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1 Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere

Öl

Die Verschmutzung der Meereslebensräume durch Öl

> Die Verschmutzung der Ozeane durch Öl ist eine der auffälligsten Formen von Umweltschäden im Meer. Öl gelangt nicht allein durch spektakuläre Unfälle von Tankern oder auf Bohrplattformen ins Wasser, sondern vor allem auch aus diffusen Quellen – aus Leckagen bei der Ölförderung, durch illegale Schiffstankreinigungen auf See oder über die Flüsse. Mit Maßnahmen wie der Ausweisung von Meeresschutzgebieten, verstärkten Kontrollen oder dem Einsatz von Doppelhüllentankern versucht man heute, die Ölverschmutzung einzudämmen.

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Wie das Öl ins Meer gelangt

Von der
Verschmutzung der Meere durch Öl
nimmt die Öffentlichkeit meist dann Notiz, wenn ein Öltanker in schwerer See zerbricht oder eine Plattform havariert, wie im Frühjahr 2010 die
„Deepwater Horizon“
im Golf von Mexiko. In solchen Fällen treiben oftmals Ölteppiche auf die Küsten zu und Meeresvögel oder Seehunde verenden. Spektakuläre Tankerunfälle aber tragen nur etwa zu 10 Prozent zur globalen Ölverschmutzung der Meere bei. Das meiste Öl gelangt auf vielen, eher verborgenen Wegen ins Wasser. Entsprechend ungenau sind die Schätzungen der weltweiten Einträge. Rund 5 Prozent stammen aus natürlichen Quellen, circa 35 Prozent aus dem laufenden Betrieb der Tank- und übrigen Schifffahrt inklusive illegaler Einleitungen und Tankreinigungen. Darüber hinaus werden zu den Öleinträgen auch die flüchtigen Ölbestandteile gezählt, die aus Verbrennungsprozessen verschiedener Art über die Atmosphäre ins Wasser gelangen. Dieser atmosphärische Anteil bringt es zusammen mit den Einträgen aus kommunalen und industriellen Abwässern sowie aus Bohrinseln auf immerhin 45 Prozent. Weitere 5 Prozent stammen aus nicht näher definierten Quellen. Abgesehen davon, dass heute zu­­nehmend pflanzliche Öle wie etwa Palmöl produziert werden und damit auch in die Umwelt gelangen, handelt es sich bei Ölverschmutzungen zum allergrößten Teil um Öle aus fossilen Quellen.
Diese sind in Jahrmillionen aus Ablagerungen mikroskopisch kleiner Meeresor­ganismen, vor allem Kieselalgen, entstanden.
4.14 > Öl gelangt auf verschiedenen Wegen ins Meer. Gut ein Drittel stammt allein aus dem regulären Schifffahrtsbetrieb – ohne dass sich Unfälle ereignen. Abb. 4.14: © maribus 4.14 > Öl gelangt auf verschiedenen Wegen ins Meer. Gut ein Drittel stammt allein aus dem regulären Schifffahrtsbetrieb – ohne dass sich Unfälle ereignen.
Dieses Rohöl besteht aus etwa 10 000 unterschiedlichen Einzelsubstanzen. Davon machen Kohlenwasserstoffe mit mehr als 95 Prozent den Hauptbestandteil aus, wobei die genaue Zusammensetzung von Entstehungsort zu Entstehungsort stark schwanken kann. Daneben enthält Rohöl Schwermetalle und Stickstoffverbindungen. Wie stark Mineralöle und ihre Inhaltsstoffe die verschiedenen Meereslebensräume mit ihren Pflanzen und Tieren in Mitleidenschaft ziehen, ist von Fall zu Fall sehr verschieden. Große Ölunfälle stellen die massivste Störung dar, wobei die Auswirkungen meist regional begrenzt sind. Seit der Havarie des Tankers „Torrey Canyon“ im Jahr 1967, der mit rund 115 000 Tonnen Öl auf ein Riff vor der südenglischen Küste auflief und damit die erste große Ölpest verursachte, hat es viele Feldstudien gegeben, die mittlerweile eine recht klare Abschätzung der Folgen unterschiedlicher Öle auf Organismen und Lebensräume zulassen. Doch kein Ölunfall gleicht dem anderen bis ins Detail, denn welche Folgen ein solcher hat, hängt von verschiedenen Bedingungen ab. Entscheidend ist beispielsweise, wie schnell das Öl abgebaut wird oder von der Meeresoberfläche in die Tiefe absinkt, wo es vergleichsweise wenig Schaden anrichten kann. Dieser Abbau wird durch physikalische, chemische und biologische Prozesse beeinflusst. Je nach Umgebungsbedingungen, zum Beispiel Temperatur, Nährstoffgehalt im Wasser, Wellenschlag, dauert der bakterielle Abbau der Erdölkohlenwasserstoffe unterschiedlich lang. In den ersten Stunden, mitunter aber auch Wochen wird das Öl vor allem durch folgende chemische und physikalische Vorgänge verändert:
  • Verdunstung von flüchtigen Ölbestandteilen;
  • Ausbreitung des ausgelaufenen Öls in Form von großen Ölteppichen, die auf der Wasseroberfläche treiben;
  • Bildung von Dispersionen (kleine Öltröpfchen in der Wassersäule) und Emulsionen (größere Öltropfen im Wasser oder Wasser in Öl);
  • Photooxidation (molekulare Veränderung von Ölbestand­teilen durch Lichteinstrahlung) und Lösung.
4.15 > Das Öl wird im Meer auf ganz unterschiedliche Weise verändert und abgebaut. Meist bildet es direkt nach einem Unfall breite Teppiche, die auf dem Wasser schwimmen. Während ein Teil des Öls verdunstet oder absinkt, werden andere Ölbestandteile von Bakterien verarbeitet oder durch die Sonnenstrahlung zerstört. Schließlich verklumpt das Öl, was den bakteriellen Abbau erschwert.
4.15 > Das Öl wird im Meer auf ganz unterschiedliche Weise verändert und abgebaut. Meist bildet es direkt nach einem Unfall breite Teppiche, die auf dem Wasser schwimmen. Während ein Teil des Öls verdunstet oder absinkt, werden andere Ölbestandteile von Bakterien verarbeitet oder durch die Sonnenstrahlung zerstört. Schließlich verklumpt das Öl, was den bakteriellen Abbau erschwert. Abb. 4.15: © maribus (nach GKSS, van Bernem)
Prozesse wie die Sedimentation und der Abbau durch Bakterien hingegen können sich über Monate oder sogar Jahre hinziehen. Unter günstigen Bedingungen sind sie in manchen Fällen aber bereits innerhalb weniger Tage abgeschlossen. Der Grund für diese Diskrepanz: Zum einen werden die verschiedenen im Öl enthaltenen Stoffgruppen unterschiedlich schnell biologisch abgebaut. Die Abbaugeschwindigkeit hängt vor allem von der molekularen Struktur der Ölbestandteile ab. Je komplexer die Kohlenwasserstoffmoleküle sind, desto länger dauert der Abbau durch Mikroorganismen. Zum anderen wird die Abbaugeschwindigkeit der verschiedenen Kohlenwasserstoffe durch die folgenden Faktoren erhöht:
  • hohe Temperaturen (fördert Bakterienaktivität);
  • große Oberfläche des Ölteppichs (Vergrößerung gegebenenfalls durch Einsatz von Dispersionsmitteln, sogenannten Dispergatoren, oberflächenaktiven Substanzen, die eine Bildung von Dispersionen begünstigen);
  • gute Sauerstoffversorgung der Bakterien;
  • gute Nährstoffversorgung der Bakterien;
  • geringe Menge an Fressfeinden, die die Zahl der Bakterien reduzieren würden.
Einige der oben genannten Prozesse beeinflussen das Ausmaß der Ölschäden ganz erheblich. So führt zum Beispiel die Bildung von Wasser-in-Öl-Emulsionen zur Entstehung des „chocolate mousse“. Diese Erscheinungsform des Öls kann das bis zu Vierfache des ursprünglichen Volumens einnehmen, macht eine Bekämpfung durch chemische Dispergatoren unmöglich und erschwert das Abpumpen von der Wasseroberfläche. >
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