Suche
english
2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

WOR 2 kompakt

Seite: 1 2
Ein großes Problem ist heute die illegale Fischerei, die IUU-Fischerei. Illegal gefischt wird vor allem in den Hoheitsgebieten von Entwicklungsländern, da sich diese Staaten keine Fischereiaufsicht leisten können. Man schätzt, dass jährlich zwischen 11 und 26 Millionen Tonnen Fisch illegal gefangen werden. Ohnehin überfischte Bestände werden dadurch zusätzlich geschwächt. Doch auch hier gibt es ermutigende Beispiele. In internationalen Kooperationsprojekten wurden beispielsweise in West­afrika Überwachungssysteme aufgebaut, die eine abschreckende Wirkung haben und IUU-Fischer fernhalten. Andererseits dürfte die illegale Fischerei für die Schwarzhändler auch weiterhin attraktiv bleiben, denn mit dem schnellen Wachstum der Weltbevölkerung wird die Nachfrage nach Fisch weiter steigen. Aus ernährungsphysiologischer Sicht ist es durchaus sinnvoll, regelmäßig Fisch zu verzehren, denn Wildfisch ist ein natürlich gewachsenes und gesundes Nahrungsmittel. Er enthält hochwertige Eiweiße, wertvolle Fettsäuren und viele Mineralstoffe. In den Industrieländern ist der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch heute mit 28,7 Kilogramm am höchsten. In Afrika ist er mit 9,1 Kilogramm am gerings­ten. Experten gehen davon aus, dass der Fischverbrauch künftig weltweit zunehmen wird. Will man die Fischbestände im Meer nicht noch weiter ausbeuten, bleibt nur ein Ausweg: die Aquakultur, die Fischzucht, die heute bereits große Mengen an Fisch und Meeresfrüchten liefert. 2010 stammten bereits 60 Millionen Tonnen Fisch, Muscheln und Krebse aus Aquakultur. Um jährlich 8,4 Prozent hat sich die weltweite Produktion der Aquakultur in den vergangenen Jahrzehnten erhöht. Keine andere Lebensmittelbranche legte derart zu. Vor allem in Asien, auf das 89 Prozent der weltweiten Aquakulturproduktion entfallen, ist das Wachstum ungebrochen. Wichtig ist es, die Fischzucht umweltfreundlicher zu machen. Antibiotika im Fisch, überdüngte Gewässer und die Ab-holzung von Mangrovenwäldern für neue Aquakulturflächen haben die Branche in Verruf gebracht. In zahlreichen internationalen Projekten ist es inzwischen gelungen, die Produktion ökologisch auszurichten. Erste Produkte, die aus ökologisch wirtschaftenden Betrieben stammen, sind bereits auf dem Markt. Entsprechende Ökosiegel etablieren sich derzeit. Vor allem die Konsumenten in den Industrie­nationen, insbesondere in Europa und den USA, den wichtigsten Fischimportregionen weltweit, sind aufgefordert, ihren Einfluss geltend zu machen.
In der Kritik steht die Aquakultur auch, weil Fische aus dem Meer zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet werden, das in der Fischzucht verfüttert wird. Das Problem: Für die Produktion von 1 Kilogramm Zuchtfisch muss man meist deutlich mehr als 1 Kilogramm Meeresfisch auf-wenden. Kritiker betrachten das als Verschwendung der Wildfische, die man besser direkt verzehren sollte. Dem wird entgegnet, dass in der Aquakultur vorwiegend kleine Fischarten verfüttert werden, die als Speisefisch kaum gefragt sind. Da die Fischmehl- und Fischölpreise in den vergangenen Jahren wegen der hohen Nachfrage in China stark gestiegen sind, versuchen Forscher seit geraumer Zeit aber ohnehin, den Fischanteil im Futter zu verringern – durch pflanzliche Zusätze und besser verdauliche Futtermischungen.
Ob Wildfischfang oder Aquakultur: Wie man die Fi-schereiwirtschaft künftig verbessern kann, weiß man längst. Jetzt ist es an der Zeit, die Weichen richtig zu stellen. Das gilt vor allem für Europa, wo derzeit Lösungen für die neue Gemeinsame Fischereipolitik diskutiert werden. Wichtig ist es, die völlig überdimensionierten Fischereiflotten in Portugal oder Spanien abzubauen, denn aus Angst vor hoher Arbeitslosigkeit hatte die Politik die Fischerei jahrelang durch Subventionen gefördert und modernisiert und damit den Ausverkauf der Fischbestände beschleunigt. Ungelöst ist bislang auch das Problem des Beifangs. Fischer werfen heute Fische über Bord, die zu klein sind oder für die sie keine Lizenz besitzen. Diese Tiere sterben meist. In manchen Fällen macht der Rückwurf 70 Prozent des Fangs aus – eine ungeheure Verschwendung. Durch eine Verbesserung der Lizenzvergabe und Kontrolle der Fischer durch Kameras oder staatliche Beobachter an Bord will man das Problem jetzt in den Griff bekommen. Ob sich die Politik, insbesondere die Fischereiminister der EU, zu einem nachhaltigen Fischereimanagement durchringen können, wird sich im Laufe der kommenden Monate zeigen. Vielleicht kann diese Veröffentlichung dazu beitragen. Textende
Nikolaus Gelpke, Awni Behnam, Martin Visbeck

Seite: