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5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck

Küsten unter Druck

Küsten unter Druck © Reuters/Damir Sagolj

Küsten unter Druck

> Die größte Gefahr für die Küsten besteht heute in der Übernutzung durch den Menschen. Küstengebiete werden immer enger bebaut, Gewässer durch Schadstoffe oder übermäßige Nährstoffeinträge verschmutzt. Aufgrund von anhaltendem Bevölkerungswachstum und Migration wird der Druck auf die Küsten wohl auch in Zukunft nicht abnehmen.

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Abb. 2.27: Wie hier im mexikanischen Cancún haben viele Küstenregionen durch den Massentourismus ihre ursprüngliche Gestalt verloren. Eine solche Form der Übernutzung kann den Erholungswert dieser Gebiete einschränken. © Robert Harding Productions/robertharding/laif

2.27 > Wie hier im mexikanischen Cancún haben viele Küstenregionen durch den Massentourismus ihre ursprüngliche Gestalt verloren. Eine solche Form der Übernutzung kann den Erholungswert dieser Gebiete einschränken.

Übernutzung schädigt Lebensräume

Die Attraktivität der Küsten liegt nicht zuletzt in der gro­ßen Zahl an Ökosystem­leistungen begründet, die sie erbringen. Diese Zugkraft hat dazu geführt, dass viele Küstenregionen in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker besiedelt und über ihre Belastungsgrenzen hinaus beansprucht wurden – sei es durch übermäßige Fischerei oder die Entsorgung von Abwässern. Durch eine nicht nachhaltige Nutzung schadet sich der Mensch letztlich aber selbst, da die Küsten bestimmte Ökosystemleistungen dann nicht mehr erbringen können.
Ein Beispiel ist die Entwicklung des Massentourismus vielerorts. Küstenregionen wollen Urlauber mit attraktiven Landschaften und sauberem Wasser an ihre Strände locken, doch wird durch den Bau von Hotels das ursprüngliche Landschaftsbild gravierend zerstört. Immense Abwassermengen aus den Hotelanlagen verschmutzen die Gewässer. Die Übernutzung beeinträchtigt also den Erholungswert einer Landschaft und damit deren kulturelle Ökosystemleistung.

Schwer fassbare Bedrohungen

Formen der Übernutzung zu identifizieren und zu messen ist nicht immer einfach. Mensch und Umwelt sind eng miteinander in sozioökologischen Systemen verwoben, und die Küstenregionen erstrecken sich über weite Bereiche zwischen Land und Meer und sind räumlich nur schwer fassbar. Auch kann es sein, dass Ursache und Wirkung zeitlich weit auseinanderliegen.
Ein Beispiel ist der industrielle Einsatz von polychlorierten Biphenylen (PCB), von Chlorverbindungen, die bis Ende des vergangenen Jahrhunderts in Transformatoren, in Hydraulikflüssigkeiten sowie als Weichmacher in Dichtungsmassen und Kunststoffen verwendet wurden. Aufgrund der vielfältigen Einsatzgebiete gelangten relevante Mengen in die Umwelt. Erst Anfang der 1970er-Jahre erkannte man, dass die Substanzen giftig sind und krebsauslösende Wirkung haben. Zudem stellte man fest, dass sie bei Meeressäugern wie etwa Seehunden zu krankhaften Veränderungen der Gebärmutter führen, was zur Folge hatte, dass die Zahl erfolgreicher Seehund­geburten in der Nord- und Ostsee insbesondere seit den 1970er-Jahren stark abnahm. Im Jahr 2001 schließlich wurde der Einsatz von PCB durch das sogenannte Stockholmer Übereinkommen, eine internationale Vereinbarung zum Schutz vor besonders gefährlichen Chemikalien, verboten. Zwischen der eigentlichen Ursache, dem Auftreten des Umweltproblems, dem Erkennen und dem konsequenten ­Verbot der Substanzen lagen also mehrere Jahrzehnte.

Megacitys dehnen sich immer weiter aus

Besonders komplex und teils schwer erkennbar sind die Verflechtungen innerhalb sozioökologischer Systeme dort, wo viele Menschen leben beziehungsweise der Druck mannigfaltig ist. Das betrifft heute insbesondere die küstennahen Megacitys mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Solche Regionen sind durch eine hohe Bevölkerungs- und Bebauungsdichte charakterisiert. Viele Menschen müssen mit Frischwasser, Nahrungsmitteln und Strom versorgt werden, was hohe Anforderungen an Infrastruktur, Logistik und Abfallentsorgung stellt. Weil permanent Menschen aus armen, ländlichen Regionen im Binnenland in die Küstenmetropolen ziehen, um dort Arbeit oder eine Ausbildung zu finden, werden diese Gebiete auch in Zukunft weiter wachsen – vor allem in Afrika, Südamerika und Südostasien.
2.28 > Viele der künftigen Mega­citys mit mehr als 10 Millionen Einwohnern liegen in Asien und Afrika.
Abb. 2.28: Viele der künftigen Mega­citys mit mehr als 10 Millionen Einwohnern liegen in Asien und Afrika. © UN

Aquifer Als „Aquifer“ werden im Untergrund liegende Gesteinskörper mit Hohlräumen bezeichnet, in denen Grundwasser fließt. Der Begriff war zunächst im Englischen gebräuchlich, wird inzwischen aber auch in Deutschland regelmäßig verwendet. Er löst damit langsam den traditionellen Fachausdruck „Grundwasserleiter“ ab.

Abb. 2.30: In Tokio konnte die Landabsenkung ab Mitte der 1970er-Jahre gestoppt werden, in anderen Städten nicht. © Deltares

2.30 > In Tokio konnte die Landabsenkung ab Mitte der 1970er-Jahre gestoppt werden, in anderen Städten nicht.
Eines der größten Probleme, das diese kontinuierliche Verstädterung mit sich gebracht hat, sind immer häufigere Überschwemmungen ganzer Stadtgebiete, die in Küstenstädten sowohl durch starke Regenfälle als auch durch Stürme mit hohen Wasserständen des Meeres ausgelöst werden können. Neben dem immensen wirtschaftlichen Schaden, den Überschwemmungen anrichten, stellen sie eine ganz konkrete Gefahr für Leib und Leben dar. Interessanterweise sind bislang weniger der globale Klimawandel und der Meeresspiegelanstieg dafür verantwortlich, sondern vielmehr städtebauliche Fehlplanungen. Folgen- de Ursachen konnten identifiziert werden:
  • Absinken aufgrund dichter Bebauung: Durch den Bau von Hochhäusern und anderen großen Gebäuden hat sich die Last auf den Boden deutlich erhöht. Das hohe Gewicht führt dazu, dass die eng bebauten Areale langsam absinken.
  • Absinken aufgrund der Entnahme von Grundwasser: Weil Teiche, Seen und Flüsse an der Erdoberfläche in vielen Küstenmetropolen durch ungeklärte Abwässer und Unrat stark verschmutzt sind, können sie nicht für die Trinkwassergewinnung genutzt werden. Trinkwasser für viele Millionen Einwohner muss daher aus dem Grundwasser in der tiefer gelegenen Gesteinsschicht, dem Aquifer, gewonnen werden. Da das Grundwasser normalerweise wie ein natürliches Widerlager gegen die aufliegende Last der Gebäude wirkt, verstärkt sich das Absinken der dicht bebauten Gebiete, wenn es in großen Mengen abgepumpt wird. Auch Baumaßnahmen selbst führen zu einem Sinken des Grundwasserspiegels. So werden für große Ge- bäude tiefe Baugruben ausgehoben und eindringendes Wasser wird abgepumpt, was dazu führt, dass sich der Boden in den Baugruben setzt und der Porenraum, der vorher von Grundwasser gefüllt war, schrumpft. Die Land­oberfläche senkt sich.
  • Bebauung tief liegender Fluss- und Marschgebiete: Viele der aus ärmeren, ländlichen Regionen zugezogenen Menschen siedeln an der wachsenden Peripherie der Städte in sogenannten informellen Siedlungen. Diese liegen oftmals in tief liegenden Gebieten, die für eine Bebauung nicht geeignet sind. Häufig handelt es sich dabei um die Uferbereiche von Flüssen, aber auch um Marschen und Wiesen, die besonders durch Überflutungen gefährdet sind.
  • Schlechte Kanalisierung: In vielen Städten wurden natürliche Wasserläufe oder Überschwemmungs­gebiete wie etwa Flussauen bebaut. Dadurch sind ­vielerorts natürliche Abflüsse für Regenwasser verschwunden. Zudem wurden durch die Bebauung Flächen versiegelt, sodass Regenwasser kaum noch versickern kann, sondern schwallartig abfließt.
  • Natürliches Absinken: In manchen Küstenregionen sinkt das Land auf natürliche Weise langsam ab. Das kann mehrere Ursachen haben. So kann die Landmasse in manchen Gebieten durch die Bewegung einer Kontinentalplatte allmählich absinken. In anderen Küstengebieten, insbesondere in Flussdeltas, sinkt der Boden, weil sich Sedimentschichten mit der Zeit verdichten und unter ihrem eigenen Gewicht absacken.
Neben dem generell deutlich erhöhten Risiko einer Überschwemmung resultieren aus dem Absinken des Landes aber auch ganz konkrete städtebauliche Probleme und Schäden. Dazu zählen Risse in Straßen und Gebäuden, gebrochene Gas- und Wasserleitungen und Leckagen in der Kanalisation.
2.29 > Viele Metropolen der Welt sinken heute vor allem wegen der Entnahme von Grundwasser und der starken Bebauung. Dieses Absinken wird sich auch in Zukunft in vielen Städten fortsetzen.
Abb. 2.29: Viele Metropolen der Welt sinken heute vor allem wegen der Entnahme von Grundwasser und der starken Bebauung. Dieses Absinken wird sich auch in Zukunft in vielen Städten fortsetzen. © Del- tares

Abb. 2.31: Im November 2011 steht ein ganzes Gewerbegebiet in der Provinz Ayutthaya, nördlich der thailändischen Hauptstadt Bangkok, unter Wasser. Auch ein dort ansässiger japanischer Automobilhersteller ist von der Flutkatastrophe betroffen. © Reuters/Damir Sagolj

2.31 > Im November 2011 steht ein ganzes Gewerbegebiet in der Provinz Ayutthaya, nördlich der thailändischen Hauptstadt Bangkok, unter Wasser. Auch ein dort ansässiger japanischer Automobilhersteller ist von der Flutkatastrophe betroffen.

Eine Metropole versinkt

Ein extremes Beispiel für eine absinkende Stadt ist Jakarta, die Hauptstadt Indonesiens, die derzeit am schnellsten versinkende Metropole weltweit. Sie ist insbesondere seit den 1980er-Jahren stark gewachsen, sowohl im Hinblick auf die Bevölkerung als auch auf den Bau von Straßen und Häusern – vor allem Hochhäusern. Im Jahr 2015 hatte Jakarta bereits gut 10 Millionen Einwohner. Für das Jahr 2030 sind 13,8 Millionen Einwohner prognostiziert.
Jakarta liegt in einer sehr flachen Region mit teils torfhaltigen Böden. Vor allem der dicht bebaute Nordteil mit seinen vielen Hochhäusern und dem Wirtschaftszentrum sinkt in dem weichen Untergrund ab – derzeit um bis zu 10 Zentimeter jährlich. Zu diesem Effekt trägt auch die Entnahme von Grundwasser für die Trinkwassergewinnung bei, und es wird befürchtet, dass sich das Absinken noch verstärkt. Wenn nicht gegengesteuert und die Entnahme reduziert wird, könnten Teile Jakartas bis zum Jahr 2025 um weitere 180 Zentimeter abgesunken sein.
Immer häufiger kommt es zu Überschwemmungen, die sowohl bei starken Regenfällen als auch bei hohen Wasserständen im Meer die Hauptstraßen und das Wirtschaftszentrum der Stadt gut einen halben Meter unter Wasser setzen. Natürliche Wassereinzugs- und Überschwemmungsgebiete sind in der Vergangenheit immer weiter überbaut worden, sodass Regenwasser kaum mehr versickern kann. Alarmierend ist, dass heute mehr und mehr Menschen von den Überschwemmungen betroffen sind. Die, die neu hinzuziehen, siedeln überwiegend in der Nähe des wirtschaftlich attraktiven Stadtnordens. Das erhöht ihre Chance, Arbeit zu finden, beziehungsweise reduziert die Fahrtzeit zu den Arbeitsstellen.
2.32 > Jakarta ist die derzeit am schnellsten versinkende Metropole weltweit. Da die Stadt in großem Stil Grundwasser für die Trinkwassergewinnung abpumpt, sackt das moderne Stadtzentrum stark ab.
Abb. 2.32: Jakarta ist die derzeit am schnellsten versinkende Metropole weltweit. Da die Stadt in großem Stil Grundwasser für die Trinkwassergewinnung abpumpt, sackt das moderne Stadtzentrum stark ab. © Didier Marti/Getty Images
Auch die finanziellen Folgen einer Überschwemmung sind gravierend, wie zum Beispiel im Jahr 2007, als nach heftigen Regenfällen gut ein Drittel der Stadtfläche von Jakarta unter Wasser stand. Rund 300 000 Menschen verloren ihre Häuser. Die Schäden an Infrastruktur und Gebäuden beliefen sich auf umgerechnet etwa 860 Mil­lionen US-Dollar.
Von den Überschwemmungen ist nicht allein das Stadtgebiet betroffen, sondern indirekt auch die Umgebung. So ist die Stadt Jakarta Teil eines urbanen Großraums, zu dem zusätzlich die angrenzenden Städte Bogor, Depok, Tangerang und Bekasi gehören. Dieses Gebiet ist eine der weltgrößten Agglomerationen, was auch in der heute gebräuchlichen Bezeichnung deutlich wird: „Jabodetabek“, ein Akronym. Jedes Jahr ziehen rund 250 000 Menschen in diesen Ballungsraum, sodass dort im Jahr 2020 rund 35 Millionen Menschen leben werden.
Überschwemmungen in Jakarta führen jedes Mal auch zu Verkehrszusammenbrüchen in den angrenzenden Gebieten. Und noch ein weiterer Umstand betrifft die ­ganze Region: Wenn in den überschwemmten Bereichen wegen des stehenden schmutzigen Wassers Krankheiten oder Epidemien ausbrechen, können sich diese in kurzer Zeit in ganz Jabodetabek ausbreiten.

Ein riesiger Vogel zum Schutz Jakartas

Um die Stadt Jakarta in Zukunft vor größeren Fluten zu bewahren, planen die indonesischen Behörden derzeit, Inseln aufzuspülen, die wie ein Schutzwall die etwa 35 Kilometer breite Bucht von Jakarta abriegeln und mit Wohn-, Büro- und Hotelkomplexen bebaut werden sollen. Allein die größte Insel ist 10 Kilometer lang und soll die Form eines Garudas bekommen, des Wappenvogels Indonesiens, der seine Schwingen weit ausbreitet. Doch regt sich in der Bevölkerung Widerstand. Abwässer könnten sich in der künstlichen Lagunenwelt sammeln, weil diese kaum mehr ins offene Meer abfließen können, Krankheiten könnten sich ausbreiten, so die Befürchtungen. Die Kleinfischer sind besorgt, dass sie ihre Lebensgrundlage verlieren, weil sie zukünftig viele Kilometer weiter hinausfahren müssen, um Fischgründe zu erreichen. Das wiederum sei nicht möglich, argumentieren die Fischer, da sie nur über einfache Boote verfügten, die häufig in einem schlechten Zustand und nicht für längere ­Ausfahrten geeignet seien.
2.33 > Zum Schutz vor Überschwemmungen soll vor Jakarta eine künstliche Inselwelt aufgespült werden. Die größte Insel soll 10 Kilometer lang sein und die Form des indonesischen Wappenvogels erhalten. Doch das Projekt ist umstritten. Es wird befürchtet, dass sich Abwässer in der künstlichen Lagune sammeln könnten und Fischer ihre Lebensgrundlage verlieren.
Abb. 2.33: Zum Schutz vor Überschwemmungen soll vor Jakarta eine künstliche Inselwelt aufgespült werden. Die größte Insel soll 10 Kilometer lang sein und die Form des indonesischen Wappenvogels erhalten. Doch das Projekt ist umstritten. Es wird befürchtet, dass sich Abwässer in der künstlichen Lagune sammeln könnten und Fischer ihre Lebensgrundlage verlieren. © Image: © Consortium NCICD/Design: © KuiperCompagnons
Erhebliches Konfliktpotential bergen auch Baumaßnahmen an Land, die im Zuge der Aufspülungen geplant sind. Denn auch am Ufer sollen neue Büro-, Geschäfts- und Wohnviertel entstehen. Inzwischen werden die Bewohner, die in diesem Gebiet bislang in einfachen ­Hütten und Häusern gelebt haben, umgesiedelt. Zwar erhalten sie in anderen Vierteln Jakartas günstigen Wohnraum in Hochhäusern, doch wie will man sie für den drohenden Kultur- und Identitätsverlust entschädigen? Wenn die Fischer ins Landesinnere umgesiedelt werden, in die Nähe von Industrieanlagen und Fabriken, können sie kaum noch ihrem angestammten Beruf nachgehen. Aus Fischern werden Fabrikarbeiter. >
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