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Haie: (Raub-)Fische mit vielen ökologischen Rollen und Aufgaben

Haie, wie wir sie heute kennen, bevölkern seit rund 150 Millionen Jahren den Weltozean. Die Gruppe umfasst mehr als 500 Arten. Einige von ihnen sind kaum länger als ein Schullineal. Andere überragen mit ihrer Körperlänge von bis zu 18 Metern sogar einen klassischen Reisebus. Haie sind in allen Ökosystemen des Meeres zu finden, in der Tiefsee ebenso wie im Flachwasser tropischer Korallenriffe, auf offener See ebenso wie in Strandnähe. Arten wie Bullenhaie wandern zudem Flüsse hinauf und können in Brack- oder Süßwasser existieren.
Haie ernähren sich auf ganz unterschiedliche Weise. Während Wal- und Riesenhaie Mikroalgen und Zooplankton aus dem Wasser filtern, machen kleinere Arten Jagd auf Würmer und Krebstiere. Und natürlich gibt es die Spitzenprädatoren wie Weiße Haie, Tigerhaie oder Weißspitzen-Hochseehaie, die ab einem bestimmten Alter nicht nur anderen (Hai-)Fischen nachstellen, sondern auch Kopffüßern und Meeressäugern. Angesichts dieser großen Arten- und Verhaltensvielfalt überrascht es kaum, dass Haie verschiedene ökologische Rollen besetzen. Als Räuber auf der höchsten Ebene des Nahrungsnetzes (Apex- oder Spitzenpräda- tor) halten sie zum einen die Populationen ihrer Beutetiere in Schach. Sie tragen somit zu einem ausgeglichenen Kräfteverhältnis innerhalb wichtiger Küstenökosysteme wie Seegraswiesen und Kelpwälder bei und helfen so, deren Existenz zu sichern.

Abb. 3.2 © Matty Smith

Abb. 3.2 > Weiße Haie patrouillieren über einer Seegraswiese vor den Südlichen Neptuninseln in Australien. Die Raubfische machen hier vor allem Jagd auf Neuseeländische Seebären (Arctocephalus forsteri), die auf den Inseln ihre Jungen zur Welt bringen.

Zum anderen beeinflussen Haie durch ihre schiere Präsenz das Verhalten ihrer Beutetiere und damit auf indirekte Weise auch das Schicksal anderer Meeresorganismen, die von den Beutetieren beeinflusst werden. Im Umfeld geschützter Korallenriffe zeigt sich beispielsweise, dass, wann immer Riffhaie oder andere Raubfische in der Nähe patrouillieren, seegras- und großalgenfressende Fische so eingeschüchtert sind, dass diese ihr Heimatriff – wenn überhaupt – nur für kurze Zeit verlassen. Ihnen fehlt somit die Gelegenheit, die Seegraswiesen und Großalgenbestände außerhalb der Riffe abzuweiden. Aus diesem Grund finden sich dort viel weniger und kleinere überweidete Stellen am Meeresboden als in Riffen, in denen große Räuber wegen Überfischung fehlen und Weidegänger ohne Furcht auch abseits der Riffe auf Nahrungssuche gehen können. „Top-down-Effekte“ werden solche Wirkungsmechanismen von der oberen bis zur unteren Ebene des Nahrungsnetzes genannt.
Haie entfalten aber auch Wirkung von unten nach oben („Bottom-up-Effekte“). Sie transportieren zum Beispiel Nährstoffe und Biomasse über große Distanzen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Riffhaie auf offener See jagen und fressen, ihren Kot aber im Korallenriff abgeben, in welches sie sich zwischen den Jagdzügen zurückziehen. Ein ähnlicher Nährstoff- oder Biomassetransport findet statt, wenn Haie als Jungtiere in einer Meeresregion aufwachsen, zu einem späteren Zeitpunkt aber abwandern und anderswo selbst gefressen werden oder eines natürlichen Todes sterben. Ihr Körper sinkt dann in die Tiefe und dient dort anderen Meeresorganismen als Nahrungsgrundlage.
Überreste werden dabei eventuell im Meeresboden eingelagert und der enthaltene Kohlenstoff weggeschlossen (Kohlenstoffspeicherung). Diese Prozesse sind im Detail allerdings ebenso wenig erforscht wie die Rolle der Haie als Nahrungsaufbereiter. Als solche treten beispielweise Weiße Haie auf, wenn sie an der Meeresoberfläche treibende Walkadaver anfressen und diese so für kleinere Räuber zugänglich machen. Eine ähnliche Aufgabe erfüllen Tiefseehaie am Meeresboden.
Vergessen wird oftmals auch, dass Haie selbst von anderen Meeresräubern gejagt und gefressen werden. Sie dienen somit auch als Nahrung. Spitzenprädatoren sind dabei vor allem als Jungtiere gefährdet. Manche Schwertwalfamilien machen allerdings auch auf ausgewachsene Weiße Haie Jagd.

Abb. 3.3 © nach S. Dedman et al., 2024. Ecological roles and importance of sharks in the Anthropocene Ocean. Science, doi:10.1126/science.adl2362

Abb. 3.3 > Haie nehmen verschiedene Rollen in den Ökosystemen des Meeres ein. Sie treten zum einen als Räuber auf und wirken über verschiedene Prozesse von oben nach unten. Zum anderen stellen sie selbst Beute dar und ermöglichen so im Nahrungsnetz Effekte von unten nach oben.