilt in besonderem Maße für westafrikanische Staaten wie den Senegal oder auch die kleinen Inselstaaten im Südpazifik, wo Fisch eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel ist.
Mit dem Wachstum der Weltbevölkerung ist der Konsum von Fisch und Meeresfrüchten seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts enorm gestiegen. Lag der Pro-Kopf-Verbrauch in den 1960er-Jahren noch bei 9,9 Kilogramm, so überstieg er 2014 nach Angaben der Welternährungs­organisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) erstmals die Marke von 20 Kilogramm. Das entspricht einer Verdoppelung des Verbrauchs an Fisch und Meeresfrüchten in nur einem halben Jahrhundert. Nach Angaben der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 von heute etwa 7 Milliarden auf etwa
9,5 Milliarden Menschen anwachsen. Mehr als 2 Milliarden Menschen zusätzlich werden dann mit Nahrung und insbesondere auch Eiweiß versorgt werden müssen. Einen guten Teil wird dazu Fisch beitragen, doch liegt auf der Hand, dass die zusätzliche Eiweißmenge nicht aus wild gefangenem Fisch bereitgestellt werden kann, wenn die Fischbestände künftig nicht mehr überfischt werden sollen.
2.12 > Die produzierte Menge an Fisch und Meeresfrüchten ist heute um ein Vielfaches größer als noch 1950. Spielte die Aquakultur anfangs kaum eine Rolle, so liefert sie inzwischen bereits fast die Hälfte der welt­weiten Produktion.
Abb. 2.12: Die produzierte Menge an Fisch und Meeresfrüchten ist heute um ein Vielfaches größer als noch 1950. Spielte die Aquakultur anfangs kaum eine Rolle, so liefert sie inzwischen bereits fast die Hälfte der weltweiten Produktion. © nach FAO
Wie groß der Anteil der Küstengewässer beim Fang von Wildfisch und Meeresfrüchten ist, lässt sich nur schwer beziffern. Weil die FAO in ihren globalen Statis­tiken nicht zwischen Küsten- und übrigen Gewässern unterscheidet, gibt es nur grobe Schätzungen, die von etwa 90 Prozent ausgehen. In Europa unterscheiden Fischereiexperten beispielsweise zwischen der Küsten­fischerei, der Kleinen Hochseefischerei und der Großen Hochseefischerei, wobei nach Größe und Motorisierung der Fahrzeuge differenziert wird. Zur Küstenfischerei zählt jene Fischerei, die mit Booten, die zwischen 18 und 24 Meter lang sind, und mit Motoren von maximal 300 PS ausgeführt wird. Sie überschneidet sich mit der Kleinen Hochseefischerei, bei der Boote mit einer Länge von 18 bis 32 Metern und maximal 600 PS eingesetzt werden. Bei der Großen Hochseefischerei kommen noch einmal deutlich größere Fahrzeuge bis hin zu industriellen Fangschiffen zum Einsatz, auf denen der Fisch gleich zubereitet und tiefgefroren wird.
Nach einer anderen Definition kann als Küstenfischerei diejenige bezeichnet werden, die im Bereich der Schelfe stattfindet. Damit wird der küstennahe flache Teil des Meeresbodens bezeichnet. Der Schelf fällt sanft bis zu einer durchschnittlichen Tiefe von 130 Metern ab und endet am Kontinentalabhang, der mehr oder weniger steil in die Tiefe übergeht. Nach dieser Definition wäre die Fischerei in vielen flachen Nebenmeeren wie dem Ost­chinesischen Meer oder der Nordsee gänzlich als Küstenfischerei zu betrachten, obwohl das Küstenmeer eines Staates, rein rechtlich betrachtet, mit der 12-Seemeilen-Zone endet.

Fisch für die Ernährung der Welt

Um die Versorgung mit Fisch in der Zukunft sicherzustellen, kann
die Aquakultur – die Zucht von Fisch und anderen Organismen in speziellen Anlagen – eine wichtige Rolle spielen.
Bereits in den vergangenen Jahren ist sie deutlich gewachsen, während sich die Menge der wild gefangenen Fische und Meeresfrüchte kaum verändert hat. Insgesamt wurden im Jahr 2014 weltweit 167,2 Mil­lionen Tonnen Fisch und Meeres­früchte verbraucht. 93,4 Millionen Tonnen stammten aus Wildfang, 73,8 Millionen Tonnen aus Aquakultur, von denen wiederum 26,7 Mil­lionen Tonnen aus dem Meer stammen, ausschließlich aus den Küstengewässern. Die weitaus größere Menge allerdings, 47,1 Millionen Tonnen, stammt mittlerweile aus Gewässern an Land. Mit
60 Prozent hat China den größten Anteil an der weltweiten Aquakulturproduktion.
2.13 > China trägt 60 Prozent zur weltweiten Aquakulturproduktion bei. Entsprechend findet man in vielen chinesischen Küsten­re­gionen Aqua­kultur­anlagen wie diese im Hafen von Tolo nahe bei Hongkong.
Abb. 2.13: China trägt 60 Prozent zur weltweiten Aquakulturproduktion bei. Entsprechend findet man in vielen chinesischen Küstenregionen Aquakulturanlagen wie diese im Hafen von Tolo nahe bei Hongkong. © Yann Arthus-Bertrand/Getty Images
Will sie ein Hoffnungsträger für die Zukunft sein, muss
Aquakultur allerdings nachhaltig betrieben werden.
Denn in den vergangenen Jahrzehnten wurden große­ Fehler gemacht. Für Shrimpsanlagen etwa wurden in den 1990er-Jahren an den Küsten Indonesiens Hunderte Kilometer Mangrovenwälder gerodet. An ihrer Stelle wurden Aquakulturen als Monokulturen angelegt. Vielerorts werden bis heute Shrimps oder auch Fische in Massentier­haltung und auf maximalen Ertrag gezüchtet. Sie sind dadurch krankheitsanfälliger als ihre wild lebenden Art­genossen, weshalb Antibiotika und andere Medikamente vorbeugend eingesetzt werden – mit unabsehbaren Folgen für die Meeresumwelt und auch die Endverbraucher. Problematisch ist auch, dass der Kot der Zuchttiere regional zu einer Überdüngung des Meeres führt, wodurch sich die Wasserqualität deutlich verschlechtert.
Inzwischen hat teilweise ein Umdenken hin zu einer umweltschonenden Aquakultur eingesetzt. Als eine vielversprechende Alternative werden gemischte Aquakulturen angesehen, in denen verschiedene Organismen gemeinsam gehalten werden und in denen die Ausscheidungen einer Art den anderen Organismen als Nahrung dienen. Integrierte Multitrophische Aquakultur (Integrat­ed Multi-Trophic Aquaculture, IMTA) werden solche Anlagen genannt. Darin lassen sich beispielsweise Fische, Algen, Muscheln und Seegurken gemeinsam züchten. Die Fische werden gefüttert, die Seegurken ernähren sich vom überschüssigen Futter und dem Kot der Fische, die Algen wiederum von anorganischen Substanzen, die die Fische ausscheiden. Die Muscheln schließlich filtrieren Partikel aus dem Wasser und halten so die Zuchtanlage sauber. Das Futter wird somit optimal ausgenutzt. Zudem lassen sich mehrere Produkte in einer Anlage ernten.

Die Förderung von Erdgas und Erdöl

Eine aus wirtschaftlicher Sicht bedeutende bereitstellende Dienstleistung sind die
Erdgas- und Erdöllagerstätten im Meer.
Obwohl heute noch beide Rohstoffe vor allem an Land gefördert werden, ist der Anteil aus dem Meer (Offshore-Gas und -Öl) beachtlich. So trägt Offshore-Öl mit etwa 40 Prozent und Offshore-Gas zu etwa 30 Prozent zur jeweiligen globalen Förderung bei, doch ist nicht immer eindeutig abgrenzbar, ob sich die Förderanlagen noch der Küste oder schon dem Meer zuordnen lassen. Sicher ist, dass die Offshore-Förderung zunächst unmittelbar an der Küste begann und dann immer weiter ins Meer hinausgewandert ist. Gründe dafür sind die zunehmende Ausbeutung der küstennahen Lagerstätten, aber auch der technische Fortschritt, mit dem es möglich wurde, Gas und Öl aus immer größeren Tiefen zu fördern.
Die Förderung von Erdöl im Meer begann schon früh. Bereits 1896 wurden im Summerland-Feld bei Santa Barbara in Kalifornien erste Ölfördertürme im Meer errichtet. 1937 wurde zum ersten Mal 2 Kilometer vor der US-amerikanischen Golfküste von einer Plattform aus nach Öl gebohrt. In den 1970er-Jahren ist die relativ flache Nordsee mit einer durchschnittlichen Wassertiefe von 90 Metern als Erdgas- und Erdölrevier erschlossen worden. Die erste Förderplattform wurde 1971 im Ekofisk-Ölfeld auf dem norwegischen Kontinentalschelf installiert. Das Eko­fisk-Feld liegt 270 Kilometer von der norwegischen Küste entfernt – mitten in der Nordsee und damit weit von der Küste entfernt. Genau wie bei der Fischerei ist unklar, inwieweit man dieses Meeresgebiet noch der Küste zuordnen kann. In Ghana beispielsweise, wo der Schelf mit einer Ausdehnung von 60 Kilometern relativ schmal ist und schon in geringer Entfernung von der Küste steil in die Tiefsee abfällt, liegt das große Jubilee-Ölfeld deutlich näher am Land. Da es sich am steilen Rand des Kontinentalschelfs befindet, liegt es bereits in rund 1100 Meter Wassertiefe. Ähnlich ist die Situation in dem erst im Jahr 2008 entdeckten Iara-Ölfeld vor der brasilianischen Küste. Es liegt etwa 230 Kilometer vor Rio de Janeiro am Fuß des Kontinentalabhangs in einer Tiefe von etwa 2200 Metern.
Absolut küstennah, sozusagen in Sichtweite vom Land, wird heute kaum mehr nach Öl gebohrt. Bis auf wenige Ausnahmen liegen die meisten Erdgas- und Erd­ölfelder heute in Wassertiefen von mehreren Hundert Metern. Zu den Ausnahmen gehören kleinere und ältere Erdgas- oder Ölförderanlagen an der niederländischen und der deutschen Nordseeküste, die nur wenige Kilometer vor der Küste stehen.

Stromgestehungskosten
Um festzustellen, welche Kosten eine bestimmte Technologie zur Erzeu­gung von Strom verursacht, werden in der Regel die Strom­ge­stehungs­kosten berechnet. In die Strom­ge­stehungs­kosten fließen alle Investitions- und Betriebs­kosten und die Kosten der Finanzierung der technischen Anlage ein. Diese werden durch die Stromerträge geteilt, die die Anlage im Laufe ihrer Lebenszeit erzielt. Entsprechend werden Strom­gestehungs­kosten üblicherweise in Euro pro Mega­watt­stunde oder Cent pro Kilowattstunde angegeben.

Energie ernten, die im Meer steckt

Die Küstengewässer sind in den vergangenen Jahren verstärkt auch für die Erzeu­gung von Strom aus Windenergie interessant geworden. Die Zahl der Offshore-Windräder hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht, und die weltweit installierte Leistung hat sich allein zwischen 2011 und 2015 verdreifacht. Der Wind über dem Meer weht stetiger und stärker als im Landesinneren, und die Strom­aus­beute auf hoher See ist deutlich höher als auf dem Festland, wo zudem die verfüg­baren Flächen deutlich kleiner sind, weil dort Mindestabstände zu Häusern oder Naturschutzgebieten eingehalten werden müssen. Windräder lassen sich heute mithilfe von Spezialschiffen und Verwendung neuer Techniken weitaus billiger, schneller und in größerer Zahl auf dem Meer installieren als noch vor wenigen Jahren.
Hersteller von Windenergieanlagen fertigen die Rotorblätter inzwischen sogar direkt an der Küste in der Nähe großer Offshore-Windparks, um den teuren und aufwendigen Transport mit Speziallastwagen zu umgehen. Dadurch sind vor allem in Großbri­tannien neue Arbeitsplätze in strukturschwachen Küstengebieten entstanden. Wegen des höheren Aufwands beim Bau der Fundamente oder auch der kostspieligen Einsätze von Spezialschiffen ist die Errichtung von Offshore-Anlagen heute aber noch immer teurer als von Windenergieanlagen an Land. So ­liegen die Kosten für 1 Kilo­watt­stunde Offshore-Strom, die sogenannten Stromgestehungskosten, heute je nach Standort zwischen 12,8 und 14,2 Cent. Bei Anlagen an Land liegen die Strom­gesteh­ungs­kosten hingegen zwischen 5,3 und 9,6 Cent. Weltweit waren Ende 2015 Offshore-Windräder mit einer Nennleistung von gut 12 000 Megawatt in Betrieb, was in etwa der Leistung von 24 Atomreaktoren entspricht. Davon entfielen gut 5000 Megawatt allein auf die Küstenregionen von Großbritannien. In der Rangliste der Nationen, die bereits Offshore-Windanlagen installiert haben, folgen Deutschland, Dänemark und China.
2.14 > Großbritannien ist beim Ausbau der Offshore-Wind­energie führend. In Deutschland gingen im Jahr 2015 mehrere große Wind­parks ans Netz, wodurch das Land jetzt im weltweiten Vergleich vor Dänemark auf Platz 2 liegt.
Abb. 2.14: Großbritannien ist beim Ausbau der Offshore-Windenergie führend. In Deutschland gingen im Jahr 2015 mehrere große Windparks ans Netz, wodurch das Land jetzt im weltweiten Vergleich vor Dänemark auf Platz 2 liegt. © Global Wind Energy Council (GWEC)
Wie auch bei der Förderung von Erdgas und Erdöl werden Offshore-Windräder heute nicht mehr unmittelbar an der Küste, sondern weiter auf See installiert. Wurde der erste Offshore-Windpark der Welt mit seinen elf Windrädern 1991 nur 2 Kilometer vor der dänischen Insel Lolland in 2 bis 4 Meter tiefem Wasser in Betrieb genommen, errichtet man heute Offshore-Windparks durchschnittlich in Wassertiefen von 27,1 Metern und einer Entfernung von durchschnittlich 43,3 Kilometern zur Küste. Vor allem in Deutschland und den Niederlanden achtet man auf einen großen Abstand, weil das Wattenmeer entlang der Küste ein wichtiges Rastgebiet für Zugvögel ist und in größerer Entfernung zum Land höhere Windgeschwindigkeiten herrschen. Deutsche Anlagen sind im Mittel 52,6 Kilometer vom Festland entfernt; in Großbritannien durch­schnittlich 9,4 Kilometer. Der größte Windpark der Welt ist mit einer Fläche von 100 Quadratkilometern und 175 Windrädern der Windpark London Array in der äußeren Themsemündung an der Ostküste Englands.
Die Windenergie ist nicht die einzige erneuerbare Energieform, die man in Küsten­ge­wässern nutzen kann. Hinzu kommen:
  • die Wellenenergie,
  • die Gezeitenenergie,
  • die Strömungsenergie,
  • die durch Salzgehaltsunterschiede gewonnene Energie (Osmose-Kraftwerk),
  • die aus Temperaturunterschieden in verschiedenen Meerestiefen gewonnene Energie.
Im Vergleich zur Windenergie spielen diese Energieformen bis heute aber eine eher untergeordnete Rolle. In den vergangenen Jahren wurden zwar Kraftwerke in Betrieb genommen, mit denen Wellenenergie geerntet wird. Wirtschaftlich sind diese Anlagen aber bisher nicht. In der Regel handelt es sich um Forschungs- und Entwick­lungs­vorhaben.
In den Kinderschuhen steckt auch die Technologie zur Erzeugung von Energie aus alzgehaltsunterschieden. 2009 ging als weltweit erste Anlage ein kleines Kraftwerk in Norwegen in Betrieb, das seinen Strom ins öffentliche Netz einspeist. Vom Entwicklungsstand her gilt es aber als Prototyp. Im Proto­typen­status befindet sich auch die Technologie zur Gewinnung von Energie aus den Temperatur­unterschieden in verschiedenen Meerestiefen. Im Jahr 2015 wurde eine Pilotanlage an der Küste von Hawaii mit einer Leistung von 105 Kilowatt in Betrieb genommen, die 120 Haushalte mit Strom versorgt.
Im Vergleich dazu ist die Gewinnung von Energie durch Gezeiten- und Strö­mungs­kraft­werke technisch ausgereift. Ein Beispiel ist das La-Rance-Gezeiten­kraftwerk in der Nähe der französischen Stadt Saint-Malo, das schon seit 1966 in Betrieb ist. Insgesamt gibt es weltweit aber nur wenige größere Anlagen, weil der Bau sehr aufwendig ist. Denn um Gezeiten und Strömungen nutzen zu können, müssen Dämme und Sperrwerke mit großen Turbinen errichtet werden.
2.15 > Weltweit wurden die meisten Offshore-Windparks bisher in einer Entfernung von bis zu 40 Kilometern vor der Küste und bei Wassertiefen von bis zu 20 Metern errichtet. Inzwischen ist die Offshore-Technik so ausgereift, dass Anlagen auch in deutlich größerer Entfernung geplant und gebaut werden. Im Extremfall liegen die Plan­ungs­gebiete 120 Kilometer von der Küste entfernt.
Abb. 2.15: Weltweit wurden die meisten Offshore-Windparks bisher in einer Entfernung von bis zu 40 Kilometern vor der Küste und bei Wassertiefen von bis zu 20 Metern errichtet. Inzwischen ist die Offshore-Technik so ausgereift, dass Anlagen auch in deutlich größerer Entfernung geplant und gebaut werden. Im Extremfall liegen die Planungsgebiete 120 Kilometer von der Küste entfernt. © European Wind Energy Association (EWEA)

Abb. 2.16: Vor allem an der Westküste Afrikas wie hier in der Westsahara oder auch in Marokko wird Sand in Küstennähe im großen Stil abgebaut. Dieser wird weltweit exportiert und unter anderem als Bausand verwendet. © Veronique de Viguerie/Getty Images

2.16 > Vor allem an der Westküste Afrikas wie hier in der Westsahara oder auch in Marokko wird Sand in Küsten­nähe im großen Stil abgebaut. Dieser wird weltweit exportiert und unter anderem als Bausand verwendet.

Wertvolle Mineralien

Eine weitere Ressource, die die Küsten liefern, sind die mineralischen Rohstoffe, zu denen vor allem Sand und Kies zählen. Sie werden für die Betonherstellung, als Füllsand auf Baustellen oder zum Aufspülen neuer Hafen- und Wirtschaftsflächen an der Küste genutzt. Bekannte Beispiele sind die Aufspülungen für die Erweiterung des Flughafens von Hongkong, für die Insellandschaften The Palm vor Dubai oder für die neuen Containerterminals in Rotterdam, dem größten europäischen Hafen. Sand und Kies werden entweder mithilfe von Saugbaggern vom Meeresboden entnommen oder an Land gewonnen – insbesondere durch den Abbau von Dünen. Wie viel genau, lässt sich nur schwer schätzen, weil die Daten nicht zentral erfasst werden, doch gilt der Sand- und Kiesabbau und der Export beider Ressourcen als lukratives Geschäft.
Der auf einer Insel gelegene Stadtstaat Singapur zum Beispiel verbraucht permanent große Mengen von Sand, um das Stadtgebiet durch Aufspülungen zu erweitern. Durch solche Maßnahmen hat sich die Fläche der ehemaligen britischen Kolonie seit den 1950er-Jahren bereits um gut 20 Prozent vergrößert. Singapur lässt den Sand zum Teil aus großer Entfernung per Schiff anliefern. Auch viele andere Länder importieren Sand. Besonders gefragt ist Sand aus Australien, weil Körner dort sehr hart, wider­stands­fähig und eckig sind. Zum einen eignet sich dieser Sand gut für die Betonherstellung, weil die Körner beim Abbinden des Betons gut aneinanderhaften. Zum anderen wird der Sand gern in der Industrie als Strahlmittel verwendet, mit dem Werkstoffe geschliffen oder geglättet werden. Australien exportiert nach Angaben der Australischen Statistikbehörde (Australian Bureau of Statistics, ABS) monatlich Sand, Kies und Steine im Wert von 5,5 bis 8,5 Millionen Euro. Er wird sowohl an der Küste als auch im Binnenland abgebaut.

Natürlicher Goldwäschereffekt

Eine eher ungewöhnliche mineralische Ressource sind die Mineralseifen. Dabei handelt es sich um flache Lagerstätten von Metall- oder Phosphorverbindungen, die sich an den Küsten in der Nähe von Flussmündungen bilden. Sie entstehen durch eine Art natürlichen Goldwäschereffekt: Flüsse transportieren aus dem Hinterland leichte und schwere Partikel mit sich. Im Bereich der Flussmündung lagern sich diese im seichten Wasser vor der Küste ab. Ist die Meeresbrandung stark genug, werden die leichten ­Partikel weggetragen, während die schwereren tiefer im Boden versinken. So entstehen im Laufe von Jahrtausenden mehrere Meter dicke Pakete, die im Tagebau abge­tragen werden können. Mineralseifen können Metalle wie Eisen, Gold, Platin, Zinn oder auch Seltenerdmetalle enthalten. Abgebaut werden heute meist nur die besonders wertvollen Mineralseifen, die Gold, Platin oder Diamanten enthalten. Letztere findet man an der Küste von Namibia. Hier befindet sich ein nur wenige Kilometer breiter Streifen, in dem das Meer mit bis zu 150 Meter Tiefe relativ flach ist. Seit man Ende der 1950er-Jahre feststellte, dass in diesem Bereich des Meeres große Mengen an Diamanten vorkommen, wird hier intensiv Offshore-Bergbau betrieben. Zunächst wurden die Sedimente nur von Tauchern mit großen Saugrohren abgeerntet. Aktuell wird der Abbau mit Spezialschiffen in einer Wassertiefe von 90 bis 150 Metern im industriellen Stil betrieben. Das Areal wurde in mehrere Konzessionsgebiete eingeteilt, in denen verschiedene Firmenkonsortien tätig sind. Heute werden etwa zwei Drittel aller namibischen Diamanten im Meer gewonnen.
Dass der Meeresboden vor Namibia überhaupt so reich an Diamanten ist, liegt am Oranje. Der Grenzfluss zwischen Namibia und Südafrika transportierte die Edelsteine aus ihrer Herkunfts­region, den südafrikanischen Vulkangebieten, bis ins Meer hinaus. Meeresströmungen verfrachteten das Sediment mit den Diamanten dann im Laufe der Zeit in Richtung Norden vor die namibische Küste, wo sie sich durch den Goldwäschereffekt im Boden konzentrierten.
Derzeit wird diskutiert, ob hier künftig auch Mineralseifen gewonnen werden sollen, die Phosphat­verbindungen enthalten. Diese sollen als Dünger verkauft werden. Weil der Meeresspiegel seit der letzten Eiszeit um rund 130 Meter gestiegen ist, liegen diese Phosphatvorkommen heute tief unter der Wasserlinie.

Rohstoffe aus heißen Quellen

Zu den wertvollen Mineralien, die künftig aus dem Meer gewonnen werden sollen, gehören auch die Massivsulfide. Man findet sie an heißen Quellen am Meeresgrund, die an aktiven Vulkanen im Meer und an Plattengrenzen liegen, an denen sich zwei Kontinentalplatten voneinander entfernen.
Massivsulfide entstehen, wenn kaltes Meerwasser durch Spalten bis zu mehrere Kilometer tief in den Meeresboden eindringt. An Magmakammern in der Tiefe heizt sich das Wasser auf Temperaturen von mehr als 400 Grad Celsius auf und löst neben den Sulfiden, das sind Schwefelverbindungen, metallhaltige Mineralien aus dem Gestein. Durch die Erwärmung steigt das mineralisierte Wasser dann sehr schnell auf und schießt zurück ins Meer. Sobald es sich mit dem kalten Meerwasser vermischt, bilden die Mineralien einen Niederschlag, der sich an der Quelle in Form von massiven Erzvorkommen ablagert.
Für gewöhnlich liegen die vulkanisch aktiven Stellen mitten in den Ozeanen und weit weg vom Land. Eine Ausnahme ist die Bismarcksee vor Neuguinea. Hier befindet sich eine solche Plattengrenze in nur 30 Kilometer Entfernung von der Küste. Die leicht per Schiff erreichbaren Lagerstätten im sogenannten Solwara-1-Feld enthalten Kupfer, Zink, Blei, Gold und Silber sowie zahlreiche wichtige Spurenmetalle wie Indium, Germanium, Tellur oder Selen. Doch trotz der Küstennähe beträgt die Wassertiefe etwa 1600 Meter, weil der Meeresboden an dieser Stelle steil abfällt. Das kanadische Bergbauunternehmen Nautilus Minerals plant schon seit Längerem den Abbau der wertvollen Erzvorkommen und hat bereits schwere Unter­wasser­abbau­geräte bauen lassen. Zudem befindet sich ein Produktionsschiff im Rohbau. Bislang wurde der Beginn der Bergbauaktivitäten aber immer wieder verschoben, weil die Finanzierung des Projekts nicht ausreichend ge­sichert war oder keine Handels­einig­keit zwischen Nautilus Minerals und den Behörden von Papua-Neuguinea erzielt werden konnte. Wann der Abbau von Massivsulfiden beginnen wird, ist daher weiter offen.

Zusatzinfo The Palm – künstliche Inseln verändern eine ganze Küste

Flächen für wachsende Küstenmetropolen

Auch die Bereitstellung von Flächen für bestimmte Nutzungen kann im weiteren Sinne als Ökosystemleis­tung der Küstengewässer verstanden werden. Dazu zählen militärisch genutzte Gebiete oder Flächen für Pipelines, für Wohnanlagen, Hafen- und Industrieanlagen, Hotels oder auch Windparks. Da die Bevölkerung in den Küsten­ge­bieten wächst, wird auch die Flächennutzung an den Küsten zunehmen, wie neue Hochrechnungen eines deutsch-englischen Forscherteams zeigen. Auf Grundlage von verschiedenen Szenarien zum globalen Bevölkerungswachstum haben die Wissen­schaftler abgeschätzt, wie groß die Küstenbevölkerung in den Jahren 2030 beziehungsweise 2060 sein wird. Dabei wurde jener Küstenstreifen betrachtet, der maximal 10 Meter über dem Meeresspiegel liegt, die sogenannte Low Elevation Coastal Zone (LECZ, niedrig gelegene Küstenzone). Diese ist durch den Meeres­spiegel­anstieg besonders gefährdet und deshalb von großem Interesse. Im extremsten Szenario, das die Forscher zugrunde legen, wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2060 auf 11,3 Milliarden Menschen angewachsen sein. Demnach werden bis zu 12 Prozent der Weltbevölkerung in der LECZ leben: rund 1,4 Milliarden Menschen. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 lebten dort etwa 625 Millionen Menschen. Die Mega­städte in Küstennähe werden nach dieser Studie entsprechend wachsen.
Nach dieser Untersuchung wird die Bevölkerung am stärksten an den Küsten von Bangladesch, China, Indien, Indonesien und Nigeria zunehmen. Auch wird erwartet, dass sich zum Beispiel die angolanische Hauptstadt Luanda, die indische Stadt Madras und die chinesische Stadt Tianjin zu Megacitys mit weit mehr als 8 Millionen Einwohnern entwickeln werden.
2.18 > Mit dem Wachstum der Weltbevölkerung werden niedrig liegende Küs­tengebiete vor allem in Afrika und Asien künftig immer dichter besiedelt.
Abb. 2.18: Mit dem Wachstum der Weltbevölkerung werden niedrig liegende Küs­tengebiete vor allem in Afrika und Asien künftig immer dichter besiedelt. © Neumann et al.
Einen erhöhten Flächenverbrauch an den Küsten wird es nicht nur aufgrund des zukünftigen Bevöl­ke­rungswachstums geben. Neuer Flächenbedarf besteht schon heute für den wachsenden Überseehandel – insbesondere für den Ausbau von Containerhäfen wie beispielsweise in Rotterdam. Im Jahr 2008 begann man dort damit, ein Gebiet von rund 2000 Hektar aufzuspülen, auf dem sich heute das Containerterminal Maasvlakte 2 befindet. Es ist von einem 12 Kilometer langen Schutzdeich umgeben und reicht wie eine Nase in die Nordsee und damit ins tiefe Wasser hinaus. Anders als in vielen flacheren Bereichen des Hafens können dort auch die derzeit größten Containerschiffe mit einem Fassungsvermögen von 19 000 Contai­nern und einem Tiefgang von bis zu 20 Metern anlegen.
Auch der massive Ausbau der Offshore-Windkraft in Großbritannien und Deutschland führt dazu, dass sich der Charakter der ursprünglichen Meeresflächen verändert. Normalerweise besteht der Meeresboden der Nordsee an den Baustellen aus sandigen Sedimenten.
Feste Strukturen wie etwa Felsen gibt es kaum. Mit den Hunderten von Windrädern aber werden jetzt solche festen Strukturen, sogenannte Hartsubstrate, zunehmend geschaffen. Hier können sich vermehrt Arten ansiedeln, die festen Untergrund benötigen – beispielsweise Seeanemonen, verschiedene Schnecken­arten oder Kalk­röhrenwürmer. Wie sich die Artzusammensetzung in der Nordsee dadurch ändert, das ist aktueller Gegenstand der Forschung.
Da in den Windparkarealen aus Sicherheitsgründen der Schiffsverkehr und auch der Betrieb von Fischereifahrzeugen verboten sind, tragen diese Gebiete möglicherweise auch dazu bei, dass sich Lebensgemeinschaften am Meeresboden erholen, die durch jahrelange Fischerei beeinträchtigt worden sind.

Zusatzinfo Die Straße von Malakka – eine historische Metropolregion des Seeverkehrs

Die Highways des Welthandels

Eine bereitstellende Ökosystemleistung der Küstengewässer, die ganz selbst­ver­ständlich erscheint, sind die Transportwege, die sie bieten. An Land muss Infrastruktur in Form von Kanälen, Schienen oder Straßen erst für viel Geld errichtet werden. Die Küstengewässer hingegen stellen Wasserstraßen grundsätzlich fast völlig kostenlos bereit. Heutzutage werden etwa 90 Prozent aller Waren weltweit per Schiff transportiert. Nach aktuellen Angaben der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (United Nations Conference on Trade and Development, UNCTAD) sind das pro Jahr insgesamt knapp 10 Milliarden Tonnen an Gütern. Den größten Anteil haben Rohöl, Waren in Containern und sogenannte „Minor Bulk“-Ladungen (kleinere Massengüter) wie Stahl, Zement oder Zucker.
2.22 > Schiffe sind das wichtigste Transportmittel. Sie tragen jährlich knapp 10 Milliarden Tonnen Güter um die Welt.
Abb. 2.22: Schiffe sind das wichtigste Transportmittel. Sie tragen jährlich knapp 10 Milliarden Tonnen Güter um die Welt. © UNCTAD
Abb. 2.23: Die wichtigsten Güter, die per Schiff transportiert werden, sind Rohöl, Waren in Containern und kleinere Massen­güter wie Stahl, Zement oder Zucker. © UNCTAD

2.23 > Die wichtigsten Güter, die per Schiff transportiert werden, sind Rohöl, Waren in Containern und kleinere Massen­güter wie Stahl, Zement oder Zucker.
Am bedeutendsten sind heute die Schiffsverbindungen zwischen Südostasien und Europa sowie zwischen Südostasien und Amerika. Insbesondere die Containerfrachter verkehren heute nach einem regelmäßigen Fahrplan zwischen den Kontinenten. Die Schiffe legen ohne Fahrt­unter­brechung zum Teil sehr lange Strecken zurück und löschen die Ladung meist in großen zentralen Häfen, den Hubs, von wo aus sie weiter verteilt werden. Ein Teil der Container wird über die Hinter­land­anbindung per Last­wagen oder Eisenbahn ins Landesinnere transportiert. Ein anderer Teil der Container wird von kleineren Schiffen, sogenannten Feederschiffen, zu kleineren Häfen gebracht.
Von den Containerterminals im Hamburger Hafen werden etwa 40 Prozent der Container mit dem Lastwagen weiter befördert. 30 Prozent werden auf Feederschiffe umgeladen und 30 Prozent von Eisenbahnwaggons ins Binnenland transportiert. Bemerkenswert ist, dass auch der Transport ins Binnenland in vielen Fällen in der Hand der Terminalbetreiber an der Küste liegt, der Einfluss der Küsten­stand­orte also bis weit ins Hinterland reicht. Die Verbindung von der Hafenstadt Hamburg zum Beispiel reicht bis nach Ost- und Südosteuropa. So unterhält ein großer Hamburger Terminalbetreiber sogar eine Eisenbahngesellschaft, die die Container zu eigenen Terminals zum Beispiel in der Slowakei transportiert, um die Märkte dort und in benachbarten Ländern mit Waren zu versorgen.
Kulturelle Ökosystemleistungen –
Küsten spenden Erholung und stiften Identität

Der Wert der Schönheit der Küsten

Die Küsten der Welt spielen auch in ästhetischer und kultureller Hinsicht eine besondere Rolle. Zudem haben sie für viele Menschen auch einen religiösen und spirituellen Wert. Die Bedeutung dieser Ökosystemleistung zeigt sich zum Beispiel in der Tradition der Bewohner der Inseln in der Torres Strait, der rund 185 Kilometer breiten und relativ flachen Meerenge zwischen Australien und der Insel Neuguinea. Hier liegen etwa 270 Inseln, die von ausgedehnten Korallenriffen umgeben sind, welche zum Teil im Rhythmus der Gezeiten trockenfallen. Das Land geht somit nicht abrupt, sondern über viele Quadratkilometer relativ sanft ins offene Meer über. In der Sprache der dort lebenden Ureinwohner gibt es deshalb keine unterschiedlichen Begriffe für „Land“ und „Meer“. Sie bezeichnen ihre Umwelt in englischer Übersetzung als „sea country“, Meerland, oder auch „saltwater country“, Salzwasserland. Inseln, Korallenriffe und offenes Meer bilden in ihrer traditionellen Vorstellung eine Art Kontinuum ohne scharfe Grenzen. Für sie ist der Lebensraum Küste in seiner Gesamtheit identitätsstiftend.
2.24 > Die von einem Korallenriff eingefasste Wyer Island liegt in der Meerenge zwischen Australien und der Insel Neuguinea, der Torres Strait. Dieses Meeresgebiet wird von den Ureinwohnern als „Salzwasserland“ bezeichnet. Mit diesem Begriff ist sowohl die Landfläche der Inseln als auch das Meer mit seinen Korallenriffen gemeint.
Abb. 2.24: Die von einem Korallenriff eingefasste Wyer Island liegt in der Meerenge zwischen Australien und der Insel Neuguinea, der Torres Strait. Dieses Meeresgebiet wird von den Ureinwohnern als „Salzwasserland“ bezeichnet. Mit diesem Begriff ist sowohl die Landfläche der Inseln als auch das Meer mit seinen Korallenriffen gemeint. © Lincoln Fowler/Photographers Direct.com
Abb. 2.25: Der Ort Positano an der italienischen Amalfiküste steht beispielhaft für die Anziehungskraft, die Küsten auf den Menschen haben können. Sie sind ästhetische Gebiete, die kulturell und spirituell bereichern und Erholung bieten. © Pietro Canali/SIME/Schapo- walow/Mato

2.25 > Der Ort Positano an der italienischen Amalfiküste steht beispielhaft für die Anziehungs­kraft, die Küsten auf den Menschen haben können. Sie sind ästhetische Gebiete, die kulturell und spirituell bereichern und Erholung bieten.
In den vergangenen Jahrhunderten ist das Meer darüber hinaus immer mehr zum Sehnsuchtsort der Menschen geworden und zum Ziel von Küstentouristen. Reiseveranstalter locken mit Bildern von Palmenstränden und blauem Wasser. Zwar gibt es keine vollständigen Daten über den Küstentourismus weltweit, doch ist dessen große ökonomische Bedeutung nach Ansicht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (United Nations Environment ­Programme, UNEP) unbestritten. Demnach basiert der Küstentourismus auf einer einzigartigen Kombination von Faktoren, die sich durch das Aufeinandertreffen von Land und Meer ergeben. Dazu zählen die häufig herrschende intensive Sonnenstrahlung, das Wasser, das Erholung spendet und zahlreiche Möglichkeiten für sportliche Aktivitäten bietet, Panoramablicke oder auch eine große biologische Artenvielfalt an Vögeln, Fischen oder Korallen.
Nach Angaben der Weltorganisation für Tourismus (World Tourism Organization, UNWTO) ist die weltweite Wertschöpfung des Tourismus mit einem Anteil von
7 Prozent an den weltweiten Exporten von Gütern und Dienstleis­tungen immens groß. Allein 2015 wurden mit ihm Einkünfte in Höhe von 1,26 Billionen US-Dollar erzielt. Zählte man 1950 nur 25 Millionen international reisende Touristen, so waren es 2015 weltweit knapp 1,2 Milliarden.
Gemessen an der Zahl einreisender Touristen, liegen in der Weltrangliste der beliebtesten Urlaubsländer jene Nationen vorn, die einen stark entwickelten Küstentourismus haben. So gehören zu den Top-Ten-Reisedestinationen allein vier Mittelmeeranrainer, angeführt von Frankreich mit 84,5 Millionen ausländischen Besuchern, wobei zu berücksichtigen ist, dass zu den französischen Urlaubs­des­ti­nationen auch Ziele im Binnenland wie Paris oder die Schlösser der Loire zählen. Die USA folgen auf Platz 2 mit 77,5 Millionen Besuchern. Spanien liegt auf Platz 3 mit 68,2 und China auf Platz 4 mit 56,9 Millionen Urlaubern aus dem Ausland. Betrachtet man allein die Auslandsreisen innerhalb von Europa, erreicht Spanien sogar Platz 1: So haben gut 20 Prozent aller Auslandsreisen, die Euro­päer innerhalb von Europa unternehmen, Spanien als Ziel.
2.26 > Wie wichtig die Küsten­regionen für den Tourismus sind, zeigt die Liste der zehn belieb­testen Reise­länder. Darunter sind allein vier Nationen mit gut entwickelter Touris­mus­indus­trie am Mittel­meer.
Abb. 2.26: Wie wichtig die Küstenregionen für den Tourismus sind, zeigt die Liste der zehn beliebtesten Reiseländer. Darunter sind allein vier Nationen mit gut entwickelter Tourismusindustrie am Mittelmeer.  © UNWTO
Die starke Entwicklung des Küsten­tour­ismus hat aber auch ihre Schattenseiten. Vielerorts sind Naturgebiete durch den Bau von Hotelanlagen verloren gegangen, Küstengewässer durch Abwässer und Abfälle aus den touristischen Zentren verschmutzt oder Korallenriffe durch starke touristische Nutzung stark beeinträchtigt worden. Ursprüngliche und unberührte Küstenlandschaften sind immer seltener anzutreffen. Ein Umstand, den viele kritisieren. Schließlich ist die Einzigartigkeit, Schönheit und besondere Ästhetik der Küsten eine Ökosystemleistung für sich.

Noch viel mehr des Guten

In ihrer Gesamtheit bieten die Küstengebiete noch eine Vielzahl weiterer Öko­sys­tem­leistungen, wobei nicht immer scharf zwischen Küstengewässern und dem offenen Meer unterschieden werden kann. So nimmt das Meer große Mengen an Kohlendioxid auf, wirkt damit ­klimaregulierend und hat insgesamt eine große Bedeu­tung für das globale Klimasystem. Auch wenn nicht klar zu beziffern ist, welchen Anteil daran allein die Küsten­gewässer haben, zeigt sich, dass sie in besonderem Maße bedroht sind, da sie den negativen Einflüssen des Menschen weitaus stärker ausgesetzt sind als entfernter ­liegende Meeresregionen. Textende