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1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Arteneinschleppung

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Die wirtschaftlichen Folgen der Einschleppung fremder Arten

Eingeschleppte Meeresorganismen können der Fischerei wirtschaftliche Einbußen bescheren. So hat die aus Amerika stammende Rippenqualle Mnemiopsis leidyi vor 25 Jahren zum Zusammenbruch der Küstenfischerei im Schwarzen Meer geführt, das zu jener Zeit bereits durch Über­fischung und Eutrophierung ökologisch geschwächt war. 1982 wurden dort erstmals Exemplare gesichtet, die wahrscheinlich mit Ballastwasser eingeschleppt worden waren. Die Art breitete sich rasch aus und verdrängte dabei einheimische Arten, insbesondere Fische, von deren Eiern und Larven sie sich ernährte. Die Erträge der Fischerei brachen um fast 90 Prozent ein. 1989 zählte man dort mit 240 Exemplaren pro Kubikmeter Wasser die meisten M. leidyi weltweit. Erst die unbeabsichtigte Einführung der Rippenqualle Beroe ovata, eines Fressfeinds, konnte die Population zurückdrängen und eine Erholung der Fischbestände ermöglichen. Auch an der nordamerikanischen Ostküste machen eingeschleppte Arten Probleme. Dort verursachte die europäische Strandkrabbe Carcinus maenas Ertragsrückgänge in der Muschelfischerei. Gelegentlich geht von neu eingewanderten Meeresorganismen sogar eine Gefahr für die Gesundheit des Menschen aus. Ein Beispiel sind die Mikroalgen der Gattung Alexandrium, die Nervengifte bildet. Alexandrium-Arten wurden in letzter Zeit an vielen Küsten entdeckt, an denen sie vor wenigen Jahrzehnten wahrscheinlich noch nicht vorgekommen waren. Solche Phänomene können durchaus negative Folgen für den Tourismus haben.

Fremde Arten werden nicht nur im Ballastwasser von Schiffen über die Meere transportiert. Häufig siedeln Unternehmer aus anderen Ländern stammende marine Organismen für die Zucht in Aquakulturen in artfremden Lebensräumen an. Dies mag kurzfristig wirtschaftliche Gewinne bringen. Es besteht aber die Gefahr, dass die importierte Art einheimische verdrängt und so mittel- oder langfristig zu ökonomischen oder ökologischen Schäden führt. Studien haben ergeben, dass von 269 untersuchten eingeschleppten Meeresorganismen immerhin 34 Prozent bewusst für die Zucht in Aquakulturen importiert worden sind. Ein Beispiel ist die Japanische Riesen­auster Crassostrea gigas, die in mindestens 45 Ökoregionen angesiedelt wurde und in diesen heimisch geworden ist. Insbesondere zwischen 1964 und 1980 wurden große Mengen von Saataustern nach Europa importiert. Die ökologischen Auswirkungen waren in vielen Fällen verheerend. In Nordamerika und Australien bildet die Riesen­auster dichte Bestände, die die einheimischen Arten verdrängen. Häufig bewirken die Muscheln außerdem eine Eutrophierung der Küstengewässer, da sie unverdauliche Partikel mit einem selbst produzierten Schleim ausscheiden – eine zusätzliche organische Belastung des Wassers. Auch in Frankreich wurde beobachtet, dass Riesenaustern zur Verschmutzung der Gewässer führen. Außerdem wurde ein Rückgang des Zooplanktons und auch größerer Tiere beobachtet. In den Niederlanden und in Deutschland neigt die Riesenauster dazu, auf Miesmuschelbänken zu siedeln. Damit verdrängt sie eine traditionell fischereilich genutzte Art.

Man nimmt an, dass neben der Riesenauster mindes­tens 32 weitere Arten un­­beab­sichtigt in die Nordsee eingeführt wurden – darunter die Pantoffelschnecke Crepidula fornicata und die Alge Gracilaria vermiculophylla, die sich beide als ökologisch problematisch erwiesen. Um künftig derartige Schäden zu vermeiden, könnte ein einheitliches Bewertungssystem hilfreich sein. Mit diesem könnte man einschätzen, wie groß das Potenzial einer Art ist, andere Organismen zu verdrängen. Zudem könnte man damit abwägen, welche Vor- und Nachteile die Einführung einer fremden Art in einen Lebensraum hat. Seit geraumer Zeit versuchen Experten durch Vergleiche zwischen problematischen und harmlosen eingeschleppten Arten Eigenschaften zu identifizieren, die auf ein hohes Verdrängungspotenzial hinweisen. So schwimmen beispielsweise manche Algenarten auf, während andere absinken. Davon hängt ganz entscheidend ab, ob die Art verdriftet und sich ausbreiten kann. Bislang ist es aber schwierig, von einzelnen Eigenschaften einer Art auf ihr Verdrängungspotenzial zu schließen. Daher wird es vielleicht niemals möglich sein, eine sichere Vorhersage über das Verhalten einer Art an einem neuen Standort zu machen, weil zahlreiche Einflussgrößen eine Rolle spielen. Erschwert wird die Vorhersage dadurch, dass sich eine neue Art über einen längeren Zeitraum und mehrere Phasen im neuen Lebensraum etabliert: Auf eine Expansionsphase, in der sich die Art stark verbreitet, folgt meist zunächst ein Rückgang, ehe sich die Art völlig an den neuen Lebensraum angepasst hat. Will man das Verdrängungspotenzial einer Art korrekt einschätzen, muss man wissen, in welcher dieser Phasen sich die Art gerade befindet. Das aber lässt sich nur schwer feststellen.

Zusatzinfo Maßnahmen gegen die Arteinschleppung

Lassen sich Einschleppungen künftig vermeiden?

Beim Umgang mit exotischen Meeresorganismen ist Vorsicht geboten, denn Arteinschleppungen ins Meer sind meist irreversibel. Eine mechanische Beseitigung bereits etablierter Arten ist praktisch unmöglich. Sie würde aufwendige Taucheinsätze erfordern. Viele Arten durchleben mikroskopische Überdauerungs- oder Larvenstadien, in denen sie frei schwimmen. In solchen Phasen entziehen sich die Organismen völlig der Kontrolle. Es ist denkbar, natürliche Feinde im neuen Lebensraum anzusiedeln, aber auch diese Organismen könnten sich später als Bedrohung erweisen. Politik und Umweltmanagement werden daher verstärkt die wesentlichen Ursachen der Arteinschleppung kontrollieren müssen. Wichtig wäre dabei eine möglichst lückenlose Überwachung, etwa von Aquakulturen oder Ballastwasser. Alleingänge auf nationaler oder lokaler Ebene dürften aber kaum von Erfolg gekrönt sein. Aussichtsreicher sind internationale Strategien, die von allen Anrainern einer Ökoregion getragen werden. Textende
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