Fischerei
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WOR 1 Mit den Meeren leben - ein Bericht über den Zustand der Weltmeere | 2010

Stand der Meeresfischerei

Die Meeresfischerei – Stand der Dinge

> Fisch ist eine wichtige Nahrungsgrundlage des Menschen. Der geschätzte Wert des weltweit angelandeten Fischs beträgt jährlich etwa 90 Milliarden US-Dollar. Damit ist die Fischerei ein bedeutender Wirtschaftszweig. Doch in vielen Regionen der Weltmeere sind die Bestände durch permanente Überfischung bedroht.

Raubbau im großen Stil

Weltweit werden im Fischerei- und Aquakultursektor jährlich etwa 140 Millionen Tonnen Fisch gefangen beziehungsweise Fischereierzeugnisse produziert. Bis Anfang der 1990er Jahre war die Entwicklung der marinen Fischerei durch eine nahezu kontinuierliche Fangmengensteigerung gekennzeichnet. Zwischen 1950 und 1990 vervierfachten sich die weltweiten Anlandungen von unter jährlich 20 auf circa 80 Millionen Tonnen. Seit den 1990er Jahren ist die Gesamtmenge der im Meer gefangenen Fische, Mu­­scheln und Krebse in etwa konstant geblieben.
Wegen der großen Nachfrage nach Fischereierzeugnissen wird auch die Fischzucht zunehmend ausgebaut, vor allem in asiatischen Ländern. Der
Aquakultursektor
gehört mit einem jährlichen Wachstum von etwa sieben Prozent zu den am stärksten expandierenden Lebensmittelsektoren. Sein Anteil an der für den Verzehr bestimmten globalen Fischproduktion beträgt heute mehr als 40 Prozent. Allerdings sind viele der in Aquakultur gezüchteten Fische Raubfische und benötigen andere Fische als Futter. Wild gefangene Fische werden deshalb zur Fütterung eingesetzt. Obwohl die Mengen je nach Fischart stark schwanken, werden im Mittel pro Kilogramm produziertem Fisch etwa fünf Kilogramm Fischmehl und -öl verfüttert. Zudem werden wild gefangene Fische als Besatz zur Aufzucht genutzt. In Aquakultur aufgezogene Fische zu verzehren bedeutet also keineswegs, dass dadurch automatisch wild lebende Fische geschützt würden.
Der Ausbau der marinen Fischerei hat erheblich zum
Schrumpfen und teilweise zum Zusammenbruch der weltweiten Fischbestände
beigetragen. Von der Überfischung sind besonders langlebige Arten wie etwa der Rotbarsch betroffen, die erst in hohem Alter Nachkommen zeugen. Im Extremfall kann es sogar zum Zusammenbruch des Bestands kommen. So ist beispielsweise der nordwest­atlan­tische Kabeljaubestand vor Amerika nach Jahren der Überfischung zusammengebrochen.
6.1 > Das Beispiel des Nordsee-Kabeljaus zeigt, dass ein Fischbestand zusammenbricht, wenn nicht mehr ausreichend Altfische (Laicher, grün) zur Verfügung stehen, die Nachwuchs zeugen.
6.1 > Das Beispiel des Nordsee-Kabeljaus zeigt, dass ein Fischbestand zusammenbricht, wenn nicht mehr ausreichend Altfische (Laicher, grün) zur Verfügung stehen, die Nachwuchs zeugen. © maribus (nach Quaas, FAO Fishstat)
6.2 > Fisch wird heute im großen Stil in Aquakulturbetrieben gezüchtet, wie hier auf der chinesischen Insel Hainan. Die Fischfarmen tragen jedoch nicht zwangsläufig zum Schutz von Wildfischen bei, da dort große Mengen Fischmehl oder wild gefangener Kleinfische verfüttert werden.
6.2 > Fisch wird heute im großen Stil in Aquakulturbetrieben gezüchtet, wie hier auf der chinesischen Insel Hainan. Die Fischfarmen tragen jedoch nicht zwangsläufig zum Schutz von Wildfischen bei, da dort große Mengen Fischmehl oder wild gefangener Kleinfische verfüttert werden. © imago/Xinhua

6.8 > Weltweit hat die Nutzungsintensität wirtschaftlich relevanter Fischbestände deutlich zugenommen. © maribus (nach Quaas, FAO Fishstat) 6.8 > Weltweit hat die Nutzungsintensität wirtschaftlich relevanter Fischbestände deutlich zugenommen.

Wenn der Nachwuchs ausbleibt

Auch der Nordsee-Kabeljaubestand wurde durch intensiven Fang erheblich reduziert. An ihm lassen sich geradezu exemplarisch die Folgen des Raubbaus im Meer aufzeigen (siehe Kasten übernächste Doppelseite). Als
Bestand
bezeichnen Experten eine sich selbst erhaltende Population einer Spezies in einer geografisch begrenzten Region. Von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung ist der Laicherbestand, das heißt die fortpflanzungsfähigen Tiere des Fischbestands. Die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen FAO (Food and Agriculture Organization) gibt keine exakten Definitionen für die verschiedenen Zustandsklassen. Der Übergang zwischen dem voll genutzten und dem überfischten Zustand beispielsweise ist daher nicht ganz scharf. Als voll genutzt gilt gemäß FAO ein Bestand, der nah am maximalen Ertrag bewirtschaftet wird und keinen Raum für eine Ausweitung der Fänge lässt.
Als überfischt gilt ein Bestand
, der über ein nachhaltiges Maß hinaus genutzt wird. Das zeigt sich daran, dass der Bestand kontinuierlich abnimmt. Zusammengebrochen ist ein Bestand, bei dem die Fänge auch bei hohem Fangaufwand deutlich unterhalb des historisch beobachteten Niveaus liegen. Der Bestand gilt als sich erholend, wenn die Fänge nach einem Zusammenbruch schließlich wieder zu steigen beginnen.
Nach Schätzungen der FAO
hat der Anteil überfischter und zusammengebrochener Bestände seit den 1970er Jahren kontinuierlich zugenommen. Der Anteil noch nicht voll genutzter Bestände wiederum war 2006 um die Hälfte niedriger und lag bei etwa 20 Prozent. Ein Grund für diese Entwicklung ist die immer effizientere Fangtechnik. Dazu zählen technisch verbesserte Hilfsmittel zur Ortung der Fischschwärme und eine steigende Motorleistung der Fangschiffe.
Der Bau großer Fabrikschiffe macht es möglich, große Mengen Fisch noch auf See einzufrieren. So können Schiffe auch fernab der Anlandungshäfen auf Fischfang gehen. Die Weiterentwicklung der Fangtechniken führt auch dazu, dass in immer größeren Tiefen gefischt werden kann. Aufgrund mangelnder Alternativen greift die kommerzielle Fischerei außerdem zunehmend auf Spezies zurück, die bislang als unrentabel, minderwertig oder als für den Verzehr nicht geeignet galten.
6.5 > Fangmengen und Anlandewerte nach Gruppen von Fischarten. © maribus (nach FAO Fishstat)

6.5 > Fangmengen und Anlandewerte nach Gruppen von Fischarten.

6.4 > Entwicklung der marinen Fangmengen seit 1950 weltweit.

6.4 > Entwicklung der marinen Fangmengen seit 1950 weltweit. © maribus (nach FAO)

Zusatzinfo Das Schicksal des Kabeljaus

Von der Schwierigkeit der Bestandsschätzung

Grundsätzlich ist es schwierig,
die Fischbestände richtig abzuschätzen,
denn direkt zählen kann man Fische nicht. So werden die weltweiten Fischbestände heute mithilfe mathematischer Modelle geschätzt. Eine wichtige Daten­grundlage sind die aktuellen Fangmengenzahlen der Fischerei. Berücksichtigt wird in den Modellen auch der Aufwand, der getrieben werden muss, um diese Menge Fisch zu fangen – beispielsweise die Zahl der Fangtage oder die Flottengrößen. Denn je weniger Fisch im Meer vorhanden ist, desto größer ist der Aufwand, um eine bestimmte Menge Fisch zu fangen. Allerdings werden heute nicht alle Fänge gemeldet, sodass
die Datengrundlage lückenhaft sein kann.
In die mathematischen Modelle fließen daher auch Informationen von wissenschaftlichen Probefängen ein, die Fischereibiologen regelmäßig durch führen. Dazu gehören auch Daten über die Altersstruktur der Fischbestände oder die Bestandsdichte.
Gemessen am Gesamtgewicht der gefangenen Fische wird die Liste der bedeutendsten Fangnationen mit deutlichem Abstand von der Volksrepublik China angeführt, deren jährliche Anlandungsmenge auf mehr als 14 Millionen Tonnen geschätzt wird. Mit jährlich etwa 7 Millionen Tonnen Fanggewicht belegt Peru den zweiten Platz. Regional betrachtet sind der Nordwestpazifik (19,8 Millionen Tonnen) und der Südostpazifik (11,8 Millionen Tonnen) die Fischereigebiete mit den größten Fangmengen überhaupt. Der mengenmäßig wichtigste Fisch ist die peruanische Sardelle mit einer Fangmenge von 7 bis 10 Millionen Tonnen, die unter anderem von Peru gefischt wird, gefolgt vom Alaska-Pollak (2,9 Millionen Tonnen) und dem Atlantik-Hering (2,4 Millionen Tonnen).
6.3 > Die wichtigsten Fischereinationen nach Fangmenge. © maribus (nach FAO Fishstat)

6.3 > Die wichtigsten Fischereinationen nach Fangmenge.

6.6 > Fänge nach Regionen in Tonnen Lebendgewicht (2007).

6.6 > Fänge nach Regionen in Tonnen Lebendgewicht (2007). © maribus (nach FAO Fishstat)

6.9 > Verwertung des Fischfangs nach Mengenanteilen 2006. Beim Bereich Non-Food handelt es sich zum großen Teil um Fischmehl oder Fischöl, das in Fischfarmen oder in der Tierzucht verwendet wird. © maribus (nach FAO Fishstat) 6.9 > Verwertung des Fischfangs nach Mengenanteilen 2006. Beim Bereich Non-Food handelt es sich zum großen Teil um Fischmehl oder Fischöl, das in Fischfarmen oder in der Tierzucht verwendet wird.

Milliarden verdienen – mit Fischmehl und Schlemmerfilets

Der geschätzte Wert der weltweit angelandeten Fische beträgt etwa 90 Milliarden US-Dollar. Noch größer ist die Wertschöpfung in der verarbeitenden Industrie, die aus dem Frischfisch diverse Fischprodukte herstellt. In ihrem ökonomischen Wert unterscheiden sich die einzelnen Fischarten stark voneiander. Dies liegt einerseits an den unterschiedlich großen Angebotsmengen auf den Weltmärkten. Andererseits sind verschiedene Fischarten bei Konsumenten unterschiedlich beliebt.
Für seltene Tunfischarten werden auf dem asiatischen Markt Preise von mehr als 100 Euro pro Kilo gezahlt,
während Fischer für ein Kilo Sprotten nur etwa 10 bis 20 Cent bekommen.
Welche Preise für Fischereiprodukte zu erzielen sind, hängt auch davon ab, wie die Fänge verarbeitet werden. Die Anteile der verschiedenen Verarbeitungsformen (Abb. 6.8) sind in den letzten Jahren in etwa konstant geblieben. Etwa drei Viertel des Fischfangs sind direkt für den menschlichen Verzehr bestimmt. Davon gelangt etwa die Hälfte als Frischfisch zu den Endverbrauchern, ein Viertel wird zu Tiefkühlware verarbeitet und ein weiteres Viertel wird durch Räuchern oder Beizen konserviert oder in Konserven auf den Markt gebracht. Die restlichen 23 Prozent des Fischfangs werden vor allem für die Futtermittelindus­trie zu Fischmehl und -öl verarbeitet und zum Beispiel zur Aufzucht von Fischen in Aquakulturen oder zur Aufzucht von Hühnern eingesetzt.
Je nach Region hat die Fischerei unterschiedliche Bedeutung für die Ernährung der Menschen.
Der Konsum von Fischereiprodukten schwankt vor allem in Abhängigkeit von der Verfügbarkeit alternativer Nahrungsquellen und der Nähe zum Meer erheblich. Weltweit beträgt die Versorgung mit Fischereierzeugnissen, inklusive der Produkte aus inländischer Fischerei und Aquakultur, etwa 16,4 Kilogramm Lebendgewicht je Person pro Jahr (Durchschnitt 2003 bis 2005). Der Verbrauch in den Ländern der Europäischen Union (EU-15) liegt mit einem Pro-Kopf-Konsum von 25,7 Kilogramm jedoch weit über diesem Durchschnittswert. Im Gegensatz zu Ländern wie Spanien (42,6 Kilogramm) und Portugal (55,4 Kilogramm), in denen traditionell viel Fisch gegessen wird, liegt der Verbrauch an Fischereiprodukten pro Person in Deutschland mit 14,3 Kilogramm pro Jahr in etwa auf Weltniveau.
Weltweit wird die Zahl der Fischer und Aquakulturbetreiber auf etwa 43,5 Millionen geschätzt, von denen der Großteil aus den asiatischen und afrikanischen Ländern stammt. Mit mehr als 12 Millionen Beschäftigten im Fischfang und der Aquakultur entfällt der größte Anteil auf die Volksrepublik China. Textende