Arktis und Antarktis – Naturräume in Poleposition
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WOR 6 Arktis und Antarktis – extrem, klimarelevant, gefährdet | 2019

Der Mensch erobert die Polargebiete

Der Mensch erobert die Polargebiete © Interfoto/National Maritime Museum, London

Der Mensch erobert die Polargebiete

> Angesichts des extremen Klimas bedurfte es seit jeher guter Gründe, sich in die Polarregionen vorzuwagen. Vor 45 000 Jahren lockte die Aussicht auf Beute die ersten Jäger in die Arktis. Später folgten Abenteurer und Entdecker auf der Suche nach neuen Handelswegen, dann war die Hoffnung auf Ruhm und Ehre der Haupt­treiber. Heute sind – trotz handfester wirtschaftlicher und politischer Interessen – Forscher­drang und Wissensdurst ein wichtiges Motiv und entfalten eine friedens­stiftende Wirkung. Denn selbst in politisch schwierigen Zeiten arbeiten in Polargebieten ­Wissenschaftler aus verschiedenen Nationen Hand in Hand.

Die große Wanderung

Die ältesten Spuren des Menschen in den Polarregionen wurden in der Arktis gefunden – eine Tatsache, die kaum jemanden überraschen dürfte, ist die Arktis doch bis heute aufgrund ihrer Lage und Landverbindung deutlich leichter für Mensch und Tier zu erreichen als die vom Südpolarmeer umgebene Antarktis.
Russische Experten waren dennoch verblüfft, als sie im Sommer 2012 am Steilufer der sibirischen Taimyrhalbinsel zwischen Kara- und Laptewsee den im ­Permafrost konservierten Kadaver eines jungen Mam­mutbullen fanden und feststellten, dass dieses Tier schon vor rund 45 000 Jahren von Menschenhand erlegt worden war, 10 000 Jahre früher, als bis zu diesem Zeitpunkt angenommen. Den Rekonstruktionen zufolge ­hatten die Urzeitjäger das Mammut mit Speerstichen an der Schulter, in der Magengegend, im Bereich des Brustkorbs und am Rüsselansatz so schwer verletzt, dass es gestorben war. Die Technik, mit dem Speer auf den Rüsselansatz zu zielen, benutzen noch heute Elefantenjäger in einigen Teilen Afrikas. Sie erweist sich als besonders wirkungsvoll, weil an dieser Stelle des Kopfes wichtige Arterien und Venen verlaufen. Sind diese verletzt, ­verbluten die Tiere.
Die arktischen Urzeitjäger stellten damals jedoch nicht nur Mammuts nach. Am Fluss Jana rund 1700 Kilometer weiter östlich fanden die Wissenschaftler Überreste mehrerer Bisons und Wollnashörner. Darüber hinaus entdeckten sie die Knochen eines Wolfes. Diese Tiere waren vor etwa 29 000 Jahren von Menschen erlegt worden. Beide Ausgrabungen belegen somit, dass moderne Menschen die sibirische Arktis schon lange vor der letzten Eiszeit weiträumig durchstreift haben müssen.
Diese Erkenntnis rückt auch das Wissen über die Evolution und Ausbreitung des modernen Menschen Homo sapiens in ein neues Licht: Wenn man davon ausgeht, wie es einige Forscher tun, dass er erst vor 65 000 bis 50 000 Jahren seinen Ursprungs­kontinent Afrika verlassen hat, blieben ihm nur wenige Tausend Jahre für den langen Weg Richtung Norden. Eine beachtliche Leistung.
Wie groß die ersten Jagdgemeinschaften in der sibirischen Arktis waren, können die Forscher heute nicht mit Sicherheit sagen. Vermutlich lebten die Jäger damals in kleinen, beweglichen Gruppen, die im Sommer in Gebiete nördlich des Polarkreises vorstießen, sich dann mit Einbruch der kalten Jahreszeit aber wieder Richtung Süden zurückzogen. Klimadaten aus jener Zeit deuten darauf hin, dass die Durchschnittstemperaturen in der Arktis damals weniger harsch waren als heute. Dennoch müssen die Menschen in der Lage gewesen sein, sich warme Kleidung zu nähen, schützende Unterstände zu errichten und in der Gruppe zusammenzuarbeiten. Anderenfalls hätten sie unter den klimatischen Bedingungen kaum überlebt.
Auf ihren Streifzügen orientierten sich die Urzeitjäger vermutlich an den Flussläufen, denen auch die Steppentiere auf ihren Wanderungen Richtung Norden folgten. In den Flusstälern fanden die Tiere ausreichend Weideflächen und Wasser. Lieblingsbeutetiere der ersten Arktisbewohner waren Mammuts, Rentiere und Pferde. Experten gehen davon aus, dass die Fähigkeit der Jäger, den großen Säugern nachzustellen, den Vorstoß der Menschen in die sibirische Arktis überhaupt erst möglich machte.
Nach dem Ende der letzten Eiszeit lernten die Bewohner der sibirischen Arktisregion dann, ausgefeiltere Werkzeuge und Waffen herzustellen. Sie begannen, in den Seen und Flüssen zu fischen, Vögel zu fangen sowie vor der Küste nach Walen und Robben zu jagen. Auf diese Weise mit ausreichend Nahrung versorgt, konnten sie sesshaft werden, Siedlungen anlegen und ihre Familienverbände vergrößern.
1.20 > Die Hauptmigrationsrouten des modernen Menschen, als er von Nordafrika aus die Erde besiedelte. Die Wanderungen hinterließen Spuren im Erbgut des Menschen, anhand derer Forscher heute die Bewegungen rekonstruieren. Demnach wurde Nord­amerika von Sibirien aus in drei Wellen besiedelt – das erste Mal vor 23 000 Jahren.
Abb. 1.20 © nach Nielsen et al.

Die ersten Amerikaner

Wer die heutige Küste Sibiriens mit der Küstenlinie aus der Zeit der ersten Arktisjäger vergleicht, wird deutliche Unterschiede feststellen. Zum Höhepunkt der letzten Eiszeit vor rund 21 000 Jahren lag der globale Meeresspiegel nämlich 123 Meter niedriger als heute. Infolgedessen waren damals sowohl weite Teile der sibirischen Schelfmeere als auch das Gebiet des heutigen Beringmeers trockengefallen. Die arktische Küstenlinie Sibiriens und Nord­amerikas verlief also nördlicher, als dies heutzutage der Fall ist. Außerdem verband ein breiter Streifen Land, die sogenannte Beringbrücke, Ostsibirien und Alaska miteinander.
Diese Landbrücke besaß eine Fläche etwa doppelt so groß wie der US-Bundesstaat Texas. Sie erstreckte sich vom Lenadelta im Westen bis zum Delta des Macken­zie Rivers im Osten und ging damit weit über das Gebiet der heute bekannten Meerenge zwischen Sibirien und Alaska hinaus. Die Region war vermutlich kalt, trocken und eisfrei – ganz im Gegensatz zu Nordamerika und Nordeuropa, die zu dieser Zeit von zwei bis vier Kilometer dicken Eispanzern bedeckt wurden.
Von Sedimentkernbohrungen im Beringmeer weiß man, dass die Vegetation der Beringbrücke eine überraschend hohe Vielfalt aufwies. In der Region wuchsen damals Sträucher, wie man sie heute in der Tundra Alaskas findet, sowie nahrhafte, an kühle Temperaturen angepasste Gräser und Wildblumen – ideale Bedingungen für Weidetiere wie Mammuts, Bisons, arktische Kamele oder Rentiere. Die Frage, was auf der Landbrücke wuchs und welche Wildtiere dort heimisch waren, ist vor allem aus einem Grund von Interesse: Die Brücke diente Tieren und Menschen als Transitroute nach Nordamerika.
Wann und wie genau die ersten Menschen über die Landbrücke nach Nordamerika einwanderten, wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert und auf verschiedene Weise erforscht. Archäologen suchen nach Siedlungsspuren; Paläogenetiker rekonstruieren die Wanderung der Menschen anhand ihres Erbguts; Biologen, Geologen und Klimaforscher untersuchen die damaligen Umweltbedingungen und Landschaftsformen. Umstritten ist beispielsweise die These, dass die ersten Jäger und Sammler nicht in einem Zug über die Landbrücke wanderten, sondern zunächst für mehrere Tausend Jahre auf der Beringbrücke verweilten, weil ihnen Gletscher und Eisschilde den Weg in die neue Welt versperrten. Ungeklärt ist auch, ob sich die ersten Einwanderer ihren Weg entlang der Küste bahnten oder aber einen eisfreien Korridor zwischen den Eisschilden nutzten. Dieser Landweg soll sich aktuellen Studien zufolge bereits vor 15 000 Jahren geöffnet haben.
1.21 > Das Foto einer Inuitfamilie, abgedruckt in der Zeitschrift „National Geographic“, Juni 1917. Der Begleittext lobt „die Zärtlich­keit und das Verant­wortungs­bewusst­sein“, die die Urein­wohner der Arktis im Umgang mit ihren Kindern hätten.
Abb. 1.21 © George R. King/National Geographic Image Collection
Konsens herrscht darüber, dass die ersten Nordamerikaner sibirische Vorfahren hatten, die wahrscheinlich – und hier beginnt die Diskussion erneut – vor etwa 24 900 bis 18 400 Jahren in das Gebiet der Beringbrücke vorstießen. Vor etwa 16 000 Jahren begannen die Einwanderer dann, den nordamerikanischen Kontinent nach und nach zu besiedeln. Ein Teil von ihnen wanderte entlang der Westküste Richtung Süden und begründete unter anderem die berühmte Cloviskultur. Der andere Teil besiedelte die eisfreien Regionen weiter landeinwärts. Keiner dieser ersten Amerikaner aber wagte es, sich nördlich des Polarkreises niederzulassen.
Die ersten Bewohner der nordamerikanischen Arktis wanderten erst vor 5000 Jahren im Zuge einer zweiten Migrationswelle über die Beringbrücke ein – also lange nachdem die großen nordamerikanischen Eisschilde geschmolzen waren. Die sogenannten Paläoeskimos breiteten sich innerhalb weniger Hundert Jahre bis nach Grönland aus. Sie lebten in kleinen Zeltcamps, jagten Rentiere, Moschusochsen, Robben und Walrosse mit Steinspeeren oder -messern und hatten gelernt, einen Teil ihrer Jagdbeute gefrieren zu lassen und in Vorratskellern oder -gruben einzulagern.
Vor etwa 700 Jahren aber verlieren sich die Spuren der Paläoeskimos. Die Bevölkerungsgruppe stirbt flächendeckend aus. Neue Einwanderer aus Sibirien, die sogenannten Neoeskimos und Vorfahren der modernen Inuit, waren vor etwa 1000 Jahren im Zuge einer dritten Migrationswelle mit dem Boot nach Nordamerika gekommen und hatten die alteingesessenen Rentierjäger allmählich verdrängt. Die Neulinge lebten in großen, gut organisierten Dorfgemeinschaften. Sie nutzten Hundeschlitten, Pfeil und Bogen und wussten, wie man Boote aus Walknochen und Robbenfellen baute. In diesen fuhren sie dann auf den Arktischen Ozean hinaus und stellten Walen nach – eine Jagdmethode, die ihnen neue, reichhaltige Nahrungs­gründe erschloss und ihr Überleben im hohen Norden garantierte.

Den Moschusochsen hinterher

Vermutlich war es die Aussicht auf bessere Jagdausbeute, die die Paläoeskimos vor etwa 4500 Jahren motivierte, die 30 Kilometer breite Naresstraße, eine Wasserstraße zwischen der kanadischen Ellesmereinsel und Grönland, zu überqueren. Der Grönländische Eisschild war zum damaligen Zeitpunkt etwas kleiner als heute, sodass es an seinen Nord- und Osträndern ausreichend eisfreie Weideflächen für Moschusochsen und Rentiere gab. Außerdem lebten in den Fjorden an der grönländischen Küste viele Ringel- und Sattelrobben. Paläoeskimos standen aber nach ihrer Landung an der wenig einladenden Nordwestküste Grönlands zunächst einmal vor einer schwierigen Entscheidung. Entweder wanderten sie die Küste entlang Richtung Süden, wo in der Melvillebucht ein 300 Kilo­meter langer, von einem Gletscher bedeckter Küsten­abschnitt überwunden werden musste, bevor die klimatisch milderen, begrünten Gebiete Westgrönlands begannen. Oder aber sie folgten den Moschusochsen Richtung Norden – in eine Region, so kalt, dass das Meereis vor der Küste das ganze Jahr hindurch nicht wegschmolz, und in der fünf Monate lang die Sonne hinter dem Horizont verborgen blieb.
Die Einwanderer entschieden sich für beide Optionen: Ein Teil von ihnen zog Richtung Süden und begründete in der Diskobucht das Volk der Saqqaq. Dessen Population wuchs in den ersten Jahrhunderten schnell. Die Saqqaq lebten in vergleichsweise großen Familienverbänden, besiedelten zügig alle größeren Fjordsysteme und Inseln Westgrönlands und stellten in erster Linie den Karibus, Sattelrobben, Ringelrobben und Vögeln der Westküste nach. Bei archäologischen Grabungen in ehemaligen Saqqaqsiedlungen fanden Forscher die Knochen von 42 verschiedenen Tierarten. Überdies steht fest, dass das Volk der Saqqaq Fleisch oder Fisch trocknete, um Vorräte anzulegen.

Cloviskultur
Als Cloviskultur wird die älteste bekannte Kultur Nordamerikas bezeichnet. Sie existierte vor etwa 13 000 bis 12 600 Jahren in weiten Teilen Nordamerikas. Ihre Mitglieder nutzten steinerne Werkzeuge, darunter Speerspitzen aus Feuerstein mit doppelseitigen Schneiden. Einige dieser Spitzen wurden erstmals bei einer Ausgrabung in Clovis im US-Bundesstaat New Mexico gefunden. Von dieser Fundstelle leitet sich auch der Name ab.

Der zweite Teil der Einwanderer wählte den Weg in den Norden. Diese als Independence 1 bezeichnete Gruppe der Paläoeskimos besiedelte die Halbinsel Pearyland und stieß dort auf deutlich schwierigere Lebensbedingungen als ihre Verwandten in Westgrönland. Zeitgleich mit dem Eintreffen der ersten Einwanderer begann sich nämlich das Klima Grönlands abzukühlen. Die tundrenhaften Küstengebiete im Norden verwandelten sich nach und nach in polare Wüsten. In den Sommermonaten lebten die 100 bis 200 Pioniere in kleinen Familienclans und errichteten ihre Zeltcamps weit verstreut, um die wenigen Nahrungsquellen, welche die karge Landschaft und das Meereis boten, nicht innerhalb kürzester Zeit auszubeuten. Sie jagten hauptsächlich Moschusochsen, Karibus, Robben und Polarfüchse. Im Winter dagegen zogen die Menschen zusammen und überwinterten in einem gemeinsamen Camp. Die Zelte der Paläoeskimos waren rund oder oval und maßen drei bis vier Meter im Durchmesser. Etwa jedes dritte Zelt verfügte über eine Feuerstelle, gebaut aus aufgeschichteten Steinen. Dieser „Herd“ in der Mitte des Zeltes diente vor allem in den kalten und dunklen Wintermonaten als Kochstelle, wärmender Ofen und einzige Lichtquelle. Die Bewohner des hohen Nordens heizten mit dem wenigen Treibholz, das angespült wurde, sowie mit Knochen und dem Fett erlegter Land- und Meeres­säuger. Die Saqqaq im Westen dagegen verfügten über ausreichend Treibholz, was sie in die Lage versetzte, deutlich öfter und ausgiebiger Feuer zu machen und darin faustgroße Steine zu erhitzen. Mit den heißen Steinen heizten sie nicht nur Räume abseits der Feuerstelle. Auf ihnen ­garten die Jäger auch ihr Fleisch und ihren Fisch, denn Töpfe oder anderes Kochgeschirr kannten die Paläoeskimos noch nicht.
Die Saqqaq besiedelten Westgrönland über einen Zeitraum von nahezu 2000 Jahren (etwa 2400 bis 800 Jahre vor Christus). Ihre Nachbarn auf der Halbinsel Pearyland da­gegen müssen schon nach wenigen Generationen aufgegeben haben. Ihre Spuren verlieren sich vor etwa 3750 Jahren.

Abb. 1.22 © Private Collection/Look and Learn/Bridgeman Images

1.22 > Der Wikinger Erik Thor­valds­son, genannt Erik der Rote, segelte im Jahr 982 mit einem kleinen Gefolge von Island nach Grönland und gründete drei Jahre später als erster Europäer eine Siedlung auf der Insel. Er nannte das Land „Grönland“ (grünes Land), in der Hoffnung, die attraktive Bezeichnung würde Siedler anlocken.

Die Wikinger kommen

Den Startpunkt für die Besiedelung Nordeuropas gab vermutlich das Ende der letzten Eiszeit. Erst nachdem die großen Eisschilde vor 13 000 bis 14 000 Jahren abgeschmolzen waren, konnte der Mensch Richtung Norden vorstoßen. So wanderten die Jäger und Sammler vor etwa 10 000 Jahren aus Mitteleuropa kommend entlang der Küstenlinie Skandinaviens in die Arktis ein. Weiter im Landesinnern siedelten die Steinzeitmenschen jedoch erst, nachdem dort Wälder gewachsen waren, die ausreichend Holz und Nahrung boten. Im heutigen Finnland waren dies die Birkenwälder; in Norwegen vor allem Nadelwälder.
Von Skandinavien und den Britischen Inseln aus eroberten nordische Seefahrer Tausende Jahre später auch Island. Historischen Quellen zufolge landeten die Wikinger im Zeitraum zwischen 870 und 930 auf der nordischen Insel und veränderten ihr Antlitz nachhaltig: zum einen durch Pflanzen und Tiere, welche die Seefahrer aus ihrer alten Heimat mitbrachten; zum anderen indem sie nach nur wenigen Jahrzehnten begannen, die Wälder Islands abzuholzen und Schafe auf den Hochlandflächen weiden zu lassen.
Von Island aus erkundete Anfang der 980er-Jahre der Wikinger Erik der Rote die Südküste Grönlands. Im Jahr 985 stach er mit einer Flotte von 25 Schiffen in See, diesmal mit dem Ziel, sich in Grönland niederzulassen. Die Seefahrer gingen im südlichen Westgrönland an Land und errichteten drei Siedlungen, in denen sie hauptsächlich Vieh- und Milchwirtschaft betrieben. Das Klima Grönlands hatte zu dieser Zeit sein mittelalterliches Wärme­optimum erreicht. Die Temperaturen entsprachen den Bedingungen von heute, sodass Landwirtschaft in einem gewissen Rahmen möglich war. Die Siedler verließen sich aber nicht nur auf ihre Rinder. Im Frühsommer fischten sie Kabeljau, den sie als Stockfisch konservierten; im Herbst jagten sie Rentiere und Vögel. Außerdem handelten die Wikinger mit Walross- und Narwalelfenbein und führten Erkundungsfahrten Richtung Nordamerika durch – mit dem Ziel, dort Holz zu beschaffen, das es in Grönland nicht in ausreichendem Maß gab.
Zur Hochzeit der wikingisch-grönländischen Besiedlung (1300–1350 nach Christus) lebten auf schätzungsweise 200 Bauernhöfen insgesamt rund 5000 Menschen, wobei ­diese Zahl umstritten ist. Es können durchaus auch weniger Siedler gewesen sein.
Ab Beginn des 14. Jahrhunderts verschlechterten sich die Klimabedingungen. Die Durchschnittstemperatur sank um ein Grad Celsius. Meereis und Stürme erschwerten fortan die Schiffsreisen nach Island und über den Nord­atlantik. Die sommerliche Wachstumsphase verkürzte sich und Wärme liebende Tierarten wanderten in den Süden ab. Anstelle von Rindern hielten die grönländischen Bauern nun Schafe und Ziegen. Da sie jedoch nicht ausreichend Fleisch abwarfen, machten die Wikinger verstärkt Jagd auf Meeressäuger. Im offenen Wasser stellten sie Bart- und Sattelrobben, Klappmützen und dem Gemeinen Seehund nach. Sie waren dabei jedoch weit weniger erfolgreich, als die Inuit der Thule-Kultur, die seit etwa 900 nach Christus die Ellesmere­insel und Nordgrönland bevölkerten und gelernt hatten, Ringelrobben auf dem Packeis aufzulauern und mit einer ausgefeilten Harpunentechnik zu erlegen. Als wenig später noch der Elfenbeinhandel mit Europa einbrach, gaben die Nachkommen der Wikinger auf. Die letzte Familie verließ Grönland im Jahr 1411.

Das Zeitalter der Entdeckungen

Kurz nachdem sich die Wikinger aus Grönland zurückgezogen hatten, begann in Europa das Zeitalter der Ent­deckungsreisen in den hohen Norden. Einige dieser Expeditionen verfolgten das Ziel, neue Gebiete für den Walfang und die Robbenjagd zu erschließen. Die meisten Fahrten aber dienten nur einem Zweck: der Suche nach einem freien Seeweg nach Asien. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts durfte nämlich kein Handelsschiff ohne spanische oder portugiesische Erlaubnis den südlichen Seeweg nach Indien oder China benutzen. Die beiden Großmächte hatten 1494 im Vertrag von Tordesillas die Welt unter sich aufgeteilt und kontrollierten die Schifffahrtsrouten über den Atlantischen und Indischen Ozean. Anderen aufstrebenden Seefahrernationen wie England und Holland blieb nur der Seeweg durch die Arktis, wenn sie unbehelligt Handel mit China und Indien treiben wollten. Die Ausgangssituation für die Suche nach einer schiffbaren Route durch die Nordostpassage oder aber die Nordwestpassage hätte ungünstiger jedoch kaum sein können – denn die wenigen Karten, die es von der Arktis gab, enthielten grobe Fehler.

Erste Karten der Polargebiete

Viele Küstengebiete der Nordpolarregion waren zwar seit Jahrtausenden bekannt und besiedelt. Darüber hinaus aber wusste man um das Jahr 1450 in Europa kaum etwas über die Landschaften nördlich Skandinaviens – Spitzbergen beispielsweise war zu diesem Zeitpunkt noch unentdeckt. Welche Überraschungen aber hielt der hohe Norden bereit? Warteten dort vielleicht noch unbekannte Kontinente auf ihre Entdeckung? Reichte das Packeis wirklich bis über den Horizont hinaus oder gab es, wie hier und da spekuliert, doch ein eisfreies Nordpolarmeer?
Eine der ersten Kartendarstellungen des Nordpolar­gebiets, gezeichnet vom Kartografen Gerhard Mercator (1512–1594) und nach seinem Tod im Jahr 1595 veröffentlicht, zeigt vier große, nur durch schmale Wasserstraßen voneinander getrennte Inseln im arktischen Becken. Ihre Existenz wurde bereits zwei Jahre später vom holländischen Seefahrer und Spitzbergen-Entdecker Willem Barents angezweifelt. Die Vorstellung von einem eisfreien Polarmeer aber hielt sich deutlich länger. Noch im Jahr 1773 versuchten zwei britische Schiffe unter der Leitung von Constantine J. Phipps und Skeffington Lutwidge, über Spitzbergen zum Nordpol zu segeln – in der festen Überzeugung, dass das Nordpolarmeer schiffbar sein müsste. Packeis stoppte die Entdecker auf Höhe des 81. Breitengrads Nord.
1.23 > Der Kartograf Gerhard Mercator zeichnete kurz vor seinem Tod den Arktischen Ozean als Meer, in dessen Mitte vier große Inseln liegen. Die Richtigkeit dieser Darstellung wurde jedoch schon kurz nach der Veröffentlichung der Karte im Jahr 1595 angezweifelt.
Abb. 1.23 © akg-images/Album/Prisma
Im Gegensatz zur Arktis stellte die Antarktis im Altertum nur eine Idee, ein theoretisches Gebilde dar, von dessen Existenz die Griechen überzeugt waren, weil sich ihrer Vorstellung nach die Welt anderenfalls in einem Ungleichgewicht befände. In ihrem klassischen Klima­zonenmodell gingen sie nämlich davon aus, dass es nicht nur im Norden eine kalte, unbewohnbare Zone geben könne, sondern sich wegen des Massengleichgewichts auf der Erde eine solche auch im Süden befinden müsse.
Im Mittelalter verbot die christliche Kirche die Vorstellung einer kugelförmigen Erde und eines vereisten Gegengewichts am Südpol. Stattdessen wurde die Erde nun als Scheibe angesehen. Eine kreisrunde Karte aus der damaligen Zeit zeigt die bekannten Kontinente Asien, Europa und Afrika umgeben von einem ringförmigen Ozean. Außerhalb dieses Ozeans führte der spanische Benediktinermönch Beatus von Liébana (um 730–798) im Süden einen weiteren unbekannten Kontinent auf – mit dem Vermerk: „Desertta tterra … incognita nobis“.
Abb. 1.24 © Heritage Images/Fine Art Images/akg-images

1.24 > Die Seekarte des türkischen Admirals Piri Reis aus dem Jahr 1513. Umstritten ist, ob sie die Küstenlinie Südamerikas oder auch Teile der Antarktis zeigt.
Auf einer Weltkarte tauchte der südliche Kontinent erstmals im Jahr 1508 auf. Der Italiener Francesco Rosselli hatte ihn in seine Darstellung der Erde gezeichnet. Erste geografische Informationen über die Antarktis könnte außerdem die berühmte osmanische Piri-Reis-Karte aus dem Jahr 1513 enthalten, auch wenn bislang unbekannt ist, woher diese Informationen stammen. Die Karte zeigt nach Meinung einiger Experten unter anderem die subantarktischen Inseln südlich Feuerlands und Inseln eines eisfreien westlichen Teils des Königin-Maud-Landes.
In den folgenden zwei Jahrhunderten wurde das immer noch hypothetische Südland fester Bestandteil von Karten – größtenteils unter dem Namen Terra Australis Incognita, der damals bei vielen Europäern den Traum von Reichtum und Glückseligkeit weckte. Legenden zufolge versprach der geheimnisvolle Südkontinent seinen Entdeckern nämlich Gold und andere Gewinne. Dieser Mythos verblasste erst, als der englische Entdecker und Seefahrer James Cook (1728–1779) auf seiner zweiten Weltreise (1772–1775) die Antarktis erstmals umsegelte und dabei den Südpolarkreis an drei Stellen überquerte, ohne dass Land gesichtet wurde. Auf Höhe des 71. Breitengrads Süd musste er wegen starken Eisgangs umkehren. Der Entdecker schlussfolgerte, dass der angenommene Kontinent noch weiter südlich liegen musste und vermutlich menschenfeindlich und nutzlos war. Mit seinem lateinischen Ausspruch „nec plus ultra“ (bis hierher und nicht weiter) zerstörte Cook die Saga vom reichen Südland.

Neue Wege nach Indien und China

In der Arktis war derweil der Wettlauf um die Durchquerung der Nordost- und Nordwestpassage in vollem Gange. Die erste Erkundungsreise auf der Suche nach einem Weg entlang der Nordküste Amerikas leitete der Italiener Giovanni Caboto (englischer Name: John Cabot). Er war überzeugt davon, dass die kürzeste Verbindung zwischen Indien und Europa im hohen Norden zu finden ist, und entdeckte auf seiner von England finanzierten Expedition im Jahr 1497 den nordamerikanischen Kontinent auf der Höhe Labradors. Sein Sohn Sebastiano Caboto gründete im Jahr 1551 gemeinsam mit seinen zwei Weggefährten Hugh Willoughby und Richard Chancellor die englische Aktiengesellschaft Company of Merchant Adventurers to New Lands, um Gelder für die Suche nach einer Nordostpassage zu generieren. Dabei interessierte die drei Unternehmer jedoch in erster Linie die Aussicht auf neue Handelsbeziehungen mit Russland und China, weniger die mögliche Entdeckung bis dato unbekannter Regionen.
Auf der ersten Arktisexpedition 1553 mit drei Schiffen erfroren Hugh Willoughby und seine Mannschaft, Richard Chancellor dagegen erreichte das Weiße Meer und wurde vom russischen Zaren zu einer Audienz nach Moskau ge­laden. Dort erhielt der Brite besondere Handelserleichterungen. Alle weiteren Versuche der Handelsgesellschaft, über den Seeweg weiter Richtung Osten vorzustoßen, endeten aber stets an der arktischen Insel Nowaja Semlja, welche eine Expedition der Gesellschaft im Jahr 1553 erstmals betrat. Über diesen geografischen Punkt hinaus gelangen später erst der Niederländer Willem Barents, nach dem heute die Barentssee benannt ist.

Bering, der „Kolumbus des Zaren“

Vitus Bering (1681–1741) war schon acht Jahre lang als Schiffsjunge zur See gefahren, bevor er im Jahr 1703 als Unterleutnant in den Dienst der russischen Kriegsflotte trat. Dort machte er schnell Karriere und erhielt Ende des Jahres 1724 von Peter dem Großen den Auftrag, den Osten des russischen Reiches zu erkunden. Sibirien war zum damaligen Zeitpunkt noch nahezu unerschlossen, und der Zar wollte wissen, welche Bodenschätze es in der Region gab, welche Ureinwohner dort lebten, wo die Grenzen des russischen Reiches verliefen und ob eine Landverbindung zwischen Sibirien und Nordamerika exis­tierte. Außerdem waren Gerüchte aufgetaucht, wonach der Kosakenführer Semjon Iwanowitsch Deschnjow bereits im Jahr 1648 die sibirische Ostspitze umschifft und somit als Erster die später nach Bering benannte Seestraße durchfahren hatte. Ob diese Berichte jedoch stimmten, war damals zweifelhaft. Deshalb wollte der Zar Gewissheit.
Vitus Bering und sein 33 Mann starkes Expeditionsteam brachen im Jahr 1725 zur Ersten Kamtschatkaexpedition auf, die sie jedoch nicht über das Meer, sondern über Land führte. Der strapaziöse Marsch über Berge und Flüsse, durch endlose Steppen und Sumpfgebiete endete nach zwei Jahren in Ochotsk, wo die Männer ein kleines Schiff bauten. Mit diesem setzte Bering nach Kamtschatka über. Er durchquerte die Halbinsel, um zur Ostküste zu gelangen, und ließ dort im Jahr 1728 ein weiteres Schiff bauen. Damit stach er am 14. Juli 1728 in See und segelte die sibirische Ostküste entlang Richtung Norden. Fast vier Wochen später, am 13. August 1728, durchfuhr er die heute nach ihm benannte Meerenge zwischen Amerika und Asien. Von einer Landverbindung zwischen Asien und Amerika fand sich dagegen keine Spur. Als das Schiff bei 67 Grad Nord über den Polarkreis hinaus war, gab Bering den Befehl zur Rückkehr. Für ihn stand fest, dass Amerika und Asien zwei voneinander getrennte Kontinente waren.
Da Bering die amerikanische Küste jedoch wegen dichten Nebels nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, bezweifelte man in Sankt Petersburg seine Berichte. Das Zarenhaus wollte mehr wissenschaftliche Fakten und gab Bering eine zweite Chance. Die Zweite Kamtschatkaexpedition (Große Nordische Expedition, 1733–1743), deren Leitung man ihm übertrug, sollte alle vorhergehenden Entdeckungsreisen in den Schatten stellen. Bering befehligte einen Expeditionstrupp von 10 000 Mann, der in eine Reihe von Einzelexpeditionen unterteilt war, die die nördlichen Küsten Sibiriens und des Pazifiks vermessen sowie die Weiten Sibiriens wissenschaftlich untersuchen sollten. Bering selbst erhielt den Auftrag, die Westküste Nordamerikas zu finden und zu kartieren.
Nach jahrelangen Forschungsarbeiten auf dem Weg durch Sibirien, stach Bering im Jahr 1741 mit zwei Schiffen von Kamtschatka aus Richtung Südosten in See. Er hielt Kurs bis zum 46. Breitengrad, weil dort das sagenumwobene Gamaland mit Straßen aus Gold vermutet wurde, das er finden wollte.
Bering und Alexej Iljitsch Tschirikow, der Kapitän des zweiten Schiffes, bewiesen jetzt, dass die Insel nur in der Fantasie von Seefahrern existierte. Anschließend änderten die Schiffe den Kurs auf Nordost, um Nordamerika zu erreichen. Während eines Sturmes verloren sie allerdings den Kontakt zueinander. Während Tschirikow in der Folgezeit mehrere Aleuteninseln entdeckte und anschließend wegen Trinkwassermangels den Heimweg antrat, segelte Vitus Bering mit seiner „St. Peter“ in den Golf von Alaska. Dort traf er im Juli 1741 auf Land. Er hatte Nord­amerika gefunden, was ihm den Beinamen „Kolumbus des Zaren“ eintrug, und blieb in Küstennähe, um ihren Verlauf zu kartieren.
Danach trat das Schiff die Rückreise nach Kamtschatka an. Diese verlief aufgrund schlechten Wetters, fehlender Nahrung und Navigationsfehlern jedoch anders als geplant. Das Schiff strandete auf einer unbewohnten Insel, der heutigen Beringinsel, wo der an Skorbut erkrankte und völlig geschwächte Expeditionsleiter am 19. Dezember 1741 im Alter von 60 Jahren starb. 46 Mitglieder seiner Mannschaft überlebten den Winter. Sie bauten im Frühling aus den Wrackteilen der „St. Peter“ ein kleines Segelschiff und schafften es zurück nach Kamtschatka, wo in der Zwischenzeit schon ein Suchtrupp, angeführt von Alexej Tschirikow, losgesegelt war. Die Erkundung der Nordwestküste Nordamerikas schloss 1778 der englische Weltumsegler James Cook ab. Auf seiner dritten und letzten großen Reise erreichte er die Beringstraße und kartierte die Küsten Alaskas bis 70 Grad Nord sowie die Tschuktschenhalbinsel. Die letzten großen weißen Flecken auf der Karte der sibirischen Arktisküste füllte der baltendeutsche Offizier der russischen Marine Ferdinand von Wrangel. Im Jahr 1820 begannen er und seine Begleiter von Land aus, die Nordküste Ost­sibiriens mit Hundeschlitten zu erkunden und alle Küstenmerkmale zu kartieren. Auf diese Weise schloss Wrangel im Lauf seiner vierjährigen Expedition die noch verbleibende kartografische Lücke zwischen der Mündung der Kolyma, einem Fluss in Ostsibirien, und der Beringstraße.
1.25 > Der dänische Entdecker Vitus Bering zeichnete diese Karte auf seiner Ersten Kam­tschat­ka­expedition (1725–1730). Nach seiner Rückkehr forderte der russische Zarenhof von Bering weitere wissen­schaftliche Fakten, die belegen, dass Asien und Nord­amerika getrennte Kontinente sind. Deshalb unternahm Bering die Zweite Kam­tschat­ka­expedition (1733–1743).
Abb. 1.25 © Heritage Images/Getty Images
Die erste Durchfahrt der Nordostpassage aber gelang erst dem Schweden Adolf Erik Nordenskiöld (1832–1901) in den Jahren 1878 bis 1879. Der Polar­forscher hatte sich zuvor durch die Erkundung Spitzbergens und Grönlands einen Namen gemacht und brauchte insgesamt drei Anläufe, um seinen Traum von der erfolgreichen Durchfahrt zu verwirklichen. Bei den ersten zwei Versuchen schaffte er es immerhin bis zur Mündung des Jenisseiflusses und transportierte auf dem Rückweg der zweiten Reise als erster Reisender Handelsgüter aus Asien über den nördlichen Seeweg nach Europa. Bei seiner dritten Reise, die am 4. Juli 1878 in Göteborg begann, steuerte er den Jenissei mit vier Schiffen an. An der Mündung angekommen, fuhr er mit zwei Schiffen weiter Richtung Osten und kartierte die Küste bis zum Kap Tscheljuskin auf der Halbinsel Taimyr, dem nördlichsten Festlandpunkt Asiens. Anschließend schickte er das Begleitschiff „Lena“ mit der Erfolgsmeldung zurück, hielt aber selbst mit seinem Dampfsegler „Vega“ weiter Kurs Richtung Osten und passierte noch vor dem Wintereinbruch die Nordküste Sibiriens. Nur 115 Seemeilen vor seinem Ziel, der Beringstraße, aber fror das Schiff ein. Nordenskiöld und seine Mannschaft saßen an der Tschuktschenhalbinsel im Eis fest und mussten dort überwintern. Erst rund 300 Tage später, am 18. Juli 1879, gab das Eis die „Vega“ wieder frei.
Nordenskiöld segelte durch die Beringstraße nach Japan und trat anschließend eine triumphale Heimreise über den damals erst zehn Jahre alten Sueskanal an, denn die Nachricht von der erfolgreichen Reise hatte sich wie ein Lauffeuer über die ganze Welt verbreitet.

Abb. 1.26 © Interfoto/National Maritime Museum, London

1.26 > Der englische Seefahrer James Clark Ross entdeckte im Alter von 31 Jahren den magnetischen Pol auf der Nordhalbkugel. Zehn Jahre später erkundete er die Antarktis und stieß als erster Mensch in jene Region vor, die heute als Rossmeer seinen Namen trägt.

Ein kürzerer Weg nach Australien?

Das Gegenstück der Nordostpassage, die rund 5780 Kilometer lange Nordwestpassage, wurde erst 26 Jahre nach Nordenskiölds Triumph vollständig durchfahren. Nach den ersten Erkundungsfahrten von Engländern und Portugiesen im 16. und 17. Jahrhundert gingen nämlich fast 200 Jahre lang keine Schiffsexpeditionen mehr in dieses Gebiet. Das mangelnde Interesse lag unter anderem daran, dass bei vorhergehenden Fahrten der Lancaster Sound und die Hudsonbucht entdeckt wurden – Regionen, die aufgrund ihres Artenreichtums enorme Profite im Pelztierhandel versprachen. Andere Entdecker brachte der Goldrausch in Nordamerika von ihren Expeditionsplänen ab. Der Wunsch, einen Seeweg entlang der nordamerikanischen Arktisküste zu finden, lebte erst wieder auf, nachdem bekannt wurde, dass sich der Arktische Ozean tatsächlich im Norden des Kontinents fortsetzte. Jäger und Pelztierhändler hatten diese Gewissheit gewonnen, als sie dem Mackenzie River und dem Coppermine River bis zur Mündung gefolgt waren. Bevor ein Schiff jedoch die gefährliche Reise antreten konnte, mussten drei Dinge geklärt werden. Erstens kannte man noch keinen Ausgang aus der Baffinbucht, der Richtung Westen führte. Zweitens war noch unbekannt, ob und wie man vom Pazifik aus in die Nordwestpassage einfahren konnte. Der Engländer James Cook war auf seiner dritten Weltreise im Jahr 1778 in der Beringstraße bis auf 70° 44'  Nord vorgestoßen, bevor ihm nördlich des Eisigen Kaps (Icy Cape) nach eigenen Worten „eine 12 Fuß hohe Wand aus Eis“ den Weg versperrte. Wie der Küstenverlauf darüber hinaus aber weiterging, war völlig unklar. Drittens wusste niemand, ob es überhaupt einen befahrbaren Seeweg durch das Insellabyrinth des kanadisch-arktischen Archipels im Osten geben würde.
Um diese weißen Flecken auf der Landkarte mit Inhalt zu füllen, fanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschiedene Schiffs- und Landexpeditionen in die nord­amerikanische Arktis statt. Der britische Kapitän Frederick William Beechey erforschte die Nordküste Alaskas von Icy Cape bis Point Barrow; der Brite John Franklin (1786–1847) kartierte während seiner ersten Expedition (1825–1827) von Land aus die Küste des Mackenzie- und des Coppermine-River-Deltas.
Die Expedition unter der Leitung von John Ross wollte das noch fehlende Stück zwischen der Melvilleinsel im Osten und Franklins Kartierungen im Westen erkunden. Dabei entdeckte Ross’ Neffe James Clark Ross 1831 den Magnetpol der Nordhemisphäre.

Tod im Insellabyrinth

Für die dritte und letzte Teilaufgabe, die Suche nach einem Weg durch die Inselwelt des kanadisch-arktischen Archipels, setzte die britische Admiralität auf einen arktiserfahrenen Mann. Im Februar 1845 beauftragte sie den inzwischen zum Konteradmiral aufgestiegenen Polarforscher John Franklin, die Nordwestpassage zu finden. Er sollte mit zwei Schiffen an Grönland vorbei durch die bekannte Baffinbucht fahren und einen Abzweig Richtung Westen finden, von dem man damals überzeugt war, dass es ihn gäbe. Die Armee stattete den Expeditionsleiter mit den zwei eistauglichsten Schiffen ihrer Zeit aus: die HMS „Erebus“ und die HMS „Terror“, zwei umgerüstete Kriegsschiffe, deren Buge mit Kupfer und Eisen verstärkt wurden, um die hölzernen Rümpfe zu schützen. Beide Dreimaster wurden außerdem jeweils mit einer Dampf­maschine mit einer Leistung von 25 PS ausgestattet, die eine Schiffsschraube antrieb, sodass die Expedition auch in wind­armen Zeiten vorankommen konnte. Außerdem wurden in beiden Schiffen Rohre verlegt, durch die warmes Wasser geleitet werden konnte, um Räume an Bord zu beheizen. Bestückt mit insgesamt 134 Mann Besatzung und Pro­viant für drei Jahre, stachen die Schiffe am 19. Mai 1845 von London aus in See.
In der westgrönländischen Diskobucht verteilten die Besatzungen die Vorräte eines dritten Begleitschiffs auf die beiden Expeditionsschiffe und nahmen Kurs Richtung Lancaster Sound, eine Meerenge zwischen der Baffininsel und der Devoninsel. Zweimal wurden sie noch von Walfängern gesichtet. Danach verschwanden John Franklin und seine Männer in dem menschenfeindlichen, damals noch weitgehend unbekannten Labyrinth aus Inseln, Packeis und Felsküsten.
Mehr als 40 Suchexpeditionen wurden in den Folgejahren ausgesandt, um das Schicksal der zwei Expeditionsschiffe und ihrer Besatzungen zu ergründen. Die Suchmannschaften machten dabei wichtige geografische Entdeckungen und vollendeten Franklins Auftrag. Im April 1853 schließlich trafen zwei aus unterschiedlicher Richtung kommende Suchexpeditionen – die eine unter Leitung von Robert McClure, die andere unter Henry ­Kellett – in der Mercy Bay, im Norden der Banksinsel, ­auf­einander und bewiesen erstmals, dass es die Nordwestpassage überhaupt gibt. Erste Spuren der Franklin-Expedition fanden die Suchtrupps aber schon im August 1850. Es waren Kleider­fetzen, die auf der Devoninsel entdeckt wurden, sowie drei Gräber auf der Beecheyinsel. Vier Jahre später berichteten Inuit dem Arktisforscher und Arzt John Rae in Pelly Bay auf der Boothiahalbinsel von weißen Seefahrern, die in einiger Entfernung westwärts verhungert seien. Im Mai 1859 entdeckte eine weitere Suchmannschaft an der Westküste der King-William-Insel ein Steinmal und darin versteckt einen Bericht der Schiffsmannschaft zum Expeditionsverlauf.
Die Wracks der beiden Schiffe wurden in den Jahren 2014 und 2016 entdeckt. Die HMS „Terror“ lag in 24 Meter Tiefe in einer Bucht der King-William-Insel. Berichten zufolge ist der Dreimaster so gut erhalten, dass er schwimmfähig wäre, würde man ihn heben und leer pumpen.
Nach Franklins Verschwinden vergingen mehr als 50 Jahre, bis es dem Norweger Roald Amundsen (1872 geboren, 1928 verschollen) als Erstem gelang, die Nordwestpassage vollständig mit einem Schiff zu durchfahren. Doch auch er schaffte die Passage nicht in einem Jahr. Amundsen benötigte insgesamt drei Jahre für die Fahrt auf seiner Yacht „Gjøa“ (1903–1906) und war aufgrund der Eisverhältnisse gezwungen, mehrfach zu überwintern. Die starke Wintervereisung der Nordwestpassage war auch der Grund, warum diese Schifffahrtsroute nicht als zeitsparende Alternative zum Seeweg über den Sueskanal und den Indischen Ozean betrachtet wurde. Beim damaligen Stand der Schiffstechnik konnte die Route durch das Eis nämlich nicht ohne Überwinterung befahren werden.

Wissensdrang statt Handelsinteressen

Nachdem bewiesen war, dass es wenig Sinn machte, Handelsschiffe über die Nordost- oder die Nordwestpassage nach Asien und Australien zu schicken, schwand die Motivation der Wirtschaft an einer weiteren Exploration des Nordpolargebiets. Stattdessen stieg jedoch das Interesse der Wissenschaft. Getrieben vom Wunsch einer vollständigen Kenntnis aller irdischen Räume, verstärkten die Nationen ihre Forschungsbemühungen in den Polargebieten.
In Deutschland forcierte der Geograf und Kartograf August Heinrich Petermann (1822–1878) die Forschung, indem er zum einen im Jahr 1855 die Zeitschrift „Petermanns Geographische Mitteilungen“ gründete. In ihr veröffentlichte er viele Artikel und Karten zur Polarforschung und verlieh den Wissenschaftlern somit ein Sprachrohr. Zum anderen vertrat Petermann Hypothesen, die der damaligen Nordpolarforschung eine neue Richtung gaben. Er argumentierte, dass das Nordpolarmeer aufgrund einer warmen Meeresströmung aus dem Süden, einem Aus­läufer des Golfstroms, auch im Winter nicht vollständig zufrieren könnte und man nördlich des Treibeisgürtels auf ein eisfreies und somit schiffbares Nord­polarmeer stoßen würde. Außerdem postulierte er, dass das damals noch weitestgehend unerforschte Grönland über den Pol hinaus bis hin zur Wrangelinsel reichen würde.
Petermann gelang es 1868, die erste deutsche Nord­polar-Expedition unter der Leitung von Carl Christian ­Koldewey (1837–1908) zu initiieren. An Bord des Schiffes „Grönland“ sollte das Expeditionsteam die Ostküste ­Grönlands bis 75 Grad nördliche Breite vermessen. Der Plan aber ging nicht auf. Packeis versperrte dem Schiff den Weg, sodass Koldewey und seine Mannschaft nach Spitzbergen auswichen. Dort führten sie meteorologische und hydrografische Messungen durch, die bestätigten, dass ein Ausläufer des Golfstroms atlantische Wassermassen entlang der Westküste Spitzbergens Richtung Arktis führte.
Eine zweite, von Petermann geplante deutsche Nordpolar-Expedition (1869–1870) scheiterte teilweise – unter anderem, weil eines der Schiffe vom Eis zerdrückt wurde. Und es sollte nicht die einzige Entdeckungsfahrt bleiben, die ihr Ziel nicht ganz erreichte. Außerplanmäßig überwintern und später das Schiff aufgeben musste zum Beispiel die Österreichisch-Ungarische Nordpolarexpedition (1872–1874) unter der Leitung von Carl Weyprecht (1838–1881), welche das Arktische Meer nördlich Sibiriens untersuchen wollte und dabei Franz-Josef-Land entdeckte. Weyprecht allerdings zog seine Lehren aus der Fahrt und entwickelte auf Basis dieser Erfahrungen seine Grundprinzipien der arktischen Forschung. Polarforschung war nach seiner Auffassung nur dann sinnvoll, wenn sie sich an seinen sechs Thesen orientierte:
  1. Die arktische Forschung ist für die Kenntnis von Naturgesetzen von höchster Wichtigkeit.
  2. Die geografische Entdeckung in jenen Gegenden ist nur insofern von höherem Wert, als durch sie das Feld für die wissenschaftliche Forschung in engerem Sinne ­vorbereitet wird.
  3. Die arktische Detailtopografie ist nebensächlich.
  4. Der geografische Pol besitzt für die Wissenschaft ­keinen höheren Wert als jeder andere in höheren ­Breiten gelegene Punkt.
  5. Die Beobachtungsstationen sind, abgesehen von der Breite, um so günstiger, je intensiver die Erscheinungen, deren Studium angestrebt wird, auf ihnen ­auftreten.
  6. Vereinzelte Beobachtungsreihen haben mehr relativen Wert.

 

1.27 > Während des Ersten Internationalen Polarjahrs (August 1882 bis August 1883) führten Wissenschaftler an zwölf Forschungsstationen in der Arktis regelmäßige Wetterbeobachtungen und Messungen des Erdmagnetfelds durch. Insgesamt beteiligten sich elf Nationen.
Abb. 1.27 © nach Lüdecke
Weyprechts Denkansatz fand auf Anhieb großen Anklang in der Forschergemeinde. Weitere kostspielige und wenig Erfolg versprechende Expeditionen konnten so vermieden werden. Auch setzte er sich gemeinsam mit Georg von Neumayer (1826–1909), dem Leiter der Deutschen Seewarte in Hamburg, für eine erste internationale Messkampagne in der Arktis ein. Deren Grundidee „Forschungswarten statt Forschungsfahrten“ gehört auch heute noch zu den Pfeilern der modernen Polarforschung – betont sie doch die Wichtigkeit kontinuierlicher Langzeitmessungen im Vergleich zu kurzen Detailstudien.
Der Werbefeldzug Neumayers und Weyprechts mündete in die Gründung einer ersten Internationalen Polarkommission im Jahr 1879, deren Vorsitz Neumayer übernahm. Die Kommission organisierte das Erste Internationale Polarjahr (Sommer 1882 bis Sommer 1883), in dessen Zuge elf Nationen ein meteorologisches und erdmagnetisches Messnetz aus zwölf Stationen in der Arktis errichteten – Russland betrieb zwei Stationen. Zwei weitere Stationen wurden in der Antarktis erbaut. Zum Leidwesen der Wissenschaft veröffentlichten alle beteiligten Nationen jedoch nur ihre Einzelergebnisse. Eine Gesamtschau, in der alle Wetterdaten in Monatskarten des Luftdrucks und der Lufttemperatur zusammengefasst wurden, erschien erst im Jahr 1902 – dann jedoch nur als wenig beachtete Dissertation und nicht als Fachartikel in einer viel gelesenen wissenschaftlichen Zeitschrift.

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Drift Richtung Nordpol

Im Anschluss an das Erste Internationale Polarjahr begann eine neue Ära der Polarforschung, in der Eigeninitiative und Wissensdrang zum treibenden Motiv für wissenschaftliche Erkundungen wurden. Der norwegische Zoo­loge Fridtjof Nansen (1861–1930) durchquerte im Jahr 1888 als Erster Grönland und bewies auf diese Weise, dass es von der Ost- bis zur Westküste von einem durchgängigen Eisschild bedeckt war. Der deutsche Geograf und Gletscherforscher Erich von Drygalski (1865–1949) überwinterte kurz darauf an der grönländischen Westküste, um dort neben meteorologischen Messungen und biologischen Sammlungen vor allem die Bewegung kleiner lokaler Gletscher und der großen Inlandeisabflüsse zu untersuchen.
Um den nächsten wissenschaftlichen Meilenstein zu erreichen, erforderte es dann detektivischen Spürsinn und jede Menge Abenteuerlust. Im Jahr 1884 hatte Grönland-Durchquerer Fridtjof Nansen aus der Zeitung erfahren, dass Inuit an der Südwestküste Grönlands Gegenstände eines Schiffes gefunden hatten, welches drei Jahre zuvor nördlich der sibirischen Inseln, also in 2900 Seemeilen Entfernung, untergegangen war. Dieser Fund gab Nansen zu denken. Er ließ ein Forschungsschiff bauen, welches eine Rumpfform besaß, die vom Packeis nicht zerdrückt werden konnte, nannte es „Fram“ und ließ sich an Bord dieses Schiffes am 22. September 1893 vor den Neusibirischen Inseln vom Meereis gefangen nehmen. Eingeschlossen im Eis trieben Schiff und Besatzung monatelang und über Hunderte Seemeilen zwischen der sibirischen Küste und dem Nordpol. Das Eis änderte immer wieder seine Richtung, bewegte sich mal nach Norden, dann wieder nach Süden, sodass die Männer, die viele Tiefenmessungen des Arktischen Ozeans vornahmen, zwischenzeitlich befürchteten, nicht vorwärts zu kommen. Außerdem trug das Eis sie nicht so weit nördlich, wie Nansen gehofft hatte. Dicke Packeisrücken blockierten ihnen den Weg.

Transpolardrift
Als Transpolardrift wird eine vom Wind angetriebene Eisdrift und Oberflächenströmung im eurasischen Teil des Arktischen Ozeans bezeichnet. Sie transportiert große Mengen arktischen Meereises aus den Schelfmeeren vor der sibirischen Küste über den Nordpol Richtung grönländische Ostküs­te, wo die Eisschollen in der Regel nach ein bis zwei Jahren den Nordatlantik erreichen und schmelzen.

Ihre nördlichste Position (85° 57' Nord) erreichte die „Fram“ am 16. Oktober 1895. Nansen und sein Begleiter Hjalmar Johansen hatten das Schiff zu dieser Zeit jedoch schon verlassen und waren mit Schlitten, Skiern und Kajaks Richtung Nordpol aufgebrochen. Weit kamen sie bei diesem Alleingang nicht. Das sich stetig bewegende Packeis zwang die beiden schließlich zur Rückkehr nach Franz-Josef-Land, wo sie in einer aus Steinen errichteten Hütte überwinterten. Im darauffolgenden Frühjahr sahen die beiden Entdecker keinen anderen Ausweg aus ihrer misslichen Lage, als im Kajak den Heimweg Richtung Spitzbergen anzutreten. Ihre Paddeltour endete glücklicherweise jedoch schon an der ebenfalls zum Franz-Josef-Land gehörenden Northbrookinsel. Dort trafen Nansen und Johansen zufällig auf eine Expedition des Briten ­Frederick George Jackson, der die beiden aufnahm und nach Norwegen zurückbrachte. Zeitgleich gab das Meereis Nansens Schiff nordwestlich Spitzbergens wieder frei. Am 9. September 1886 steuerte Kapitän Otto Sverdrup die „Fram“ in ihren Heimathafen Oslo – im Gepäck wertvolle Messergebnisse aus einer Region, die vor ihnen kein Mensch betreten hatte.
Auch wenn Nansen sein Ziel, den Nordpol, verfehlt hatte, so waren seine wissenschaftlichen Erkenntnisse umso bedeutender. Erstens setzte Nansens Expedition der lange verfochtenen These eines eisfreien Polarmeers ein Ende. Zweitens bestätigten seine Driftdaten die Existenz der Transpolardrift. Drittens belegten die Messdaten, wie tief das arktische Becken war und dass die vorgelagerten Inseln jeweils zu den Kontinenten gehörten. Außerdem hatte der Norweger festgestellt, dass die Driftrichtung des Eises nie parallel zur Windrichtung verlief, sondern die Schollen in ihrer Bewegung leicht nach rechts abgelenkt werden – ein Phänomen, welches seiner Meinung nach auf die Rotationsbewegung der Erde (Corioliskraft) zurückzuführen war. Wie man heute weiß, lag er auch mit dieser Annahme richtig.

Auf zur Robbenjagd in den Süden

Während das Nordpolargebiet zum Ende des 19. Jahrhunderts weitestgehend entdeckt war, blieb das Südpolargebiet lange Zeit noch ein weißer Fleck auf der Landkarte. Der Grund dafür war mangelndes Interesse. Nachdem James Cook frustriert umgekehrt war, vergingen 40 Jahre bis sich wieder eine Expedition weit nach Süden vorwagte. Der baltendeutsche Kapitän Fabian Gottlieb von Bellingshausen umfuhr in den Jahren 1819 bis 1821 auf einer von Russland ausgesandten wissenschaftlichen Antarktis-expedition den südlichen Kontinent und stieß an zwei Stellen auf Land. Er entdeckte die heutige Prinzessin-Martha-Küste, welche an das Weddellmeer grenzt, sowie zwei Inseln in der nach ihm benannten Bellingshausensee.
Seiner Auffassung nach handelte es sich beim sagenumwobenen Südland um einen großen Kontinent, der einzig und allein von Walen, Seehunden und Pinguinen bewohnt und deshalb geostrategisch nutzlos ist. Britische Wal- und Robbenfänger, die von den Berichten Bellingshausens hörten, witterten dagegen gute Geschäfte und starteten in den 20er- und 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts erste Fangexpeditionen Richtung Süden. Berichten zufolge löschten sie innerhalb weniger Jahre große Robbenbestände aus. Einer dieser Männer war der Seefahrer und Robbenjäger James Weddell, der insgesamt dreimal in das Südpolargebiet segelte. Auf seiner dritten Reise hatte er zwar wenig Jagderfolg, dafür waren die Eisverhältnisse so gut, dass sein Schiff bis auf 74° 15' Süd und 34° 17' West in eben jenes Meeresgebiet vordringen konnte, das heute seinen Namen trägt: das Weddellmeer.
Die Besatzungen der Fangschiffe wussten aber nicht nur zu jagen und zu fischen, sie betrieben auch geografische Studien und kartierten neu entdeckte Inseln oder Küstenabschnitte. Ab Anfang der 1890er-Jahre begleiteten Wundärzte die Walfänger und führten zusätzlich biologische und hydrografische Untersuchungen durch. Alle diese Kartierungen und Beobachtungen lieferten allerdings nur Einzelergebnisse, denn solange die Walfänger und Robbenjäger ihre Schiffsbunker an der Antarktischen Halbinsel und in anderen Regionen nördlich des südlichen Polarkreises mit Pelzen, Speck und Tran füllen konnten, besaßen sie keinen Grund, für Forschungszwecke weiter Richtung Süden zu fahren.

Die Suche nach dem magnetischen Südpol

Im Gegensatz zu den Wal- und Robbenfängern wollte die Wissenschaft schon früh weit über den Polarkreis hinaus. Bereits im Jahr 1836 hatte der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt (1769–1859) der Antarktis­forschung einen neuen Impuls gegeben, indem er dem Präsidenten der Royal Society in London vorschlug, gemeinschaftlich mit gleichen Instrumenten simultane Messungen des Erdmagnetfelds auf der Nord- und der Südhalbkugel vorzunehmen – und zwar vom Äquator bis zu den Polen. Humboldt hatte die Gründung des Göttinger Magnetischen Vereins unterstützt, eine Arbeitsgemeinschaft, die sich zum Ziel gesetzt hatte, weltweit gleichzeitige erdmagnetische Beobachtungen durchzuführen, und der schon bald 50 Observatorien angehörten.
Humboldts Vorschlag löste einen internationalen Wettlauf zum magnetischen Südpol aus, der als Magnetischer Kreuzzug in die Geschichtsbücher einging und in dessen Zuge viele neue Landstriche der Ostantarktis entdeckt wurden. Der französische Polarforscher Jules Dumont d’Urville beispielsweise fand unweit des vermuteten Magnetpols das Adélieland, in dem heute die nach ihm benannte französische Forschungsstation Dumont d’Urville steht. Der Amerikaner Charles Wilkes folgte 1840 mit seinem Schiff dem Verlauf der 2000 Kilometer langen Küste des heutigen Wilkeslands. Nur wenige Monate später stellte dann der Engländer James Clark Ross einen neuen Rekord auf, indem er auf seiner Suche nach dem magnetischen Pol in ein unbekanntes Seegebiet fuhr, das heutige Rossmeer, und dabei den 78. Breitengrad überquerte.
Auf dieser Reise (1839–1843) bestimmte Ross nicht nur die Position des Magnetpols in der Südhemisphäre, der seinen Messungen zufolge auf 75° 05' Süd und 154° 08' Ost lag. Der Engländer entdeckte außerdem die Abbruchkante des riesigen, später nach ihm benannten Rossschelfeises, das Viktorialand sowie eine Insel mit zwei majestätischen Vulkanen, denen er die Namen seiner zwei Schiffe gab: Erebus und Terror. Die Insel heißt heute übrigens – wen überrascht es – Rossinsel.

Eine nationale Angelegenheit

Nach Ross’ Erfolgsfahrten sank das Interesse der Wissenschaft an der Antarktis. Es mangelte an Motivation und finanziellen Mitteln, weitere der teuren Forschungsreisen in das Südpolargebiet zu organisieren. Zwei Ausnahmen gibt es allerdings. Als sich für das Jahr 1874 der Durchgang der Venus vor der Sonne ankündigte und sich somit die Gelegenheit bot, den Abstand von der Erde zur Sonne (astronomische Einheit) zu bestimmen, richteten England, Deutschland und die USA auf den Kerguelen, einer Inselgruppe im südlichen Indischen Ozean, astronomische Observatorien ein. Acht Jahre später ließ Georg von Neumayer aus Anlass des Ersten Internationalen Polarjahrs auch auf Südgeorgien ein Observatorium bauen, um den zweiten Venustransit des 19. Jahrhunderts zu beobachten. In erster Linie aber diente die Station der Wetterbeobachtung und der Messung des Erdmagnetfelds.
Der Ehrgeiz der Polarforscher erwachte erst wieder kurz vor der Jahrhundertwende. Die Initialzündung gab im Jahr 1895 der sechste Internationale Geografenkongress, der in London stattfand. Dort empfahlen führende Wissenschaftler die Erforschung der noch unbekannten Antarktis als letzte Herausforderung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte nämlich noch niemand mit Gewissheit sagen, ob die Antarktis nun ein zusammenhängender eisbedeckter Kontinent war oder nicht doch ein gigantisches Atoll, in dessen Zentrum sich ein mit Eis bedecktes Meer befand, welches man – wie in der Arktis – sogar befahren könnte.
Bei der dadurch motivierten „Belgica“-Expedition (1897–1899) unter Leitung des noch unerfahrenen belgischen Polarforschers Adrien de Gerlache de Gomery überwinterten erstmals Menschen im Packeis der Antarktis, wenn auch unfreiwillig, weil das Schiff nicht recht­zeitig wieder freikam. Englische und deutsche Polarforscher planten derweil mehrere große Expeditionen und teilten die Antarktis in vier gleich große Quadranten ein. Das deutsche Arbeitsgebiet lag im Weddellmeer und in der Enderby-Region; die Engländer wollten sich auf die Viktoria- und die Ross-Quadranten konzentrieren. Außerdem verabredeten die Polarforscher, zeitgleiche meteorologische und magnetische Messungen vorzunehmen, um die Daten vergleichen und die Antarktis somit im Sinn Weyprechts systematisch erforschen zu können.
1.28 > Das deutsche Polar­forschungs­schiff „Gauß“ blieb im März 1902 bei der ersten deutschen Südpolar­expedition im Meereis stecken. Expe­ditions­leiter Erich von Drygalski ließ daraufhin Zelte und Mess­in­stru­mente auf dem Eis aufbauen, sodass täglich Forschung betrieben werden konnte.
Abb. 1.28 © ullstein bild
Diese enge wissenschaftliche Kooperation zwischen Deutschland und England war zu diesem Zeitpunkt bemerkenswert, befanden sich doch beide Länder in großer wirtschaftspolitischer Konkurrenz zueinander. Die Ära des kolonialen Imperialismus hatte begonnen, der internationale Wettbewerb um Märkte und Rohstoffe zugenommen. Deutschland, als aufstrebende Seemacht, gierte geradezu nach mehr Einfluss und Bedeutung; das Vereinigte Königreich wollte beides auf keinen Fall verlieren. Aus diesem Grund unterstützten beide Regierungen die jeweiligen Pläne ihrer Wissenschaftler. Die Antarktisforschung wurde als nationale Pflicht und Kulturaufgabe betrachtet, deren Erfüllung Ehre und Vorteile versprach. Deshalb stellten beide Staaten unabhängig voneinander nach langem Bitten und Betteln der Wissenschaftler auch Steuergelder bereit – allerdings nur für die jeweils eigene Expedition.
Die wissenschaftlichen Ergebnisse der fünf Forschungsfahrten, an denen sich am Ende auch Schiffe aus Schweden, Schottland und Frankreich beteiligten, konnten sich sehen lassen: Alle Expeditionen stießen auf ­Neuland. Zudem stand nun fest, dass die Antarktis ein Kontinent ist – und kein Atoll. Anhand von Luftdruckmessungen konnten die Forscher nun auch Rückschlüsse auf die Höhe der eisbedeckten Landmasse ziehen. Demnach ragt Antarktika im Durchschnitt 2000 ± 200 Meter in die Höhe.
Ruhm und Ehre wurden nach Rückkehr der Wissenschaftler allerdings nur den Engländern zuteil. In Deutschland beurteilten Kaiser und Öffentlichkeit die Ergebnisse der ersten deutschen Antarktisexpedition (1901–1903) als schmähliches Abschneiden, weil das Schiff unter wissenschaftlicher Leitung Erich von Drygalskis schon am Südpolarkreis vom Eis festgesetzt worden war und die Wissenschaftler nicht so weit in den Süden vorgestoßen waren wie die britische Expedition unter Robert Falcon Scott. Im politischen Berlin herrschte damals noch die altmodische Auffassung, dass der Sinn geografischer Forschung einzig und allein darin bestand, weiße Flecken von der Landkarte zu entfernen oder den Pol zu erreichen. Welche wertvollen meteorologischen, magnetischen, ozeanografischen und biologischen Daten Drygalski während seiner Expedition gesammelt hatte, konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehen. Zwar zog sich ihre Auswertung über drei Jahrzehnte hin, lieferte aber weitreichende Erkenntnisse. Allein die Ergebnisse der biologischen Sammlungen füllten am Schluss statt der vorgesehenen drei insgesamt 13 Bände, die heutzutage im Rahmen der modernen Biodiversitätsforschung immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Der tragische Wettlauf zu den Polen

Mit der Jahrhundertwende begann auch jene Phase der Polarforschung, über die bislang wohl die meisten Bücher geschrieben worden sind – die Zeit der Helden und tragischen Verlierer im sportlichen Wettkampf um die schlagzeilenträchtigste Expedition oder aber den Titel „Erster Mensch am Nord- oder Südpol“. Im Gegensatz zu den national organisierten Antarktisreisen der Jahre 1901 bis 1905, spielten nun wieder Individualisten die Hauptrolle. Diese Generation der Entdecker, Forscher und Abenteurer verlangte sich und ihren Begleitern höchsten körperlichen Einsatz ab, war nicht immer bestens auf ihre Reisen vorbereitet, dafür aber bereit, für Ruhm und Ehre enorme Risiken einzugehen. Eine heroische Einstellung, die am Ende zum Tod vieler Menschen führte und erfahrene Polarforscher an der Sinnhaftigkeit solcher Unternehmungen zweifeln ließ.
Fridtjof Nansen beispielsweise bedauerte nach der gescheiterten Spitzbergenexpedition des deutschen Offiziers Herbert Schröder-Stranz im Jahr 1912 zutiefst, dass er die Tragödie nicht hatte verhindern können. Er wird mit den Worten zitiert: „Hätten diese Leute ein klein wenig Erfahrung in Eis und Schnee gehabt, so hätte sich all dieses Elend leicht vermeiden lassen! Reisen in jene Gegenden können wahrhaftig genug Schwierigkeiten ­bieten, ohne dass man diese durch leichtsinnige Aus­rüstung und Überfluss an Unkenntnis noch zu vergrößern braucht.“
Der Ostpreuße Herbert Schröder-Stranz war im August 1912 nach Spitzbergen gesegelt, um dort Polarerfahrung für eine von ihm geplante Durchquerung der Nordostpassage zu sammeln. Auf Spitzbergen, genauer gesagt auf Nordostland, der zweitgrößten Insel im Nord­osten des Archipels, aber verschwanden er und drei seiner Begleiter, als sie versuchten, die Insel mit dem Hundeschlitten zu durchqueren. Schröder-Stranz’ Schiff wurde wenige Tage später in der Sorgebai vom Packeis umschlossen, sodass sich Teile der Besatzung entschlossen, zu Fuß zur nächsten Siedlung aufzubrechen. Auch diese Entscheidung erwies sich als Fehler. Am Ende überlebten nur sieben von 15 Expeditionsmitgliedern.
Ebenso tragisch endete der Wettlauf zum Südpol, den der Norweger Roald Amundsen und der Brite Robert Falcon Scott austrugen. Amundsen, der auf Fridtjof Nansens Schiff „Fram“ in die Antarktis gesegelt war, gewann das Rennen. Er und vier seiner Männer, allesamt trainierte Skiläufer, stießen auf Hundeschlitten in das Innere des eisigen Kontinents vor und erreichten am 14. Dezember 1911 als Erste den Südpol – 34 Tage vor ihren Rivalen. Im Anschluss kehrten sie unversehrt in ihre Heimat zurück. Ihre Konkurrenten dagegen hatten nicht so viel Glück. Wegen schlechten Wetters erreichten Scott und seine vier Begleiter auf ihrem Rückweg über das Rossschelfeis das rettende Lebensmitteldepot nicht mehr. Der antarktische Winter hatte sie eingeholt, die Männer starben an Erfrierungen und Erschöpfung.
In Deutschland wurden der Erfolg beziehungsweise der Misserfolg deutscher Polarexpeditionen in Wissenschaftskreisen ausführlich analysiert. Die Experten kamen zu dem Schluss, dass künftige Forschungsreisen in das Nord- oder Südpolargebiet grundlegende Anforderungen erfüllen müssten. So sollten sie eine feste Organisation haben, die gemeinsam mit Institutionen und Behörden die notwendigen Geldmittel einwerben und Richtlinien für die Expeditionsausrüstung aufstellen würde. Außerdem forderten die Wissenschaftler eine regelmäßig erscheinende Fachzeitschrift für die Polarforschung. Bis dato waren die meisten Publikationen zum Thema Arktis- und Antarktisforschung in verschiedenen Periodika erschienen, sodass es für viele interessierte Leser schwierig war, Zugang zu den verstreuten Artikeln und Berichten zu erhalten.
Einigen dieser Wünsche kamen neue Vereinigungen nach, die sich nach dem Ersten Weltkrieg gründeten. Dazu gehörten unter anderem die „Internationale Studiengesellschaft zur Erforschung der Arktis mit dem Luftschiff“, später Aeroarctic genannt, sowie das Archiv für Polarforschung, der heutigen Deutschen Gesellschaft für Polarforschung. Beide Institutionen gaben Fachzeitschriften heraus. Im Archiv wurde zudem auch Material für die Vorbereitung von Expeditionen gesammelt.
1.29 > Ein Propeller­schlitten, hergestellt von der Staatlichen Finnischen Flugzeug­fabrik. Der deutsche Polar­forscher Alfred Wegener ließ sich zwei Exem­plare für seine Grönland­expe­dition fertigen. Doch die beiden Mobile „Schneespatz“ und „Eisbär“ versagten im Einsatz.
Abb. 1.29 © Johannes Georgi, Archiv des Alfred-Wegener-Instituts

Mit Zeppelin und Flugzeug ins Eis

Nach dem Ersten Weltkrieg hielten moderne Technologien, Kommunikations- und Transportmittel wie Radiosonden, Funkgeräte, Luftschiffe, Flugzeuge und Motorschlitten Einzug in die Polarforschung. Einer der Ersten, der sich diese Neuerungen zunutze machte, war Südpolent­decker Roald Amundsen. Er ließ sich bereits im Jahr 1914 in Norwegen zum Flugzeugpiloten ausbilden und hob mit seiner Crew im Mai 1925 mit zwei Dornier-Flugbooten auf Spitzbergen Richtung Nordpol ab. Sein Ziel erreichte der Abenteurer jedoch nicht. Als beide Maschinen bei 88 Grad Nord auf dem Meereis landeten, weil Amundsen eine genaue Ortsbestimmung mit einem Sextanten durchführen wollte, kam eines der Flugzeuge zu Schaden. Die verbleibende Maschine wieder abheben zu lassen, wurde für die sechs Expeditionsteilnehmer zum Überlebenskampf. Rund drei Wochen vergingen, bis es ihnen gelang, auf einer großen, stabilen Eisscholle eine Startbahn anzulegen. Am Ende mussten sie den Neuschnee darauf vier Tage lang mit den Füßen festtreten. Als schließlich der sechste Startversuch glückte, konnte das Expeditionsteam nach Spitzbergen zurückkehren.
Diese Beinahekatastrophe war für Amundsen jedoch kein Grund, seinen Plan vom Flug zum Nordpol aufzu­geben. Bereits ein Jahr später gelang ihm gemeinsam mit seinem Geldgeber Lincoln Ellsworth und dem italienischen General und Luftfahrtpionier Umberto Nobile die Sensa­tion. Im Luftschiff „Norge“ flogen sie nicht nur bis zum Nordpol, sondern überquerten als erste Menschen den Arktischen Ozean gleich ganz, und landeten nach 70 Stunden Flugzeit in Alaska.
Zwei Jahre später steuerte Umberto Nobile erneut ein von ihm selbst konstruiertes Luftschiff Richtung Nordpol, um während des Fluges umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen. Die „Italia“ aber stürzte ab – ein Unfall mit weitreichenden Folgen. Bei der anschließenden Suchaktion nach Überlebenden des Absturzes fand unter anderem auch Roald Amundsen den Tod.
1.30 > Das Luftschiff „Norge“, mit dem Roald Amundsen und sein Gefolge im Mai 1926 von Spitz­bergen aus den Nordpol überflogen. Es war 109 Meter lang und erreichte eine Höchst­geschwindigkeit von 85 Kilometern pro Stunde.
Abb. 1.30 © Tallandier/­Bridgeman Images
Nicht alle technischen Neuentwicklungen dieser Zeit erwiesen sich als polartauglich, so zum Beispiel die Propellerschlitten, die der deutsche Polarforscher Alfred Wegener (1880–1930) für den Lastentransport auf seiner Grönlandexpedition (1930–1931) eingeplant hatte. Im frisch gefallenen Neuschnee versagten die schweren Gefährte, was durch eine Verkettung unglücklicher Umstände zu Wegeners Tod auf dem Grönländischen Inlandeis führte.
Allerdings wurde in dieser Periode der technischen Neuerungen auch ein weiterer Grundstock für die moderne Polarforschung gelegt. Als Beispiel dafür kann ebenfalls Wegeners Grönlandexpedition gelten. Für sie hatten die Wissenschaftler drei Expeditionspläne zu einem übergeordneten Plan zusammengefasst, sodass die Teilnehmer der Expedition ein Thema – in diesem Fall das Inlandeis beziehungsweise das Wetter auf dem Grönländischen Eisschild – aus jeweils unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven bearbeiteten.
Je häufiger Luftschiffe nun lange Strecken zurücklegten, desto offensichtlicher wurde, dass man beispielsweise für Transatlantikflüge von Europa nach Nordame­rika zuverlässige Wetterdaten aus dem Nordpolargebiet benötigte. Diese wurden damals aber nur an einigen wenigen Stationen gesammelt und konnten lokale Wetter­phänomene über den großen arktischen Inseln und über dem Grönländischen Inlandeis nicht ausreichend vorhersagen.
Wissenschaftler und Industrie forderten deshalb den Ausbau des Wetterbeobachtungsnetzwerks sowie Messungen in höheren Luftschichten der Arktis.
Dieser Forderung kam man im Zuge des Zweiten Internationalen Polarjahres (August 1932 bis August 1933) nach, als ein dichtes Messnetz über die Arktis gelegt wurde. Die Wissenschaftler ließen Wetterballone mit Radiosonden im Schlepptau steigen. Parallel dazu gab es Flugzeugmessungen in den oberen Luftschichten, deren Ergebnisse helfen sollten, den Einfluss des Polarwetters auf die Wetterabläufe in den mittleren Breiten besser zu verstehen.
Die neuen technischen Möglichkeiten sowie die verbesserten Wettervorhersagen ermöglichten im Lauf der Zeit eine zunehmend erfolgreichere Polarforschung. Expeditionen in beide Polargebiete wurden fortan gut ausgerüstet, Technik und Teilnehmer auf Vorexpeditionen ge­testet und auf den Einsatz im Polargebiet gründlich vorbereitet. Die Verwendung von Flugzeugen erlaubte es, die Eis- oder Landoberfläche zu verlassen und große Gebiete aus der Luft zu erkunden. Die Expeditionsergebnisse, so die Erfahrung, sollten möglichst von staatlichen Stellen oder ähnlich übergeordneten Institutionen veröffentlicht werden. Außerdem begann man, von einer oder mehreren Basisstationen aus, Feldforschung in den Polargebieten zu betreiben, so zum Beispiel auf Spitzbergen und auf der Antarktischen Halbinsel.

Ein Kontinent für die Forschung

Mit der Zahl der Forschungsstationen und Überwinterungen in der Antarktis wuchsen nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings auch die Besitzansprüche auf Gebiete in der Südpolarregion. Anrainer- und Nachbarstaaten wie Argentinien, Chile, Australien und Neuseeland meldeten Forderungen auf bestimmte Regionen an; Norwegen, Großbritannien und Frankreich wollten ebenfalls ein Stück vom Kuchen für sich.
In dieser durch den Kalten Krieg politisch sehr angespannten Situation führten norwegische, britische und schwedische Wissenschaftler im Zeitraum von 1949 bis 1952 gemeinsam seismische Messungen im Königin-Maud-Land östlich des Weddellmeers durch, um die Dicke des Antarktischen Eisschilds in diesem Randgebiet zu vermessen. Diese Expedition gilt bis heute als Vorbild für die internationale Zusammenarbeit in der Polarforschung.
Nur wenig später, von 1957 bis 1958, gelang es der internationalen Wissenschaftsgemeinde, das Internationale Geophysikalische Jahr durchzuführen, welches als Drittes Internationales Polarjahr in die Geschichte ein­ging. Es war zum damaligen Zeitpunkt das größte meteorologische und geophysikalische Experiment, das durchgeführt wurde. Erstmals errichteten zwölf Staaten insgesamt 55 Stationen in der Antarktis – und das nicht nur am Rand des arktischen Kontinents, sondern auch am Südpol selbst und an anderen Stellen des Eisplateaus. Mithilfe damals modernster Methoden, darunter dem Einsatz der ersten russischen und amerikanischen Satelliten, wurden nun die Antarktis und die Atmosphäre darüber umfassend erforscht.
Auf diese Weise gaben die Wissenschaftler den Anstoß für eine friedliche und rein wissenschaftliche Nutzung des Kontinents und legten den Grundstein für den Antarktisvertrag, der im Jahr 1959 von zwölf Staaten unterzeichnet wurde und 1961 in Kraft trat. Darin stellten alle Unterzeichner nicht nur ihre Besitzansprüche zurück. Sie stimmten außerdem zu, dass:
  • die Antarktis nur friedlich genutzt werden darf;
  • sie eine internationale Zusammenarbeit in der Forschung mit ungehindertem Informationsaustausch unterstützen;
  • sie eine internationale Zusammenarbeit in der Forschung mit ungehindertem Informationsaustausch unterstützen;
  • militärische Aktivitäten in der Antarktis untersagt sind;
  • radioaktive Abfälle hier weder eingeführt noch entsorgt werden dürfen.
Bis heute haben 54 Staaten den Antarktisvertrag unterschrieben und sich dazu verpflichtet, die Antarktis dauerhaft zu schützen und das Gebiet südlich des 60. Breitengrads ausschließlich friedlich zu nutzen. Unter den Unterzeichnerstaaten befinden sich 29 sogenannte Konsultativstaaten. Diese führen Forschungen in der Antarktis durch und sind bei ihren Treffen (Antarctic Treaty ­Consultative Meet­ings), zu denen auch die anderen Unterzeichner eingeladen sind, stimmberechtigt. Auf den jährlichen Konferenzen werden Grundsätze und Ziele des Vertrags nach dem Einstimmigkeitsprinzip überarbeitet und ergänzt.
Die Forschungsaktivitäten im Südpolargebiet werden seit dem Inkrafttreten des Antarktisvertrags durch das damals gegründete Scientific Committee on Antarctic Research (SCAR) koordiniert. Eine ähnliche Rolle nimmt das International Arctic Science Committee (IASC) im Nordpolargebiet ein. Dabei setzt es jedoch auf die freiwillige Mitarbeit aller in der Arktis forschenden Nationen. Ein Regelwerk wie den Antarktisvertrag gibt es für die Arktis nicht. Dazu liegen die politischen und wirtschaft­lichen Interessen zu weit auseinander.
Im Gegensatz zu den Anfängen der Polarforschung sind wissenschaftliche Expeditionen heutzutage keine Abenteuerreisen ins Ungewisse mehr. Satellitendaten legen das Ausmaß der Meereisbedeckung offen und ermöglichen eine Routenplanung mit Weitsicht. Wetterdienste warnen in der Regel rechtzeitig vor aufziehenden Unwettern, und aus so mancher wissenschaftlich spannenden Region senden automatisierte Messsysteme wie Argo-Gleiter, Untereisverankerungen, Wetterstationen und Meereisbojen via Funk die Daten direkt an die Forschungsinstitutionen.
Allen technischen Errungenschaften zum Trotz aber erschweren nach wie vor die Eisbedeckung, das extreme Klima und die geografische Abgeschiedenheit vieler polarer Gebiete die wissenschaftliche Arbeit, sodass Polarforschung auch heute nur dank internationaler Zusammenarbeit gelingen kann. Textende