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2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

Fischereimanagement

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Ökonomische Vorteile des nachhaltigen Fischereimanagements

Die Überfischung von Beständen ist nicht nur ein ökologisches Problem, sie ist auch unwirtschaftlich. Schrumpfen die Bestände, muss der Fischereiaufwand erhöht werden, um die gleiche Menge Fisch zu fangen. Die Fischer verbringen mehr Zeit auf See und verbrauchen mehr Treibstoff, um eine bestimmte Menge Fisch zu fangen. Deshalb ist eine Bewirtschaftung, die sich am MSY orientiert, sinnvoll. Problematisch ist, dass die Fischerei heute von vielen Staaten noch immer stark subventioniert wird. Durch die staatlichen Beihilfen kann die Fischerei aufrechterhalten werden, selbst wenn die Kosten des Fischereiaufwands, etwa in Form von Stundenlöhnen oder Treibstoff, bereits den Wert des Fangertrags übersteigen. So werden die individuellen Kosten der Fischer in vielen Fällen durch direkte oder indirekte Subventionen gesenkt. Jährlich werden weltweit rund 13 Milliarden US-Dollar in Form von Treibstoffvergünstigungen oder Modernisierungsprogrammen gezahlt, etwa 80 Prozent davon in den Industriestaaten.

Zusatzinfo Mauretanien, Senegal und der schwierige Weg zum guten Fischereimanagement

Eine aktuelle Studie kommt zu dem Schluss, dass sich eine Umstrukturierung der subventionierten Fischerei lohnt, weil das die Überfischung beenden würde. Die Bestände könnten sich erholen, was zukünftig zu einem höheren Ertrag führt. Bei einer solchen Umstrukturierung würde der Fischfang in bestimmten Gebieten für eine gewisse Zeit gestoppt oder stark reduziert werden. Statt die Fischerei zu subventionieren, würde das Geld für den Unterhalt der zwischenzeitlich arbeitslosen Fischer aufgewendet werden. Wie wichtig diese soziale Absicherung der Fischer ist, zeigt der Fangstopp der Heringsfischerei in der Nordsee zwischen 1977 und 1981. Zwar konnten sich die Bestände erholen, die kleinen Küstenfischereibetriebe aber überlebten diese Zwangspause nicht. Heute wird der Fang des Nordseeherings durch einige wenige Großkonzerne dominiert. Gelingt es aber, Phasen der Fang­beschränkungen sozial verträglich zu gestalten, und erholen sich die Bestände, dann kann die Fischerei wieder aufgenommen werden. Natürlich entgehen der Fischereiindus­trie durch einen Fangstopp oder eine Reduzierung der Fischerei zwischenzeitlich Erträge. Die Studie aber kommt zu dem Schluss, dass sich eine solche Umstrukturierungsmaßnahme innerhalb von nur 12 Jahren rechnet und die Fischerei zukünftig Mehrerträge von bis zu 53 Milliarden Dollar jährlich erwarten darf. Diese Berechnungen entsprechen ziemlich genau älteren Schätzungen der Weltbank. Diese geht davon aus, dass der Fischerei weltweit jährlich rund 50 Milliarden Dollar durch Überfischung, Ineffizienz und Managementmängel verloren gehen – eine erhebliche Summe im Verhältnis zum gesamten Wert der weltweit angelandeten Fische von rund 90 Milliarden Dollar. Zwar ist diese globale Analyse zum Teil verallgemeinernd, weil sich der Fischfang von Land zu Land stark unterscheidet, dennoch halten Fachleute die Schätzungen für solide.
5.17 > Große Subventionen, viele Schiffe: Vor allem die spanischen Fischereiflotten, wie diese im Hafen von Muros, wurden lange Zeit durch staatliche Hilfen am Leben gehalten.
5.17 > Große Subventionen, viele Schiffe: Vor allem die spanischen Fischereiflotten, wie diese im Hafen von Muros, wurden lange Zeit durch staatliche Hilfen am Leben gehalten. © Xurxo Lobato/Getty Images

Zertifikate machen nachhaltigen Fischfang attraktiv

Der Zustand der Fischbestände weltweit ist insgesamt noch immer besorgniserregend. Erfreulich ist hingegen, dass das nachhaltige Fischereimanagement für viele Fischereiunternehmen zunehmend interessant wird. Der Grund: Wer nachhaltig fischt, darf seine Produkte mit einem Ökosiegel kennzeichnen. Diese Siegel sind für viele Lebensmittelhandelsunternehmen in Europa und Nord­amerika, den wichtigsten Importregionen weltweit, mittlerweile eine wichtige Voraussetzung dafür, dass ein Fischprodukt überhaupt ins Sortiment aufgenommen wird. Inzwischen gibt es mehrere Initiativen, die diese Siegel vergeben. Zu den bekanntesten zählen der Marine Stewardship Council (MSC) und die Initiative Friend of the Sea. Der MSC wurde 1997 von einer bekannten Umweltschutzorganisation und einem internationalen Lebensmittelkonzern gegründet und ist seit 1999 als eigenständige Einrichtung tätig. Weltweit sind derzeit 133 Fischereibetriebe nach MSC-Standard zertifiziert. Zusammen fangen diese Betriebe mehr als 5 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte – ungefähr 6 Prozent der weltweiten Fangmenge. Die Initiative Friend of the Sea wurde ebenfalls von einer Umweltschutzorganisation ins Leben gerufen. Beide Ansätze verfolgen unter anderem das Ziel einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Fischbestände gemäß MSY.
Die Zertifikate werden in der Regel nicht für Arten, sondern für einzelne Fischereien vergeben. Ob ein Unternehmen ein Zertifikat erhält, hängt von verschiedenen Kriterien ab. Bewertet werden der Zustand des Fischbestands, die Auswirkungen der Fischerei auf das Meeres­ökosystem und das Management, dem die Fischerei unterliegt. Die Zertifizierung nach MSC-Standard zum Beispiel nutzt insgesamt 31 Bewertungs­kriterien, von denen eine bestimmte Anzahl erfüllt sein soll. Zu diesen Kriterien zählen:
  • Die Fischer sollen modernes und besseres Fanggeschirr einsetzen, das die Beifangmenge auf ein Minimum reduziert.
  • Das Fanggeschirr soll so gewählt werden, dass die Meereslebensräume geschont werden. Statt schwerer Grundschleppnetze, die den Boden aufwühlen und Bodenlebewesen töten, werden beispielsweise sogenannte Rock-Hopper-Netze eingesetzt, die mit Gummireifen vergleichsweise schonend über den Boden springen.
  • Während des Schiffsbetriebs sollen Verluste der Netze oder Meeresver­schmutzungen durch Öl vermieden werden.
  • Die Fischerei soll in Gebieten mit eindeutig geregeltem Fischereimanagement betrieben werden. Vermieden werden soll Fischfang in Gebieten, in denen die industrielle Fischerei mit der traditionellen Küsten­fischerei konkurriert.
  • Die Fischerei­unternehmen sollen sich intensiv mit Wissenschaftlern austauschen. Erfasst werden sollen umfangreiche, für die Fischereiwissenschaft wichtige Daten, die über den Zustand der Bestände Auskunft geben.
Die Fischerei soll illegale, nicht gemeldete und nicht regulierte Fischerei (illegal, unreported and unregulated fishing, IUU-fishing) verhindern. In den Zertifizierungen wird dazu unter anderem angegeben, welche Häfen anzulaufen sind. Die Anlandungen werden auf eine bestimmte Zahl von Häfen beschränkt, die das Löschen der Ladungen ausreichend kontrollieren.
Ein Zertifikat wird für 5 Jahre vergeben und kann verlängert werden. In bestimmten Abständen wird kontrolliert, ob die Regeln eingehalten werden, zum einen durch Überprüfung der Logbücher und Protokolle, zum anderen durch Besuche vor Ort direkt auf den Schiffen. Bei diesen Audits können stets auch Beobachter von Nichtregierungs­organisationen oder Umweltverbänden zugegen sein. Zudem fahren Beobachter auf den Schiffen mit, um stichprobenartig zu prüfen, was und wie viel gefangen wird. Im Fall der Fischerei des Südafrikanischen Seehechts finanziert der Südafrikanische Tiefseefischereiindustrieverband (South African Deep Sea Trawling Industry Association) die Beobachter. Dabei handelt es sich um Experten von verschiedenen Umweltschutzorganisationen und südafrikanischen Ornithologen­verbänden, die insbesondere den Beifang von Seevögeln erfassen. Darüber hinaus wird der Fang mit Videokameras überwacht. Im Fall der Kabeljau- und Seelachs­fischerei in der Barentssee wiederum sind bei 5 Prozent aller Fahrten Beobachter mit an Bord. Diese werden von einem staatlichen Polarforschungsinstitut für Meeres­fischerei und Ozeanografie beauftragt. Kritiker führen an, dass das Zertifizierungsverfahren nicht streng genug sei, weil nur ein Teil der Kriterien erfüllt sein müsse. So würden Zertifikate beispielsweise auch für Bestände vergeben, die nicht in optimalem Zustand sind beziehungsweise sich noch nicht vollständig erholt haben. Das betrifft jene Bestände, deren Biomasse noch nicht so stark angewachsen ist, dass sie bereits den maximalen nachhaltigen Ertrag (MSY) liefern können. Die Kritiker fordern daher eine noch restriktivere Zertifizierung. Nach Ansicht der Zertifizierer aber ist die Vergabe der Ökosiegel durchaus gerechtfertigt. Denn damit sollen die Unternehmen dazu verpflichtet werden, so zu fischen, dass sich die Bestände wiederaufbauen können. Mit dem Zertifikat erhalten die Unternehmen klare Zielvorgaben, die in einem bestimmten Zeitraum erreicht werden sollen. Textende
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