Marine Biodiversität – das vitale Fundament unserer Meere
Das Leben auf der Erde ist untrennbar mit dem Ozean verbunden. Er bedeckt rund 71 Prozent der Erdoberfläche und reicht in Tiefen von bis zu elf Kilometern. Der Ozean stellt damit den größten Lebensraum unseres Planeten dar und bietet eine Vielzahl von Leistungen, die unverzichtbar und entscheidend sind für das Überleben und das Wohlergehen der Menschen.
Angesichts dessen würde man erwarten, „dass die Beziehung zwischen Mensch und Ozean von Respekt, ja sogar von Ehrfurcht geprägt ist“, sagte Peter Thomson, Sonderbeauftragter des UN-Generalsekretärs für den Ozean in seiner Abschlussrede auf der dritten Weltozeankonferenz im Juni 2025 in Nizza. Doch stattdessen „überfischen, verschmutzen und erwärmen wir Menschen den Ozean“. Durch diese und andere Eingriffe berauben wir den Ozean nicht nur seines ästhetischen und inspirierenden Wertes, sondern wir gefährden unmittelbar das Überleben der Meeresarten und damit der Menschheit. Ohne einen gesunden Ozean kann es keine nachhaltige Zukunft für uns Menschen geben.
Diese Aussage stellen wir der Zusammenfassung dieses „World Ocean Review“ No. 9 voran, weil sie unterstreicht, dass die Frage nach der marinen Biodiversität kein Nischenthema für Naturenthusiasten ist. Die Gesundheit des Lebens im Meer geht heutzutage jeden Menschen etwas an. Und da wir nur schützen, was wir kennen und als wertvoll, schön oder essenziell betrachten, nehmen wir mit diesem WOR die Herausforderung an, möglichst jede Leserin und jeden Leser für die Vielfalt der Meeresarten und -lebensräume nachhaltig zu begeistern.
Eine überwältigende Vielfalt an Formen, Farben und Funktionen
Die Dimensionen des Lebensraums Ozean sprengen jede menschliche Vorstellungskraft. Leben existiert in diesem riesigen Raum überall – selbst dort, wo Menschen es nicht für möglich gehalten hätten. So zum Beispiel unter den Schelfeisen der Antarktis oder im Meeresboden hypersalziger Tiefseebecken, wie sie im Mittelmeer zu finden sind.
Wie viele Arten am und im Ozean leben, ist unbekannt, weil wir Menschen viele Meeresregionen, Ökosysteme und Organismengruppen bislang kaum genauer erforscht haben. Fachleute schätzen, dass die Meere ein bis zwei Millionen verschiedene Arten beherbergen. Es könnten aber auch viel mehr sein. Wissenschaftlich beschrieben sind allerdings erst maximal ein Viertel der geschätzten Menge. Doch allein schon deren Größen-, Farben-, Formen- und Funktionsvielfalt wirkt überwältigend – angefangen von mikroskopisch kleinen Archaeen und Bakterien über einzellige Algen und Pilze bis hin zu kunterbunten Rifffischen, eleganten Rochen, pfeilschnellen Seevögeln, 30 Meter langen Walen und Seetangen sowie dem geheimnisvollen Glaskalmar Galiteuthis glacialis. Letzteren, man kann es kaum glauben, haben Forschende erst im März 2025 zum ersten Mal lebend in der Tiefsee des Südatlantiks gefilmt. Bis dato kannten die Meeresbiologen den Glaskalmar nur als Speiserest aus den Mägen verendeter Seevögel oder Wale.
- > Fachleute des World Register of Marine Species (WoRMS) führen Buch über alle neu entdeckten Meeresarten. Die Zahl der bekannten Arten ist mittlerweile auf fast 248 000 gestiegen, dennoch kennen wir nur einen kleinen Teil des marinen Artenreichtums.

- Die Aufzählung faszinierender Meeresorganismen könnte seitenlang weitergehen – und in jedem Jahr kommen neu beschriebene Arten hinzu, etwa 2300 an der Zahl. Um diese zu identifizieren, verwenden Fachleute zunehmend molekulare Methoden wie Barcoding, Metabarcoding und Metatranskriptomik. Die Forschenden analysieren dabei die Erbinformationen der Organismen oder, genauer gesagt, ausgewählte Bereiche ihrer DNA-Moleküle. Deren Informationen erlauben es, Arten eindeutig zu bestimmen, ihre Funktionen und Stammesgeschichte abzuleiten sowie erfolgreiche Anpassungsstrategien der Arten zu identifizieren.
Auf diese Weise konnte ein großes Wissenschaftlerteam erst kürzlich nachweisen, dass die Portugiesische Galeere (Physalia physalis), eine schillernde Staatsqualle, keine Einzelart ist, wie man bisher dachte. Stattdessen unterscheiden sich die Populationen im Pazifischen, Atlantischen und Indischen Ozean genetisch so stark voneinander, dass die Forschenden bei ihren Analysen mindestens vier Arten identifizieren konnten.
Dieses und viele andere Beispiele zeigen: Wir haben das Leben im Meer bei Weitem noch nicht verstanden. Gleichzeitig brauchen wir viel mehr von diesem Detailwissen, um genaue Aussagen über die Biodiversität eines ausgewählten Meeresgebiets zu treffen – sei es in Bezug auf ein einzelnes Ökosystem, im Hinblick auf eine Meeresregion oder auf den gesamten Ozean.
Biodiversität: Ein Konzept mit vielen Ebenen
Als gesund und widerstandsfähig gilt der Ozean, wenn seine Lebensgemeinschaften eine große Vielzahl von Arten beherbergen, die sich in ihren Erbanlagen, in ihrem Aussehen und in ihren Eigenschaften und Funktionen unterscheiden. Fachleute sprechen in diesem Fall von hoher Biodiversität. Der Begriff leitet sich von der englischen Wortgruppe „biological diversity“ (biologische Vielfalt) ab und steht für ein ausgesprochen vielschichtiges Konzept.
Das Wort Biodiversität beschreibt nämlich die Vielfalt unter lebenden Organismen jeglicher Herkunft, einschließlich terrestrischer, mariner und anderer aquatischer Ökosysteme und der ökologischen Komplexe, zu denen sie gehören. Diese Vielfalt umfasst Variationen in genetischen, morphologischen, stammesgeschichtlichen und funktionellen Merkmalen sowie Veränderungen in der Häufigkeit und Verteilung im Laufe von Zeit und Raum innerhalb von und zwischen Arten, Lebensgemeinschaften und Ökosystemen. Worte wie „Artenvielfalt“, „Artenreichtum“ oder „biologische Vielfalt“ werden häufig synonym zu „Biodiversität“ verwendet. Wie die Definition zeigt, ist das Konzept der Biodiversität jedoch umfassender.
Das Konzept der Biodiversität ist mehrdimensional und deshalb nicht ganz einfach zu verstehen. Hinzu kommt, dass Forschende verschiedene Methoden nutzen, um die Biodiversität eines ausgewählten Gebiets zu quantifizieren. Sie schätzen oder messen den Artenreichtum der Region, berechnen die Gesamtmenge der vorhandenen Biomasse und deren Verteilung auf Arten und Artengruppen oder untersuchen die Stammesgeschichte der in der Region lebenden Organismen und analysieren die Verwandtschaftsbeziehungen der verschiedenen Arten.
- > Diversität findet sich im Meer auf allen biologischen Organisationsebenen – angefangen von der genetischen Vielfalt bis hin zu den Ökosystemen. Wichtig dabei: Alle Ebenen greifen ineinander und ermöglichen die Leistungspalette des Lebens im Meer.

Artenreiche Ökosysteme sind widerstandsfähiger
Marine Lebensräume mit großem Artenreichtum sowie hoher funktioneller und stammesgeschichtlicher Diversität sind in der Regel widerstandsfähiger als Ökosysteme mit geringer Diversität. Sinkt die Biodiversität einer Meeresregion, nimmt meist auch die Produktivität der betroffenen Lebensgemeinschaften ab. Diese sind dann nicht mehr in der Lage, alle gewohnten Leistungen zu erbringen. Eine solche Leistungsabnahme infolge drastischer Biodiversitätsverluste beobachten Fachleute aktuell in vielen Meeresregionen. Mancherorts schrumpfen nur die Populationen, anderenorts verschwinden Arten und Lebensräume ganz. Die Ursachen dieser Entwicklung sind menschengemacht. Durch den Klimawandel und die anhaltende Zerstörung und Übernutzung mariner Lebensräume schwächen wir die Ökosysteme des Meeres in einem Maße, dass es für deren Überleben und die vielen Leistungen, die sie für uns Menschen erbringen, keine Garantie mehr gibt.
Wer lebt wo im Meer und warum?
Noch hat die Wissenschaft nicht vollständig ergründen können, warum Meeresorganismen in ihren angestammten Lebensräumen vorkommen und nicht anderswo und welche Faktoren und Mechanismen die Verteilung der Arten im Meer bestimmen.
Fachleute nähern sich diesen Fragen aus zwei Richtungen an: Zum einen sammeln und analysieren sie Daten zum Vorkommen von Arten und Lebensräumen. Sie erstellen Verteilungskarten und versuchen, Muster zu erkennen und zu entschlüsseln, auf welche lokalen Gegebenheiten diese Muster zurückzuführen sind. Zum anderen hinterfragen sie die Funktionsprinzipien mikrobiellen, tierischen und pflanzlichen Lebens selbst und versuchen Gesetzmäßigkeiten abzuleiten. Ob diese Erklärungsansätze dann allerdings für alle Meeresorganismen gelten, muss aufwendig überprüft werden.
Am besten verstanden ist die geografische Verbreitung der Tiere im Meer. Welche Arten wo im Meer ansässig werden und ausreichend Nahrung finden können, wird bestimmt durch die Umgebungstemperatur und die Verfügbarkeit von Sauerstoff, durch das Gesamtangebot an Nahrung im jeweiligen Lebensraum sowie durch dessen Komplexität. Gemeint sind damit insbesondere Parameter wie die Struktur des Lebensraums und das Miteinander seiner Bewohner.
- > Wie sich die Arten eines Lebensraums gegenseitig beeinflussen und damit auch ihr Ökosystem stabilisieren, zeigt das subtile Zusammenspiel von Seeottern, Seeigeln, Braunalgen (Kelp) und Sonnenblumen-Seesternen vor der Küste Kaliforniens.

- Mithilfe dieser Schlüsselfaktoren lässt sich zum Beispiel erklären, warum in den lichtdurchfluteten Korallenriffen der Randtropen viel mehr Arten leben als im Oberflächenwasser der gemäßigten Breiten oder der Polarmeere. Eine Reihe der sogenannten Hotspots mariner Biodiversität findet sich deshalb in Meeresregionen, in denen Warmwasserkorallen wachsen. Gleichzeitig gibt es aber auch Ausnahmen von dieser Verbreitungsregel – etwa für Meeressäuger, deren Körpertemperatur nicht von der Meerestemperatur abhängt.
Für Tiefseeorganismen gelten ebenfalls andere Faktoren, weil sie größtenteils in Meeresregionen mit vergleichsweise stabilen Wassertemperaturen leben. Dafür ist das Futterangebot in großen Wassertiefen zumeist spärlich. Für Tiefseebewohner spielt der Faktor Nahrung bei der geografischen Verteilung daher eine viel existenziellere Rolle als für Organismen, die in produktiven, dicht besiedelten und zumeist flachen Küstengewässern leben.
Solche und andere Einblicke in die geografische Verteilung mariner Arten, Lebensgemeinschaften und Ökosysteme zu erlangen, ist essenziell für einen wirksamen Meeresschutz. Zu wissen, wer wo lebt und welche Meeresorganismen was zum Leben brauchen, versetzt uns nämlich unter anderem in die Lage, klimabedingte Veränderungen des Artenreichtums im Meer zu identifizieren und womöglich Anpassungsmaßnahmen vorzunehmen.
- > Der Artenreichtum in den Küstengebieten ist in der Regel höher als auf dem offenen Meer. Die höchste Artenvielfalt dokumentierten Fachleute im indopazifischen Korallendreieck, im zentralen und westlichen Indischen Ozean, im Roten Meer sowie rund um die Inseln des Südwestpazifiks.

Der Wert des Meeres und seiner Lebensgemeinschaften
Das Leben im Ozean zu erhalten, bedeutet, unsere eigenen Lebensgrundlagen zu sichern. Diese Auffassung teilen heutzutage immer mehr Menschen, aber längst noch nicht alle. Der Grund dafür ist, dass wir Menschen die Natur und damit auch das Meer auf vielfältige Weise wahrnehmen. Wir erleben Naturräume, Tiere und Pflanzen auf unterschiedliche Weise und interagieren deshalb auch unterschiedlich mit ihnen. Während zum Beispiel Tigerhaie für manche Menschen den Schrecken der Meere darstellen, setzen sich andere für den Schutz der imposanten Raubfische ein – etwa, weil deren Beutezüge auf Meeresschildkröten und andere Pflanzenfresser Seegraswiesen in tropischen und subtropischen Küstengebieten gedeihen lassen und die Haie somit wichtig sind für das Zusammenspiel der Arten im Meer.
Aus den verschiedenen Wahrnehmungen und Interaktionen der Menschen mit der Natur ergeben sich unterschiedliche Auffassungen von der Rolle der Natur als Grundlage für unser Leben. Daraus wiederum resultiert eine große Vielfalt von Werten, die Menschen der Natur beimessen.
- > Menschen definieren ihr Verhältnis zur Natur mithilfe von Weltanschauungen, Grundwerten, spezifisch benannten Werten und Wertindikatoren. Diese Übersicht verdeutlicht, wie sich diese – abhängig vom individuellen Selbstverständnis – unterscheiden können.

- Nach Ansicht des Weltbiodiversitätsrats IPBES lassen sich Menschen oftmals einer von vier Typenkategorien zuordnen. Sie leben entweder von, mit oder in der Natur oder aber verstehen sich als fester Teil dieser. Welche Kategorien die jeweils passende darstellt, entscheidet sich auf Grundlage der individuellen Weltanschauung eines Menschen sowie auf Basis der von ihm genutzten Wissenssysteme, Werte und Wertindikatoren. Was so schwarz auf weiß sehr abstrakt klingt, entwickelt im Alltag eine enorme Relevanz. Prägt das eigene Verhältnis zur Natur und zum Meer doch maßgeblich, wie wir Menschen individuelle, politische und wirtschaftliche Entscheidungen zum Umgang mit der Natur treffen.
Der Weltbiodiversitätsrat kommt in seinem Gutachten über die vielfältigen Werte und die Bewertung der Natur zu dem Ergebnis, dass Verantwortliche in Politik und Wirtschaft bislang nur eine begrenzte Anzahl größtenteils marktbasierter Werte der Natur berücksichtigen. Ihre Entscheidungen gingen deshalb häufig auf Kosten der Natur und somit auch auf Kosten der Gesellschaft und künftiger Generationen. Erschwerend kommt hinzu, dass Menschen mit zunehmender Industrialisierung und Verstädterung den direkten Kontakt zur natürlichen Umwelt verlieren. Es kommt zu einer Entfremdung, gepaart mit enormen Wissensverlusten über die Artenvielfalt, Rolle und Bedürfnisse der natürlichen Lebensgemeinschaften an Land und im Meer.
Wenn es gelingen soll, das Artensterben zu beenden und die Natur zu stärken, müssen Verantwortliche in Wirtschaft und Politik auf allen Ebenen von gewohnten Überzeugungen abrücken und ein neues Naturbewusstsein entwickeln. Es gilt, bislang vernachlässigte Werte sowie lokales und indigenes Wissen in Entscheidungen mit einzubeziehen und die überlebenswichtige Rolle gesunder Naturräume in allen Gesellschaftsteilen zu kommunizieren. Wie schon eingangs gesagt: Was wir Menschen nicht kennen und verstehen, schützen und bewahren wir auch nicht.
Druck aus allen Richtungen
Wie jeder Mensch auch brauchen Meeresorganismen sichere Lebensgrundlagen, um gesund aufzuwachsen und sich fortzupflanzen. Dazu gehören in erster Linie ein intakter und unverschmutzter Lebensraum, Umgebungstemperaturen im Wohlfühlbereich sowie ausreichend Nahrung. Keiner dieser Grundpfeiler des marinen Lebens gilt heute noch als gesichert. Zu folgenreich und schwerwiegend sind die direkten und indirekten Eingriffe der Menschen in den Weltozean.
Zu den wichtigsten direkten Triebkräften des Biodiversitätsrückgangs im Meer zählen die Entnahme von Rohstoffen und Organismen, eine veränderte Nutzung der Küstengebiete und Meere, der Klimawandel und seine Folgen für das Leben im Meer, die Küsten- und Meeresverschmutzung sowie die Einwanderung oder Einschleppung gebietsfremder Arten. Auf indirektem Wege hingegen wirken Faktoren wie das Bevölkerungswachstum, demografische Verschiebungen (Verstädterung, Migration) sowie soziokulturelle, wirtschaftliche, technologische und politische Entwicklungen. Sie beeinflussen, wie wir Menschen Entscheidungen treffen, die sich am Ende auch auf die Natur und das Leben im Meer auswirken.
Die Übernutzung mariner Ökosysteme in europäischen Gewässern begann bereits im Mittelalter, ausgelöst durch die zunehmende Kommerzialisierung von Gütern, Rohstoffen und Leistungen des Meeres. Später setzte sich diese im Zuge der Kolonialisierung auch in anderen Meeresregionen der Welt fort. Fachleute bezeichnen die Entwicklung heute als Industrialisierung der Ressourcen- und Meeresnutzung.
Deren Ausmaß hat seit den 1950er-Jahren rapide zugenommen und ist verantwortlich dafür, dass heutzutage viele der ursprünglichen Meeresökosysteme geschädigt, zerstört oder gänzlich verschwunden sind und die Bestandszahlen ausgesuchter Tierpopulationen seit dem Jahr 1970 um mehr als die Hälfte geschrumpft sind. Die Verluste an mariner Artenvielfalt sind mittlerweile so hoch, dass auch ein globales Massensterben nicht mehr kategorisch ausgeschlossen werden kann.
Fakt ist außerdem, dass unsere Nutzungsansprüche an das Meer und seine Lebensgemeinschaften weiter steigen, ganz ungeachtet aller Arten- und Lebensraumverluste im Ozean. Beispiele für neue oder drastisch zunehmende Nutzungsformen sind die Energiegewinnung auf dem Meer, der Schiffsverkehr sowie die Fisch- und Algenzucht in Aquakulturhaltung. Parallel dazu steigen die Belastungen des Meeres mit Müll, Mikroplastikpartikeln und Schadstoffen, deren Folgen bis in den letzten Winkel des Ozeans zu spüren sind.
- > Die drei Ökosystemkategorien des Living Planet Index zeigen einen drastischen Rückgang der Wildtierpopulationen. Der Index umfasst 1816 Meeresarten, 2519 Landarten und 1472 Arten, die in Seen, Bächen, Flüssen und Teichen leben.

Das ungenutzte Potenzial der Böden und Landvegetation
Ein illustratives Beispiel für die Langzeitwirkung von Schadstoffen im Meer ist die steigende Quecksilberbelastung von Tieren in der Arktis. Obwohl wir Menschen seit einiger Zeit immer weniger Quecksilber freisetzen, sind Eisbären, Zahnwale und andere Raubtiere des Arktischen Ozeans derzeit einer steigenden Konzentration des giftigen Schwermetalls ausgesetzt. Die Quecksilberkonzentration in der Arktis liegt mittlerweile 20- bis 30-mal höher als vor der Industrialisierung. Eine im Juni 2025 veröffentlichte Studie dänischer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen erklärt, warum. Meeresströmungen transportieren Quecksilberaltlasten aus weit entfernten Regionen wie China in die Arktis, wo sich das Gift in Tieren und Ökosystemen anreichert. Und weil die Strömungen unter Umständen bis zu 150 Jahre benötigen, um das einst achtlos entsorgte Quecksilber von Asien bis nach Grönland zu verfrachten, steigt die Schadstoffbelastung in der Arktis derzeit weiter an, anstatt zu fallen.
Einen großen Unsicherheitsfaktor für das Leben im Meer stellen aktuell auch die Folgen des Klimawandels dar. Diese treiben nicht nur Abertausende Arten in die Flucht, zerreißen Nahrungsnetze oder bringen gewohnte biologische Abläufe zum Erliegen. Sie schwächen zusätzlich auch die Gesundheit und Widerstandskraft vieler Meeresorgansimen. Weil geschwächte oder gestresste Lebewesen zumeist keine Energie haben, weiteren Störungen standzuhalten, verstärken die Folgen des Klimawandels das Schadensmaß anderer Stressfaktoren. Fachleute sprechen auch von einer Kaskadenwirkung, die entsteht, wenn mehrere Störfaktoren zur gleichen Zeit am selben Ort auftreten und sich gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken.
Eine positive Nachricht gibt es aber doch: In einigen Meeresregionen werden ausgewählte Meeresorgansimen und Lebensgemeinschaften mittlerweile systematisch beobachtet und ihr Zustand mithilfe verschiedener Biodiversitätsindikatoren regelmäßig bewertet. Auf diese Weise können Fachleute zum Beispiel überprüfen, ob Maßnahmen zur Reduktion der vielen von Menschen verursachten Belastungen Früchte tragen und sich das Leben im Meer Stück für Stück wieder erholt.
- > Der weltweite Schiffsverkehr ist eine der Hauptursachen für die Einwanderung und Einschleppung gebietsfremder Arten. Das unterstreicht auch diese Grafik, in der Forschende darstellen, auf welche Einschleppungswege sich Neuentdeckungen gebietsfremder Arten in marinen Lebensräumen sowie in Gewässern an Land zurückführen ließen.

Fluch und Segen gebietsfremder Arten
Ein wichtiger Motor des Artenwandels im Meer ist die Neuansiedlung und Ausbreitung gebietsfremder Arten. Als solche werden Organismen bezeichnet, die entweder durch Menschen in ein Ökosystem eingeschleppt wurden oder aber selbstständig einwandern konnten, nachdem Menschen Ausbreitungsschranken beseitigt haben.
Einwandern können gebietsfremde Arten zum Beispiel, wenn durch den Bau eines Kanals zwei Meeresgebiete miteinander verbunden werden, die vorher voneinander getrennt waren. Artenwanderungen werden aber auch ermöglicht, wenn sich im Zuge des Klimawandels das Meer erwärmt und wärmeliebende Arten infolgedessen auch in ehemals kalten Gebieten geeignete Lebensbedingungen vorfinden. Von einer Einschleppung sprechen Fachleute hingegen, wenn Organismen mithilfe von Schiffen in neue Lebensräume gelangen, dort von Menschen gezielt ausgesetzt werden oder sich ansiedeln können, weil sie zur Nahrungsmittelproduktion in Käfigen oder Netzbeuteln gehalten werden und aus diesen entkommen können – sei es durch Unfälle, Sturmschäden oder aber durch die Abgabe von Larven.
Gebietsfremde Arten, die sich in einem Lebensraum ausbreiten und dabei das gewohnte Zusammenspiel der angestammten Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen stören, werden als invasive Arten bezeichnet. Zu solchen negativen Auswirkungen kommt es beispielsweise, wenn die Neulinge den Fraßdruck auf Schlüsselarten erhöhen, einheimischen Arten den Platz streitig machen oder Krankheiten einschleppen, gegen welche die Meereslebewesen vor Ort wehrlos sind.
- > An Land konnten Fachleute mittlerweile deutlich mehr gebietsfremde Arten nachweisen als im Meer. Nichtsdestotrotz steigt auch die Zahl eingeschleppter Meeresorganismen. Zum einen, weil die Wahrscheinlichkeit, verschleppt zu werden, steigt. Zum anderen, weil durch neue Beobachtungsprogramme Zuzügler eher auffallen.
![Abb. 5.8 © nach IPBES (2023). Thematic Assessment Report on Invasive Alien Species and their Control of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services. [H. E. Roy, A. Pauchard, P. Stoett, T. Renard Truong (eds.)]. IPBES secretariat, Bonn, Germany. doi:10.5281/zenodo.7430682, Figure SPM 4 Abb. 5.8 © nach IPBES (2023). Thematic Assessment Report on Invasive Alien Species and their Control of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services. [H. E. Roy, A. Pauchard, P. Stoett, T. Renard Truong (eds.)]. IPBES secretariat, Bonn, Germany. doi:10.5281/zenodo.7430682, Figure SPM 4](https://worldoceanreview.com/de/wp-content/uploads/2025/11/wor9_k5a_abb_5-8_b950_de-500x287.jpg)
- Beispiele für invasive Arten gibt es im Meer einige. Ihre Zahl ist jedoch viel kleiner als an Land, weil marine Lebensräume an ihren Rändern offener sind. Werden angestammte Meeresarten durch Zuzügler bedrängt, sind die alteingesessenen Meeresorganismen eher in der Lage, abzuwandern oder sich in Nischen zurückziehen, als so manche Wald- oder Wiesenbewohner an Land. Dennoch befürchten Fachleute, dass sich die Lebensgemeinschaften des Meeres im Zuge der Globalisierung eines Tages zu stark angleichen und die globale Biodiversität abnehmen könnte. Ob es dazu jedoch tatsächlich kommen wird, ist allerdings auch unter Expertinnen und Experten umstritten.
In artenarmen Meeresgebieten wie dem Wattenmeer der südöstlichen Nordsee haben die mehr als 100 bekannten gebietsfremden Arten bislang keine der angestammten Arten verdrängt. Stattdessen stärken einige der Einwanderer sogar die lokalen Ökosysteme. So hat die Ansiedlung eingeschleppter Pazifischer Austern auf Miesmuschelbänken im Wattenmeer dazu geführt, dass die gemischten Riffe widerstandsfähiger sind. Peitschen Stürme über die Nordsee, nehmen die Austern-Miesmuschel-Bänke in der Regel weniger Schaden als Muschelbänke, die allein aus Miesmuscheln bestehen. Dokumentieren konnten Fachleute auch Beispiele, in denen gebietsfremde Arten angestammte Arten in ihrer Funktion ersetzten. Damit hat sich zwar die Artenzusammensetzung in den betroffenen Ökosystemen geändert, deren Funktionspalette aber blieb die gleiche – und das ist wichtig.
Nichtsdestotrotz sollte alles Menschenmögliche getan werden, um die Ausbreitung gebietsfremder Arten zu verhindern. Fest steht nämlich auch, dass viele Langzeitfolgen der vom Menschen ermöglichten Artenwanderungen noch nicht umfassend verstanden sind. Geforscht wird zwar mittlerweile intensiv und vielerorts auch systematisch. Häufig aber ist unklar, welche Arten wie lange schon in dem untersuchten Gebiet vorkommen und demzufolge als „heimisch“ bezeichnet werden dürfen. Zudem lassen sich Beobachtungsergebnisse aus verschiedenen Regionen noch zu selten miteinander vergleichen.
Rettungsanker für das Leben im Meer
Meeresschutz wirkt. Das belegt die Entwicklung vieler Meeresarten und -lebensräume, die einst vom Menschen nahezu ausgerottet oder großflächig zerstört wurden, sich im Zuge von Schutzmaßnahmen mittlerweile aber wieder erholen. Fachleute schätzen die Resilienz und das Gesundungspotenzial mariner Ökosysteme sogar so hoch ein, dass es der Menschheit bis zum Jahr 2050 gelingen könnte, die aktuell äußerst stark geschwächten Lebensräume des Meeres in großen Teilen wiederherzustellen.
Damit ein solcher Wiederaufbau gelingen kann, braucht es eine Kombination aus bewährten Meeresschutzmaßnahmen, neuen partizipativen Ansätzen des Meeresmanagements sowie Konzepten für einen wirksamen Klimaschutz. Benötigt werden außerdem ausreichend Geld, Fachexpertise aus vielen Forschungsdisziplinen, klare politische Rahmenbedingungen sowie eine breite Unterstützung auf allen Ebenen unserer Gesellschaft sowie über viele Staaten hinweg.
Fachleute sprechen von einer globalen Partnerschaft zum Wiederaufbau des marinen Lebens. Diese muss sofort ein- und angegangen werden, wenn das ehrgeizige Ziel gesunder Meereslebensräume bis zum Jahr 2050 erreicht werden soll.
Meeresschutzmaßnahmen zielten bislang vor allem darauf ab, die unmittelbaren Gefahren für bedrohte Arten und Lebensräume zu reduzieren oder gänzlich abzuwenden. Das gelang, indem zum Beispiel die Jagd auf bestimmte Arten streng reguliert oder sogar verboten wurde, indem man nachhaltige Fischereitechnik anstelle zerstörerischer Methoden einsetzte und bestimmte Ursachen für Meeresverschmutzung bekämpft wurden. Menschen begannen zudem, geschwächte oder zerstörte Küsten- und Meeresökosysteme wiederherzustellen und wirksamer zu schützen.
- > Wie schnell sich Meeresarten von schädlichen Eingriffen oder Ereignissen erholen, hängt auch von ihrem Reproduktionszyklus ab. Austern pflanzen sich schnell fort. Robben hingegen benötigen 20 bis 40 Jahre, bis aus einigen wenigen Tieren wieder eine Kolonie heranwächst.

- Die Erfolge dieser Maßnahmen können sich durchaus sehen lassen. In der Summe aber reicht das bisher Geleistete bei Weitem nicht aus, den Artenreichtum und die Biodiversität des Meeres zu erhalten.
In Zeiten des drastischen Klima- und Artenwandels braucht es ein koordiniertes und dynamisches Meeresmanagement, dessen Bausteine aufeinander abgestimmt sind und in dessen Planung alle von möglichen Maßnahmen betroffenen Bevölkerungsgruppen eingebunden sind.
Das Wissen indigener Völker spielt für den Erfolg eines solchen Meeresmanagements ebenso eine Rolle wie die Erkenntnis, dass es auch in Zukunft intensiv genutzte Meeresgebiete geben wird. Deren Gesamtfläche wird vermutlich kleiner ausfallen als heute, weil in den kommenden Jahren mehr Schutzgebiete ausgewiesen werden sollen. Entscheidend aber wird es sein, das Meer auch außerhalb von Schutzzonen auf eine Weise zu nutzen, die der Meeresumwelt gar nicht oder nur noch in einem möglichst geringen Maße schadet.
Gelingt eine solche Transformation, könnten sich auch die Ökosysteme in intensiv genutzten Meeresgebieten erholen und langfristig jene vielen Leistungen erbringen, die wir Menschen von ihnen erwarten und auf die wir angewiesen sind. Das notwendige Wissen ist vorhanden. Jetzt liegt es an uns, entsprechende Prioritäten zu setzen und zu handeln.
- > Auf der Internetplattform protected planet.net veröffentlichen IUCN und UNEP eine regelmäßig aktualisierte Karte mit allen Schutzgebieten an Land und im Meer sowie mit jenen Gebieten, in denen Naturschutz nebenbei erreicht werden soll (OECMs).

Meeresschutzgebiete: Viel zu häufig noch wirkungslos
Meeresschutzgebiete gelten als bedeutendes Instrument im Kampf gegen die Übernutzung des Meeres und das damit verbundene Artensterben. Sie sollen Meeresbewohner und deren Lebensräume vor menschlichen Eingriffen bewahren, indem sie bestimmte Aktivitäten des Menschen verbieten oder regulieren. Ihre Zahl hat in den zurückliegenden Jahren stark zugenommen. Allerdings unterscheiden sich die einzelnen Gebiete in ihren Schutzzielen und Managementansätzen stark voneinander. Kein Schutzgebiet ist wie das andere. Aus diesem Grund ist es auch schwierig, genau zu sagen, welcher Anteil der Meeresfläche tatsächlich effektiv geschützt wird.
Die konsequente Unterschutzstellung von Meeresgebieten trägt dazu bei, lokale Arten und Lebensräume zu erhalten. Der Nutzen von Schutzgebieten über ihre Grenzen hinaus ist jedoch wissenschaftlich nicht immer eindeutig belegt, auch weil vielerorts geplante Schutzmaßnahmen nicht umgesetzt werden (Paper Parks). Wandernde Arten profitieren vor allem dann von Schutzzonen, wenn diese über größere Flächen miteinander vernetzt sind und in Regionen liegen, in denen sich die Meeresbewohner paaren oder ihre Jungen aufziehen. Es ist jedoch schwierig, den Ansprüchen aller Bewohner eines Schutzgebiets gleichzeitig gerecht zu werden, weil sich deren Verhaltensmuster oft voneinander unterscheiden.
- > Gebietsvorschläge, die von der Vollversammlung der Biodiversitätskonvention angenommen werden, tragen ab sofort den Titel EBSA-Gebiet und werden in die offizielle EBSA-Karte aufgenommen. Einen Schutzstatus erhalten sie dadurch nicht.

- Schutzgebiete adressieren nur einige wenige Herausforderungen für die Meeresumwelt, etwa die Gefährdung und Zerstörung lokaler Lebensgemeinschaften durch Überfischung, übermäßigen Rohstoffabbau oder verheerenden Massentourismus. Sie schützen jedoch weder vor großräumiger Verschmutzung (zum Beispiel durch Mikroplastik) noch vor den drastischen Folgen des Klimawandels und stellen deshalb nur eine von vielen Maßnahmen dar, um der Klima- und Artenkrise des Ozeans entgegenzuwirken.
Mit der zunehmenden Ausweisung von Schutzgebieten nehmen Interessenkonflikte zu – vor allem, wenn die betreffenden Gebiete bislang stark von Menschen genutzt wurden (zum Beispiel für die Fischerei). Bei der Planung von Schutzgebieten müssen deshalb die Interessen aller Nutzergruppen berücksichtigt werden. Die Erfolgsaussichten steigen, wenn Schutzgebiete auf inklusive und transparente Weise geplant, umgesetzt und überwacht werden und bisherigen Nutzergruppen alternative Einnahmequellen aufgezeigt werden können.
- Um die Entwicklung und den Erfolg eines Schutzgebiets beurteilen zu können, braucht es wissenschaftliche Untersuchungen. Diese müssen regelmäßig und über längere Zeiträume hinweg durchgeführt werden. Ziel dieser Begleitforschung muss es sein, herauszufinden, ob die ursprünglich definierten Schutzziele erreicht werden, ob die Unterschutzstellung sich positiv auf die betroffenen Ökosysteme auswirkt und welche Arten von der Schutzzone profitieren.
Außerdem müssen häufiger Methoden zum Einsatz kommen, mit denen die Vor- und Nachteile einer Unterschutzstellung für Mensch, Meer und Gesellschaft frühzeitig dargestellt und beurteilt werden können. Solche Vorhersagen können helfen, die verschiedenen Nutzergruppen des Meeresgebiets für eine Unterschutzstellung zu begeistern. Bei der Planung, Umsetzung und Evaluation von Schutzgebieten müssen in zunehmendem Maße auch die Folgen des Klimawandels für das Leben im Meer berücksichtigt werden. Die klimabedingte Artenabwanderung erfordert neue, flexibel geplante Schutzgebiete, die engmaschig überwacht und im Tempo der Artenwanderung angepasst und verschoben werden können. Benötigt werden zusätzlich verschiebbare Pufferzonen, Schutzkorridore und geschützte Trittstein-Gebiete, um Meeresorganismen ein Abwandern in klimatisch passende Gebiete zu ermöglichen.
- > Infolge der Meereserwärmung wandern Arten polwärts oder in tiefere Gewässer ab. Um ihnen dennoch Schutz zu bieten, müssen auch Schutzgebiete mitwandern. Das gelingt, wenn verschiebbare Flächen, Trittsteine und Korridore von Anfang an mit eingeplant werden.

Zusammenarbeit über alle Grenzen und Ebenen hinweg
Der Ozean kennt weder nationale noch institutionelle Grenzen. Diese Tatsache stellt die internationale Staatengemeinschaft vor mindestens zwei riesige Herausforderungen beim Meeresmanagement und dem Schutz der marinen Artenvielfalt.
Zum einen müssen die Akteure über alle Grenzen, Verwaltungsebenen und meeresrelevanten Themen hinweg zusammenarbeiten und Pläne zur nachhaltigen Meeresnutzung miteinander abstimmen. Zum anderen gilt es, Lösungen zu erarbeiten, welche die Lebensgemeinschaften lokal oder regional stärken, ohne dabei anderswo im Meer Schäden zu verursachen. Im Idealfall stärken lokale Maßnahmen wie eine nachhaltige Fischerei oder die Wiederherstellung zerstörter Seegraswiesen und Salzmarschen die Gesundheit des gesamten Meeres oder großer Teile davon.
Von dieser Idealvorstellung eines gemeinsamen, an den Bedürfnissen der Meeresökosysteme ausgerichteten Meeresmanagements aber ist die Menschheit noch weit entfernt. Aktuell werden Meeresthemen auf allen Ebenen von einer Vielzahl an Akteuren und Institutionen bearbeitet, für die wiederum je nach Themenfeld unterschiedliche Übereinkommen und Gesetze gelten. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einer fragmentierten Ocean Governance.
Diese führt nicht nur zu Zielkonflikten und ineffizientem Handeln. Sie schränkt auch unsere Möglichkeiten und Kapazitäten ein, die sich gegenseitig verstärkenden Auswirkungen der vier Umweltkrisen Meeresübernutzung, Klimawandel, Artensterben und Meeresverschmutzung zu bewältigen. „Wir haben es nicht mit einer Krise des Wissens zu tun, sondern mit einer Krise des Willens und der Umsetzung“, brachte Razan Al Mubarak, Präsidentin der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur (International Union for Conservation of Nature, IUCN), die Schwächen der Ocean Governance auf der dritten Weltozeankonferenz auf den Punkt.
Meeresschutz und -management müssen daher neu und vor allem ganzheitlich gedacht werden. Es gilt, den strategischen Fokus auf den Erhalt, den Schutz und die Gesundung des Lebens im Meer zu richten und kurzfristige wirtschaftliche Interessen hintanzustellen, wenn diese den Lebensgemeinschaften des Ozeans schaden.
Bringt das neue UN-Hochseeschutz Rahmenabkommen die Wende?
Große Hoffnungen ruhen aktuell auf dem neuen UN-Hochseeschutz-Rahmenabkommen, welches am 17. Januar 2026 in Kraft treten wird. Es regelt beispielsweise, unter welchen Voraussetzungen auf Hoher See Meeresschutzgebiete ausgerufen werden können, und verpflichtet die regionalen Fischereiorganisationen zu einer engeren Zusammenarbeit mit anderen Akteuren des Meeresmanagements.
Im Abkommen steht zudem geschrieben, dass jedem Projekt in internationalen Gewässern eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorausgehen muss. Darüber hinaus macht es Vorgaben zum Wissens- und Technologietransfer zwischen den Ländern und erklärt den Anspruch auf gerechte Teilhabe aller zum Leitprinzip. Dieses umfasst den Vorsatz, dass alle Staaten von den monetären und nicht monetären Vorteilen aus der Nutzung genetischer Ressourcen des Meeres profitieren sollen und an wirtschaftlichen Gewinnen entsprechend beteiligt werden.
Um den Rückgang des Artenreichtums im Meer zu stoppen, braucht es einen grundlegenden Wandel der Ocean Governance. Mithilfe welcher konkreten Schritte dieser erfolgreich angestoßen werden kann, ist schwer zu sagen. Eine bessere Vorstellung haben Fachleute hingegen über den Rahmen, innerhalb dessen sich die nationale und internationale Meerespolitik künftig bewegen muss, wenn sie das Leben im Meer wirksam erhalten und schützen möchte. Dabei gilt es, die Bedürfnisse sowohl von Menschen als auch von Meeresbewohnern zusammenzudenken, Meereswissen und Daten miteinander zu teilen, Entscheidungen gemeinsam und auf transparente Weise zu fällen, ausreichend Geld für Innovationen und Beobachtungssysteme zur Verfügung zu stellen und vorausschauend zu agieren, um die sich gegenseitig verstärkenden Folgen des Klimawandels und anderer Umweltkrisen für das Leben im Meer auf bestmögliche Weise zu reduzieren.
Die Lebensgemeinschaften im Meer bilden eine elementar wichtige Lebensgrundlage der Menschheit. In ihren Erhalt und Schutz zu investieren, ist kein Almosen. Es ist, um es mit den Worten einer Teilnehmerin der dritten Weltozeankonferenz zu sagen, „die klügste und kosteneffizienteste Investition, die wir als Gesellschaft für unser Klima, unsere Ernährung, unsere Sicherheit, unsere Gesundheit sowie für unsere Zukunft und die unserer Kinder tätigen können“. Legen wir los.