Suche
english
2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

Fischerei in der Tiefsee

Fern und gefährdet – die Tiefsee

> Seit etwas mehr als einem halben Jahrhundert betreibt der Mensch auch in der Tiefsee Fischfang. Dabei wurden im Laufe der Zeit immer tiefere Meeresregionen erschlossen. Die verborgenen Lebensräume sind in zweierlei Hinsicht gefährdet, denn in ihnen sind sowohl seltene als auch empfindliche Organismen zu Hause. Erfreulicherweise setzt sich langsam die Überzeugung durch, dass diese Ökosysteme einen besonderen Schutz brauchen.

Seite:

Fischzug im Dunkeln

Der Satz, dass der Mond besser erforscht ist als die Tiefsee, trifft noch immer zu. Als Tiefsee bezeichnet man den völlig lichtlosen Bereich unterhalb von etwa 800 Metern. Zwar gibt es längst Tauchroboter, mit denen man sogar bis an die tiefsten Stellen der Ozeane, die Meeresgräben, vorstoßen kann, doch solche Expeditionen sind teuer und aufwendig. So ist das Wissen über das Leben in der Tiefe noch immer fragmentarisch. Tauchboote erhellen das Dunkel allenfalls schlaglichtartig. Bodenproben, die man mit Greifern oder Schleppnetzen von Forschungsschiffen aus nimmt, liefern nur punktuelle Einblicke in die Ökosys­teme der Tiefsee. Obwohl kaum bekannt ist, wie sich die menschlichen Eingriffe in diesen Systemen auswirken, werden die tiefen Meeresregionen bereits seit Ende des Zweiten Weltkriegs befischt. Anfangs fischte man in Tiefen von wenigen Hundert Metern vor allem nach Sebastes-Arten. Inzwischen fängt man bis in eine Tiefe von etwa 2000 Metern, wo Lebensbedingungen herrschen, die sich fundamental von denen in flachen Meeresregionen unterscheiden. Als Tiefseefischerei bezeichnet die Welternährungsorganisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) die Fischerei zwischen 200 und 2000 Meter Tiefe.

Verborgene Paradiesgärten

Vor Nordwesteuropa verläuft der Übergang vom Land in die Tiefe gemächlich. Vor der Küste erstreckt sich der Kontinentalschelf. Hier befindet sich die Nordsee als flaches, vorgelagertes Randmeer. Ähnlich ist die Situation vor China, etwa am Südchinesischen Meer. Der breite Kontinentalschelf endet am Kontinentalabhang, der steil in die Tiefe abfällt. Es gibt aber auch Küsten, an denen der Übergang vom Land zur Tiefsee eher abrupt ist. Breite Kontinentalschelfe und Randmeere fehlen hier. Das ist zum Beispiel vor Japan der Fall. Der Meeresboden fällt hier direkt steil in die Tiefe ab. Weltweit ragen vom Meeresboden besondere Strukturen auf: ozeanische Bänke, Rücken oder Seeberge. Als Bank wird eine Erhebung bezeichnet, die oftmals mehrere Hundert Kilometer lang oder breit ist. Bänke können aus sandigem Material bestehen oder aus massivem Gestein. Von der Bodenbeschaffenheit hängt unter anderem ab, welche Fische an einem Ort vorherrschen. Die einzelnen Fischarten haben unterschiedliche Lebensweisen. Manche Arten leben dicht am Boden. Sie sind demersal. Andere Arten leben frei schwimmend. Man nennt sie pelagisch. Ferner gibt es Arten, die zwar nah am Boden leben, aber zur Nahrungssuche in der Wassersäule aufsteigen. Sie sind benthopelagisch. Es ist erstaunlich, dass sich in der Tiefsee trotz der Dunkelheit spezielle Lebensgemeinschaften entwickelt haben. Die meisten sind erst zu einem kleinen Teil erforscht, und immer wieder entdecken Biologen neue, bislang noch nicht wissenschaftlich beschriebene Arten. In den vergangenen Jahren haben sich Forscher insbesondere mit Kaltwasserkorallen sowie den Ökosystemen an Seebergen und an heißen und kalten Tiefseequellen befasst. Eine solche Artenvielfalt, wie man sie hier vorgefunden hat, hatte man nicht erwartet, denn lange galt die Tiefsee als tote Schlammwüste. Für die Forschung war diese Artenvielfalt in der Tiefe eine Sensation.

Zusatzinfo Die Tiefenzonen des Meeres

Seeberge

Seeberge sind unterseeische Berge, die durch vulkani­­sche Aktivität entstanden sind und mindestens 1000 Meter vom Meeresboden der Tiefsee aufragen. Manche sind 3000 oder gar 4000 Meter hoch. Ihr Gipfel reicht oft bis in die oberen Schichten des Mesopelagials. Seeberge kann man also als Inseln oder Vulkane betrachten, die nie aus dem Wasser aufgetaucht sind. Lange glaubte man, dass es sich dabei um seltene Strukturen handelt. Heute geht man davon aus, dass es in allen Meeren etliche Seeberge gibt. Ihre Zahl wird auf Tausende geschätzt. Untersuchungen deuten darauf hin, dass Seeberge zum Teil über Gemeinschaften einzigartiger, endemischer, Arten verfügen. Dazu zählen niedere Tiere wie Schwämme und Seegurken – Verwandte der Seesterne –, aber auch Wirbeltiere wie Fische, die an artenreichen Seebergen in großen Schwärmen vorkommen können. Insofern sind die Seeberge für die Fischerei von besonderem Interesse.
3.15 > Seeberge finden sich vor allem an vulkanischen Strukturen wie etwa Meeresrücken und ziehen sich zum Teil als lange Hügelketten über den Meeresboden. Rot markiert sind Seeberge zwischen 1000 und 3000 Meter Höhe, blau die über 3000 Meter Höhe.
3.15 > Seeberge finden sich vor allem an vulkanischen Strukturen wie etwa Meeresrücken und ziehen sich zum Teil als lange Hügelketten über den Meeresboden. Rot markiert sind Seeberge zwischen 1000 und 3000 Meter Höhe, blau die über 3000 Meter Höhe. © Seung-Sep Kim/Chungnam National University
Was die Bedeutung der Seeberge angeht, sind noch viele Fragen offen. Viele Fachleute nehmen an, dass Seeberge wie gigantische Rührstäbe im Ozean wirken, an denen sich die großen Meeresströmungen kleinräumig verwirbeln. Es wird vermutet, dass Nährstoffe und abgestorbene Pflanzen- und Tiermasse aus dem Epipelagial in diesen Wirbeln gefangen werden und Fische anlocken. Das wäre eine schlüssige Erklärung für den Artenreichtum an den Seebergen und die teils sehr hohen Bestandsdichten der Fische. Meeresgebiete mit Seebergen sind zudem dafür bekannt, dass hier Zugvögel auf ihren trans­ozeanischen Wanderungen oder große Raubfische wie etwa Haie auf die Jagd gehen. Haie nutzen Seeberge darüber hinaus offenbar als geomagnetische Orientierungspunkte, um sich dort in großen Gruppen zu paaren. Andernorts konzentrieren sich zu bestimmten Zeiten Großaugenthunfische, die in den dichten Beutefischschwärmen jagen. Das ist zum Beispiel in den Wirbeln über den Seebergen vor Hawaii der Fall.

Kaltwasserkorallen

Mit Korallen verbindet man für gewöhnlich Bilder von idyllischen Südseeinseln, weißen Palmenstränden und Schwärmen bunt leuchtender Fische in lichtdurchflutetem Wasser. Tatsächlich aber gibt es Korallen auch in kalten und tiefen Wasserschichten. Sie kommen vor allem im Atlantik vor, etwa vor der Küste Norwegens oder nordwestlich von Irland, aber auch im Pazifik bei Australien und Neuseeland. Dass es auch in der Tiefe Korallen gibt, ist schon seit Jahrhunderten bekannt, denn Fischer fanden immer wieder Bruchstücke von ihnen in ihren Netzen. Bis vor 20 Jahren aber ahnte niemand, welche Ausmaße die Kaltwasserkorallenriffe haben können. Bei der Suche nach einer Idealroute für eine Pipeline entdeckten Mitarbeiter des norwegischen Energiekonzerns Statoil 1982 erstmals große Bestände der Kaltwasserkoralle Lophelia pertusa. Die Unterwasseraufnahmen galten damals als große Sensation.
3.16 > Kaltwasser­korallen finden sich weltweit. Sie können sogar in 2000 Meter Tiefe gedeihen.
3.16 > Kaltwasser­korallen finden sich weltweit. Sie können sogar in 2000 Meter Tiefe gedeihen.  © Roberts et al. (2006)
Heute weiß man, dass die norwegischen Korallenriffe eine Ausdehnung von rund 2000 Quadratkilometern haben und bezüglich der Größe sogar die Warmwasserkorallenriffe in den Tauchrevieren der Seychellen übertreffen. In den norwegischen Korallenriffen lebt eine Vielzahl seltener oder gar einzigartiger Spezies. Zudem gelten diese Riffe als Kinderstube der Fische, als Rückzugs- und Schutzraum für den Nachwuchs. Mit dem Begriff Kaltwasserkorallen ist nicht eine bestimmte Spezies gemeint. Vielmehr fasst man darunter etwa 1000 Arten zusammen, die in kaltem Wasser bei Temperaturen zwischen 4 und 12 Grad Celsius gedeihen. Viele kommen im Mesopelagial zwischen 200 und 400 Meter Wassertiefe vor. Einige Arten wie etwa die antarktische Tiefseekoralle Flabellum impensum leben sogar in Tiefen von bis zu 2000 Metern – bei einer Wassertemperatur von circa 1 Grad Celsius.

Riff Riffe sind lang gestreckte, schmale Erhebungen am Meeresboden. Korallenriffe bestehen aus den Kalkskeletten von Korallen, die sich im Laufe von Jahrtausenden zu meterhohen Riffen angehäuft haben. Auch Muscheln können Riffe bilden. Darüber hinaus gibt es riffartige Sandbänke und Felsenriffe.

Heiße und kalte Quellen am Meeresgrund

Heiße Quellen am Meeresgrund finden sich vor allem in vulkanisch aktiven Regionen, insbesondere dort, wo die Kontinentalplatten auseinanderdriften. Hier sind über die Jahrtausende ozeanische Rücken entstanden, da ständig frische Magmamasse aus dem Erdinnern aufsteigt. Diese hat sich im Laufe der Zeit zu hohen und mehrere Tausend Kilometer langen Gebirgsrücken aufgetürmt. Durch Spalten und Risse im Gestein sickert Wasser 2 bis 3 Kilometer tief in die Erdkruste ein und heizt sich an Magmakammern auf. Da die heiße Flüssigkeit eine geringe Dichte hat, steigt sie wieder auf. An manchen Stellen färben Mineralien das Wasser schwarz. Daher nennt man die Quellen auch Schwarze Raucher oder Black Smoker. Die Mineralien sind Lebenselixier für Bakterien, die als Primärproduzenten Biomasse aufbauen. Fachleute sprechen in einem solchen Fall von Chemosynthese, in Anlehnung an die durch Sonnenlicht angetriebene Photosynthese. Die bakterielle Biomasse ist Grundlage für höheres Leben. >
Seite: