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WOR 5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck | 2017

WOR 5 kompakt

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Da die Küstengewässer besonders produktiv sind, wird hier intensiv Fisch gefangen. Das hat zur Überfischung vieler Bestände geführt. Darüber hinaus werden durch die Fischerei vielerorts Lebensräume am Meeresboden zerstört – beispielsweise Korallen­riffe. In manchen Regionen, die reich an Korallen sind, führt die intensive Fischerei dazu, dass nach und nach Meeresorganismen überfischt werden. Verschwin­det eine Art, wird die nächste bejagt. Durch die nicht nachhaltige Fischerei verarmen mit der Zeit die Lebensräume der Korallenriffe. Die Existenzgrundlage vieler Menschen steht somit auf dem Spiel.
Besonders unter Druck stehen heute die küstennahen Megacitys mit mehr als 10 Mil­lionen Einwohnern. Diese Regionen zeichnen sich durch eine hohe Bevölkerungs- und Bebauungsdichte aus. Viele Menschen müssen zeitgleich mit Frischwasser, Nahrungs­mitteln und Strom versorgt werden, was hohe Anforderungen an Infra­struk­tur, Logistik und Abfallentsorgung stellt. Weil permanent Menschen aus armen, ländlichen Regionen im Binnenland in die Küstenmetropolen ziehen, um dort Arbeit oder eine Ausbildung zu finden, werden diese Gebiete auch in Zukunft weiter wachsen – vor allem in Afrika, Südamerika und Südostasien. Durch dieses Wachstum wird die Landschaft zersiedelt. Naturgebiete wie Auen, Mangrovenwälder oder Salzwiesen gehen in kürzester Zeit verloren. Regionale Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Hinzu kommt, dass durch die Zerstörung von Mangroven, die normalerweise als natürliche Wellenbrecher fungieren, heute viele Küsten­ab­schnitte besonders überflutungsgefährdet sind. Die Überflutungen haben sich in manchen Megacitys überdies noch verschärft, da sich die dicht bebauten Stadtgebiete langsam absenken. Das liegt insbesondere an der Entnahme von Grundwasser zur Trink­was­ser­gewinnung, das normalerweise wie ein Widerlager der schweren Bebauung entgegenwirkt. Zudem trägt auch die Verdichtung des Bodens zum Absinken bei. Die derzeit am schnellsten versinkende Stadt ist die indonesische Hauptstadt Jakarta, deren Stadtzentrum jährlich um etwa 10 Zentimeter absackt.
Zu diesen durch den Menschen lokal oder regional verursachten Problemen in den Küstengebieten kommen jene hinzu, die durch den weltweit wirkenden Klimawandel ausgelöst werden: die Meereserwärmung, die Versauerung des Meeres und der Meeresspiegelanstieg. Wie stark diese Folgen des Klimawandels für die Küsten­lebens­räume ausfallen werden, hängt in hohem Maße davon ab, wie viel Kohlen­dioxid (CO2) künftig in die Erdatmosphäre gelangt. Die direkte Folge des starken CO2-Aus­stoßes ist die langsame Erwärmung der Atmosphäre, die eine Erwärmung ins­be­sondere des Ober­flächen­wassers nach sich zieht, welches sich dann schlechter mit dem darunter liegenden kühleren und schwereren Wasser mischen kann. In der Folge gelangt weniger sauerstoffreiches Wasser in die Tiefe, was dort zu einem Sauer­stoff­mangel führen kann. Höhere Tiere wie Krebse, Muscheln oder Fische können in solchen Gebieten kaum mehr leben. Von der Erwärmung sind auch tro­pische Korallen­arten betroffen. Derzeit geht man davon aus, dass etwa 20 Prozent der tropischen Korallenriffe durch die Erwärmung und andere Stressfaktoren wie etwa die Meeres­ver­schmutzung unwiederbringlich zerstört und mindestens weitere 30 Prozent stark geschädigt sind. Bei anderen Meeresorganismen reagieren vor allem Eier und Larven empfindlich auf die Erwärmung des Wassers. Beim Kabeljau im Nord­ostatlantik etwa führt sie zum frühen Absterben. Modellrechnungen zeigen, dass dadurch künftig die Erträge der Kabeljaufischerei in der Barentssee nördlich von Nor­wegen stark zurück­gehen könnten.
Eine weitere Folge des Klimawandels ist die Versauerung der Meere. Dazu kommt es, weil sich zunehmend Kohlendioxid im Meerwasser löst, wodurch sich, vereinfacht ausgedrückt, Säure bildet. Betroffen sind vor allem jene Meeresorganismen, die Kalk­schalen oder skelette bilden. Bei Korallen, Muscheln und Schnecken nimmt die Kalkbildung in versauertem Wasser je nach untersuchter Tier­gruppe um 22 bis 39 Prozent ab. Andererseits wurden inzwischen Studien veröffentlicht, die zeigen, dass sich einige Meeresorganismen im Laufe von mehreren Genera­tionen durchaus an die Versau­erung anpassen können. Wie stark die künftigen Auswirkungen der Versau­erung sein werden, lässt sich daher heute noch nicht genau absehen.
Eine direkte Gefahr für den Menschen stellt der durch den Klimawandel verursachte Anstieg des Meeresspiegels dar. Derzeit steigt der Meeresspiegel um etwa 3 Mil­limeter pro Jahr, wobei sich der Anstieg noch verschärfen wird, sollten weiter Treib­haus­gase in großen Mengen durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe emittiert werden. Da die Entwicklung nicht genau vorhersehbar ist, geht der Welt­klimarat (Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen, Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) von vier Szenarien aus, die sich in der Annahme unter­scheiden, wie hoch die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre künftig sein könnte. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts könnte der Meeresspiegel weltweit nach dem extremen Szenario durchschnittlich um etwa 1 Meter steigen. Bis zum Jahr 2500 ist gar ein Anstieg um mehr als 6 Meter denkbar. Unter diesen Bedingungen wird der Küstenschutz immer mehr zu einer überlebenswichtigen Aufgabe. >
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