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2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

Stand der Weltfischerei

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Fremde Arten verursachen zusätzlichen Stress

Eine zusätzliche Bedrohung für die ohnehin geschwächten Fischbestände sind in manchen Meeresgebieten fremde Arten. Besonders problematisch sind Räuber, die sich von den Fischen, Eiern oder Larven der geschwächten Bestände ernähren. Aber auch Fraßkonkurrenten, die dieselbe Nahrung benötigen, können einem geschwächten Fischbestand sehr zusetzen. Kritisch wird es immer dann, wenn die fremde Art für ihre Verhältnisse gute Lebensbedingungen vorfindet und sich aus diesem Grund stark vermehrt. Im Mittelmeer zum Beispiel wandern fremde Spezies durch den Suezkanal aus dem Roten Meer ein. Offenbar verdrängen manche dieser Arten klassische Spezies im östlichen Mittelmeer. Im Schwarzen Meer brachen in den 1990er Jahren die Sardellen- und Sprotten­bestände zusammen. Die Ursache war zum einen eine Überfischung, zum anderen eine bis zu faustgroße, durch das Ballastwasser in Schiffstanks eingeschleppte Rippenquallenart, die die ohnehin geringen Fischbestände zusätzlich schwächte. Die Quallenschwärme, davon gehen Forscher heute aus, haben die Eier und Larven der Fische in Massen gefressen. Wirklich erholt haben sich die Bestände noch nicht. Sie gelten als voll genutzt oder noch immer überfischt.

Ein genauer Blick auf die Arten

Betrachtet man die einzelnen Fanggebiete der Welt genauer, wird deutlich, dass es auf die Frage, wie es um die Fische steht, keine einfache Antwort gibt. Die Situation ist komplex. Zweifellos sind viele Bestände überfischt oder zusammengebrochen. Andere aber erholen sich dank eines nachhaltigen Fischereimanagements. Im Folgenden werden einzelne Fischarten und ihr jeweiliger Status exemplarisch dargestellt – unter anderem die wichtigsten Fischarten mit den höchsten Gesamtfangmengen. Diese Fischarten machen etwa 25 Prozent des Weltfischfangs aus. Die meisten ihrer Bestände gelten als voll genutzt oder überfischt.

Die Peruanische Sardelle – mal mehr, mal weniger

Interessant ist die Entwicklung der Peruanischen Sardelle (Engraulis ringens). Bezogen auf die Fangmenge, ist sie der weltweit wichtigste Fisch. Der Fang wird zu großen Teilen zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet, das in Aquakulturbetrieben an größere Zuchtfische verfüttert wird. Die größte Fangmenge aller Zeiten wurde 1971 mit rund 13 Millionen Tonnen erreicht. Heute entspräche das einem Viertel des weltweiten Fischfangs – sofern man die Fänge anderer Meerestiere wie etwa Muscheln oder Tintenfische nicht berücksichtigt. Die Bestände brachen in den 1980er Jahren auf etwa ein Zehntel dieser Rekordfangmenge ein; nicht allein wegen der intensiven Befischung, sondern vermutlich auch, weil aufgrund des Klimaphänomens El Niño die Nahrung ausgeblieben war. Danach erholten sich die Bestände wieder. 1994 wurde mit 12,5 Millionen Tonnen ein neuer Jahresrekord erreicht. Seit 2004 nehmen die Fangmengen wieder ab. Auch in diesem Fall ist das vor allem auf das Klimaphänomen El Niño zurückzuführen. Das Beispiel der Sardelle macht deutlich, wie stark Bestände schwanken können. Es zeigt, welche ungeheuren Fischmengen der Mensch dem Meer entnimmt; kommen dann noch ungünstige Umweltbedingungen hinzu, können selbst große Bestände weitgehend dezimiert werden. Das Exempel der Sardelle lehrt aber auch, dass ein Bestand dank der hohen Reproduktionsleistung der Fische schnell wieder wachsen kann. Andere Fischarten und Bestände wiederum können sich weniger schnell von einer Überfischung erholen. Ein Beispiel ist die Nordostatlantische Makrele.
3.9 > Die 10 bedeutendsten Fischarten der Meeresfischerei und ihre weltweiten Gesamtfangmengen. In Abhängigkeit vom Klimaphänomen El Niño schwankt insbesondere die Fangmenge der Peruanischen Sardelle von Jahr zu Jahr.
3.9 > Die 10 bedeutendsten Fischarten der Meeresfischerei und ihre weltweiten Gesamtfangmengen. In Abhängigkeit vom Klimaphänomen El Niño schwankt insbesondere die Fangmenge der Peruanischen Sardelle von Jahr zu Jahr.  © nach FAO Fishstat (2012)

Die Nordostatlantische Makrele – Auszug aus der Nordsee

Der Bestand der Nordostatlantischen Makrele (Scomber scombrus) setzt sich aus drei Teilbeständen zusammen: dem westlichen Bestand, dem südlichen Bestand und dem Nordseebestand. Die Fische dieser Teilbestände unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Laichplätze. Die Nordseemakrelen laichen an der britischen Ostküste, die südlichen Tiere in der Biskaya sowie vor der Iberischen Halbinsel und die westlichen Tiere im Westen der Britischen Inseln und Irlands. Im Frühjahr, wenn sich mit steigenden Temperaturen das Plankton stark entwickelt, ziehen die Tiere aller drei Bestände in das Gebiet zwischen den Shetlandinseln und Norwegen, um dort gemeinsam auf Beutejagd zu gehen. Dieses nahrungsreiche „summer feeding area“ verlassen die Tiere nach und nach wieder, um in den drei Teilgebieten abzulaichen. Dabei zeigen sie ein erstaunliches Schwarmverhalten: Jungtiere, die zum ersten Mal laichen, schwimmen keineswegs immer zurück in ihr Heimatgebiet, sondern folgen oftmals der Masse der Makrelen. Früher lebte der größte Teilbestand in der Nordsee. Entsprechend zog es viele Erstlaicher in die Nordsee. In den 1970er Jahren aber brach der Nordseebestand aufgrund von Überfischung zusammen.
3.10 > In Thunfischkonserven wird meist das Fleisch weitverbreiteter Thunfischarten wie des Echten Bonitos angeboten. Dennoch sollte man beim Kauf auf Produkte aus nachhaltiger Fischerei achten. © Michal Saganowski/Getty Images 3.10 > In Thunfischkonserven wird meist das Fleisch weitverbreiteter Thunfischarten wie des Echten Bonitos angeboten. Dennoch sollte man beim Kauf auf Produkte aus nachhaltiger Fischerei achten.
Obwohl man die Fischerei anschließend in vollem Umfang stoppte, hat sich dieser Teilbestand bis heute nicht erholt. Der westliche Bestand wurde zum wichtigsten. Die Folgen sind klar: Viele Makrelen, die heute in der Nordsee aufwachsen, folgen als Erstlaicher dem Hauptstrom nach Westen. Auch gute Jahrgänge können daran nichts ändern. Selbst wenn es in der Nordsee viel Nachwuchs gibt, wandern später die meisten Tiere zum Laichen in den Westen ab. Dass bis heute Makrelen in der Nordsee zu finden sind, liegt vermutlich daran, dass stets ein gewisser Teil von ihnen dennoch die Laichgründe an der englischen Ostküste aufsucht. Fraglich ist, ob sich in der Nordsee jemals wieder ein größerer Makrelenbestand etablieren kann. Interessant ist, dass sich die Nordostatlantische Makrele in den letzten Jahren offensichtlich allgemein verstärkt nach Westen orientiert. So schwimmen die Tiere auf ihrer frühsommerlichen Nahrungswanderung zunehmend bis in isländische Gewässer. Das hat dazu geführt, dass Island die Fangmengen für Makrele innerhalb von nur 3 Jahren von 4000 auf 200 000 Tonnen gesteigert hat. Wissenschaftler sehen das mit Sorge, denn seit Jahren werden ohnehin zu viele Makrelen gefangen. Der Grund: Die Anrainer – die Färöer, Island, Norwegen, Russland sowie die Europäische Union – wollen sich nicht auf niedrigere Fangzahlen einigen. Jede Nation legt für sich eigene Fangmengen fest. Rechnet man alle zusammen, wird die von den Wissenschaftlern empfohlene jährliche Gesamtfangmenge deutlich überschritten. So ist zu befürchten, dass der Bestand der Nordostatlantischen Makrele in den kommenden Jahren vollständig überfischt sein wird.
3.11 > Japan ist ein bedeutender Abnehmer von Thunfisch. Zu Dutzenden lagern die tiefgefrorenen Tiere in der Kühlhalle eines Tokioter Fischmarkts.
3.11 > Japan ist ein bedeutender Abnehmer von Thunfisch. Zu Dutzenden lagern die tiefgefrorenen Tiere in der Kühlhalle eines Tokioter Fischmarkts.  © Bruno Barbey/Magnum Photos/Agentur Focus

Zusatzinfo Wie geht es dem Thunfisch?

Der südliche Europäische Seehecht – Geschacher um Fangzahlen

Ungewiss ist auch die Zukunft des südlichen Europäischen Seehechts in der Biskaya und westlich der Iberischen Halbinsel. Er ist ein Musterbeispiel dafür, wie schwierig es ist, einen Bestand richtig einzuschätzen. Und er zeigt, dass eine Fischereination im Zweifelsfall eher weiterfischt, als einen Bestand zu schützen. Schwierig ist die Diskussion um den Seehecht vor allem deshalb, weil sich die Art seit etwa 2 Jahren offensichtlich stärker vermehrt als in den Jahren zuvor be­obachtet. Die Laicherbiomasse nimmt zu. Die Wissenschaftler des ICES gehen dennoch davon aus, dass der Bestand schon länger, nämlich seit Anfang dieses Jahrhunderts, überfischt ist. Die Bestandsabschätzungen des ICES haben ergeben, dass wohl 3-mal mehr Seehecht gefangen wurde, als es der Bestand auf die Dauer vertragen kann. Nach langen, zähen Verhandlungen mit Spa­nien richtete die EU-Kommission 2005 endlich einen Managementplan ein. Dieser sei aber nicht ausreichend, sagen die ICES-Experten, denn dessen Ziel sei es, die Fangmengen nur ganz langsam zu senken. Rein rechnerisch könnte sich der Bestand so irgendwann erholen. Eine solche Bestandszunahme allerdings wäre nach Ansicht der ICES-Experten so gering, dass sie kaum messbar wäre. Eine Aussage, ob sich der Bestand erholt, könnte demnach in den kommenden 10 Jahren überhaupt nicht getroffen werden. Viele Fachleute betrachten den Managementplan daher als Farce. Der Seehecht sei damit nicht ausreichend geschützt. Spanien aber beharrt angesichts der aktuellen Zunahme der Laicherbiomasse auf dem Managementplan. Der ICES geht davon aus, dass trotz des Managementplans zu viel Fisch gefangen wird. Dass der Laicherbestand wächst, so die ICES-Fachleute, sei ein großes Glück. Sie argumentieren, dass der Seehecht trotz und nicht aufgrund des Managementplans wachse. Dass Spanien einlenkt, ist nicht abzusehen. Für das Jahr 2012 hat das Land dem ICES unvollständige Daten überreicht, die in dieser Form nutzlos sind. Das führt derzeit zu kontroversen Diskussionen zwischen dem ICES und Spanien.
3.13 > Durch konsequentes Fischereimanagement kann sich ein Bestand erholen. Nachdem der Nordseehering in den 1960er Jahren überfischt worden war (siehe abnehmende Laicherbiomasse), stoppte man die Fischerei. Der Bestand, insbesondere die Menge der geschlechtsreifen Tiere (Laicher), wuchs wieder an. Nach einer erneuten Überfischung in den 1990er Jahren wurde 1997 ein Managementplan beschlossen, der den Fang erneut beschränkte. Der Laicherbestand konnte sich erholen. Die Abnahme der Laicher­biomasse ab 2002 ist vermutlich auf Klimaveränderungen zurückzuführen.
3.13 > Durch konsequentes Fischereimanagement kann sich ein Bestand erholen. Nachdem der Nordseehering in den 1960er Jahren überfischt worden war (siehe abnehmende Laicherbiomasse), stoppte man die Fischerei. Der Bestand, insbesondere die Menge der geschlechtsreifen Tiere (Laicher), wuchs wieder an. Nach einer erneuten Überfischung in den 1990er Jahren wurde 1997 ein Managementplan beschlossen, der den Fang erneut beschränkte. Der Laicherbestand konnte sich erholen. Die Abnahme der Laicher­biomasse ab 2002 ist vermutlich auf Klimaveränderungen zurückzuführen.  © http://fischbestaende.portal-fischerei.de

Der Nordseehering – eine Erholung ist möglich

Dass sich ein Bestand erholen kann, wenn man ihn lässt, zeigt das Beispiel des Nordseeherings. Nachdem man in den 1960er Jahren die Ringwadenfischerei eingeführt hatte, kollabierte der Bestand innerhalb weniger Jahre. Die Heringsfischerei war deshalb von 1977 bis 1981 komplett verboten – eine konsequente und richtige Maßnahme. Der Bestand erholte sich. Die Laicherbiomasse erreichte Anfang der 1990er Jahre ein neues Hoch. Dann folgte die nächste Krise. Diesmal gingen viele junge Fische als Beifang in Netz. Damit gab es weniger Tiere, die zur Geschlechts­reife heranwachsen konnten. In der Folge sank die Laicherbiomasse erneut sehr stark. Mitte der 1990er Jahre war der Bestand wieder auf einem Tief. Diesmal aber reagierte man schneller. 1997 wurde die Fangmenge mitten im Fischereijahr erneut stark gedrosselt. Der Bestand erholte sich.

Ringwade Die Ringwade ist ein Netz, das kreisförmig um einen Schwarm gelegt und dann am unteren Rand zusammengezogen wird. So lassen sich selbst große Fischschwärme wie in einem Kescher fangen.

Das Beispiel zeigt, dass sich die Entwicklung eines Bestands durch Fangverbote oder Beschränkungen sehr gezielt steuern und zum Positiven wenden lässt. Seit 2002 sinkt die Laicherbiomasse allerdings wieder – höchstwahrscheinlich aufgrund natürlicher Klimaschwankungen. Offenbar hängt die Reproduktion des Herings zum Teil mit der Nordatlantischen Oszillation (NAO) zusammen, einer regelmäßig wiederkehrenden großräumigen Luftdruckschwankung. Und das führt zu neuen Differenzen zwischen dem ICES, der die Empfehlungen ausspricht, und dem Europäischen Ministerrat, der für das Fischereimanagement in der Nordsee verantwortlich ist. Wegen der guten Bestandsentwicklung setzte der Minis­terrat 2011 höhere Fangmengen an als vom Managementplan vorgesehen und vom ICES empfohlen. Der ICES drängt darauf, trotz des guten Laicherbestands bei den festgelegten Fangmengen zu bleiben. Gerade in guten Zeiten sollte ein Managementplan erfüllt werden, damit der Bestand weiter wachsen und auch Jahre mit schlechter Reproduktion abfedern kann. Textende
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