Nahrung aus dem Meer
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WOR 7 Lebensgarant Ozean – nachhaltig nutzen, wirksam schützen | 2021

Wachstumssektor Aquakultur

Wachstumssektor Aquakultur Abb. 3.23: Adam ­Ferguson/NYT/Redux/laif

Wachstumssektor Aquakultur

> Fast die Hälfte aller weltweit verspeisten Fischereiprodukte stammt mitt- lerweile aus Aquakulturhaltung, wobei nur jeder dritte Fisch oder Krebs im Meer aufgewachsen ist. Der Rest wurde in Süßwasseranlagen gezüchtet. Experten sagen der Nahrungsmittelproduktion im Meer dennoch eine große Zukunft voraus – vorausgesetzt, es gelingt, Nachhaltigkeitskonzepte umzu- setzen und den Umweltfußabdruck der Teich- und Käfighaltung deutlich zu verringern. Ideen, wie das gelingen könnte, gibt es viele.

Nahrung aus Teichen und Käfigen

Die Bedeutung der Aquakultur hat in den zurückliegenden 20 Jahren enorm zugenommen. Stammte im Jahr 2000 gerade mal ein Viertel aller Fischereiprodukte aus Aquakulturanlagen, ist es heutzutage fast die Hälfte. Damit stellt die Aquakulturhaltung den am schnellsten wachsenden Sektor der Nahrungsmittelherstellung dar. Im Jahr 2018 wurden nach Angaben der FAO auf der ganzen Welt 114,5 Millionen Tonnen Fisch, Algen und Meeresfrüchte mit einem Marktwert von 263,6 Milliarden US-Dollar in Aquakultur produziert – mehr als jemals zuvor. Der Anteil aquatischer Tiere belief sich dabei auf 82,1 Millionen Tonnen; die Produktion der Algen summierte sich auf 32,4 Millionen Tonnen.
Etwa zwei Drittel der weltweit gezüchteten Fische, Krabben, Muscheln und anderen Organismen stammten aus Seen, Teichen oder Süßwasseranlagen an Land. In Küsten- und mariner Aquakultur, dazu gehören Salzwasserteiche entlang der Küste und Käfige in Küstengewässern, wurden im Jahr 2018 insgesamt 30,8 Millionen Tonnen Tiere produziert. Der überwiegende Teil davon waren Muscheln (56,2 Prozent; 17,3 Millionen Tonnen). Die Gesamtmenge der im Meer gezüchteten Flossenfische betrug 7,3 Millionen Tonnen; die Produktion der Krebstiere belief sich auf insgesamt 5,7 Millionen Tonnen.
Zuwächse wie diese haben weltweit die Hoffnung geweckt, dass die Zucht von Fisch und Meeresfrüchten in Aquakultur eine Lösung sein könnte, die wachsende Weltbevölkerung auch in Zukunft noch mit ausreichend tierischem Eiweiß versorgen zu können – und das mit einem deutlich geringeren Ressourceneinsatz und Treibhausgasausstoß als in der Tierzucht an Land. Im Gegensatz zu Schweinen, Rindern oder Ziegen verwenden Fische nämlich keine Energie für das Erzeugen von Körperwärme. Stattdessen geht ein Großteil der mit dem Futter aufgenommenen Kalorien direkt ins Wachstum, weshalb sich bei gleichem Futtereinsatz deutlich mehr Fisch- als Rind-, Schweine- oder Ziegenfleisch erzeugen lässt.
Optimistischen Berechnungen zufolge könnte auf weniger als 0,015 Prozent der Meeresfläche so viel Fisch in Aquakultur produziert werden, wie derzeit noch durch Wildfänge angelandet wird. Ließe man schützenswerte Meeresgebiete wie Korallenriffe sowie mögliche soziale, ökologische und ökonomische Bedenken zunächst einmal außer Acht, wäre die Fischzucht theoretisch auf über 11,4 Millionen Quadratkilometer Meeresfläche möglich; Muscheln könnten auf über 1,5 Millionen Quadratkilo­metern angebaut werden, argumentieren auf Aquakultur ­spezialisierte Biologen. Würde man all diese Fläche tatsächlich nutzen, ließen sich pro Jahr schätzungsweise 15 Milliarden Tonnen Fisch produzieren – fast 100-mal mehr als jene Menge Fisch und Meeresfrüchte, die Menschen bislang pro Jahr verspeisen.
3.22 > Die Fischzucht in Aquakultur ist ein Geschäftsfeld mit Wachstumspotenzial, wie dieser Vergleich zeigt. Würden alle Küstenstaaten der Welt ein Prozent ihrer geeigneten Küstengewässer für eine nachhaltige Fischzucht nutzen, würden sich die Produktionsmengen in den meisten Ländern vervielfachen. Ausgenommen davon sind China und Norwegen. Beide produzieren heute schon mehr Zuchtfisch im Meer, was auf intensive Aquakulturmethoden oder aber auf eine größere Flächennutzung hinweist.
Abb. 3.22 nach Gentry et al., 2017

 

Abb. 3.22 nach Gentry et al., 2017
Andere Wissenschaftler wiederum sehen sowohl die Steigerungsraten als auch das Wachstumspotenzial der Aquakultur kritisch. Nach ihrer Auffassung stammen die bisherigen Zuwächse in der FAO-Aquakulturstatistik vor allem aus inländischer Fischzucht in China, deren Zahlen als höchst fragwürdig gelten und eher provinzielle Planvorgaben darstellen als tatsächliche Produktion. Würde man die Statistik bereinigen, käme heraus, dass die marine Aquakultur ihren Zenit erreicht hätte und die Süßwasseraquakultur kaum noch wächst. Um Fisch und Meeresfrüchte als Proteinquelle für viele Menschen auch in Zukunft nachhaltig nutzen zu können, sollte vielmehr das oberste Ziel sein, die Meeresfischerei auf eine langfristig angelegte und nachhaltige Art und Weise zu betreiben. Stattdessen aber setzten die falsch informierten Politiker auf einen Ausbau der Aquakultur, dabei schade diese in bestimmten Bereichen sogar der Ernährungssicherheit. Etwa indem wild gefangene Speisefische wie Sardellen, Sprotten, Heringe und Makrelen zum Großteil nicht direkt konsumiert, sondern zu Fischfutter für Lachse und andere in Aquakulturhaltung gezüchtete Raubfische verarbeitet würden. Dabei werde dann mehr Fisch verfüttert, als am Ende im Verkauf lande, so die Kritiker.
Befürworter der Aquakultur entgegnen, dass Kritik an negativen Praktiken der Aquakultur durchaus berechtigt und wichtig sei. Sie dürfe jedoch nicht dazu führen, dass auch positive Vorhaben in Verruf gerieten und sich politische Entscheidungsträger übervorsichtig gegenüber ­neuen Aquakulturansätzen verhielten. In überfischten Regionen wie der Ostsee könnte nachhaltige Aquakultur durchaus dazu beitragen, die Situation von Fischern und Wildbeständen langfristig zu verbessern.
Fakt aber ist auch: Weniger als ein Drittel der in Aquakultur gezüchteten Fische und wirbellosen Tiere kommt mittlerweile ohne zusätzliches Futter aus. Damit ist ihr Anteil in den zurückliegenden 20 Jahren deutlich gesunken, allerdings bei Zunahme der Gesamtmenge der futterlos aufgezogenen Tiere auf 25 Millionen Tonnen. Zur Jahrtausendwende wurden noch 43,9 Prozent aller in Aquakultur gezüchteter Tiere ohne zusätzliches Futter aufgezogen. Mittlerweile sind es nur noch 30,5 Prozent, wobei der größte Teil davon Muscheln sind, die sich ihr Futter aus dem Meer- oder Brackwasser filtern.
Die Zucht von Fischen, Muscheln und Krebstieren in mariner Aquakultur oder küstennahen Salzwasserteichen wird mittlerweile rund um den Erdball betrieben. Die drei größten Meeresfischproduzenten sind China, Norwegen und Indonesien. Gemeinsam produzierten sie im Jahr 2018 mehr Flossenfische (3,8 Millionen Tonnen) als die gesamte restliche Welt (3,6 Millionen Tonnen). Die marine Krabben- und Krebstierzucht wird von China, Indonesien und Vietnam dominiert. Die marine Muschelzucht dagegen liegt fast ausschließlich in chinesischer Hand. Die Volksrepublik produzierte im Jahr 2018 rund 14,4 Millionen Tonnen Meeresmuscheln und damit fast siebenmal mehr als die restliche Welt zusammen.
3.23 > Algenfarmer auf den Salomonen bringen frisch geerntete Großalgen an Land. Die Pflanzenzucht im Meer ist schwere körperliche Arbeit und für viele Küstenbewohner die einzige Einnahmequelle.
Abb. 3.23 Adam ­Ferguson/NYT/Redux/laif

Die Zukunft gehört den Großalgen

China ist auch der führende Produzent von Großalgen und Seegräsern, deren weltweite Erntemenge sich in den zurückliegenden 20 Jahren nahezu verdreifacht hat. Die Algenzucht ist somit der am schnellsten wachsende Aquakultursektor. Waren es im Jahr 2000 noch 10,6 Millionen Tonnen Algen und Seegras, produzierten die vornehmlich in Ost- und Südostasien ansässigen Algenfarmen im Berichtsjahr 2018 schon 32,4 Millionen Tonnen. Mehr als 85 Prozent dieser Produktion wurde allein in China und Indonesien erzeugt.
Zwei Verkaufsschlager der Algenfarmer sind die tropischen Seegrasarten Kappaphycus alvarezii und Eucheuma spp., woraus Carrageen gewonnen wird, ein temperaturbeständiges Gelier- und Verdickungsmittel, welches in der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie eingesetzt wird, etwa bei der Herstellung vegetarischer Brotbeläge. In der Europäischen Union ist es als Lebensmittelzusatzstoff und Dickungsmittel mit der Nummer E 407 zugelassen. Andere in Aquakultur gezüchtete Großalgen wie der Japanische Blatttang (Laminaria japonica) oder die Braunalge Wakame (Undaria pinnatifida) werden direkt als Nahrungsmittel verkauft und in der asiatischen Küche zum Beispiel als Suppeneinlage serviert. Produktionsreste oder minderwertige Algen werden in der Regel nicht entsorgt, sondern unter anderem als Futter in der Muschelzucht einge- setzt – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu geschlossenen Nährstoffkreisläufen und mehr Nachhaltigkeit.
Da Großalgen und Seegräser sehr nährstoffreich sind und für ihre Aufzucht kein Dünger oder Futter benötigt wird, welche das Küstenwasser belasten könnten, gilt ihre Zucht als umweltfreundliche Methode der Lebensmittelproduktion. Aus diesem Grund interessieren sich mittlerweile auch Hersteller in anderen Regionen der Welt für die Algenzucht. Um den ökologischen Fußabdruck des Lebensmittelsektors jedoch zu verkleinern, müsste die Großalgenproduktion massiv ausgebaut werden. Wissenschaftler haben ein solches Szenario einmal durchgerechnet: Würde die Menschheit das Ziel verfolgen, nur ein Prozent aller Lebensmittel aus Algen zu produzieren, müssten 147-mal mehr Algen für den menschlichen Verzehr angebaut werden, als dies bislang der Fall ist.
Ähnliche oder sogar noch größere Mengen würden benötigt, sollten weitere Verwendungsideen für Groß­algen umgesetzt werden. Diskutiert wird zum Beispiel, unter welchen Voraussetzungen sich aus Rot- und Braun­algen Bioethanol und Biomethan herstellen ließen. Beide Erzeugnisse könnten fossile Rohstoffe ersetzen. Einige der Algen enthalten zudem Omega-3-Fettsäuren und könnten daher als Fischmehl- oder Fischölersatz in Aquakultur­anlagen eingesetzt werden. Studien in der Tierhaltung zeigen, dass Großalgen, an Rinder verfüttert, den Methan­ausstoß der Wiederkäuer senken. Als Düngemittel auf die Felder gebracht, erhöhen sie wiederum den Nährstoff­gehalt des Bodens.
3.24 > Der Riesentang (Macrocystis pyrifera) bildet vor der Pazifikküste Nordamerikas dichte Kelpwälder. Die Braunalge wird bis zu 45 Meter lang und ist damit das größte fest am Boden verankerte Meeres­lebewesen der Welt.
Abb. 3.24 mauritius images/Ethan Daniels/Alamy
Noch häufiger aber wird die Algenzucht mittlerweile im Zusammenhang mit der Frage diskutiert, wie es gelingen kann, der Atmosphäre auf natürliche Art und Weise große Mengen Kohlendioxid für lange Zeit zu entziehen. Die natürlich vorkommenden Großalgenwälder (auch Kelp­wälder genannt) der Welt binden durch ihre Photosynthese pro Jahr etwa 1,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Etwas mehr als ein Zehntel davon, geschätzte 173 Millionen Tonnen, werden am Standort im Meeresboden eingelagert oder in die Tiefsee transportiert und somit dem Kohlenstoffkreislauf der Erde entzogen. Die Kelpwälder leisten auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der Kohlendioxidkonzentration im Ozean und der Atmosphäre.
Das Klimapotenzial der bislang in Aquakultur gezüchteten Algen ist im Vergleich dazu eher gering. Hätte man zum Beispiel alle im Jahr 2014 geernteten Großalgen aus Aquakultur (Gesamtmenge 27,3 Millionen Tonnen) nicht verarbeitet, sondern stattdessen in der Tiefsee versenkt, wären dem System lediglich 0,68 Millionen Tonnen Kohlenstoff entzogen worden – also nur 0,4 Prozent dessen, was die natürlichen Kelpwälder leisten. US-amerikanische Wissenschaftler haben jedoch in einer Studie herausgefunden, dass eine industrielle Aufzucht von Großalgen auf einer Meeresfläche von 48 Millionen Quadratkilometern möglich wäre. Das entspricht ungefähr der fünffachen Fläche der USA. Diese vollständig für die Algenzucht zu nutzen, würde nach Ansicht der Forscher vermutlich am Aufwand und an den Kosten scheitern. Regional aber kann die Zucht von Großalgen als Maßnahme zur Kohlenstoffbindung und -einlagerung durchaus Sinn machen – zumal die Großalgen während ihres Wachstums auch dazu beitragen, dass der pH-Wert des Wassers sinkt und sein Sauerstoffgehalt steigt, solange die Algen nicht absterben und von Mikroorganismen wieder zersetzt werden.
Auf lange Sicht aber wird selbst eine intensivere Algenzucht allein nicht ausreichen, um die Erderwärmung aufzuhalten. Während nämlich die Kelpwälder der Welt dem Klimasystem der Erde rund 173 Millionen Tonnen Kohlenstoff pro Jahr entziehen, fügte der Mensch durch das Verbrennen von Kohle, Erdöl und -gas allein im Jahr 2019 rund zehn Milliarden Tonnen hinzu. Um diese Menge aufzunehmen und zu speichern, bräuchten die Kelp­wälder rund 60 Jahre. Nichtsdestotrotz gilt es, das enorme Potenzial der Algenzucht besser zu nutzen. Sinnvoll geplant und umgesetzt, könnten durch eine groß­flächige Algenzucht das Klima geschützt, die Nahrungs­sicherheit verbessert, neue nachhaltige Rohstoffquellen erschlossen und die Lebensbedingungen für Meeresorganismen verbessert werden.

 

Fischmehl und Fischöl
Fischmehl ist ein eiweißhaltiges, mehlartiges Produkt, welches hergestellt wird, indem ganze Fische oder Fischreste getrocknet und anschließend fein gemahlen werden. Für Fischöl dagegen wird gekochter Fisch ausgepresst und die dabei austretende Flüssigkeit in ihre Bestandteile getrennt.

Die Schattenseiten der Aquakultur

Der Ausbau und die Intensivierung der Aquakultur in Küstengewässern bergen eine Reihe von Gefahren für die Ökosysteme des Meeres, insbesondere bei der Aufzucht von Tieren. In Südostasien beispielsweise wurden im Zeitraum von 2000 bis 2012 rund 100 000 Hektar wertvoller Mangrovenwälder abgeholzt. Fast ein Drittel des Waldes musste weichen, weil an seiner Stelle küstennahe Teiche für die Garnelenzucht angelegt wurden. In Indonesien betrug der Anteil der wegen Aquakultur abgeholzten Mangrovenflächen sogar fast 50 Prozent. In den gleichen Regionen waren bereits in den 1990er-Jahren viele Küstenabschnitte umgestaltet, um die devisenbringende Garnelenzucht auszubauen. Infolgedessen gingen zum einen die Wildfänge der tropischen Garnelen zurück, zum anderen landeten die lokalen Küstenfischer weniger Fisch an, denn mit den Mangrovenwäldern fehlte die natürliche Kinderstube für den Nachwuchs der Garnelen und Fische.
Der große Flächenverbrauch der küstennahen Aquakultur ist jedoch nur ein Problem von vielen. Das in den Anlagen zum Einsatz kommende Futter besteht zum Teil noch immer aus Fischmehl oder Fischöl, für deren Herstellung weltweit kleine Schwarmfische wie die Peruanische Sardelle (Engraulis ringens) oder der Atlantische Hering (Clupea harengus) überfischt werden. Nach Angaben der FAO wurden im Jahr 2018 rund 18 Millionen Tonnen gefangener Fisch zu Tierfutter verarbeitet. Diese Menge liegt weit unter dem Spitzenwert von mehr als 30 Millionen Tonnen im Jahr 1994, aber auch deutlich über dem Niedrigwert von 2014 (14 Millionen Tonnen). Kritiker dieser Futterproduktion haben ausgerechnet, dass heutzu­tage etwa 25 Prozent der gefangenen Schwarmfische zu Fischmehl und -öl verarbeitet werden. Auf diese Weise würden Fische, die in vielen Teilen der Welt vor allem von der ärmeren Bevölkerung gegessen werden, in Fischereiprodukte wie Lachsfilet umgewandelt, die sich am Ende nur der bessergestellte Teil der Gesellschaft leisten könne, sagen die Kritiker. Zur Lösung des globalen Ernährungsproblems könne die Zucht von Lachs, Wolfsbarsch & Co. nur dann beitragen, wenn Alternativen zu Fischmehl und Fischöl günstiger und von den Farmern großflächiger eingesetzt werden würden.
Abb. 3.25 Ryan Ball/Moment/Getty Images

3.25 > Die Riesengarnele (Penaeus monodon), auch bekannt als Schwarze Tigergarnele, führte lange Zeit die Liste der meistverkauften Zuchtgarnelen an. Mittlerweile ist sie auf Platz vier abgerutscht. Dennoch wurden im Jahr 2018 weltweit noch 750 000 Tonnen produziert.
Wird in marinen Aquakulturanlagen zu viel gefüttert, dann verschmutzt das Wasser in den Fjorden oder Küstengewässern nicht nur, es wird regelrecht überdüngt. Dies kann vielerorts zu einem verstärkten Algenwachstum und auch zur Entstehung sauerstoffarmer Zonen führen. Lange Zeit verabreichten Fisch- oder Garnelenfarmer rund um die ganze Welt auch unkontrolliert Antibiotika, um Krankheiten im viel zu dichten Tierbestand einzudämmen. Auf diese Art und Weise konnten sich unter anderem in den Garnelenteichen Südostasiens resistente Keime entwickeln, was am Ende dazu führte, dass regelrechte Epidemien in mehreren Wellen große Teile der asiatischen ­Garnelenproduktion vernichteten, vor allem Bestände der ertragreichen Riesengarnele (Penaeus monodon), auch bekannt als Schwarze Tigergarnele.
Um die Krankheitsausbrüche einzudämmen, wurde viel geforscht. Anstelle der Riesengarnele wachsen in den Zuchtteichen Südostasiens mittlerweile überwiegend Weißbeingarnelen (Litopenaeus vannamei). Außerdem ist es gelungen, Garnelen zu züchten, die gegen die Keime resistent sind, sodass der Medikamenteneinsatz weitestgehend reduziert werden konnte. In vielen norwegischen Lachskäfigen schwimmt mittlerweile auch eine bedeutende Zahl an Seehasen. Die kleinen, grünlich schimmernden Fische werden als Putzerfische eingesetzt, denn sie machen Jagd auf einen Lachsparasiten, der in Norwegens Fjorden von Natur aus vorkommt – die sogenannte Lachslaus (Lepeophtheirus salmonis). Dieser Ruderfußkrebs setzt sich auf der Haut der Zuchtfische fest und verursacht Wunden, die unter Umständen zum Tod des Lachses führen können. Die Seehasen aber fressen die Parasiten, bevor sie großen Schaden anrichten können – ganz ohne Medikamente und teure Schädlingsbekämpfung. Davon profitieren nicht nur Lachse und Anlagen­betreiber, sondern auch die Umwelt.
3.26 > Frei im Wasser treibende oder aber verankerte Fischkäfige mit ferngesteuerter Futtereinheit, wie sie hier vor der Küste Hawaiis getestet werden, könnten eine Möglichkeit sein, die Fischzucht auf das offene Meer zu verlagern und den ökologischen Fußabdruck der Aquakultur in den Küstengewässern zu verringern.
Abb. 3.26 BluePlanetArchive/Doug Perrine
Haltungsverbote dagegen scheinen das einzige Mittel zu sein, mit dem sich eine sogenannte Faunenvermischung infolge unsachgemäßer Aquakulturhaltung verhindern lässt. Vor der Küste von Vancouver Island beispielsweise flüchteten im Dezember 2019 nach einem Feuer in einer Aquakulturanlage Tausende Atlantische Lachse in das umliegende Meer, welches die Heimat wilder Pazifischer Lachse ist. Meeres- und Umweltschützer befürchten nun, dass die einstigen Käfigtiere Krankheiten, Viren oder Parasiten auf die heimischen Pazifischen Lachse übertragen, denen diese nicht gewachsen sind. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sich die Arten paaren und gemeinsamen Nachwuchs zeugen. Forscher sprechen in solchen Fällen von „genetischer Verschmutzung“.
Durch Aquakultur eingeschleppte Parasiten können sich unter Umständen schlagartig vermehren und beeinflussen schlimmstenfalls die Nahrungsnetze und das gesamte Ökosystem im erweiterten Umfeld der Anlagen. In belasteten Küstengewässern steigt zudem das Risiko, dass neue Keime entstehen, die auch dem Menschen gefährlich werden können, in dem sie zum Beispiel Durchfallerkrankungen auslösen. Ein erhöhtes Risiko besteht vor allem in den Küstenregionen Indiens, Bangladeschs und Myanmars. Dort wird trotz der hohen Bevölkerungsdichte intensiv Aquakultur betrieben – und der jährlich wiederkehrende Monsunregen sorgt für regelmäßige Überschwemmungen, im Zuge derer sich Keime schnell ausbreiten und in den Kontakt mit Menschen kommen können.
Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Forderung, dass die weltweit wachsende Nachfrage nach Fischereierzeugnissen in erster Linie durch eine Expan­sion der Aquakulturhaltung gedeckt werden soll, wird deutlich, dass es neuer effizienter und vor allem ressourcenschonender Konzepte für die Nahrungsproduktion im Meer bedarf. Ansätze, die das gesamte Ökosystem im Blick haben, machen Hoffnung – in der Aquakultur ebenso wie in der Fischerei.

Fortschritte und Neuerungen in der Aquakultur

Die schwerwiegenden ökologischen Folgen intensiver mariner oder küstennaher Aquakulturhaltung (insbe­sondere bei gefütterten Arten) haben Forschung und ­Industrie veranlasst, nach neuen umweltschonenderen Methoden und Technologien zu suchen. Nennenswerte Fortschritte gibt es in mehreren Bereichen, so zum Beispiel bei der Artenauswahl, der Futterzusammensetzung sowie bei der Entwicklung sogenannter integrierter Kreislaufsysteme.
Weltweit werden derzeit mehr als 600 Fisch-, Krebs- und Muschelarten in Aquakultur gezüchtet. Positiv hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass in den jeweiligen Regionen zunehmend heimische Arten kultiviert werden. In Europa sind das zum Beispiel der Wolfsbarsch (Dicentrarchus labrax), die Dorade (Sparus aurata) und der Steinbutt (Scophthalmus maximus). Alle drei Arten werden in zunehmenden Mengen produziert. In den Tropen gilt die Aussage für Arten wie Barramundi (Lates calcarifer) und Zackenbarsch (Serranidae) sowie für den als Cobia, Königsfisch oder Offiziersbarsch bekannten Stachelmakrelenverwandten Rachycentron canadum. Sowohl der Cobia als auch der Zackenbarsch mögen warmes Wasser. Beide Arten wachsen schnell und eignen sich hervorragend für die Zucht in Aquakulturhaltung. Außerdem weisen sie eine sehr gute Fleischqualität auf, sodass Produzenten auf hohe Produktionsmengen und gute Absatzchancen hoffen.
S. 107: Tabelle nach www.oceanpanel.org/future-food-sea
Intensive Aquakulturforschung sowie steigende Weltmarktpreise für Fischmehl und -öl haben in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten dazu geführt, dass deren Anteil im Futter deutlich zurückgegangen ist. Bestanden in der Vergangenheit Futtermittel für Raubfische wie Lachs oder Wolfsbarsch überwiegend aus ­tierischen Produkten, werden heutzutage Ersatzstoffe aus Getreide, Öl- oder Hülsenfrüchten in derart großen ­Mengen beigemischt, dass beispielsweise der Fischmehlanteil in Futtermitteln für Forellen und Lachse auf zehn Prozent und weniger gesunken ist. Dieser ließe sich weiter reduzieren, wenn es gelänge, Mikroalgen kostengüns­tig in so großen Mengen zu produzieren, dass sie das Fischöl ersetzen könnten. Wie Fischöl enthalten auch Mikroalgen Omega-3-Fettsäuren, welche für die Fischgesundheit unabdingbar sind und mit dafür sorgen, dass Fisch für den Menschen so nahrhaft ist.
Bei der Frage, wie sich der Frischwasserverbrauch in Kreislaufanlagen an Land reduzieren lässt, haben sich Aquakulturforscher an Zierfischaquarien orientiert und Reinigungssysteme entwickelt, welche die Ausscheidungen der Fische herausfiltern und umwandeln. Auf diese Weise ist man rein rechnerisch in der Lage, ein Kilogramm Fisch mit weniger als 100 Liter Frischwasser zu produzieren. Zum Vergleich: In herkömmlichen Teich- oder Durchflussverfahren mussten bislang 2000 bis 200 000 Liter Wasser eingesetzt werden, um die gleiche Menge Fisch zu erzeugen. Doch auch für diese weit verbreiteten Anlagen haben die Forschenden Wasserauf­bereitungssysteme und Handlungsanweisungen entwickelt, mit denen sich die negativen Folgen für das ein­gesetzte Wasser reduzieren lassen.
Das Leitbild eines geschlossenen Nährstoffkreislaufes stand Pate bei der Entwicklung neuer sogenannter integrierter multitrophischer Aquakultursysteme (Integrated Multi-Trophic Aquaculture, IMTA), in denen ausgewählte Arten aus unterschiedlichen Ebenen des Nahrungsnetzes so gehalten werden, dass die Ausscheidungen der einen Art als Dünger oder Futter für die nächste Art dienen und von dieser möglichst effektiv genutzt werden. Ein Beispiel: In einer Anlage werden Fische neben Muscheln, Großalgen und Krebsen gehalten. Futter kommt nur am Anfang der Kette zum Einsatz – in Form von Fischfutter. Der Fischkot wird anschließend von den Muscheln und Algen aus dem Wasser gefiltert und als Nährstoff verwertet. Die Krebse am Meeresboden vertilgen derweil, was bei der Fisch- und Muschelproduktion übrig bleibt und in die Tiefe sinkt.
Die Vorteile einer solchen Anlage liegen auf der Hand: Zum einen wird verhindert, dass durch den Betrieb der Anlage zusätzliche Nährstoffe in das Küstenmeer eingetragen werden. Zum anderen verringert sich das wirtschaftliche Risiko für die Anlagenbetreiber. Durch die parallele Produktion verschiedener Arten innerhalb eines Systems sinken nämlich die Kosten pro Art. Außerdem können die Farmer eine größere Auswahl an Erzeugnissen vermarkten, wodurch sie widerstandsfähiger gegenüber kurzfristigen Nachfrage- und Preisschwankungen werden. Berücksichtigt man zu alledem das steigende Bewusstsein der Kunden für nachhaltig produzierte Nahrungsgüter, so liegt die Vermutung nahe, dass Fischereierzeugnisse aus integrierten Aquakulturanlagen künftig häufiger gekauft werden als Erzeugnisse aus wenig nachhaltiger Produktion und der Betrieb solcher Anlagen von der einheimischen Bevölkerung eher akzeptiert wird.
Noch experimentieren Forscher, welche Arten sich in welchen Regionen bestmöglich miteinander kombinieren lassen. In den tropischen Regionen aber zeichnet sich ab, dass integrierte Aquakultursysteme eine elegante Lösung für die dringend benötigten Produktionssteigerungen in der marinen Aquakultur sein könnten. Geforscht wird hierzu vor allem in Südostasien. Aber auch in Kanada, Chile, Israel und Südafrika wird intensiv an diesem Thema gearbeitet.

Regional angepasste Lösungen

Von herkömmlicher Aquakultur auf integrierte Systeme umzustellen, wird jedoch nicht überall ausreichen. Gerade dort, wo die natürlichen Küstenökosysteme in der Vergangenheit enorm unter der intensiven Nutzung gelitten haben, wird man auch den Rückbau vorhandener Aquakulturanlagen in Betracht ziehen müssen, wenn es gelingen soll, geschädigte Küstenbereiche wiederzubeleben. Wie umfassend eine solche Renaturierung sein muss, zeigt das Beispiel der chinesischen Küstenmetropole Xiamen. In den Küstengewässern der 5,1 Millionen Einwohner zählenden Hafenstadt wurde bis zum Jahr 2002 flächendeckend Aquakultur betrieben. Dreck aus den Teichen sowie Überreste des intensiven Futtereinsatzes in den Fischkäfiganlagen verschmutzten über zwei Jahrzehnte lang die Meeresbucht, an welcher die Stadt liegt. Im Zeitraum von 1984 bis 1996 kam es unter anderem aus diesem Grund etwa zweimal pro Jahr zu großen Fischsterben. Der Mangrovenwald starb nahezu vollständig ab; die Zahl der See­vögel und Flussdelfine schrumpfte dramatisch.
Im Rahmen eines neuen vierstufigen Meeres- und Küstenmanagementplans leitete die Stadt dann die Wende ein. Die Aquakulturanlagen wurden komplett abgebaut, der örtliche Mangrovenwald wieder aufgeforstet, Feuchtgebiete renaturiert, Abwasserkläranlagen errichtet und den Wasseraustausch hindernde Mauern und Wälle abgerissen, um nur einige Maßnahmen des umfassenden Programmes zu nennen. Das Ergebnis kann sich nach Meinung von Wissenschaftlern sehen lassen: Die Wasserqualität in der Meeresbucht hat sich derart verbessert, dass Reiher, Flussdelfine und viele andere Arten nun wieder eine Perspektive haben.
Ein radikaler Rückbau der Aquakultur kann allerdings nur in Ausnahmefällen die Lösung sein. Gegen flächendeckende Stilllegungen spricht die weltweit steigende Nachfrage nach Fischereierzeugnissen. Sollten wir diese auch künftig decken wollen, gelänge dies nach Auffassung der FAO nur, wenn noch mehr tierische und pflanzliche Produkte in Aquakultur erzeugt würden. Außerdem stellt die Nahrungsmittelproduktion im Meer in vielen Küstenregionen und Gegenden die einzige Einkommensquelle für die lokale Bevölkerung dar. Aquakulturanlagen zu schließen, würde vor allem in den Tropen vielen Menschen ihre Lebensgrundlage nehmen.
Ansätze zur Zukunft der Aquakultur diskutiert. Einige Experten empfehlen, anstelle von Masse auf Klasse zu setzen. Sie favorisieren den Betrieb einzelner integrierter Anlagen, die über eine große Fläche verteilt werden, sodass ihr ökologischer Fußabdruck so gering wie möglich ist. In diesen Anlagen aber sollen dann qualitativ hochwertige Produkte erzeugt und für einen entsprechenden Preis verkauft werden. Andere Wissenschaftler wiederum votieren für einen Ausbau der weltweiten Aquakultur, allerdings unter der Prämisse, dass Umweltschäden und Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung vermieden werden. Vorgeschlagen wird unter anderem:
  • Umweltstandards zu definieren und durchzusetzen;
  • die Standorte neuer Aquakulturanlagen auf Basis wissenschaftlicher Informationen und in Absprache mit anderen lokalen Nutzergruppen des Meeres zu planen;
  • Zertifikate oder Label für nachhaltige Aquakulturproduktion einzuführen sowie Lieferketten transparent zu machen;
  • die Zucht nicht gefütterter Arten zu intensivieren;
  • im Fall von gefütterten Arten die Futtermittelzusammenstellung und den Futtermitteleinsatz weiter zu optimieren;
  • Alternativen für die marine Massentierhaltung in Netzkäfigen zu finden – beispielsweise indem auch hier Zuchtfische, Putzerfische, Algen und Muscheln in integrierten Systemen gehalten und Synergien erzeugt werden;
  • die Anfälligkeit für Krankheiten durch Zucht und genetische Modifikation zu reduzieren;
  • die Produktion auf das offene Meer zu verlagern, um die Küstengewässer zu entlasten;
  • auf ökosystembasierte Haltungssysteme zu setzen – im Küstenbereich ebenso wie auf dem offenen Meer.
Eine jede dieser Ideen hat ihre Vorteile. Es gibt allerdings auch immer Gründe, die gegen eine Umsetzung spre- chen. So wird häufig argumentiert, dass viele der vorge- schlagenen Maßnahmen zu teuer und damit für Anlagen- betreiber unwirtschaftlich seien. Feldversuche, die diese Argumentation mit überzeugenden Bilanzen widerlegen, gibt es zum Leidwesen der Aquakulturforscher bislang kaum. Berechnungen zur Wirtschaftlichkeit nachhaltiger Aquakulturansätze beruhen meist auf Computermodellierungen.
Tatsache aber ist: Wenn Aquakultur im Einklang mit der Natur betrieben werden soll, kann es nicht nur einen Lösungsansatz geben. Stattdessen müssen die Methoden den lokalen und regionalen Gegebenheiten angepasst werden. Die politischen Entscheidungsträger stehen jeweils in der Pflicht, Gesetze und Regeln einzuführen, welche die vielerorts offenen Besitz- und Haftungsfragen klären, attraktive Anreize für einen nachhaltigen Betrieb der Anlagen setzen (zum Beispiel Steuervorteile, Subven- tionen etc.) sowie Methoden und Grenzwerte für ein effektives Aquakultur-Umwelt-Monitoring vorschreiben.
In Staaten, in denen klare Rechte, Vorschriften und Verantwortlichkeiten fehlten, hätten Anlagenbetreiber keinen Grund, in nachhaltige Technologien und Futter- mittelforschung zu investieren, argumentieren Wissen- schaftler. Würde man in einem solchen Umfeld die Expansion der Aquakultur vorantreiben, sei davon aus- zugehen, dass die Wasserqualität rapide sinken, die marine Umwelt großen Schaden nehmen und das Gesundheitsrisiko für Küstenbewohner steigen werde. Die Entscheidung, ob und wie man die Aquakultur aus- bauen könnte, sei deshalb keine einfache. Kosten und Nutzen müssten gründlich abgewogen werden.
S. 110/111 Tabelle nach www.oceanpanel.org/future-food-sea

 

S. 110/111 Tabelle nach www.oceanpanel.org/future-food-sea

Gütezeichen für verantwortungsvolle Aquakultur

Kunden, die Fisch und Meeresfrüchten aus verantwortungsvoller oder nachhaltiger Aquakultur erwerben wollen, erkennen entsprechende Produkte anhand verschiedener Gütezeichen. In Anlehnung an das Nachhaltigkeitssiegel des Marine Stewardship Council (MSC) für Wildfänge gibt es auch ein Gütezeichen für sozial-ökologisch nachhaltige Aquakultur – jenes des Aquaculture Stewardship Council (ASC). Dieser hat Zuchtstandards für 17 Artengruppen entwickelt, deren Marktwert hoch ist und deren Zucht weitreichende Auswirkungen auf die Umwelt hat. Zu diesen Zuchtarten gehören marine Vertreter wie Seeohr, Venusmuschel, Miesmuschel, Auster und Jakobsmuschel sowie Lachs, Wolfsbarsch, Dorade, Adlerfisch und Offiziersbarsch. Seit November 2017 gibt es außerdem einen übergreifenden ASC-MSC-Standard für die Zucht von Algen.
Im Zuge des ASC-Zertifizierungsverfahrens werden die Anlagenbetreiber dazu motiviert:
  • weniger Pestizide, Chemikalien und Antibiotika einzusetzen;
  • die Wasserverschmutzung zu reduzieren;
  • effizienter zu füttern und dadurch eine Überdüngung der Anlagen und Küstengewässer zu verhindern;
  • ihre Anlagen technisch derart aufzurüsten, dass Zuchtfische nicht ausbrechen können;
  • alle Mitarbeitenden fair und nach entsprechenden Sozialstandards zu behandeln;
  • auf positive Weise mit den Menschen in den umliegenden Gemeinden zu interagieren.
Außerdem müssen die teilnehmenden Aquakulturunternehmen sicherstellen, dass ihre Lieferketten derart gestaltet sind, dass sie ein Verwechseln oder Vermischen von zertifiziertem mit anderem Fisch ausschließen und jedes Produkt vom Ort des Verkaufes zuverlässig bis zur Farm zurückverfolgt werden kann.
Bis zum Ende des Jahres 2019 hatte der ASC mehr als 1100 Aquakulturfarmen in 42 Ländern zertifiziert. Gemeinsam produzierten diese fast zwei Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte. Im Vergleich zu 2014 war die Zahl der beteiligten Farmen demnach um 450 Prozent gestiegen, die Menge der nach ASC-Vorschriften produzierten Fischereierzeugnisse um 181 Prozent. Die vom ASC gemachten Umweltauflagen zeigen ebenfalls Wirkung: Zertifizierte Garnelenfarmen in Vietnam beispielsweise konnten durch ein verbessertes Abfallmanagement ihre negativen Umwelteinflüsse halbieren. ASC-Lachsfarmen reduzierten den Anteil von Fischmehl aus Wildfängen um drei Prozent.
Strenger als die Auflagen des ASC sind die Zertifizierungsrichtlinien für Aquakulturbetriebe, die das deutsche Naturland-Siegel für ökologische Aquakultur tragen. Betreiber verpflichten sich hierbei unter anderem:
  • auf artgerechte Haltungsbedingungen und niedrige Besatzdichten zu achten;
  • zertifiziertes Ökofutter einzusetzen, dessen Anteile an Fischmehl und -öl aus Resten der Verarbeitung von Speisefischen stammen und nicht aus industriel- ler Fischerei, die speziell für die Futterproduktion eingesetzt wurde;
  • auf den Einsatz von Gentechnik, chemischen Zusät- zen und Wachstumsförderern oder Hormonen zu verzichten;
  • die strengen Auflagen beim Einsatz von Arzneien zu erfüllen (so ist zum Beispiel der Einsatz von Antibio- tika in der Garnelenzucht verboten);
  • ihren Mitarbeitern hohe Sozialstandards zu bieten.
Betreiber von Garnelenzuchtanlagen sind zudem ver- pflichtet, ehemalige Mangrovenflächen wieder aufzufor- sten. Mit Auflagen wie diesen hebt sich Naturland auch von der gesetzlichen Mindestregelung der EU-Verord- nung für Ökoaquakulturen ab. Diese trat am 1. Juli 2020 in Kraft und gibt erstmals europaweit gesetzliche Rege- lungen für Biofisch und -meeresfrüchte vor.
Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace begrü- ßen die Verordnung, im Prinzip, bezeichnen die Rege- lungen aber gleichzeitig als kleinsten gemeinsamen Nen- ner. Wichtige Kriterien seien zu schwach definiert. So wurden zum Beispiel die meisten Besatzdichten zu hoch angesetzt und kritische Chemikalien zur Verwendung freigegeben. Die EU-Verordnung bleibe somit weit hinter Richtlinien zurück, wie sie zum Beispiel der Naturland- Verband seit mehr als einem Jahrzehnt vorgibt.