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2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

Fischerei in der Tiefsee

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Sicher ist, dass die Tiefseearten starke Befischung nicht kompensieren können. Die Tiefseefischerei ist also ökologisch und wirtschaftlich fragwürdig. Zum einen kann viel zerstört werden, zum anderen sind die jeweiligen Fangmengen gering und die meisten Tiefseefisch­bestände aufgrund der K-Strategie vergleichsweise klein. Betrachtet man die Tiefseefischerei als Ganzes, hat sie daher nur einen kleinen Anteil an der weltweiten Fangmenge. Sie lässt sich im Grunde nur durch hohe Subventionen aufrechterhalten, denn die Kosten für den Treibstoff sind hoch, weil die Schiffe oft sehr weit hinausfahren müssen.
3.19 > Die Fangmengen vieler Tiefseefische wie hier des Granatbarschs nahmen innerhalb weniger Jahre rapide ab, weil die Bestände schnell überfischt waren.
3.19 > Die Fangmengen vieler Tiefseefische wie hier des Granatbarschs nahmen innerhalb weniger Jahre rapide ab, weil die Bestände schnell überfischt waren. © www.fao.org/docrep/009/a0653e/a0653e07.htm
3.20 > Über die Jahre blieb die Gesamtfangmenge der Tiefseefischerei auf einem hohen Niveau, allerdings nur deshalb, weil neue Arten die überfischten Bestände anderer Spezies ersetzt haben. Die Abbildung summiert für jedes Jahr die Mengen der verschiedenen Arten. Ein Beispiel für die Überfischung von Tiefseearten ist der Armorhead, der seit Ende der 1960er Jahre durch japanische und russische Trawler an Seebergen im Pazifik befischt wurde. Innerhalb von 10 Jahren wurden die Bestände so stark dezimiert, dass die Art kommerziell ausgerottet war und die Fischerei aufgegeben wurde.
3.20 > Über die Jahre blieb die Gesamtfangmenge der Tiefseefischerei auf einem hohen Niveau, allerdings nur deshalb, weil neue Arten die überfischten Bestände anderer Spezies ersetzt haben. Die Abbildung summiert für jedes Jahr die Mengen der verschiedenen Arten. Ein Beispiel für die Überfischung von Tiefseearten ist der Armorhead, der seit Ende der 1960er Jahre durch japanische und russische Trawler an Seebergen im Pazifik befischt wurde. Innerhalb von 10 Jahren wurden die Bestände so stark dezimiert, dass die Art kommerziell ausgerottet war und die Fischerei aufgegeben wurde. © nach FAO Fishstat

Im Laufe der Jahre rückten immer wieder neue und zuvor unbeachtete Arten in den Fokus – oftmals als Ersatz für überfischte Fischarten. Ein Beispiel für die Substitution einer überfischten Spezies durch eine neue Sorte findet sich bei der Jagd nach den Sebastes-Arten. Zwar sank die Gesamtfangmenge seit den 1970er Jahren, aber sie blieb auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Das war möglich, weil man neue Zielarten befischte. Im Nordostatlantik wurde seit den 1950er Jahren zunächst Sebastes marinus (Goldbarsch) gefangen. 1980 machte er noch mehr als 40 Prozent des Fangs von Sebastes-Arten aus. Doch die Bestände schrumpften. In den 1990er Jahren hatte Sebas­tes marinus im Nordostatlantik nur noch einen Anteil von weniger als 20 Prozent am Gesamtfang der Sebastes-Arten. Stattdessen befischte man verstärkt die grönländischen Bestände der Art Sebastes mentella (Tiefenrotbarsch). In dieser Region lebt die Art eher demersal. Als diese grönländischen Bestände schrumpften, verlegte man sich auf die eher pelagisch lebenden Sebastes-mentella-Bestände im offenen Atlantik. Durch eine Beschränkung der Fischerei wurde es immerhin möglich, dass sich die Bestände von Sebastes mentella vor Grönland seit einiger Zeit erholen können.

3.21 > Im norwegischen Trondheimfjord findet sich die rote Kaugummi-Koralle  (Paragorgia arborea) neben der  weißen Steinkorallenart Lophelia pertusa.  Insgesamt gibt es weltweit rund  1000 Kaltwasser­korallenarten. © Birgitta Mueck

3.21 > Im norwegischen Trondheimfjord findet sich die rote Kaugummi-Koralle (Paragorgia arborea) neben der weißen Steinkorallenart Lophelia pertusa. Insgesamt gibt es weltweit rund 1000 Kaltwasser­korallenarten.

Zerstörung einzigartiger Habitate

Viele Tiefseefischarten entwickeln große Bestände vor allem an Strukturen wie Seebergen, Bänken und Kaltwasserkorallenriffen. Werden diese Arten befischt, sind potenziell auch die Habitate bedroht, insbesondere wenn Grundschleppnetze eingesetzt werden, die empfindliche Korallen zerstören. Das Problem: Korallen wachsen sehr langsam, meist nur wenige Millimeter im Jahr. Bis sich die Lebens­räume erholt haben, können also Jahrzehnte vergehen. Untersuchungen an mehreren benachbarten Seebergen vor Tasmanien haben gezeigt, dass 43 Prozent der Arten bislang unbekannt waren und damit möglicherweise einzigartig sind. In Bereichen, in denen man Grundschleppnetze einsetzte, verringerte sich die Zahl aller Arten auf 59 Prozent. Auf 95 Prozent der Fläche blieb nur blanker, felsiger Untergrund zurück. Damit ist es durchaus denkbar, dass endemische Arten, die nur an einem einzigen Seeberg leben, gänzlich ausgelöscht werden.

Ist ein Schutz der Tiefsee möglich?

Im Zuge der Einsicht, dass die Tiefseelebensräume durch die Fischerei besonders gefährdet sind, hat die FAO im Jahr 2008 Richtlinien für die Tiefseefischerei im Bereich der Hohen See verabschiedet (FAO, International Guidelines for the Management of Deep-sea Fisheries in the High Seas). Diese Richtlinien sind rechtlich nicht bindend. Sie enthalten aber klare Empfehlungen zum Schutz von Fischarten, welche schnell überfischt werden. Sie beziehen sich auf Fischfangmethoden, bei denen das Fanggeschirr den Grund berührt. Diese Richtlinien sollen per definitionem in erster Linie den Schutz in internationalen Gewässern außerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) regeln, in denen ja die Freiheit der Hohen See und der Fischerei herrscht.
3.24 > Der Rockall-Felsen vor Irland. An seinem Fuß befindet sich eines der artenreichsten und schützenswertesten Meeresgebiete im Nordostatlantik.
3.24 > Der Rockall-Felsen vor Irland. An  seinem Fuß befindet sich eines der artenreichsten und schützenswertesten Meeresgebiete im Nordostatlantik.© Chris Murray

Zusatzinfo Der Fischfang in internationalen Gewässern

Die FAO bezeichnet die schutzwürdigen Gebiete als sogenannte Vulner­able Marine Ecosystems (VMEs), als besonders empfindliche Meeresgebiete. Dazu zählen neben Bänken, Seebergen und Kaltwasserkorallenarealen große artenreiche Lebens­gemein­schaften aus Schwämmen sowie die dicht besiedelten heißen und kalten unterseeischen Quellen. Ob Meeresgebiete den Status eines VME erfüllen, wird mithilfe folgender Kriterien untersucht:

1. Einzigartigkeit, Seltenheit:

Ökosysteme, die einzigartig sind oder seltene Arten enthalten. Ein Verlust dieser Ökosysteme kann nicht durch ähnliche Ökosysteme kompensiert werden. Dazu zählen unter anderem: Habitate endemischer Arten, Habitate mit bedrohten Arten, Brut- oder Laichplätze.

2. Funktionelle Bedeutung:

Habitate, die für das Überleben, die Reproduktion oder die Erholung von Fischbeständen oder seltenen beziehungsweise gefährdeten Arten wichtig und/oder für die verschiedenen Entwicklungsstadien dieser Arten von großer Bedeutung sind.

3. Fragilität:

Ökosystem, das durch menschliche Eingriffe besonders leicht zerstört oder geschwächt werden kann.

4. Bedeutung für Arten mit besonderem Lebenszyklus:

Ökosysteme, die durch Arten oder Artengemeinschaften mit folgenden Merkmalen charakterisiert sind: langsames Wachstum, späte Geschlechtsreife, geringe oder unvorhersehbare Reproduktion, hohes Lebensalter.

5. Strukturelle Komplexität:

Ökosystem, das durch komplexe Strukturen charakterisiert ist, zum Beispiel durch Korallen oder schroffe Felsen. Viele Lebewesen sind an diese Strukturen besonders angepasst. Diese Ökosysteme zeichnen sich durch eine hohe Biodiversität aus.
Ob ein internationales Seegebiet gemäß den FAO-Richtlinien zum Vulnerable Marine Ecosystem erklärt wird, darüber entscheiden in der Regel die Regionalen Organisationen für das Fischereimanagement (Regional Fish­eries Management Organisations, RFMOs). Die RFMOs haben die Aufgabe, den Fang der Fischbestände oder einzelner wandernder Arten wie der Thunfische in ihrem Gebiet unter den Mitgliedsländern aufzuteilen. Zudem obliegt es ihnen sicherzustellen, dass Schutzbestimmungen und Fangmengengrenzen eingehalten werden. RFMOs erstellen Managementpläne und sprechen bei Fehlverhalten Sanktionen aus. Nach Ansicht von Kritikern werden viele Fischbestände in den von RFMOs verwalteten Gebieten aber noch immer nicht wirklich schonend befischt und empfindliche Areale nicht ausreichend geschützt. Mehrere Regionale Organisationen für das Fischereimanagement haben in ihren Gebieten inzwischen be-stimmte VMEs unter besonderen Schutz gestellt – etwa mehrere Seebergareale vor Südwest-Afrika. Dort wurde der Fischfang ganz verboten oder ein Verbot der Grundschleppnetzfischerei erlassen. Pelagische Fische, die in höheren Wasserschichten schwimmen, können weiter gefischt werden. Der Fang demersaler Arten aber, die am Boden leben, wurde gestoppt. Andere Schutzgebiete mit VMEs gibt es nordwestlich von Irland – unter anderem an der Hatton Bank und der mehrere Hundert Kilometer langen Rockall Bank. Hier hat die zuständige RFMO Meeresschutzgebiete eingerichtet, sogenannte Marine Protected Areas (MPAs), deren Ziel in erster Linie der Schutz überfischter Fischbestände ist. In diesen deutlich größeren MPAs befinden sich die kleineren Vulnerable Marine Ecosystems. Zum Schutz der Kaltwasserkorallen wurde hier die Grundschleppnetzfischerei verboten.

Art und Gattung Eine Art wird mit einem zweiteiligen Namen bezeichnet. Der erste Teil (zum Beispiel Sebastes) bezeichnet die Tiergattung. Zu einer Gattung gehören meist mehrere nah verwandte Arten. Der zweite Teil bezeichnet die Art (marinus). Obwohl sich Arten oft sehr ähnlich sind, zum Beispiel Blau- und Kohlmeise, bleiben sie klar voneinander getrennt, entweder aufgrund eines großen räumlichen Abstands (Kontinent) oder weil sie sich nicht mehr miteinander paaren. Zur Gattung Sebastes gehören rund 100 Arten.

Eines der ersten Schutzgebiete im Sinne eines VME wurde übrigens eingerichtet, lange bevor die FAO ihre Richtlinien bekannt gemacht hatte. Nachdem man Studien über die verheerenden Folgen der Grundschleppnetzfischerei an Seebergen veröffentlicht hatte, erklärte die australische Regierung 1995 am Kontinentalabhang von Tasmanien eine Fläche von 370 Quadratkilometern zu einem Tiefseeschutz­gebiet. Hier befinden sich 15 Seeberge und große Bestände des Orange Roughy. Das Ziel war es also, sowohl langsam reproduzierende Fischarten als auch die empfindlichen Lebensräume am Boden zu schützen. Die australischen Behörden erlauben den Fischfang nur bis in eine Tiefe von 500 Metern. So soll verhindert werden, dass die Tiefseefische weggefangen werden und die Netze den empfindlichen Boden berühren. Damit waren die australischen Behörden ihrer Zeit und den FAO-Richtlinien um mehr als 10 Jahre voraus. Andererseits gibt es in der Region südlich von Tasmanien insgesamt 70 Seeberge – nur 15 aber sind geschützt. Bis heute finden Diskussionen darüber statt, ob das Schutzgebiet groß und repräsentativ genug ist, um alle in der tasmanischen Seebergregion beheimateten Arten zu bewahren. Die FAO-Richtlinien für die Tiefseefischerei im Be-reich der Hohen See wurden entwickelt, um die empfindlichen Lebensräume in internationalen Gewässern zu schützen. Selbstverständlich gelten sie auch für entsprechende Tiefseeareale in nationalen Gewässern, die die Kriterien eines VME erfüllen. Insofern sind die Richtlinien auch eine wichtige Orientierungshilfe für die Nationalstaaten. Inzwischen haben mehrere Nationalstaaten wertvolle Gebiete zu einem VME erklärt und unter besonderen Schutz gestellt. So schützt zum Beispiel Norwegen Teile seiner Kaltwasserkorallengebiete. Kritiker bemängeln allerdings, dass die Fläche dieser Gebiete bei Weitem nicht ausreicht, um die Kaltwasserkorallen in ihrer ganzen Vielfalt zu schützen. Textende
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