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1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Veränderung der Küsten

Wie Natur und Mensch die Küste verändern

> Der Küstenverlauf wird von Naturkräften beeinflusst und reagiert an vielen Stellen stark auf variierende Umweltbedingungen. Andererseits greift aber auch der Mensch in den Küstenraum ein. Er besiedelt und bewirtschaftet die Küstenzone und baut Rohstoffe ab. Diese Eingriffe stehen im Zusammenspiel mit geologischen und biologischen Prozessen und können verschiedenste Veränderungen nach sich ziehen.

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3.5 > Bevölkerungs­verteilung nach Höhenlage. © maribus (nach Cohen und Small, 1998) 3.5 > Bevölkerungs­verteilung nach Höhenlage.

Bedeutung und Eigenschaften der Küstenzonen

Die Küste ist die Schnittstelle zwischen Land, Meer und Atmosphäre. Eine einheitliche Definition für diesen Begriff gibt es nicht, denn es hängt durchaus von der jeweiligen Perspektive oder der wissenschaftlichen Fragestellung ab, ob man die Küstenzone eher als Meer oder als Land betrachtet. Vereinfacht gesagt umfasst die Küstenzone jenen Bereich, in dem das Land noch maßgeblich vom Meer und das Meer noch deutlich vom Land beeinflusst wird. Daraus ergibt sich ein komplex gestalteter Raum, der vom Menschen stark geprägt ist. Die Küstenzonen der Erde sind ausgesprochen vielfältig und nicht nur für den Menschen ungeheuer wichtig.
  • Sie umfassen etwa 20 Prozent der Erdoberfläche.
  • Sie bieten wichtige Transportwege und Industriestandorte.
  • Sie sind ein bevorzugtes Erholungs- und Tourismusgebiet.
  • Sie sind Rohstoffquelle für Mineralien und geologische Produkte.
  • Sie beinhalten wichtige Ökosysteme mit einer großen Artenvielfalt.
  • Sie wirken als eine wichtige Sedimentationsfalle, die Sedimente aus Flüssen bindet.
  • Durch ihre Pufferwirkung zwischen Land und Meer beeinflussen sie viele globale Parameter.
  • 75 Prozent aller Megastädte mit einer Einwohnerzahl von mehr als 10 Millionen befinden sich in den Küstenzonen.
  • 90 Prozent der globalen Fischerei finden in Küstengewässern statt.
  • Sie bieten mehr als 45 Prozent der Weltbevölkerung Wohn- und Lebensraum.
Ein Großteil der Weltbevölkerung lebt in den Küstengebieten, die flach sind und deren Gestalt sich innerhalb kurzer Zeiträume stark verändern kann. In keiner anderen Region der Erde wächst die Bevölkerung heute schneller als in den Küstenzonen. Entsprechend wachsen die Küstenstädte. Der Mensch besiedelt mehr und mehr Fläche. Zugleich nutzt er die Küste immer intensiver, beispielsweise durch die Erschließung von Flächen für den Bau großer Windenergieparks im Meer.

Sedimente formen Küsten

Die Gestalt einer Küste wird also durch mehrere Einflüsse geprägt. Ein wesentlicher Faktor ist die Umlagerung von Sedimenten wie Schlamm, Sand und Kies. Die Sedimente werden vor allem durch winderzeugte Wellen und Strömungen, Gezeitenströme oder Flüsse, die ins Meer mün-den, bewegt. Je nach Strömung wird Sediment abgetragen (Erosion), umgelagert oder abgelagert (Akkumulation). Werden Sedimente nicht nur umgelagert, sondern weggetragen, verändert sich im Laufe der Zeit die Form der Küste. Ein Beispiel ist die ostfriesische Insel Memmert, an deren Südwestseite die Strömungen so viel Sediment abgetragen hatten, dass schließlich der alte Leuchtturm bis zu seinem Abriss im Wasser stand. Ein anderes Beispiel ist der Weststrand der dänischen Nordseeinsel Rømø. Dieser wird durch Sedimentzufuhr immer breiter.
3.6 > Die Gezeitenströmung hat den Sand am Strand der Isle of Lewis vor der schottischen Westküste fortgetragen und den steinigen Boden freigelegt.
3.6 > Die Gezeitenströmung hat den Sand am Strand der Isle of Lewis vor der schottischen Westküste fortgetragen und den steinigen Boden freigelegt. 
© Patricia Kreyer/PictureNature/Photoshot
3.7 > Der alte Leuchtturm der ostfriesischen Insel Memmert stand einst in den Dünen und wurde durch Erosion im Laufe von Jahrzehnten freigespült. © Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) 3.7 > Der alte Leuchtturm der ostfriesischen Insel Memmert stand einst in den Dünen und wurde durch Erosion im Laufe von Jahrzehnten freigespült.
Prinzipiell gibt es zwei Hauptrichtungen des Sedimenttransports. Zum einen jene, die parallel beziehungsweise entlang der Küste führt. Zum anderen jene, die auf die Küste zu oder von der Küste weg verläuft. Je mehr Sediment abgetragen oder angelagert wird, desto stärker verändert sich die Küstengestalt. Wie schnell Sediment erodiert werden kann, hängt von seiner Beschaffenheit sowie von der Dauer und Intensität der Wind- und Wasserströmungen ab. Eine starke Sturmflut etwa kann innerhalb weniger Stunden gewaltige Mengen Sediment forttragen. Besteht die Küste aus hartem Fels, der erosionsresistenter ist als locker gelagerter Sand, verändert sich die Gestalt der Küste vergleichsweise langsam. Küstenrückgang ist meist die Folge von Erosion: Mehr Sediment geht verloren, als die Strömungen nachliefern. Allerdings lässt sich der Entwicklungsstatus einer Küste nicht allein am Sedimentbudget festmachen. Es gibt Küstenabschnitte, die langfristig stabil sind, da Sediment lediglich an ihnen entlang transportiert wird. In vielen Küstenregionen wird der natürliche Sedimenteintrag heute durch Bauwerke wie etwa Staudämme behindert. Zwar sind nur 20 Prozent der Küstengebiete weltweit Lockergesteinsküsten aus Sand, Schlick oder Kies, doch mehr als die Hälfte ist heute von Erosion betroffen. Natürlich passen sich die Lockergesteinsküsten grund­sätzlich schnell an Veränderungen an, weil sich die Sedimente vergleichsweise leicht umlagern – Materialdefizite an einer Stelle werden durch neue Sedimentanlieferung wieder ausgeglichen. Doch ob der Charakter einer solchen Küste erhalten bleibt, hängt im Einzelfall vor allem von der Anstiegsrate des Meeresspiegels, der Stabilität des Sediments und der Sedimentzufuhr ab. Selbst Küstenschutzmaßnahmen tragen nicht nur zum Erhalt von Küsten bei. Sie können Küsten auch verändern. So ist es durchaus möglich, dass man durch den Schutz eines Küstenabschnitts andere Bereiche schädigt. Schützt man ein Gebiet durch Bauwerke wie Wellenbrecher vor Erosion­, bleibt an benachbarten, nicht geschützten Gebieten möglicherweise die existenziell wichtige Sedimentzufuhr aus. Verglichen mit Lockergesteinsküsten werden die Folgen eines Meeresspiegelanstiegs an Steil- und insbesondere Festgesteinsküsten weit weniger schwerwiegend sein. Weltweit machen Steil- und Festgesteinsküsten rund 80 Prozent aller Küsten aus.

Sedimente lassen die Erdkruste sinken

Dass Küstengebiete unter dem Gewicht eiszeitlicher Gletschermassen absinken, leuchtet ein. Doch auch Sedimente können sich zu solch mächtigen Paketen ablagern, dass sie die Lithosphäre, die Erdkruste, niederdrücken. Diese senkt sich zunächst ab und hebt sich später wieder, wenn die Belastung nachlässt. Im Fall der Gletscher geschieht das, wenn nach dem Ende der Eiszeit das Eis taut. Die Ausgleichsbewegungen können über mehrere Zehntausend Jahre andauern. Ein Beispiel ist die skandinavische Landmasse, die sich noch heute jährlich um bis zu 9 Millimeter hebt. Manchmal richtet sich die Erdkruste dabei ungleichmäßig auf, sodass ein Teil weiter absinkt, während sich der andere hebt. Mächtige Sedimentpakete bilden sich häufig in Deltaregionen, wo die Flüsse Unmengen von Sediment ins Meer spülen. Durch das Anhäufen der Sedimente gibt die Lithosphäre allmählich nach. Dadurch sinkt der Untergrund ab, sodass der Meeresspiegel relativ zum Land ansteigt. In manchen Fällen wird dieses isostatische Absinken durch die langsam in die Höhe wachsenden Sedimentmassen kompensiert. In anderen Fällen aber wird das Sediment selbst durch die zunehmende Auflast zusammengedrückt, sodass die Landmasse dennoch sinkt. Auch der Mensch beeinflusst das Absinken, beispielsweise durch die Förderung von Grundwasser, Erdöl oder Erdgas etwa im Niger-Delta. Es gibt Regionen, in denen sich die Landoberfläche durch das Zu­sam­men­spiel der genannten Faktoren um bis zu 5 Zentimeter jährlich absenkt. Der Meeresspiegel steigt dort entsprechend. >
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