Lokales Wissen nutzen: Was im Wertebericht des Weltbiodiversitätsrats noch nach einer sehr abstrakten Forderung klingt, hat sich ein internationales Team von Mangroven-Fachleuten zu Herzen genommen. Gemeinsam mit lokalen Partnern haben die Wissenschaftlerinnen der internationalen Allianz für Mangroven (Global Mangrove Alliance) einen Best-Practice-Leitfaden geschrieben, in dem sie erläutern, wie die einheimische Bevölkerung dazu beitragen kann, dass Schutz- oder Anpflanzungsprojekte für Mangroven zum Erfolg führen.
Die Autoren betonen dabei, dass lokale und indigene Gemeinschaften, ihre Mangroven besser und umfassender kennen als externe Gastforschende, selbst wenn diese aus nahe gelegenen Städten oder Forschungseinrichtungen stammen. Die 21 Erfolgsberichte aus der Praxis heben dabei vor allem folgende Stärken der lokalen Gemeinden und Fachleute hervor:
- Extrem gute Ortskenntnisse: In Kolumbien erfuhren die Initiatoren eines Mangrovenschutzprojekts von den Einheimischen, wo Teile des Mangrovenwaldes aufgrund von Sedimentablagerungen und unzureichender Wasserzufuhr vom Meer versalzten. Im Anschluss planten die Akteure gemeinsam neue Kanäle und hoben diese mithilfe traditioneller Methoden aus. Die Versalzung konnte gestoppt und neue Mangroven gepflanzt werden.
- Breites Wissen über die Artenvielfalt der lokalen Ökosysteme: Auf Madagaskar begleiteten Einheimische eine Gruppe von Forschenden bei Rundgängen zur Artenerhebung. Die lokalen Experten sahen und identifizierten 18 Vogelarten, welche die Wissenschaftler ohne sie nicht hätten benennen und listen können.
- Extrem spezielles Wissen über die Artenvielfalt der lokalen Ökosysteme: In Kenia half ein lokaler Krabbenfischer den Initiatoren eines Wiederaufforstungsprojekts bei der Auswahl der richtigen Mangrovenarten. Er wusste genau, welche zwei Mangrovenarten die nicht überall vorkommenden Krabben bevorzugen, und empfahl den Planern die entsprechenden Arten. Außerdem half er bei der Auswahl des Gebiets, in dem die Mangrovensetzlinge gepflanzt wurden.
- Wertvolles Wissen zur Geschichte der Küstenregionen: Auf den Philippinen beteiligte sich die lokale Gemeinde bei der Suche nach Küstenabschnitten, die mit Mangroven wiederaufgeforstet werden sollten, um die Küsten besser vor Stürmen zu schützen. Die Menschen wussten unter anderem, dass ein alter Fischteich einst Mangrovengebiet war, empfahlen diesen und halfen anschließend beim Einreißen der Deiche und dem Pflanzen der Setzlinge.
- Sehr gute lokale Vernetzung und Reichweite: In Brasilien veranstalten viele Küstengemeinden jährlich den Grünen Juli – ein Monat, der dem Schutz der Mangroven gewidmet ist. In verschiedenen Veranstaltungen geben die älteren Gemeindemitglieder Kindern und Jugendlichen ihr Wissen über saisonale Veränderungen in den Mangroven und Fischbeständen weiter und zeigen ihnen, mit welchen Methoden sie Waldabholzung, Verschmutzung und andere Störungen bekämpfen können.
Um all diese Stärken für neue Schutzprojekte nutzen zu können, brauchen Projektinitiatoren aber jede Menge Fingerspitzengefühl, Zeit und interkulturelle Kompetenzen. Es gilt, die Menschen vor Ort kennenzulernen, ihnen zuzuhören und von Anfang an zu beteiligen – auch an möglichen Forschungsergebnissen. Das Interesse an Ideen, wie Mangrovenwälder und ihre Ökosysteme erhalten und nachhaltig genutzt werden können, ist nämlich vor allem bei jenen Menschen besonders groß, deren Einkommen und Überleben vom Wohlergehen dieser Küstenökosysteme abhängen.
Abb. 3.10 > Frauen kontrollieren das Wachstum junger Bäume in einem neu angepflanzten Mangrovenwald an der Küste der philippinischen Region Central Visayas.