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2 Die Zukunft der Fische – die Fischerei der Zukunft

Umweltbewusste Aquakultur

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Zusatzinfo Abwasser nährt Pflanzen

Um künftig die schädlichen Wirkungen der Aquakultur besser einschätzen zu können, fordern Experten heute eine umfassende Lebenszyklusanalyse (Life Cycle Assessment, LCA). In der Industrie sind LCAs inzwischen etabliert. Damit werden die gesamten Umweltauswirkungen eines Produkts – bei der Rohstoffgewinnung, der Herstellung, dem Transport, der Nutzung und schließlich dem Recycling – Punkt für Punkt aufgeschlüsselt. In Aquakulturbetrieben soll dabei unter anderem die Eutrophierung (Überdüngung) berücksichtigt werden, der Eintrag von Nährstoffen, beispielsweise durch mit Exkrementen angereichertes Abwasser, das ungeklärt aus Zuchtteichen abgelassen wird. Auch die Umweltbelastung durch die Erzeugung der Energie, die ein Aquakulturbetrieb benötigt, findet Niederschlag in der Lebenszyklus­analyse. Je sauberer die Energieerzeugung, desto besser das Ergebnis. Erfasst wird ebenso, wie viel Wildfisch für die Fütterung benötigt wird. Eine wichtige Größe ist auch der Landverbrauch. So wird ermittelt, wie viel Fläche die Anlage selbst erfordert, aber auch wie viel Fläche für den Anbau von Futter notwendig ist. Kritiker geben zu bedenken, dass eine solche generelle Lebenszyklusbetrachtung für die Aquakultur schwierig ist, weil die Herstellungsmethoden – Karpfenteich oder Hightechanlage – nicht vergleichbar seien. Für einzelne Produktionsmethoden lassen sich, wie erste Studien zeigen, solche LCAs aber durchaus durchführen. Für eine umfassende Analyse muss außerdem berücksichtigt werden, wie intensiv eine Anlage betrieben wird. Die Produktion lässt sich grob in folgende 3 Varianten unterteilen.
  • Extensive Produktion: Die Aquakultur nutzt natürliche Wasserflächen, zum Beispiel Teiche, und setzt wenige oder keine zusätzlichen Futtermittel ein. Extensiv gehalten werden Weißfische, Muscheln, Algen sowie manche Shrimps- und Garnelenarten.
  • Semi-intensive Produktion: Die Aquakultur nutzt natürliche Wasserflächen. Zum Einsatz kommt vor Ort industriell hergestelltes Futter. Typische Arten sind Weißfische in Asien.
  • Intensive Produktion: Aquakultur, die meist in leis­tungsfähigen, künstlich angelegten Teichsystemen oder Käfigen betrieben wird. Die Fische, beispielsweise chinesische Aale, werden mit Pellets gemästet.
4.12 > Obwohl die Lachsproduktion in Norwegen deutlich gesteigert wurde, hat der Einsatz von Antibiotika dank moderner Impfstoffe abgenommen.
4.12 > Obwohl die Lachsproduktion in Norwegen deutlich gesteigert wurde, hat der Einsatz von Antibiotika dank moderner Impfstoffe abgenommen.  © nach Asche (2008) und Hall et al. (2011)
Gemäß einer aktuellen Lebenszyklusanalyse, die verschiedene Aquakultursysteme (Teich, Zuchtkäfige im Meer, Muscheln am Boden oder angehängt an ein Gestänge) und Tierarten weltweit miteinander vergleicht, hat die intensive Karpfenzucht in China die schlechteste Öko­bilanz. Hier werden die Teiche stark gedüngt, um das Wachstum der Wasserpflanzen, die von den Karpfen gefressen werden, zu beschleunigen. Da die Abwässer oftmals ungeklärt abgelassen werden, führt das vielerorts zur Eutrophierung der Flüsse. In Europa hingegen gilt die Karpfenzucht als besonders umweltschonend, da die Tiere extensiv gezüchtet werden. Das liegt vor allem daran, dass hier, anders als in China, die Nachfrage nach Karpfen vergleichsweise gering ist. Schlecht schneidet die Zucht von Aalen und Shrimps in Teichen ab. Was die Käfighaltung im Meer betrifft, erweisen sich Weißfische als problematisch. In der Gesamtbilanz haben sie einen besonders hohen Energiebedarf, nicht zuletzt wegen der häufigen Versorgungsfahrten mit Booten. Entsprechend schlecht sind die Resultate, was den Ausstoß an Kohlendioxid und die Versauerung der Meere angeht.

Nachhaltigkeits-zertifikate Solche Zertifikate werden in der Regel zwischen Händlern, Zulieferern und Produzenten vereinbart. Alle Parteien verpflichten sich, verbindliche Sozial-, Umwelt- oder Nachhaltigkeitsstandards einzuhalten. Je nach Vereinbarung gehen die Vorgaben unterschiedlich weit. Ziele sind unter anderem der Arten- und Umweltschutz in den Anbaugebieten, der Schutz des Wassers sowie bessere Sozialleistungen für die Arbeiter. Dazu zählt auch ein Verbot von Kinderarbeit.

Besserung in Sicht

Europa führt vielfach Shrimps oder Fisch aus Asien ein, denn in Deutschland oder Frankreich verlangen viele Kunden nach preisgünstigen Produkten. Billig jedoch kann gleichbedeutend mit einer intensiven, industriellen, mitunter umweltschädigenden Zucht sein, die die Europäer lieber woanders als bei sich auf dem Kontinent haben wollen oder können. Insofern, sagen Wissenschaftler, werden die Umweltprobleme von Europa nach Asien ausgelagert. Die Situation kann sich folglich nur dann ändern, wenn die Kunden beginnen, ihr Verhalten umzustellen. Das ist heute bereits der Fall, denn viele Kunden achten inzwischen ganz bewusst auf sogenannte Nachhaltigkeitszertifikate. Für wild gefangenen Meeresfisch haben sich solche Zertifikate etabliert. Da ein entsprechendes Siegel auf der Produktpackung kaufentscheidend sein kann, macht der Handel inzwischen bei Zulieferern aus der Aquakulturindustrie Druck: Fisch aus nachhaltiger Produktion ist gefragt. So sollen denn in Europa in den kommenden Monaten erstmals Zuchtfische mit dem neuen „Aquaculture Stewardship Council“-Zertifikat (ASC) auf den Markt kommen, das von der Umweltstiftung World Wide Fund For Nature (WWF), verschiedenen Lebensmittelhandelsgesellschaften und Fischereiunternehmen initiiert wurde. Das Pendant für den Meeresfisch, das „Marine Stewardship Council“-Siegel (MSC), gibt es schon seit vielen Jahren. Es steht außer Frage, dass die Bedeutung der nachhaltigen Fischzucht wächst – und dass das Thema auf hoher Ebene diskutiert wird. So hat die Welternährungsorganisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) vor 2 Jahren Rahmenrichtlinien veröffentlicht, die klare Standards für eine Zertifizierung von Aquakulturbetrieben enthalten, und es ist damit zu rechnen, dass die Händler ihre Produzenten künftig an diesen Richtlinien messen werden. Bereits heute gibt es Zertifikate und Selbstverpflichtungen des Handels, die den Privatkunden allerdings verborgen bleiben, da sie nur für den direkten Kontakt zwischen Händler und Zulieferer relevant sind. Sie verfolgen aber dieselben Ziele. Beispielsweise wurden Handelskooperationen für den Vertrieb von Pangasius aus zertifizierten Aquakulturbetrieben im Mekong-Delta verabschiedet. Darüber hinaus sind inzwischen einzelne große und international tätige Supermarktketten dazu übergegangen, direkt mit Herstellern Vereinbarungen zu treffen. Seit etwa 10 Jahren engagieren sich in Asien Entwicklungshilfe- und Nichtregierungsorganisationen für den Aufbau nachhaltiger Aquakulturbetriebe. Eine Herausforderung ist es, die beinahe unüberschaubare Zahl kleinerer Betriebe auf nachhaltiges Wirtschaften umzustellen. In Kooperationsprojekten wird daher versucht, viele Bauern einzubinden und so die Produktion in einer ganzen Region zu verbessern. Die Lösungen sind mitunter erstaunlich pragmatisch. Flüsse lassen sich vor der Nährstofffracht aus Teichen schützen, indem man Pufferteiche anlegt. Dort können sich die Nähr- und Schwebstoffe als Schlamm ablagern. Der wiederum eignet sich als Dünger. In einigen Regionen in Vietnam entwickelt sich inzwischen sogar ein reger Schlammhandel. Experten sehen auch in China, insbesondere bei der stark wachsenden Mittelschicht, ein steigendes Bewusstsein für Produkte aus nachhaltiger Aquakultur. Entsprechend offensiv werden dort auch eigene nationale Nachhaltigkeitssiegel beworben. Dieser erfreuliche Trend ist vielversprechend, dennoch wird es noch Jahre dauern, bis sich die schonende Aquakultur endgültig durchgesetzt hat. Textende
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