Die Dynamik der Küsten
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WOR 5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck | 2017

Vom Werden und Vergehen der Küsten

Vom Werden und Vergehen der Küsten © Richard Taylor/ 4Corners/Schapowalow/Mato

Vom Werden und Vergehen der Küsten

> Küsten sind ein dynamischer Lebensraum. Der Küstenverlauf wird von Naturkräften beeinflusst und reagiert an vielen Stellen stark auf variierende Umweltbedingungen. Andererseits greift aber auch der Mensch in den Küstenraum ein. Er besiedelt und bewirtschaftet die Küstenzone und baut Rohstoffe ab. Diese Eingriffe stehen im Zusammenspiel mit geologischen und biologischen Prozessen und können verschiedenste Veränderungen nach sich ziehen. Überhaupt ist die Entwicklungsgeschichte des Menschen eng mit den Küsten verknüpft.

Besondere Anziehungskraft

Küsten sind ein besonderer Lebensraum. Sie sind der Übergangsbereich zwischen Land und Meer und werden von beiden Sphären beeinflusst. Flüsse tragen Nährstoffe vom Land in die Küstengewässer und bilden somit die Grundlage der marinen Nahrungskette. Meere bewegen Sedimente, spülen sie an, lagern sie um oder tragen sie ab, wodurch sich die Gestalt der Küste ändert. Kein anderer Meereslebensraum ist produktiver. Küsten liefern Nahrung in Form von Fisch und Meeresfrüchten. Sie sind aber auch ein wichtiger Transportweg für die Schifffahrt und werden intensiv für die Gewinnung von Erdgas und Erdöl genutzt. Zugleich sind Küsten für Millionen von Urlaubern ein geschätzter Erholungsraum. Zahlreiche Städte entwickelten sich an den Küsten, und Industrien und Kraftwerke nutzen die dort oft gut ent­wickelte Infrastruktur.
1.1 > Viele Städte entwickelten sich an Küsten. Der Istanbuler Stadtteil Beyoğlu zum Beispiel ist mehrere Tausend Jahre alt. Er liegt am Goldenen Horn, jener fjordartigen Einbuchtung, die den europäischen Teil der Metropole in einen nördlichen und in einen südlichen Bereich trennt.
Abb. 1.1: Viele Städte entwickelten sich an Küsten. Der Istanbuler Stadtteil Beyoğlu zum Beispiel ist mehrere Tausend Jahre alt. Er liegt am Goldenen Horn, jener fjordartigen Einbuchtung, die den europäischen Teil der Metropole in einen nördlichen und in einen südlichen Bereich trennt. © Arnaud Spani/hemis.fr/Fotofinder.com
Insgesamt sind die Küstenzonen der Erde sehr viel­gestaltig und für Menschen, Tiere und Planzen, aber auch für die Atmosphäre und das Klima von großer Bedeutung, denn
  • sie umfassen etwa 20 Prozent der Erdoberfläche;
  • sie bieten wichtige Transportwege und Industriestandorte;
  • sie sind ein bevorzugtes Erholungs- und Tourismusgebiet;
  • sie sind Rohstoffquelle für Mineralien und fossile Rohstoffe;
  • sie beinhalten wichtige Ökosysteme mit einer großen Artenvielfalt;
  • sie wirken als eine wichtige Sedimentationsfalle, die Sedimente aus Flüssen bindet;
  • durch ihre Pufferwirkung zwischen Land und Meer beeinflussen sie viele globale Parameter;
  • 75 Prozent aller Megastädte mit einer Einwohnerzahl von mehr als 10 Millionen befinden sich in den Küstenzonen;
  • 90 Prozent der globalen Fischerei finden in Küsten­gewässern statt.
Die Attraktivität der Küsten für den Menschen ist bis heute ungebrochen. Die Küstenbevölkerung wächst weltweit in rasantem Tempo. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen leben heute rund 2,8 Milliarden Menschen in einem Abstand von maximal 100 Kilometern zur Küste. Von den 20 Megastädten der Welt mit jeweils mehr als 10 Millionen Menschen liegen 13 in Küstennähe. Dazu zählen die Städte beziehungsweise die Ballungszentren Mumbai (18,2 Millionen), Dhaka (14,4 Millionen), Istanbul (14,4 Millionen), Kalkutta (14,3 Millionen) und Peking (14,3 Millionen). Nach Meinung vieler Experten wird die Verstädterung der Küstengebiete in den kommenden Jahren weiter zunehmen.

Die Küste – wo fängt sie an, wo hört sie auf?

Auf Landkarten werden Küsten in der Regel als Linien dargestellt, die das Festland vom Wasser trennen. Die Küste ist aber keine Linie, sondern ein mehr oder weniger breiter Saum zwischen Land und Wasser. Eine eindeutige Definition dieses Übergangsbereichs ist jedoch schwierig. In den 1950er-Jahren schlugen Wissenschaftler vor, die Küste als jenen Raum zu bezeichnen, der von der Brandung beeinflusst ist. Landwärts schließt das den Bereich ein, bis zu dem noch Salzwasserspritzer durch die Luft gelangen können, wodurch beispielsweise die Vegetation beeinflusst wird. Seewärts ist dies der Bereich, in dem sich die Brandung noch bemerkbar macht, beispielsweise indem sie den Meeresboden formt. Auch wenn in der Theorie versucht wird, den Begriff „Küste“ allgemeingültig zu definieren, spielen in der Praxis unterschiedliche Auslegungen eine Rolle. In der wissenschaftlichen Betrachtung der Küste dominieren je nach Fachrichtung verschiedene Aspekte. Biologen zum Beispiel konzentrieren sich insbesondere auf das Leben im Meer oder in Feuchtgebieten entlang der Küste oder in Flussmündungen. Experten für den Küstenschutz wiederum, die Deiche oder andere Schutzeinrichtungen planen, interessieren sich auch für das Hinterland, das bei Sturmfluten betroffen ist. Wirtschaftswissenschaftler schließlich definieren den Begriff „Küste“ besonders weit. So betrachten sie in der Regel nicht nur Häfen und Industriebetriebe an der Küste, sondern auch die Warenströme über das Meer oder bis ins Binnenland.
Auch Geologen und Ozeanografen haben in den vergangenen Jahrzehnten versucht, die Küsten der Welt systematisch zu erfassen und zu katalogisieren. Je nach Fokus gibt es auch hier verschiedene Ansätze. So werden Küsten danach unterschieden, ob es sich um „energiereiche“ Küstenformationen wie etwa Fels- oder Sandküsten handelt, die direkt von der Brandung umspült werden, oder, wie das Wattenmeer, um vergleichsweise ruhige, „energiearme“, Gebiete, die durch Sandbänke oder vorgelagerte Inseln geschützt sind.
Bei aller Verschiedenheit haben viele Küsten eines gemein: die große Bedeutung für den Menschen. Küsten waren der Ausgangspunkt für Entdeckungsreisen und das Ziel von Eroberern. Archäologen und Völkerkundler gehen davon aus, dass die Küsten schon seit Jahrtausenden bei der Besiedlung neuer Kontinente oder Inseln eine große Rolle spielten. Ehe der Mensch tief in das unbekannte Landesinnere vorstieß, ist er die Küste entlanggefahren, um geeignete Siedlungsgebiete zu suchen. Die ältesten Spuren einer solchen Siedlungsgeschichte findet man heute im Norden Australiens, der vor etwa 50 000 bis 40 000 Jahren von den Vorfahren der Aborigines besiedelt wurde, die vermutlich mit Booten von Inseln her­überkamen, die heute zu Indonesien gehören.
1.2 > Alfred Wegener (1880–1930) war ein deutscher Meteorologe, Polar- und Geoforscher. Ihm gelang es, die Idee von der Kontinental­verschie­bung wissenschaftlich zu untermauern. Seine Theorie allerdings hielt man lange für Spinnerei. Erst seit den 1970er-Jahren ist sie allgemein anerkannt.
Abb. 1.2: Alfred Wegener (1880–1930) war ein deutscher Meteorologe, Polar- und Geoforscher. Ihm gelang es, die Idee von der Kontinental­verschie­bung wissenschaftlich zu untermauern. Seine Theorie allerdings hielt man lange für Spinnerei. Erst seit den 1970er-Jahren ist sie allgemein anerkannt. © Alfred-Wegener-Institut

Dynamischer Lebensraum

Oft werden Küstenverläufe als fest und unverrückbar betrachtet. Der Mensch versucht, eine feste Linie zu halten, nicht zuletzt, um Städte und Werte zu schützen, die an den Küsten entstanden und konzentriert sind. Im Grunde aber gibt es kaum einen anderen Bereich, der so dynamisch und ständigen Veränderungen unterworfen ist wie die Küsten. Experten sprechen von einem transienten Lebensraum. Je nach Größe der betrachteten Zeiträume kann man verschiedene Arten der Veränderung unterscheiden. Die langsamste, zugleich aber gewaltigste Veränderung der Küsten wird durch die Bewegung der Kontinente verur­sacht. Dass sich die Kontinente bewegen, wurde erstmals von dem deutschen Forscher Alfred Wegener postuliert, der im Jahr 1912 seine Theorie von der Kontinentalverschiebung veröffentlichte. Diese Theorie wurde im Laufe der Jahrzehnte immer wieder ergänzt und erweitert. Heute spricht man von Plattentektonik. Demnach besteht die Erde aus mehreren Schichten, von denen die oberste Schicht, die Lithosphäre, langsam wandert. Die Lithosphäre setzt sich aus mehreren großen Platten zusammen, die nebeneinanderliegen und sich pro Jahr um bis zu 10 Zentimeter bewegen. Die Lithosphäre bildet die Kontinente, trägt aber auch die großen Ozeanbecken. Sie ist durchschnittlich etwa hundert Kilometer dick und gleitet auf einer zweiten Erdschicht, der Asthenosphäre, die unter ihr liegt.
1.3 > Kontinentale Masse entsteht und vergeht im Laufe von Jahrmillionen. In einem permanenten Zyklus kollidieren, driften und verändern die einzelnen Kontinentalplatten ihre Lage zueinander, wobei man bestimmte Stadien dieses Zyklus unterscheiden kann. Manche Stadien sind nach Regionen benannt, die sich gerade in dieser Phase befinden. Als Erster beschrieb diesen Zyklus der kanadische Geowissenschaftler John Tuzo Wilson.
Abb. 1.3: Kontinentale Masse entsteht und vergeht im Laufe von Jahrmillionen. In einem permanenten Zyklus kollidieren, driften und verändern die einzelnen Kontinentalplatten ihre Lage zueinander, wobei man bestimmte Stadien dieses Zyklus unterscheiden kann.  Manche Stadien sind nach Regionen benannt, die sich gerade in dieser Phase befinden. Als Erster beschrieb diesen Zyklus der kanadische Geowissenschaftler John Tuzo Wilson. © maribus
An manchen Stellen schieben sich die Platten der Lithosphäre übereinander, wodurch im Laufe von mehreren Millionen Jahren hohe Gebirge wie der Himalaja aufgefaltet wurden. In anderen Fällen reiben die Platten an­einander oder driften auseinander. Von diesen Bewegungen sind insbesondere die Küsten und flachen Meeresbereiche, die Schelfe, betroffen, da sie am Rand der kon­tinentalen Teile der Platten liegen und somit bei der Kontinentalverschiebung stark verformt werden.
In vielen Gebirgen weltweit, etwa in den Alpen, findet man heute die Überreste ehemaliger Küstenmeere: Versteinerungen von Muscheln, Schnecken und anderen Organismen der flachen Küstengewässer. Die Kontinentalverschiebung ändert die Gestalt der Küsten zusätzlich durch einen weiteren Mechanismus. Jedes Mal, wenn sich ein Gebirge an Land auffaltet, also sich kontinentale Teile der Platten übereinanderschieben und damit quasi aus dem Wasser entfernen, sinkt zum einen der Meeresspiegel. Allerdings steigt er auch, da Magma an den ozeanischen Rücken emporquillt und dieses durch sein Volumen das Wasser verdrängt.

Der Superkontinent zerfällt

Im Laufe der Erdgeschichte wechselten sich mehrere Phasen ab. So gab es Zeiten, in denen die Kontinentalplatten in Form eines einzigen Superkontinents oder einiger weniger Großkontinente miteinander verbunden waren. Dann folgten Phasen, in denen die Riesen- und Großkontinente wieder auseinanderdrifteten. Diese Phasen werden nach dem kanadischen Geowissenschaftler John Tuzo Wilson, der dieses Prinzip erstmals in den 1960er-Jahren in einem Fachartikel beschrieb, als Wilson-Zyklen bezeichnet. Der jüngste dieser Zyklen begann vor etwa 300 Mil­lionen Jahren, als die Kontinentalplatten miteinander kollidierten und den Superkontinent Pangaea formten. Vor etwa 230 Millionen Jahren begann Pangaea wieder zu zerfallen und trennte sich zunächst in einen nördlichen (Laurasia) und in einen südlichen Teil (Gondwana). In einer zweiten Phase spaltete sich dann Gondwana vor 140 Millionen Jahren in die Landmassen auf, aus denen das heutige Afrika, Südamerika, Indien und Australien hervorgingen.
1.4 > Die Kontinentalplatten tragen sowohl die Landmasse als auch die Ozeane. Sie bewegen sich pro Jahr um bis zu mehrere Zentimeter. An manchen Stellen entfernen sich Kontinentalplatten voneinander wie zum Beispiel am Mittelatlantischen Rücken. Anderswo schieben sich Platten übereinander. So taucht die Indische unter die Eurasische Platte, wodurch der Himalaja weiter aufgefaltet wird.
Abb. 1.4: Die Kontinentalplatten tragen sowohl die Landmasse als auch die Ozeane. Sie bewegen sich pro Jahr um bis zu mehrere Zentimeter. An manchen Stellen entfernen sich Kontinentalplatten voneinander wie zum Beispiel am Mittelatlantischen Rücken. Anderswo schieben sich Platten übereinander. So taucht die Indische unter die Eurasische Platte, wodurch der Himalaja weiter aufgefaltet wird. © maribus
Abb. 1.5: Vor Jahrmillionen bildeten die Kontinentalplatten eine weitgehend zusammenhängende Landmasse, den Superkontinent Pangaea. Den Atlantischen Ozean gab es damals noch nicht. © maribus 1.5 > Vor Jahrmillionen bildeten die Kontinentalplatten eine weitgehend zusammenhängende Landmasse, den Superkontinent Pangaea. Den Atlantischen Ozean gab es damals noch nicht.
Der Zerfall Laurasias begann vor circa 65 Millionen Jahren, als sich die nordamerika­nische von der eurasischen Landmasse trennte. Dadurch öffnete sich der Nordatlantik, Indien wanderte mehr als 6000 Kilometer nach Nordosten und kollidierte schließlich vor etwa 40 Millionen Jahren mit der Eurasischen Platte. Im Laufe der Zeit faltete sich dadurch der Himalaja auf. Noch heute wandert Indien langsam Richtung Norden, wodurch der Himalaja jedes Jahr um etwa 1 Zentimeter in die Höhe wächst. Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass die frühe Phase des Auseinanderbrechens von Pangaea – und die damit einhergehende Bildung frischer Küsten – die Entstehung neuer Arten begünstigt hat.

Landgang des Lebens

Durch die Wanderung der Kontinente wurden Küsten nicht nur neu geschaffen oder vernichtet, sondern auch verschoben. Ganze Küstenregionen drifteten in andere Klimazonen, was wiederum eine Anpassung der existenten und die Entstehung neuer Lebensformen bewirkte.
1.6 > Dass sich die Kontinentalplatten bewegen, ist in Island deutlich zu erkennen. Die Insel liegt teils auf der Eurasischen, teils auf der Nordamerikanischen Platte. Beide driften jedes Jahr um wenige Zentimeter auseinander. Der Riss, der sich über die Insel zieht, wird als Silfra-Spalte bezeichnet.
Abb. 1.6: Dass sich die Kontinentalplatten bewegen, ist in Island deutlich zu erkennen. Die Insel liegt teils auf der Eurasischen, teils auf der Nordamerikanischen Platte. Beide driften jedes Jahr um wenige Zentimeter auseinander. Der Riss, der sich über die Insel zieht, wird als Silfra-Spalte bezeichnet. © Aurora/Getty Images

Zusatzinfo Die Evolution des Aals – eine Sache der Kontinentaldrift

Ein interessanter Aspekt ist hierbei, wie die Rolle der Küsten beim Übergang des Lebens vom Meer auf das Land einzuschätzen ist. Als gesichert gilt heute, dass sich die ersten Lebensformen im Meer entwickelten und der Landgang des Lebens sich an mehreren Orten, zu unterschiedlichen Zeit­punkten und in unterschiedlichen Zeit­räumen abgespielt hat. Dieser vollzog sich bei verschiedenen Organismengruppen völlig unabhängig voneinander. So nimmt man an, dass die Arthropoden, die Glieder­füßer, zu denen Krebstiere, Insekten und Spinnentiere zählen, unabhängig von den Wirbeltieren das Land besiedelt haben. Genetische Analysen haben ergeben, dass die Vorfahren der heutigen Insekten vor etwa 480 Millionen Jahren von der aquatischen zur terrestrischen Lebensweise übergingen.
1.8 > Wale haben sich aus landlebenden Säugetieren entwickelt. Ihre terrestrische Herkunft ist daran zu erkennen, dass sie ihre Schwanzflosse vertikal schwingen, also eine Auf-und-ab-Bewegung wie zum Beispiel Raubkatzen vollführen. Fische hingegen bewegen die Schwanzflosse horizontal hin und her.
Abb. 1.8: Wale haben sich aus landlebenden Säugetieren entwickelt. Ihre terrestrische Herkunft ist daran zu erkennen, dass sie ihre Schwanzflosse vertikal schwingen, also eine Auf-und-ab-Bewegung wie zum Beispiel Raubkatzen vollführen. Fische hingegen bewegen die Schwanzflosse horizontal hin und her. © D. Fleetham/SeaTops.com
Ferner wird angenommen, dass der Landgang der Wirbeltiere vor rund 415 Millionen Jahren begann und bis vor 360 Millionen Jahren andauerte. Vermutlich entwickelten sich die ersten Landwirbeltiere aus Knochenfischen. Die ersten amphibischen Lebewesen könnten Tiere aus der Gattung der Kenichthys gewesen sein. Überreste dieser kleinen Tiere, deren Schädel nur wenige Zentimeter lang sind, wurden unter anderem in China gefunden und auf ein Alter von etwa 395 Millionen Jahren geschätzt. Möglicherweise haben sie anfangs auch Jagd auf Insekten gemacht. Sie könnten auch küstennahe Feuchtgebiete, Flussmündungen, feuchte Flussufer und Brackwasserbereiche besiedelt haben, in denen sich Flusswasser und salziges Meerwasser mischten. Mit den Amphibien gibt es auch heute noch eine Tiergruppe, die sowohl im Wasser als auch an Land lebt. Kröten brauchen Gewässer, um sich fortzupflanzen. Auch die Entwicklung der Larven verläuft im Wasser. Für die ausgewachsenen Tiere wiederum ist das Land der dominierende Lebensraum, in dem sie nach Beute jagen und sich paaren.

Küsten als Brücken zwischen Meer und Land

Auch die Fischfamilie der Störe zeigt eine amphibische Anpassung. Störe leben vorzugsweise im Meer, suchen zum Ablaichen aber Süßgewässer auf. Interessanterweise haben Störe nicht nur die für Fische typischen Kiemen, sondern auch lungenähnliche Organe, kleine Hohlräume im Schädel. Sie können diese durch Schluckbewegungen mit Luft füllen, um daraus Sauerstoff aufzunehmen – vermutlich als eine Anpassung an mögliche Trockenphasen. Dank der Luftatmung kann ein Stör solche Perioden überleben, zum Beispiel wenn ein Bach oder Seeufer für kurze Zeit trockenfällt oder nur wenig Wasser führt. Die Küsten spielten aber auch in umgekehrter Richtung eine Rolle: beim Gang des Lebens vom Land zurück ins Meer. So findet man im Tierreich heute zahlreiche Organismen, deren Vorfahren auf dem Land lebten und die sich das Meer als Lebensraum neu erschlossen haben. Wale zum Beispiel stammen von landlebenden Vierbeinern ab, haben die beiden hinteren Extremitäten aber zu rudimentären Knochenstummeln zurückgebildet. Ihre Art der Fortbewegung ähnelt dennoch der einiger vierbeiniger Tierarten an Land, deren Hinterleib sich im schnellen Lauf auf und ab bewegt. Die Fluke, die Schwanzflosse der Wale, vollzieht eine ähnliche Bewegung, weil Rückgrat und Skelett nach wie vor denen der landlebenden Säuger gleichen. Fische hingegen bewegen ihre Schwanzflossen horizontal hin und her.
Den Schritt von der Küste zurück ins Wasser haben auch einige Schildkrötenarten vollzogen, obwohl sie sich ursprünglich als vierbeinige Landtiere entwickelt hatten. So sind die Meeresschildkröten zu einer amphibischen Lebensweise zwischen Land und Meer übergegangen. Viele dieser Arten suchen bei Springtide, wenn die Flut besonders hoch steigt, Strände zur Eiablage auf. So können sie die Eier weit oben am Strand im Sand vergraben, wodurch sie vor Überflutung geschützt sind. Die Jungtiere wiederum schlüpfen später ebenfalls zur Springtide, wenn das Wasser erneut hoch steht und der anstrengende und gefährliche Weg über den Strand zurück ins Meer am kürzesten ist.

Auf und Ab im Laufe von Zehntausenden von Jahren

Küsten verändern nicht nur im Laufe von Jahrmillionen ihr Gesicht, wesentliche Veränderungen spielen sich auch schon in kürzeren Zeiträumen ab. Im Rhythmus von mehreren Zehntausend Jahren spielt vor allem der Wechsel von Warm- und Eiszeiten und damit des Meeresspiegels eine Rolle.
Während der Eiszeiten frieren große Teile der Landmasse ein. Niederschläge in Form von Schnee bilden mehrere Tausend Meter dicke Gletscher. Da viel Wasser als Eis an Land gebunden ist und kaum welches über Flüsse ins Meer fließt, sinkt während einer Eiszeit nach und nach der Meeresspiegel. Die letzte Eiszeit dauerte bis vor etwa
12 000 Jahren an. Zum letzten Mal stark vereist war die Erde vor 26 000 bis 20 000 Jahren. Damals lag der Meeresspiegel etwa 125 Meter tiefer als heute. Die Nordhalbkugel der Erde war in weiten Teilen von Gletschern überzogen, Mitteleuropa bis etwa zu den Niederlanden. In wärmeren Regionen der Erde sah die Küstenlinie völlig anders aus als heute. Vor etwa 15 000 Jahren begannen die Temperaturen auf der Erde wieder stärker anzusteigen. Diese Warmzeit hält bis heute an. Die letzte Warmzeit davor, die in Bezug auf die Temperaturen mit der aktuellen Situation vergleichbar ist, gab es vor 130 000 bis 118 000 Jahren. Damals lag der Meeresspiegel rund 4 bis 6 Meter höher als heute.

Das große Schmelzen

Mit dem Abschmelzen der Gletscher der letzten Eiszeit stieg auch der Meeresspiegel wieder. Dieser Anstieg ver-lief relativ gleichmäßig, doch gab es hin und wieder Phasen eines beschleunigten Anstiegs, die durch sogenannte Schmelzwasserpulse ausgelöst wurden. Dabei handelte es sich um große Mengen von Schmelzwasser, die innerhalb relativ kurzer Zeit freigesetzt wurden. Ein bedeutendes Ereignis war ein Schmelzwasserpuls, der vor etwa 14 700 Jahren einsetzte und 500 Jahre anhielt. Die Ursache dafür war vermutlich das Kalben großer Gletschermassen in der Antarktis oder in der Arktis zwischen Grönland und Kanada. Mit dem Schmelzen der Gletscher stieg der Meeresspiegel innerhalb dieser Zeit global um etwa 20 Meter. Weitere große Ereignisse waren das Auslaufen gewaltiger Stauseen, die sich beim Abschmelzen vor den zurückweichenden Inlandgletschern gebildet hatten. So hatte der Agassizsee in Nordamerika nach wissenschaftlichen Schätzungen eine maximale Fläche von rund 440 000 Quadratkilometern und war damit sogar gewaltiger als die heutigen Großen Seen in Nordamerika.
1.9 > Zum Höhepunkt der letzten Eiszeit lag der Meeresspiegel etwa 125 Meter tiefer als heute. Die aus dem Wasser ragende Landmasse war weltweit um etwa 20 Millionen Quadratkilometer größer.
Abb. 1.9: Zum Höhepunkt der letzten Eiszeit lag der Meeresspiegel etwa 125 Meter tiefer als heute. Die aus dem Wasser ragende Landmasse war weltweit um etwa 20 Millionen Quadratkilometer größer. © maribus
Er durchbrach mehrmals die ihn umgebenden Gletscher, wodurch vor allem vor ungefähr 8200 Jahren große Mengen an Süßwasser ins Meer gelangten. Allein dieser Schmelzwasserpuls soll den Meeresspiegel innerhalb weniger Monate weltweit um einige Meter haben ansteigen lassen. Wie stark sich der Meeresspiegel seit der letzten Eiszeit verändert hat, kann heute anhand verschiedener Indizien nachvollzogen werden, etwa durch die Untersuchung von Korallenriffen oder Sedimenten am Meeresboden. Tropische Korallenbänke sind im Laufe der Jahre und Jahrzehnte an den Hängen der Inseln im Südpazifik mit dem Meeresspiegel langsam in die Höhe gewachsen. Sie können nur in lichtdurchflutetem, flachem Wasser leben. Steigt der Meeresspiegel, verschiebt sich auch die Zone, in der die Korallen gedeihen, langsam nach oben. Bohrt man tief in die Korallenbänke hinein, stößt man auf alte abgestorbene Korallen, deren Alter sich durch spezielle Analyseverfahren bestimmen lässt. Dadurch kann man abschätzen, wie tief oder hoch der Meeresspiegel zu bestimmten Zeiten lag.
1.10 > Der Meeresspiegel ist über die Jahre nicht kontinuierlich gestiegen. Vielmehr gab es Sprünge, die durch Ereignisse wie die Schmelzwasserpulse ausgelöst wurden.
Abb. 1.10: Der Meeresspiegel ist über die Jahre nicht kontinuierlich gestiegen. Vielmehr gab es Sprünge, die durch Ereignisse wie die Schmelzwasserpulse ausgelöst wurden. © maribus
Die zweite Methode besteht darin, die Sedimente am Meeresboden genauer zu untersuchen. Anhand von Mikrofossilien in den Sedimenten am Meeresboden, wozu Reste von Einzellern oder auch versteinerte Fischknochen oder Zähne gehören, lässt sich ablesen, wann der Boden zum Festland gehörte, ob er von Süßwasser aus den abschmelzenden Gletschern bedeckt war und wann er schließlich durch den steigenden Meeresspiegel von Salzwasser überflutet wurde. Denn je nach Umweltbedingungen kommen in den Gewässern verschiedene Lebewesen vor, deren organische Reste sich dort anreichern. So unterscheidet sich eine Sedimentschicht, die von Landpflanzen stammt, deutlich von einer, in der sich Reste von Meerwasseralgen befinden.

Abb. 1.11: Die Erde verändert im Laufe von etwa 23 000 Jahren ihre Präzession, ihre Rotationsbewegung. Das lässt sich mit einem Kreisel vergleichen, der langsam ins Trudeln gerät. Zwar dreht er sich weiter, doch vollführt die Achse jetzt größere Kreisbewegungen. © maribus

1.11 > Die Erde verändert im Laufe von etwa 23 000 Jahren ihre Präzession, ihre Rotationsbewegung. Das lässt sich mit einem Kreisel vergleichen, der langsam ins Trudeln gerät. Zwar dreht er sich weiter, doch vollführt die Achse jetzt größere Kreisbewegungen.

Die Sonne als Klimamotor

Als Ursache für den Wechsel von Warm- und Eiszeiten und das damit einhergehende Sinken und Steigen des Meeresspiegels werden regelmäßige natürliche Klimaschwankungen angesehen. Einen Einfluss auf die Warm- und Eiszeiten könnten die in den 1930er-Jahren von dem Mathematiker Milutin Milanković postulierten Milanković-Zyklen haben. Seine Theorie besagt, dass sich regelmäßig die Position der Erde zur Sonne ändert, wodurch auch die Einstrahlung der Sonne auf die Erde variiert. Diese Variation wirkt sich vor allem auf die Nordhalbkugel aus. Gemäß Milanković hat das drei wesentliche Ursachen:
  • Die Veränderung der Präzession der Erdachse, die sich in Zyklen von etwa 23 000 Jahren ändert. Die Präzession lässt sich am besten mit einem rotierenden Kreisel erklären, den man anstößt. Der Kreisel rotiert anschließend weiter, doch vollführt die Achse des Kreisels jetzt größere Drehbewegungen. Die Richtungsänderung, die die Achse dabei ausführt, wird als Präzession bezeichnet.
  • Die Änderung des Neigungswinkels der Erdachse alle rund 40 000 Jahre.
  • Die Änderung der Exzentrizität bei der Drehung der Erde um die Sonne. Dabei verändert sich die Form der elliptischen Umlaufbahn, auf der die Erde um die Sonne kreist. Eine Veränderung tritt in Zyklen von etwa 100 000 beziehungsweise 400 000 Jahren auf.
Zwar weiß man heute, dass sich mit den Milanković-Zyklen allein die großen Temperaturdifferenzen zwischen Warm- und Eiszeiten nicht erklären lassen. Doch haben diese höchstwahrscheinlich einen großen Anteil daran. Zur Entstehung von Eiszeiten trägt auch ein sich selbst verstärkender Effekt bei: die Eis-Albedo-Rückkopplung. Eis und Schnee reflektieren Sonnenlicht sehr stark, was man als Albedo bezeichnet. Dadurch wird auch die Wärmestrahlung der Sonne zurückgeworfen, wodurch es zu einer weiteren Abkühlung kommt. Das Wachstum der Gletscher wird dadurch noch verstärkt.

Die Veränderung des Meeresspiegels – ein Taktgeber für die Entwicklung des Menschen

Durch das Heben und Senken des Meeresspiegels veränderte sich die verfügbare Landfläche jeweils deutlich. Viele Gebiete, die heute überspült sind, lagen auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit trocken, weil sich der Meeresspiegel circa 125 Meter niedriger befand. Die Landfläche in Europa war knapp 40 Prozent größer als heute, weltweit war sie etwa 20 Millionen Quadratkilometer größer, was in etwa der Fläche Russlands entspricht. Den Menschen standen somit umfangreichere Areale zur Verfügung, die für Fischerei, als Jagdgebiet und Siedlungsraum genutzt worden sein dürften. Experten gehen davon aus, dass auch die Schifffahrt damals schon eine Rolle spielte. Zu jener Zeit lagen viele Verbindungen zwischen heutigen Inseln und dem Festland noch über dem Meeresspiegel. Den Menschen standen zur Erschließung neuer Gebiete Wege zur Verfügung, die es heute nicht mehr gibt. Dazu zählt etwa die nördliche Verbindung zwischen Amerika und Asien, die heute durch die Beringstraße getrennt ist. Ein anderes Beispiel ist die etwa 500 Kilometer breite Arafurasee, das Meeresgebiet zwischen Australien und der nördlich gelegenen Insel Neuguinea, das heute ein bedeutendes Fischfanggebiet ist, zum Höhepunkt der letzten Eiszeit aber trocken lag.

Ursprung Afrika

Heute gilt als wahrscheinlich, dass der Ursprung des Menschen in Ostafrika liegt. Dabei werden folgende wichtige Epochen seiner Verbreitung unterschieden. Die erste liegt etwa 2 Millionen Jahre zurück. In dieser Zeit verbreitete sich der Frühmensch Homo ergaster/Homo ercetus vermutlich auf dem Landweg bis nach Europa, China und bis ins südliche Afrika. Ob und inwieweit Homo ergaster und Homo erectus mitein­ander verwandt sind, ist heute noch Gegenstand der Forschung. Als sicher gilt, dass beide ausstarben und keine Vorfahren des modernen Menschen Homo sapiens, unseres direkten Vorfahrens, waren.
1.12 > Der Frühmensch Homo ergaster verfügte bereits über viele Fähigkeiten des modernen Menschen. So konnte er Werkzeuge herstellen. Dies könnte dazu beigetragen haben, dass er sich vor etwa 2 Millionen Jahren von Afrika nach Norden und Osten ausbreitete.
Abb. 1.12: Der Frühmensch <em>Homo ergaster</em> verfügte bereits über viele Fähigkeiten des modernen Menschen. So konnte er Werkzeuge herstellen. Dies könnte dazu beigetragen haben, dass er sich vor etwa 2 Millionen Jahren von Afrika nach Norden und Osten ausbreitete. © Science Photo Library/akg-images
Die zweite Epoche betrifft Homo sapiens, der sich vor knapp 200 000 Jahren verbreitete. Vor rund 50 000 Jahren eroberte er vom heutigen Indonesien aus auch Neuguinea und schließlich den späteren Kontinent Australien. Neuguinea, das je zur Hälfte zu Indonesien und zu Papua-Neuguinea gehört, war damals wie heute durch das Meer vom übrigen Indonesien getrennt. Doch hat der Mensch nach Ansicht von Experten zu jener Zeit bereits einfache Boote und grundlegende nautische Kenntnisse besessen. In dieser Phase hat daher bereits die Schifffahrt über größere Distanzen von Küste zu Küste eine Rolle gespielt. Amerika hingegen wurde über die Landbrücke im Norden von Asien aus vor etwa 15 000 Jahren besiedelt. Viele Zeugnisse dieser frühen Besiedlung durch den Menschen liegen heute unter Wasser, sodass es oft an Fundstücken oder prähistorischen Siedlungshinweisen mangelt. Doch ist zu vermuten, dass sich der Mensch vor allem entlang der Küsten ausgebreitet hat. Auf dem Land machten oftmals Wälder die Wanderungen unmöglich, sodass der Weg entlang der Küste womöglich der einfachere war. Zudem waren Fische und Meeresfrüchte eine verlässliche Nahrungsquelle. Einen weiteren Schub bekam die Eroberung neuer Gebiete durch Homo sapiens durch das Ende der letzten Eiszeit. Als die Gletscher tauten, machten sie Platz für den modernen Menschen, der sich nun bis in die arktischen Regionen ausbreiten konnte.

Moderne Technik für alte Spuren

Um die Ausbreitung des Menschen und die besondere Bedeutung der Küsten besser rekonstruieren zu können, arbeiten seit einigen Jahren Spezialisten verschiedener Disziplinen intensiv zusammen. Teams aus Geologen, Archäologen und Klimatologen haben sich zusammengefunden, um in Küstengewässern nach Spuren früher Besiedlung zu suchen und mithilfe moderner Unterwasserroboter und hochauflösender Echolot-Technik die Strukturen am Meeresboden im Detail sichtbar machen zu können. Die Unterwasserarchäologie gilt vor allem deshalb als interessant, weil Gebiete an Land im Laufe von Jahrtausenden immer wieder durch den Menschen überformt wurden, manche – auch steinzeitliche – Spuren aber am Meeresgrund von Sedimentschichten bedeckt und zugleich geschützt worden sind. In Küstennähe gehen Forscher inzwischen systematisch auf die Suche nach Unterwasserhöhlen, die während der Eiszeiten trocken lagen. Solche Höhlen wurden in früherer Zeit als Wohnraum genutzt und könnten interessante Fundstücke bergen. Aus vielen Gebieten der Welt gibt es mittlerweile interessante neue Erkenntnisse, so zum Beispiel über die Siedlungswege zwischen Afrika und Europa rund um das Mittelmeer. Lange ging man davon aus, dass der moderne Mensch von Afrika auf dem Landweg am östlichen Mittelmeer nach Norden vorgestoßen ist. Neuere Funde zeigen aber, dass eine Besiedlung über das Meer von Küste zu Küste ebenso denkbar ist. Besonders intensiv wird derzeit untersucht, welche Rolle Malta gespielt haben könnte, jener Archipel, der zwischen Tunesien und der italienischen Insel Sizilien liegt. Er könnte eine wichtige Brücke zwischen den Kontinenten gewesen sein. Malta war zum Höhepunkt der letzten Eiszeit wesentlich größer und über eine 90 Kilometer lange Landbrücke, die als Malta-Ragusa-Plattform bezeichnet wird, mit dem heutigen Sizilien verbunden, sodass der Weg nordwärts von Afrika über das Mittelmeer im Vergleich zu heute kürzer war.
In den vergangenen Jahren wurde der Meeresboden um Malta mithilfe moderner Unterwassertechnik genau kartiert. Zudem wurden Bodenproben genommen. Dabei wurden alte Landstrukturen am Meeresboden sichtbar, die sich im Laufe der Jahrtausende kaum verändert hatten: alte Flusstäler, Sandbänke, steinzeitliche Uferlinien und möglicherweise sogar alte Seen. Früher waren die heutigen drei Inseln des Malta-Archipels miteinander verbunden, und es gab dort offenbar große fruchtbare Gebiete, die für frühe Siedler aus Afrika interessant gewesen sein könnten. Eine Überfahrt mit einfachen Booten wäre nach Ansicht der Forscher denkbar. Derzeit versucht man, konkrete Hinweise auf frühe Siedlungen zu finden. Auch 200 Kilometer nordwestlich wird nach Spuren früher Besiedlung am Meeresgrund gesucht. Dort, auf der kürzesten Strecke zwischen Tunesien und Sizilien, liegt die kleine Insel Pantelleria. Sie ist für ihre Obsidian-Vorkommen bekannt, ein schwarzes, glasähnliches Vulkangestein, das auch von Menschen der Steinzeit benutzt wurde. Forscher haben jetzt ein kleines Gebiet nach behauenen Obsidian-Steinen abgesucht und sind fündig geworden. Offensichtlich kommen die behauenen Steine konzentriert an einer alten Uferlinie vor, die heute in etwa 20 Meter Tiefe liegt. Nähere Untersuchungen sollen zeigen, ob es sich um einen steinzeitlichen Fund handelt. Die Wissenschaftler halten das für wahrscheinlich.

Sundaland – ein Schmelztiegel der Menschheit

Auch in Südostasien wird versucht, untergegangene Küstenlinien ausfindig zu machen, an denen sich prähistorische Siedlungshinweise finden lassen. Die Herausforderung besteht in der schieren Größe des zu untersuchenden Meeresgebiets. Während der letzten Eiszeit war das heutige Seegebiet zwischen dem asiatischen Festland und den Inseln Borneo, Java und Sumatra eine riesige zusammenhängende Landmasse, die als Sundaland bezeichnet wird und damals eine Ausdehnung von der Größe Europas hatte. Experten nehmen an, dass sich das Klima und die Vegetation in verschiedenen Teilen von Sundaland immer wieder änderten. So gab es zu manchen Zeiten dichte Regenwälder, zu anderen Savannenlandschaften. Die Veränderungen führten dazu, dass es immer wieder großräumige Wanderungen gab. Menschen wanderten aus nördlichen Regionen nach Sundaland ein. Zu anderen Zeiten gab es Bewegungen in die Gegenrichtung. Dadurch – so zeigen genetische Modellierungen und einige wenige archäologische Funde – mischten sich die verschiedenen Stämme zu bestimmten Zeiten immer wieder. Die Region war ein genetischer Schmelztiegel, der bei der Entwicklung des heutigen Menschen eine wichtige Rolle gespielt haben dürfte. Weiter nimmt man an, dass die Menschen vor allem zu Zeiten, in denen in Sundaland die Savannen dominierten, auf bestimmten Korridoren oder Ebenen wanderten, möglicherweise auch auf höher gelegenen Ebenen entlang der Küste.
Noch ist über die Siedlungsgeschichte dieser Region zu wenig bekannt, sagen die Experten. Das sei bedauerlich, weil die Region auch ein wichtiger Trittstein für die Besiedlung Neuguineas und Australiens sei, die während der letzten Eiszeit eine zusammenhängende Landmasse bildeten, die als Sahul bezeichnet wird. Mit Sicherheit ausschließen lässt sich aber, dass es eine feste Verbindung zwischen Sundaland und Sahul gegeben hat, weil das Meeresgebiet dazwischen, die Bandasee, schon damals bis zu 5800 Meter tief war.

Die Ostsee – ein junges Küstenmeer

Im Vergleich zur Südhalbkugel spielten bei der Besiedlung der Nordhalbkugel andere Faktoren eine Rolle. Nicht nur die Veränderung des Meeresspiegels, sondern auch die Eismassen der Gletscher hatten einen enormen Einfluss auf die Natur und die menschliche Besiedlungsgeschichte. Wie stark sich die Landschaft dort verändert hat, zeigt das Beispiel der Ostsee. Deren Geschichte lässt sich dank umfangreicher sedimentologischer Untersuchungen ziemlich genau nachvollziehen. Sie begann vor etwa 12 000 Jahren, als sich die Gletscher der letzten Eiszeit bis nach Skandinavien zurückgezogen hatten. Damals lag der Meeresspiegel etwa 80 Meter unter dem heutigen Niveau. Im Bereich der heutigen Zentralen Ostsee bildete sich ein Schmelzwassersee, der zunächst keine Verbindung zum offenen Meer hatte, weil die heutige Meerenge zwischen Dänemark und Schweden, das Kattegat, früher noch als Landmasse über dem Meeresspiegel lag. Man hätte an diesem See entlangwandern und von der Region, wo sich heute die Insel Rügen befindet, bis zum Gebiet, wo heute die dänische Insel Bornholm liegt, trockenen Fußes gelangen können.
1.13 > Vor etwa 18 000 Jahren war die Nordsee größtenteils Festland. Das damalige Gebiet zwischen dem heutigen Großbritannien, Dänemark, Deutschland und den Niederlanden wird als Doggerland bezeichnet, wobei die exakte Lage von Landmasse, Gletschern und Flüssen ungewiss ist. Mit dem Steigen des Meeresspiegels schrumpfte das Doggerland, bis es vor etwa 7000 Jahren ganz verschwand.
Abb. 1.13: Vor etwa 18 000 Jahren war die Nordsee größtenteils Festland. Das damalige Gebiet zwischen dem heutigen Großbritannien, Dänemark, Deutschland und den Niederlanden wird als Doggerland bezeichnet, wobei die exakte Lage von Landmasse, Gletschern und Flüssen ungewiss ist. Mit dem Steigen des Meeresspiegels schrumpfte das Doggerland, bis es vor etwa 7000 Jahren ganz verschwand. © nach McNulty at al.
Mit dem Ansteigen des Meeresspiegels durch die Schmelzwasserpulse wurde diese Landverbindung vor etwa 10 000 Jahren überflutet. Allerdings wurde diese Verbindung zum offenen Meer vor etwa 9300 Jahren noch einmal gekappt, weil sich die skandinavische Landmasse langsam hob. Hatten während der Eiszeit die schweren Gletscherlasten sie noch absinken lassen, so verringerten sich diese mit dem Abtauen kontinuierlich. Die Hebung Skandinaviens hält übrigens bis heute an und beträgt derzeit etwa 9 Millimeter pro Jahr.
Mit den Schmelzwasserpulsen und der Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs wurde das Kattegat vor etwa 8000 Jahren aber dann endgültig überflutet.

Land verschwindet

Zu jener Zeit entstand auch die Nordsee. Bis vor etwa 10 000 Jahren war das Gebiet zwischen den heutigen Niederlanden, Deutschland, Dänemark und Großbritannien noch eine große zusammenhängende Landmasse. Sie wurde von großen Flüssen durchzogen, die man als die Vorläufer von Rhein, Weser, Themse und Elbe betrachten kann. Sie mündeten damals mehrere Hundert Kilometer weiter nördlich ins Meer als heute. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die Landschaft durch Moore und Birkenwälder geprägt war. Heute bezeichnet man sie in Anlehnung an die Doggerbank, eine Untiefe in der Nordsee, als Doggerland. Funde von Jagdwaffen belegen, dass hier Menschen der Mittelsteinzeit gewohnt haben. Mit dem steigenden Meeresspiegel wurde auch das Doggerland überflutet, sodass sich die Menschen, die an den Flussmündungen lebten, nach und nach von der Küste zurückziehen mussten. Vor etwa 7000 Jahren dürfte es komplett verschwunden gewesen sein. Damals lag der Meeresspiegel etwa 25 Meter unter dem heutigen Niveau. Heute sind der Grund der Nordsee und das Wattenmeer an der niederländischen, deutschen und dänischen Nordseeküste zu weiten Teilen von Sand und weichem Sediment bedeckt, das damals die Vorläuferflüsse weit hinaus ins Doggerland getragen haben. Der Helgoländer Felsen dürfte damals als mächtiger Tafelberg aus der weiten Ebene geragt haben. Er ist Teil einer Buntsandsteinschicht, die eigentlich 2000 Meter tief im Untergrund liegt, von einem mächtigen Salzstock aber, der sich vor 100 Millionen Jahren unter dem Gestein gebildet hatte, nach oben gedrückt worden ist.
1.14 > Vor 12 000 Jahren nutzten Menschen Beile und Dolche aus Helgoländer Flintstein. Damals ragte Helgoland, Teil einer Buntsandsteinschicht, als mächtiger Tafelberg aus dem Doggerland.
Abb. 1.14: Vor 12 000 Jahren nutzten Menschen Beile und Dolche aus Helgoländer Flintstein. Damals ragte Helgoland, Teil einer Buntsandsteinschicht, als mächtiger Tafelberg aus dem Doggerland. © Daniel Nösler/Landkreis Stade
Abb. 1.15: Der Sognefjord gehört zu den beliebtesten Reisezielen Norwegens. Er wurde durch Gletscher der Eiszeit geformt, die hier ins Meer glitten und dabei den Untergrund abschabten. Mit dem Abtauen der Gletscher und dem Anstieg des Meeresspiegels wurde das Gletschertal langsam überflutet. © Richard Taylor/ 4Corners/Schapowalow/Mato

1.15 > Der Sognefjord gehört zu den beliebtesten Reisezielen Norwegens. Er wurde durch Gletscher der Eiszeit geformt, die hier ins Meer glitten und dabei den Untergrund abschabten. Mit dem Abtauen der Gletscher und dem Anstieg des Meeresspiegels wurde das Gletschertal langsam überflutet.

Schmelzwasser bringt die marine Wärmepumpe ins Stocken

Was das Leben an den Küsten betrifft, waren der Meeresspiegelanstieg und die Überflutung großer Regionen die wohl direktesten Folgen der vor 20 000 Jahren beginnenden Warmzeit. Dass diese Klimaänderungen für den Menschen aber noch deutlich weiter reichende Folgen hatten, macht erneut das Beispiel des Agassizsees in Nord­amerika deutlich, aus dem sich mehrfach große Schmelzwassermengen ins Meer ergossen. Zu jener Zeit hatte sich die Nordhalbkugel im Vergleich zur Eiszeit schon sehr deutlich erwärmt. Der massive Abfluss von Süßwasser stoppte diesen Trend und führte zu einer neuerlichen Abkühlung der Nordhalbkugel um bis zu 5 Grad Celsius. Der Grund: Der Süßwasserschwall brachte die Wärmepumpe im Atlantik ins Stocken, die sogenannte thermohaline Zirkulation, die wie ein gigantisches Förderband den Globus umspannt (thermo – angetrieben durch Temperatur­unterschiede; halin – angetrieben durch Salzgehaltsunterschiede). Bei diesem Phänomen, das in den polaren Meeresgebieten auftritt, sinkt kaltes salziges Wasser, das besonders schwer ist, in die Tiefe ab und gleitet dort in Richtung Äquator. Während dieses Oberflächenwasser absinkt, strömt warmes Wasser aus südlichen Meeresgebieten nach. Auf diesem Prinzip beruht auch der Golfstrom, dessen Ausläufer durch die thermohaline Zirkulation warmes Wasser aus südlichen Breiten nach Nordosten transportiert und damit zum milden Klima in Westeuropa beiträgt.
Auch schon zu Zeiten des Agassizsees bewirkte diese Wärmepumpe auf der Nordhalbkugel ein vergleichsweise mildes Klima. In Fachkreisen wird diskutiert, inwieweit die Schmelzwasserpulse das Wasser so stark ausgesüßt haben, dass die thermohaline Zirkulation stoppte. So wird angenommen, dass mit dem Stoppen der Zirkulation auch der Transport warmen Wassers aus südlichen Meeresgebieten versiegte. In Europa und dem Nahen Osten änderte sich das Klima. Es wurde kühler und trockener. Diese Änderung könnte auf die Menschheitsgeschichte einen entscheidenden Einfluss gehabt haben, insbesondere auf die Neolithische Revolution, die vor etwa 10 000 Jahren begann. Der Mensch wandelte sich vom Jäger und Sammler zum sesshaften Ackerbauern und Viehzüchter. Für diesen Umschwung gibt es verschiedene wissenschaftliche Erklärungen. Eine Erklärung ist die Mangelhypothese. Diese besagt, dass die Jäger und Sammler nicht mehr genug Nahrung fanden, weil vor allem bestimmte Beutetiere seltener wurden, deren Ausbleiben durch den Klimawandel, Schmelzwasserpulse und das Stoppen der thermohalinen Zirkulation ausgelöst worden sein könnte. In der Folge begann der Mensch, Wildgetreidearten zu kultivieren, die in dem nun herrschenden Klima gut wachsen konnten.
Mit dem Abtauen der Gletscher versiegte der Schmelzwasserfluss aus dem Agassizsee langsam, sodass sich im Atlantik wieder ein höherer Salzgehalt einstellte. Damit sprang die thermohaline Zirkulation im Laufe der Zeit wieder an, wodurch die Temperaturen in Europa und im Nahen Osten abermals anstiegen.
Alles in allem begann der vergleichsweise starke Anstieg des Meeresspiegels vor etwa 20 000 Jahren und dauerte bis vor etwa 6000 Jahren an. Seitdem hat sich der Meeresspiegel mit Schwankungen von wenigen Zentimetern pro Jahrhundert nur geringfügig verändert. Durch den vom Menschen verursachten Treibhauseffekt hat sich der Anstieg in den vergangenen Jahrzehnten offensichtlich wieder beschleunigt.

Gletscher formen Küsten

Der Wechsel von Warm- und Eiszeiten verändert Küsten nicht nur durch das Steigen und Sinken des Meeresspiegels aufgrund des Schmelzens und Anwachsens der Gletscher. Auch sonst prägt er die Gestalt der Küstenlandschaft. Während der Eiszeit lasteten die Gletscher als mehrere Kilometer dicke Eispakete auf weiten Teilen der Nordhalbkugel. Typischerweise bewegen sich Gletscher langsam über den Untergrund hinweg. Zum einen gleiten sie auf einem Film aus Schmelzwasser, das sich am Grund des Gletschers unter hohem Druck aus dem Eis bildet. Zum anderen verformt sich das Eis unter seinem Eigengewicht plastisch und bewegt sich dadurch langsam. Die wandernden Gletscher wirken wie mächtige Hobel, die die Küste unterschiedlich formen. Die Stockholmer Schärenküste etwa besteht aus 500 Millionen Jahre altem festem Granit und Gneis, die selbst ein Gletscher nicht abtragen, aber glatt und rund hobeln kann. Geologen bezeichnen eine solche Region als glaziale Rundhöckerlandschaft. Der steigende Meeresspiegel verwandelte diese Region dann in ein Archipel.
1.16 > Die Stock­holmer Schärenküste besteht aus sehr festem Granit und Gneis, die während der Eiszeit von Gletschern zu sanften Hügeln geschliffen wurden.
Abb. 1.16: Die Stock­holmer Schärenküste besteht aus sehr festem Granit und Gneis, die während der Eiszeit von Gletschern zu sanften Hügeln geschliffen wurden. © Nordic Photos/look- photos
An der steilen Küste Norwegens hingegen gruben sich die runden Gletscherzungen tief in das Gestein ein und schufen damit typische Täler, die mitunter sehr weit hinabreichen und ein U-förmiges Profil aufweisen. Der Sogne­fjord zum Beispiel erreicht heutzutage eine Tiefe von 1000 Metern. Wiederum anders ist die Bodenbeschaffenheit in Norddeutschland. Hier gibt es relativ weiche Böden, und es bildeten sich breite Gletscherzungen, die die Böden der Küsten zugleich quetschten und in der Breite ausschabten. Ein Beispiel dafür sind die großen Öffnungen der Kieler Förde und der Eckernförder Bucht. Textende