Zuzügler im Gepäck
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WOR 9 Marine Biodiversität – das vitale Fundament unserer Meere | 2025

Zuzügler im Gepäck

Zuzügler im Gepäck
> Die Einwanderung und Ausbreitung gebietsfremder Arten gehört zu den Motoren des Artenwandels. In vielen Teilen des Weltozeans haben Zuzügler angestammte Lebensgemeinschaften bereits verändert, indem sie Schlüsselarten nachstellen, heimischen Arten den Platz streitig machen oder Krankheiten einschleppen. Dennoch ist nicht alles nur schwarz-weiß. Im Wattenmeer der südöstlichen Nordsee leben Neulinge und Alteingesessene in gewinnbringender Koexistenz miteinander.
Fluch und Segen gebietsfremder Arten - Abb. 5.9 © mauritius images/Alamy Stock Photos/David Havel

Fluch und Segen gebietsfremder Arten

> Sie wandern eigenständig ein, begleiten uns als blinde Passagiere oder werden von Menschen gezielt eingeführt und ausgesetzt. Eingeschleppte und eingewanderte Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen verändern seit Jahrhunderten das Leben im Ozean, insbesondere in Küstenmeeren. Als Folge einer solchen Neuansiedlung kann die Biodiversität vor Ort abnehmen. Es gibt allerdings auch Ausnahmen. Im artenarmen Wattenmeer haben Zuzügler bislang keine heimischen Arten verdrängt. Sie stärken mitunter sogar die lokalen Ökosysteme.

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Gebietsfremde Arten: Vom Menschen verursachte Neuansiedlungen

Ein wichtiger Motor des Artenwandels im Meer ist die Neuansiedlung und Ausbreitung gebietsfremder Arten. Als solche werden Organismen bezeichnet, die entweder durch Menschen in ein Ökosystem eingeschleppt wurden oder aber selbstständig einwandern konnten, nachdem Menschen Ausbreitungsschranken beseitigt hatten.
Einwandern können gebietsfremde Arten zum Beispiel, wenn durch den Bau eines Kanals zwei Meeresgebiete miteinander verbunden werden, die vorher voneinander getrennt waren. Artenwanderungen werden aber auch ermöglicht, wenn sich im Zuge des Klimawandels das Meer erwärmt und wärmeliebende Arten infolgedessen auch in ehemals kalten Gebieten geeignete Lebensbedingungen vorfinden.
Von einer sogenannten Einschleppung sprechen Fachleute hingegen, wenn Organismen mithilfe von Schiffen in neue Lebensräume gelangen, dort von Menschen gezielt ausgesetzt werden oder sich ansiedeln können, weil sie zur Nahrungsmittelproduktion in Käfigen oder Netzbeuteln gehalten werden und aus diesen entkommen können – sei es durch Unfälle, Sturmschäden oder aber durch die Abgabe von Larven. Gebietsfremde Arten, die sich in einem Lebensraum ausbreiten und dabei das gewohnte Zusammenspiel der angestammten Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen stören, werden als invasive Arten bezeichnet. Zu solchen negativen Auswirkungen kommt es beispielsweise, wenn die Neulinge den Fraßdruck auf Schlüsselarten erhöhen, einheimischen Arten den Platz streitig machen oder Krankheiten einschleppen, gegen welche die Meereslebewesen vor Ort wehrlos sind.
Beispiele für invasive Arten gibt es im Meer einige. Ihre Zahl ist jedoch viel kleiner als an Land, weil marine Lebensräume an ihren Rändern offener sind. Werden angestammte Meeresarten durch Zuzügler bedrängt, sind die alteingesessenen Meeresorganismen eher in der Lage, abzuwandern oder sich in Nischen zurückzuziehen, als so manche Wald- oder Wiesenbewohner an Land. Dennoch befürchten Fachleute, dass sich die Lebensgemeinschaften des Meeres im Zuge der Globalisierung eines Tages zu stark angleichen und die globale Biodiversität abnehmen könnte. Ob es dazu jedoch tatsächlich kommen wird, ist allerdings auch unter Expertinnen und Experten umstritten. In artenarmen Meeresgebieten wie dem Wattenmeer der südöstlichen Nordsee haben die mehr als 100 bekannten gebietsfremden Arten bislang keine der angestammten Arten verdrängt. Stattdessen stärken einige der Einwanderer sogar die lokalen Öko­systeme. So hat die Ansiedlung eingeschleppter ­Pazifischer Austern auf Miesmuschelbänken im Wattenmeer dazu geführt, dass die gemischten Riffe widerstandsfähiger sind. Peitschen Stürme über die Nordsee, nehmen die Austernmuschelbänke in der Regel weniger Schaden als Muschelbänke, die allein aus Miesmuscheln bestehen.
Dokumentieren konnten Fachleute auch Beispiele, in denen gebietsfremde Arten angestammte Arten in ihrer Funktion ersetzten. Damit hat sich zwar die Artenzusammensetzung in den betroffenen Ökosystemen geändert, deren Funktionspalette aber blieb die gleiche – und das ist wichtig.
Nichtsdestotrotz sollte alles Menschenmögliche getan werden, um die Ausbreitung gebietsfremder Arten zu verhindern. Fest steht nämlich auch, dass viele Langzeitfolgen der vom Menschen ermög­lichten Artenwanderungen noch nicht umfassend verstanden sind. Geforscht wird zwar mittlerweile intensiv und vielerorts auch systematisch. Häufig aber ist unklar, welche Arten wie lange schon in dem untersuchten Gebiet vorkommen und demzufolge als „heimisch“ bezeichnet werden dürfen. Zudem lassen sich Beobachtungsergebnisse aus verschiedenen Regionen noch zu selten miteinander vergleichen.