Zuzügler im Gepäck
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WOR 9 Marine Biodiversität – das vitale Fundament unserer Meere | 2025

Fluch und Segen gebietsfremder Arten

Fluch und Segen gebietsfremder Arten - Abb. 5.9 © mauritius images/Alamy Stock Photos/David Havel

Fluch und Segen gebietsfremder Arten

> Sie wandern eigenständig ein, begleiten uns als blinde Passagiere oder werden von Menschen gezielt eingeführt und ausgesetzt. Eingeschleppte und eingewanderte Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen verändern seit Jahrhunderten das Leben im Ozean, insbesondere in Küstenmeeren. Als Folge einer solchen Neuansiedlung kann die Biodiversität vor Ort abnehmen. Es gibt allerdings auch Ausnahmen. Im artenarmen Wattenmeer haben Zuzügler bislang keine heimischen Arten verdrängt. Sie stärken mitunter sogar die lokalen Ökosysteme.

Einfallstor Sueskanal

Der Hasenkopf-Kugelfisch (Lagocephalus sceleratus) ist mit ausgesprochener Vorsicht zu genießen. Mit seinen starken Zahnplatten beißt der gefleckte, bis zu einen Meter lange Kugelfisch nicht nur mühelos Fischernetze und metallene Angelhaken durch. Er produziert auch sein eigenes Gift. Es heißt Tetrodotoxin und findet sich sowohl auf der Haut des Fisches als auch in seinen inneren Organen. Ein bis zwei Milligramm dieses Nervengifts soll genügen, um einen Menschen zu töten, warnte die Juraj-Dobrila-Universität im kroatischen Pula im Frühsommer des Jahres 2024. Kurz zuvor hatte ein kroatischer Fischer zum ersten Mal einen Hasenkopf-Kugelfisch in der Adria und damit im nördlichen Teil des Mittelmeeres gefangen. Dort gehört diese Fischart jedoch gar nicht hin.
Der Hasenkopf-Kugelfisch lebt eigentlich im tropischen Indo-Westpazifik, das heißt in den äquatornahen Gewässern südlich Indiens und des asiatischen Kontinents. Tausende Kilometer Luftlinie liegen zwischen seiner Heimat und der Adria. Dennoch kommen die Raubfische mit einer Vorliebe für Tintenfische mittlerweile in großen Teilen des Mittelmeeres vor. Ihnen und vielen anderen Tier- und Pflanzenarten aus dem Roten Meer und dem Indischen Ozean ist es in den zurückliegenden Jahrzehnten gelungen, über den Sueskanal in das Mittelmeer einzuwandern.
5.1 > Der Sueskanal am östlichen Rand des grünen Nildeltas ermöglicht es Meeresbewohnern aus dem Roten Meer und dem Indopazifikraum, eigenständig in das Mittelmeer einzuwandern und sich dort als gebietsfremde Arten anzusiedeln.
Abb. 5.1: © Science Photo Library/Planetobserver
Die Schifffahrtsstraße in Ägypten erwies sich dabei als leicht zu überwindendes Einfallstor. Seit ihrer Eröffnung im November 1869 ist der Weg frei für pazifische Meeresorganismen, sich eigenständig Richtung Mittelmeer auszubreiten. Selbst heute, mehr als 155 Jahre nach der offiziellen Einweihung, wandern, getrieben durch die Meereserwärmung und die Erweiterung und Vertiefung des Kanals, noch immer Arten aus dem Indopazifikraum in das Mittelmeer ein – einige zum ersten Mal, andere zum wiederholten Male. Vor allem im östlichen Teil des Mittelmeeres, insbesondere in den Küstengewässern Israels und Palästinas, kennen Meeresbiologen inzwischen mehr als 450 gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten, die über den Sueskanal eingewandert sind und sich im Mittelmeer angesiedelt haben – darunter Nesseltiere wie die in großen Schwärmen auftretende Nomadenqualle (Rhopilema nomadica), mehr als 160 Muschelarten sowie eine Armada von mehr als 100 Fischarten.

Ein Zuzug mit gravierenden Folgen für die lokale Biodiversität

Welche Folgen diese Invasion für das angestammte Leben im Mittelmeer bisher hatte und immer noch mit sich bringt, haben Fachleute bislang noch nicht abschließend bewerten können. Es gibt allerdings klare Hinweise darauf, dass einige der Einwanderer die einheimischen Lebensgemeinschaften verändern. Das gilt zum Beispiel für den Rotmeer-Kaninchenfisch (Siganus rivulatus) und seinen Verwandten, den Dunklen Kaninchenfisch (Siganus luridus). Der Erstgenannte ist im Jahr 1924 das erste Mal in den Küstengewässern Israels entdeckt worden, der Zweitgenannte folgte 31 Jahre später. Seitdem haben sich die beiden algenfressenden Fischarten bis in die Gewässer Frankreichs und Tunesiens ausgebreitet.
Beide Kaninchenfischarten machen mittlerweile 95 Prozent der Fischbiomasse in den felsigen Küstenbereichen des Mittelmeeres aus. Da die Tiere bestimmte Braunalgenarten besonders gern fressen, haben sie deren Unterwasserwälder vielerorts überweidet. In den betroffenen Küstenbereichen findet man anstelle üppiger Großalgenwälder heute vor allem Schwämme und nackte Felsen vor, berichten Forschende.

5.2 > Die Qualle Rhopilema nomadica ist ursprünglich an der Ostküste Afrikas sowie im Roten Meer beheimatet. In den späten 1970er-Jahren wurde sie über den Sueskanal in das Mittelmeer eingeschleppt. Seitdem hat sie sich entlang der levantinischen Küste von Ägypten bis zur Türkei und Griechenland ausgebreitet.
Abb. 5.2 © mauritius images/nature picture library/Stephane Granzotto

Zusatzinfo Bahn frei: So ebnet der Mensch gebietsfremden Arten den Weg Zusatzinfo öffnen

Wichtige Frage: Schaden die Neulinge dem angestammten Ökosystem?

Die Beobachtungen aus dem Mittelmeer sind eines von vielen Beispielen, in denen gebietsfremde Meeresarten, auch Neobiota genannt, die Struktur und Funktionsweise angestammter Lebensgemeinschaften verändern. Der Weltbiodiversitätsrat (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, IPBES) zählt Tier- und Pflanzenarten, die vom Menschen in neue Lebensräume verschleppt werden oder deren eigenständige Einwanderung Menschen ermöglicht haben, deshalb zu den fünf direkten Triebkräften des globalen Biodiversitätsrückgangs.
Fachleute treibt dabei vor allem die Sorge um, dass sich durch die weltweite Verbreitung von Arten die Lebensgemeinschaften in verschiedenen Meeresgebieten immer mehr angleichen. Wenige robuste Arten kämen dann überall vor, so die Befürchtungen, während Spezialisten zurückgedrängt würden. So könnte langfristig ein globaler Rückgang der Biodiversität eintreten. Ob sich diese Bedenken eines Tages bewahrheiten werden, wird in der Wissenschaft allerdings kontrovers diskutiert.
Die Bedeutung gebietsfremder Arten für den Wandel angestammter Ökosysteme und deren Leistungen ist mittlerweile so groß, dass die Mitgliedsstaaten des Weltbiodiversitätsrats das Expertengremium beauftragten, ein Sondergutachten zu diesem Thema zu erstellen. Es wurde im September 2023 veröffentlicht und unterscheidet klar zwischen gebietsfremden Arten und invasiven gebietsfremden Arten. Als gebietsfremd werden all jene Organismen bezeichnet, die durch menschliche Aktivitäten in neue Regionen eingeführt wurden. Die Bezeichnung invasiv hingegen beschränkt sich auf jene gebietsfremden Arten, die sich in der neuen Heimat angesiedelt und verbreitet haben und obendrein negative Auswirkungen auf die lokalen Ökosysteme, deren Arten und die biologische Vielfalt haben.
Der Anteil invasiver Arten kann erstaunlich gering sein. In europäischen Gewässern beispielsweise leben mittlerweile mehr als 800 Neobiota – schädlich für die einheimischen Lebensgemeinschaften und deren Leistungen sind nach aktuellem Wissen nur einige wenige.
5.4 > Die Sandklaffmuschel Mya arenaria kam nach der letzten Eiszeit nur noch an der amerikanischen Ostküste vor. Vor 800 Jahren wurde sie dann von den Wikingern in die Nordsee verschleppt, wo seitdem vor allem junge Sandklaffmuscheln eine wichtige Nahrungsquelle für Krabben und Seevögel darstellen.
Abb. 5.4 © Björn Wylezich/Shutterstock

Abb. 5.5 © Charles Xelot

 

5.5 > Das russische Frachtschiff Iohann Mahmastal wartet vor dem westsibirischen Erdgasterminal Jamal 2 auf eine Anlegeerlaubnis. Das Schiff hat Nahrungsmittel und Baumaterial für die neue Erdgasförderstätte an Bord. Um diese auszuliefern, musste das Schiff die Nordostpassage befahren. Mit jeder solcher Fahrten steigt das Risiko einer Arteneinschleppung in die empfindlichen Ökosysteme des Arktischen Ozeans.

Einwanderungswege: Meeresorganismen auf Reisen

Menschen versetzen Meereslebewesen auf absichtliche und unabsichtliche Weise in die Lage, die Grenzen ihres angestammten Verbreitungsgebiets zu überwinden und in neue Meeresregionen einzuwandern. Ungewollt sind beispielsweise die vielen blinden Passagiere, die an Boots- und Schiffsrümpfen haftend oder im Ballastwasser schwimmend über die Weltmeere transportiert werden. Am Ziel angekommen, fallen die Organismen dann ab oder werden mit dem Ballastwasser in der neuen Heimat entsorgt. Schon die Wikinger schleppten so vor 800 Jahren gebietsfremde Arten wie die nordamerikanische Sandklaffmuschel (Mya arenaria) in die Gewässer des Kattegats ein.
Das Risiko, Neobiota via Schiff einzuschleppen, stieg mit der Entwicklung moderner Frachtschiffe und der Globalisierung des Handels. Während hölzerne Handelsschiffe im Jahr 1750 schätzungsweise 120 marine Bewuchs- und Bohrtierarten mit sich führen konnten, transportierte die internationale Handelsflotte mehr als 200 Jahre später über 10 000 verschiedene marine Arten in ihren Ballasttanks von einer Region in die nächste. Damals wie heute kommen aber immer wieder auch Küsteninsekten und -pflanzen hinzu, die versteckt zwischen Kieselsteinen, Sand und Küstenschutt als Ballastbeigabe auf die große Reise gehen.
Um solche ungewollten Artenverschleppungen einzudämmen, verabschiedete die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) im Februar 2004 das Internationale Übereinkommen zur Kontrolle und Behandlung von Ballastwasser und Sedimenten von Schiffen. Es trat am 8. September 2017 in Kraft und legt unter anderem fest, dass Ballastwasser nur dann abgegeben werden darf, wenn bestimmte Grenzwerte oder Vorgaben eingehalten werden. So müssen Schiffsbesatzungen genau Buch führen, wann und wo sie Ballastwasser abgelassen oder aufgenommen haben. Das Ballastwasser muss zudem behandelt werden, um enthaltene schädliche Wasserorganismen und Krankheitserreger zu entfernen oder unschädlich zu machen beziehungsweise ihre Aufnahme oder Einbringung zu vermeiden. Eine von mehreren Vorschriften besagt zum Beispiel, dass Ballastwasser nur dann ins Meer abgegeben werden darf, wenn weniger als zehn lebensfähige Organismen je Kubikmeter Wasser mit einer Größe von mindestens 50 Mikrometern nachweisbar sind.

Abb. 5.6 © Jimmy Villalta/VWPics/Redux/laif

 

5.6 > Die Polypen der Gelben Kelchkoralle (Tubastraea coccinea) strecken nur bei Dunkelheit ihre Tentakel aus, um damit nach Fressbarem zu fischen. Die Steinkoralle stammt ursprünglich aus dem Indopazifik, hat sich aber über das Karibische Meer bis weit vor die Ostküste Brasiliens ausgebreitet und macht nun heimischen atlantischen Korallenarten den Platz streitig.
Dennoch trägt die Schifffahrt weiterhin zur Verschleppung von Arten bei. Das gilt sowohl für bestehende Transportrouten, auf denen der Schiffsverkehr zunimmt, als auch für Regionen wie die Nordostpassage durch den Arktischen Ozean, auf der Tank- und Frachtschiffe erst seit Kurzem regelmäßig verkehren.
Erwartbar, aber dennoch ungewollt, sind Ausbrüche gebietsfremder Arten aus Aquakulturkäfigen oder anderen marinen Zuchtanlagen. Schätzungen zufolge entkamen im Zeitraum von 1993 bis 2012 allein aus Zuchtbetrieben in Chile jährlich mehr als eine Million Atlantische Lachse (Salmo salar) und nordpazifische Silberlachse (Oncorhynchus kisutch) in den Südpazifik. Die Ausreißer mischten sich anschließend unter die heimischen Fischarten. Inwiefern die Zuchtlachse den angestammten Wildarten Konkurrenz machten, konnte bisher nicht eindeutig aufgezeigt werden. Das lag vor allem an dem fehlenden Grundlagenwissen über die Artenzusammensetzung und Funktionsweisen der Fischbestände in den Bächen, Seen und Fjorden Chiles. Dennoch hat hier eine menschengemachte Veränderung des Arteninventars mit unbekannten Konsequenzen stattgefunden.
Neben einem zunehmenden Wettbewerb um Nahrung bergen Ausbrüche aus Fischfarmen noch zwei weitere Risiken für die lokale Artenvielfalt. Zum einen können Zuchtfische bei ihrer Flucht Viren, Läuse und andere Krankheitserreger mitschleppen und diese an Wildfische und andere heimische Meeresbewohner übertragen. Zum anderen besteht die Gefahr, dass sich die Ausbrecher vor Ort fortpflanzen und eigene Populationen begründen. Damit ihnen eine solche Ansiedlung jedoch tatsächlich gelingt, müssen schon sehr viele artspezifische Umweltvoraussetzungen erfüllt sein. In Chile zumindest gab es trotz der hohen Ausbruchszahlen in den 1990er- und 2000er-Jahren bis vor Kurzem keine Berichte, wonach es entflohenen Atlantischen Lachsen oder Silberlachsen gelungen war, sich in Freiheit fortzupflanzen und ausdauernde Populationen auszubilden.
Anders sieht es im Amazonasgebiet aus: Intensive Fischzucht hat hier maßgeblich dazu beigetragen, dass mittlerweile 41 gebietsfremde Fischarten, mehr als die Hälfte davon Raubfische oder Allesfresser, im Fluss und seiner Mündung heimisch geworden sind. Mit diesem Forschungsergebnis aus dem Jahr 2021 widerlegten die beteiligen Fachleute auch die klassische Annahme, dass es gebietsfremden Arten schwerer fällt, sich in artenreichen Lebensräumen anzusiedeln als in artenarmen Umgebungen.
Wie groß die Gefolgschaft gebietsfremder Zuchtarten sein kann, unterstreichen Beobachtungen aus europäischen Küstengewässern. Hier verbreiteten sich mit eingeschleppten Zuchtmuscheln wie der Manila-Teppichmuschel (Ruditapes philippinarum) und der Pazifischen Auster (Magallana gigas) rund 60 verschiedene Krankheitserreger, Parasiten und Bewuchsarten wie Manteltiere.
Bauen Menschen künstliche Wasserstraßen wie den Sues- oder Panamakanal, gilt das anschließende Einwandern gebietsfremder Arten ebenfalls als ungewollt. Allerdings sprechen Fachleute hier nicht von einer aktiven Einschleppung, sondern vom Wegfall einer oder mehrerer Ausbreitungsschranken. Öffnen sich nun neue Korridore zwischen zwei marinen Lebensräumen, wandern Arten interessanterweise immer vom artenreichen Gebiet in die artenärmere Region ein und nicht umgekehrt. So erklärt sich auch die Einwanderung pazifischer Arten in das Mittelmeer. Den umgekehrten Weg hat hingegen so gut wie keine Art zurückgelegt.
Klare Pläne stecken hinter einer Ansiedlung gebietsfremder Arten, wenn Menschen die Organismen gezielt aussetzen – etwa, um sie vor Ort jagen oder fischen zu können. Auf diese Weise kam zum Beispiel die in Ecuador beheimatete essbare Mangrovenkrabbe Cardisoma crassum in die Küstengewässer der Galapagosinsel Santa Cruz. In der norwegischen Barentssee hat sich ein gewinnbringender Fischereizweig etabliert, nachdem die aus dem Nordpazifik stammende Königskrabbe (Paralithodes camtschaticus) dort in den 1960er-Jahren gezielt ausgesetzt wurde. Weil natürliche Feinde fehlen, breiten sich die großen Krabben seitdem entlang der norwegi-schen Nordküste aus – zur Freude der heimischen Fischer. Heute exportieren sie pro Jahr Königskrabben im Wert von umgerechnet 100 Millionen Euro.
Eine Teilschuld trifft uns Menschen, wenn Arten zum Beispiel an Plastikmüll haftend in neue Meeresregionen treiben. Die aus dem Pazifik stammenden Sonnenkorallen Tubastraea coccinea und Tubastraea tagusensis beispielsweise breiten sich auch auf diese Weise an der Atlantikküste Brasiliens aus. Die beiden Pazifikarten verfügen über umfangreiche Abwehrmechanismen, vermehren sich schnell und sind aufgrund fehlender Fressfeinde im Südatlantik bestens in der Lage, einheimische Korallen wie die Großpolypige Steinkoralle (Mussismilia harttii) aus ihren angestammten Riffen zu verdrängen.
Fachleute bezeichnen Einwanderungen gebietsfremder Arten mithilfe von Treibgut dennoch als Zuzug ohne direkte menschliche Unterstützung. Eine Sonderrolle nehmen zudem Einwanderungen infolge der klimabedingten Meereserwärmung ein. In diesen Fällen erweitern Lebewesen eigenständig ihr Verbreitungsgebiet. Es handelt sich demzufolge nicht um eine aktive Arteneinschleppung durch den Menschen, auch wenn der Klimawandel vom Menschen verursacht ist.

Wie hoch ist die Zahl gebietsfremder Arten im Meer?

Die ersten Berichte über die Ansiedlung gebietsfremder Meeresorganismen stammen aus dem frühen 19. Jahrhundert. Seitdem steigt die Zahl der bekannten eingewanderten oder eingeschleppten Arten in den verschiedenen Ökosystemen des Weltozeans kontinuierlich an, auch weil seit den 1970er-Jahren zunehmend zu diesem Thema geforscht wird. Ein Wissenschaftlerteam wertete im Jahr 2020 eine Vielzahl von bis dato vorhandenen Datensätzen zu gebietsfremden, aquatischen Organismen aus. Die Fachleute kamen zu dem Ergebnis, dass im Zeitraum von 1965 bis 2015 auf das Jahr gerechnet durchschnittlich 43 Erstnachweise für neue gebietsfremde Arten in Meeres- und Küstengewässern rund um den Globus sowie in den Großen Seen Nordamerikas erstellt wurden.
In der Summe zählten die Forschenden 1442 eingeschleppte oder eingewanderte Arten, verteilt auf 39 Meer- und Süßwasserökosysteme. Zu den Neulingen gehörten dabei vor allem Organismen aus den Stämmen der Gliederfüßer, Muscheln und Fische sowie Rotalgen, Ringelwürmer, Manteltiere, aber auch Moostierchen und Nesseltiere.
5.7 > Der weltweite Schiffsverkehr ist eine der Hauptursachen für die Einwanderung und Einschleppung gebietsfremder Arten. Das unterstreicht auch diese Grafik, in der Forschende darstellen, auf welche Einschleppungswege sich Neuentdeckungen gebietsfremder Arten in marinen Lebensräumen sowie in Gewässern an Land zurückführen ließen.
Abb. 5.7 © nach Sarah A. Bailey et al., 2020, doi:10.1111/ddi.13167
Bei der Detailanalyse zeigte sich außerdem, dass die Zahl der dokumentierten Neuansiedlungen pro Jahr im Zeitraum von 1965 bis 1995 vergleichsweise stabil blieb. Sie betrug durchschnittlich 32 neuentdeckte gebiets-fremde Arten pro Jahr. In den Folgejahren stieg die Entdeckungsrate dann stetig: zunächst auf 51 Erstnachweise bis zum Jahr 2000, anschließend auf 66 Erstnachweise im Zeitraum von 2005 bis 2010. Mögliche Gründe dafür waren der zunehmende Schiffsverkehr auf den Weltmeeren, der Ausbau der Fisch- und Muschelzucht in Aquakulturhaltung sowie bessere Beobachtungsprogramme in einigen Küstenregionen der Welt.
Die Forscher nehmen allerdings an, dass ihre Statistik die tatsächliche Zahl der Neobiota im großen Maße unterschätzt: Zum einem, weil die ausgewerteten Datensätze nur 73 Prozent der wichtigsten aquatischen Lebensräume der Erde abdeckten. Zum anderen ist vielerorts gar nicht klar, welche der Arten schon immer in der Region lebten und welche Organismen wann und auf welchem Wege hinzugekommen sind.
Somit bestehen in der vergleichsweise jungen marinen Invasionsforschung noch Wissenslücken auf globaler Ebene, insbesondere im Hinblick auf standardisierte Methoden, Vergleichszeiträume und flächendeckende Beobachtungen. Bislang existieren zum Beispiel nur wenige Nachweise von Einwanderungen gebietsfremder Arten auf dem offenen Ozean sowie in Wassertiefen von mehr als 200 Metern. Die meisten der in der Studie gelisteten Arten waren vermutlich mithilfe von Schiffen (Anhaftungen, Ballastwasser etc.) in die untersuchten Ökosysteme gelangt. Nur ein geringer Teil der entdeckten Einwanderungen ging auf Ausbrüche aus Aquakulturanlagen zurück.
5.8 > An Land konnten Fachleute mittlerweile deutlich mehr gebietsfremde Arten nachweisen als im Meer. Nichtsdestotrotz steigt auch die Zahl eingeschleppter Meeresorganismen. Zum einen, weil die Wahrscheinlichkeit, verschleppt zu werden, steigt. Zum anderen, weil durch neue Beobachtungsprogramme Zuzügler eher auffallen.
Abb. 5.8 © nach IPBES (2023). Thematic Assessment Report on Invasive Alien Species and their Control of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services. [H. E. Roy, A. Pauchard, P. Stoett, T. Renard Truong (eds.)]. IPBES secretariat, Bonn, Germany. doi:10.5281/zenodo.7430682, Figure SPM 4
Ab dem Ende der 1990er-Jahre dokumentierten die Wissenschaftler jedoch einen Anstieg gebietsfremder Arten, die entweder durch neue Kanäle eingewandert waren oder bis zu ihrer unüberlegten Freilassung in Aquarien gelebt hatten.
Welche negativen Folgen das Aussetzen von Meeresorganismen haben kann, zeigt die schnelle und unkontrollierte Ausbreitung des Pazifischen Rotfeuerfischs (Pterois volitans) in den tropischen Regionen des Westatlantiks. Die Fische waren vermutlich Mitte der 1980er-Jahre von Hobbyaquarianern in den Küstengewässern Floridas ausgesetzt worden. Ohne echte Feinde vor Ort breiteten sich die Raubfische innerhalb von 30 Jahren über den Golf von Mexiko bis in das Karibische Meer aus. Die Einzelgänger halten sich überwiegend in Korallenriffen auf und gehen dort auf die Jagd nach jungen Rifffischen. Wissenschaftliche Experimente auf den Bahamas haben gezeigt, dass ein Rotfeuerfisch das Vorkommen von Jungfischen in dem von ihm bewohnten Korallenriff erheblich reduzieren kann.

Weder gut noch schlecht

Gebietsfremde Arten profitieren nicht nur davon, dass ihnen oftmals natürliche Feinde in ihren neuen Lebensräumen fehlen. Häufig zeigen erfolgreiche Zuzügler auch eine hohe physiologische Toleranz gegenüber abiotischen Faktoren wie beispielsweise der Temperatur, sodass sie schnell mit den Gegebenheiten in dem neu besiedelten Lebensraum zurechtkommen. Damit sind sie in der Lage, sich nach einer erfolgreichen Etablierung schnell auszubreiten. Dennoch greift es zu kurz, die Einschleppung, Ansiedlung und anschließende Ausbreitung gebietsfremder Arten von vornherein als gut oder schlecht zu bewerten. Diese Kategorien kennt nur der Mensch.
In der Natur führen Veränderungen dazu, dass einige Organismengruppen profitieren, andere jedoch verlieren gegebenenfalls. Für wieder andere bleibt alles wie gewohnt. Entscheidend bei der Einwanderung gebietsfremder Organismen ist, ob sie ähnliche ökologische Funktionen in ihrem eroberten Lebensraum erfüllen wie einheimische Arten und die Leistungspalette des Ökosystems erhalten bleibt. Ist dies der Fall, ändert sich zwar das Arteninventar, nicht aber die Funktionsvielfalt.
5.9 > Ihn zu jagen, ist bislang die einzige Möglichkeit, den Pazifischen Rotfeuerfisch (Pterois volitans) daran zu hindern, sich weiter im tropischen Westatlantik auszubreiten. Die ersten dieser invasiven Fische waren vermutlich Mitte der 1980er-Jahre von Hobbyaquarianern in den Küstengewässern Floridas ausgesetzt worden.
Abb. 5.9 © mauritius images/Alamy Stock Photos/David Havel
Im Vergleich zu Wäldern und Wiesen an Land sind viele Ökosysteme des Meeres über ihre Ränder hinaus offener. Heimische Meereslebewesen können so eingeschleppten Arten deutlich besser ausweichen als Lebewesen an Land. Oftmals arrangieren sich die einheimischen Arten auch mit den Einwanderern. Wie ein solches Miteinander einheimischer und eingeschleppter Arten die Biodiversität eines marinen Lebensraums sogar steigern kann, zeigen Untersuchungen aus dem europäischen Wattenmeer, der weltweit größten zusammenhängenden Sedimentgezeitenküste in der östlichen und südöstlichen Nordsee.

Freilandlabor Wattenmeer

Forschende kennen mittlerweile mehr als 100 gebietsfremde Arten, die sich im Wattenmeer angesiedelt haben, sei es als Lebewesen am Meeresboden oder als freischwimmende Organismen in der Wassersäule. Zwölf Prozent der Neulinge stammen direkt aus weit entlegenen Meeresgebieten. Der überwiegende Teil ist jedoch zunächst in angrenzende Regionen eingewandert und hat im Anschluss von dort aus den Sprung ins Wattenmeer geschafft – oft, weil vom Menschen errichtete künstliche Strukturen, wie beispielsweise Hafenanlagen, den neuen Organismen eine Ansiedlung erlaubten. Das Wattenmeer, wie wir es heute kennen, ist erst vor weniger als 8000 Jahren entstanden. Es stellt somit einen vergleichsweise jungen Lebensraum dar, in dem sich schon immer viele Organismen tummelten, diese aber nur vergleichsweise wenigen Arten angehörten. Die Biodiversität ist somit eher gering. Mit dem zunehmenden Schiffsverkehr seit Beginn des 20. Jahrhunderts steigt aber die Zahl eingeschleppter Arten stetig, auch weil entlang der Küste Mauern und andere Bauten errichtet wurden, an denen sich blinde Schiffspassagiere festsetzen können. Zuvor, im 14. Jahrhundert, war bereits die amerikanische Sandklaffmuschel (Mya arenaria) aus dem Kattegat eingewandert. Die Wikinger hatten sie dorthin verschleppt. Junge Sandklaffmuscheln sind bis heute eine wichtige Nahrung für Krabben und Seevögel des Wattenmeeres. Alttiere können bis zu 20 Jahre alt werden. Ihre Schalen sind dann auf eine Länge von bis zu 15 Zentimetern herangewachsen, sodass die Sandklaffmuschel heutzutage eine der größten Muscheln des Wattenmeeres darstellt.
Zu den gebietsfremden Arten gehört auch die Chinesische Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis). Sie wanderte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein, als Schiffe begannen, Ballastwasser zur Stabilisierung zu nutzen. Heute ist sie die häufigste Krabbe in den ins Wattenmeer mündenden Flüssen. Auf das Ökosystem des Gezeitenbereichs hingegen hatten die Wollhandkrabben bislang keine Auswirkungen.
Ganz anders verhält es sich bei der Pazifischen Auster (Magallana gigas). Die schnell wachsende Auster verbreitete sich im Wattenmeer, nachdem Fischer sie zunächst in Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien in Austernfarmen eingesetzt hatten. Seit dem Jahr 1986 wird sie auch vor der Insel Sylt und damit direkt im Wattenmeer als Aquakulturorganismus in Netzsäcken gehalten. Die Larven der Austern siedeln nur auf festem Untergrund. Diesen fanden sie im Wattenmeer auf den heimischen Miesmuschelbänken. Die Jungtiere setzten sich auf die Schalen der Miesmuscheln und überwucherten die von ihnen gebildeten Muschelbänke im Nu.
Was am Anfang aussah wie eine feindliche Übernahme mit anschließender Verdrängung, entpuppte sich in den folgenden 20 Jahren jedoch als nützliche Koexistenz. Die Austern begannen nämlich, nur noch aufeinander zu wachsen und nicht mehr die Miesmuscheln als Hartsubstrat zu nutzen. Schnell bildeten sie ein neues oberes Stockwerk auf der Muschelbank.
5.10 > So sieht eine gelungene Koexistenz von eingeschleppten und einheimischen Arten aus. Im Wattenmeer bilden Mies­muscheln und zugewanderte Pazifische Austern mehrstöckige Muschelbänke, die Wetterextremen besser standhalten als artenreine Muschelriffe.
Abb. 5.10 © nach K. Reise, C. Buschbaum, H. Büttger, M. K. Wegner, 2017, doi:10.1002/ecs2.1949
Abb. 5.10 © nach K. Reise, C. Buschbaum, H. Büttger, M. K. Wegner, 2017, doi:10.1002/ecs2.1949
Abb. 5.10 © nach K. Reise, C. Buschbaum, H. Büttger, M. K. Wegner, 2017, doi:10.1002/ecs2.1949
In der deutlich schlammigeren Etage darunter richteten sich die Miesmuscheln ein. Sie haben heutzutage zwar weniger Platz als früher und konkurrieren mit den Austern um Nahrung. Dafür bietet ihnen die Deckschicht aus Austern Schutz vor Fressfeinden wie der Gemeinen Strandkrabbe (Carcinus maenas) und anderen für die Miesmuscheln schädlichen Organismen, die sich auf den Muschelschalen festsetzen, wie beispielsweise Seepocken. In der Summe leben nun also viel mehr Organismen auf ein und derselben Fläche, wobei nicht alle Muschelbänke von den Austern besiedelt sind. Ein weiterer Vorteil: Austernmuschelbänke scheinen so robust und in sich stabil zu sein, dass sie starke Stürme deutlich schadloser überstehen als reine Miesmuschelansiedlungen.
Und noch etwas haben Forschende bei ihren Beobachtungen in der Nordsee sowie im Wattenmeer gelernt: Die Einwanderung ein und derselben gebietsfremden Art kann in unterschiedlichen Ökosystemen völlig andere Effekte hervorrufen. Das zeigen Erfahrungen mit dem Japanischen Beerentang (Sargassum muticum). An der Felsküste Helgolands macht die über vier Meter lange Großalge einheimischen Tangen hier und da den Platz streitig. Gewinnt der Beerentang, erfüllt er anschließend dieselben Ökosystemfunktionen wie seine Vorgänger. Er bietet Lebensraum für alle Arten, die bis dahin auch im Dickicht der anderen Algen gelebt hatten. Im sandigen Wattenmeer hingegen siedelt der Japanische Beerentang auf den neu entstandenen gemischten Austernriffen und bildet regelrecht Algenwälder aus, die es bis dato mit dieser Größe und Komplexität im Wattenmeer nicht gegeben hat. Diese Algenwälder wiederum ziehen andere kleinere Algen, wirbellose Tiere und viele Fische an, die sich zwischen den Tangen verstecken. Das bedeutet, dass ein neues Habitat vorhanden ist und die Artenvielfalt auf den Muschelbänken steigt.
Solche Details sind auch deshalb bekannt, weil es sowohl im Weltnaturerbe Wattenmeer als auch über dessen Grenzen hinaus feste Programme gibt, in denen Forschende die Entwicklung gebietsfremder Arten überwachen. Entlang der deutschen Nord- und Ostsee dokumentieren sie zum Beispiel an 16 Stationen, welche nicht heimischen Arten in welcher Anzahl auftreten.

Beobachtungen decken bislang nur kurze Zeiträume ab

Viele eingeschleppte Arten zeigen einen sogenannten „Boom-and-Bust-Verlauf“. Das heißt, nach anfänglicher Massenentwicklung nehmen die Individuenzahlen wieder ab und die Arten arrangieren sich im neuen Ökosystem. Andere Arten wiederum verhalten sich zunächst unauffällig und weisen über einen längeren Zeitraum geringe Individuenzahlen auf. Verändern sich dann aber klimatische oder hydrografische Bedingungen, vermehren sich diese „ökologischen Schläfer“ unter Umständen explosionsartig, und ihr Einfluss auf das Ökosystem wächst.
Alle diese Beobachtungen beschränken sich bisher jedoch meist auf Zeitspannen von wenigen Jahrzehnten. So betrachtet, weiß man immer noch wenig darüber, wie sich Neobiota langfristig auf die heimischen Ökosysteme und Organismengemeinschaften auswirken. Das gilt insbesondere auch für die langfristigen Folgen von Viren und Krankheiten, welche Neobiota in einen neuen Lebensraum mit einschleppen. Sie sind bislang kaum erforscht.
Aus diesem Grund plädieren Fachleute dafür, alles Menschenmögliche zu tun, um neue Artenverschleppungen im Meer zu vermeiden. Hat sich ein Zuzügler erst einmal im neuen Lebensraum etabliert, ist es nahezu unmöglich, ihn wieder zurückzudrängen, gerade weil sich Lebensräume im Meer nicht abschotten lassen. In der Europäischen Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie aus dem Jahr 2008 werden Neobiota deshalb auch als ein Parameter geführt, auf Grundlage dessen der Umweltzustand der Meere bewertet wird. In diesem Zusammenhang wird ein messbarer Indikator entwickelt, der den Zustand eines Meeresgebiets bezüglich Neobiota beschreibt.
Der Weltbiodiversitätsrat IPBES kommt in seinem Sondergutachten „Globales Assessment der biologischen Vielfalt und Ökosystemleistungen“ von 2019 zu dem Schluss, dass die Einwanderungen gebietsfremder Arten komplexe Prozesse darstellen, die mit dem Transport von Gütern sowie mit anderen Komponenten des globalen Wandels wie Landnutzungsänderungen, Klimawandel und menschlichen Störungen verflochten sind. Diese ökologische Komplexität, die Vielfalt und Fülle gebietsfremder Arten und die Schwierigkeit, Eindringlinge in neuen Umgebungen zu identifizieren, machten ihre Prävention und ihr Management zu einer Herausforderung. Beides wird jedoch unbedingt gebraucht, um die natürliche Entwicklung von Ökosystemen zu schützen.
Es gibt, so das Fazit der IPBES-Fachleute, mittlerweile fast keinen Ort mehr auf der Erde, an dem keine gebietsfremden Arten eingewandert sind oder eingeschleppt wurden. Die Forschung zeige außerdem noch, dass die Zahl der Neobiota in allen Regionen weltweit zunehme. Gleichzeitig bestünden jedoch große Wissenslücken, und valide Daten seien nicht immer vorhanden. Daraus resultiere, dass die Langzeitfolgen der Einwanderungen für die Biodiversität an Land und im Meer unterschätzt werden. Textende