Als erste Kommune der Welt hat die brasilianische Stadt Linhares im August 2024 ein Gesetz verabschiedet, welches einem Teil des Meeres vor ihrer Küste eigene Rechte zuspricht. Demnach haben die Wellen
in und vor der Mündung des Flusses Doce, an dem die Stadt Linhares liegt, von nun an ähnlich wie Menschen ebenfalls das Recht auf eine eigene, uneingeschränkte Existenz.
Mit dem Gesetz verpflichtet sich die Kommune zudem, sowohl die Form und Gestalt der Flussmündung zu schützen und wiederherzustellen als auch die natürlichen Kreisläufe, welche das Wasser reinigen und dafür sorgen, dass der Fluss uneingeschränkt fließen und die Meereswellen wie gewohnt an Land rollen können. Das Gesetz betont zudem die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung der Wellen für die Gemeinde. Zu alledem hat die Kommune vier lokale Meeresaktivisten als Repräsentanten und Fürsprecher der Wellen ernannt. Sie sollen die Interessen des Meeres in öffentlichen Debatten und bei politischen Entscheidungen vertreten.
Die Mündung des Flusses Doce ist ein beliebtes Surfrevier. Die Wellen hier sind lang und bilden die bei Surfern so beliebten Röhren, wenn sie brechen. Vor etwa acht Jahren aber bemerkten die Wassersportler erste Veränderungen. Große Mengen Schlamm lagerten sich in der Flussmündung ab und führten dazu, dass sich die Fließgeschwindigkeit des Flusses veränderte. An zwei Stellen türmten sich die Meereswellen schließlich gar nicht mehr auf.
Ursache dafür war der Bruch eines Staudamms weit landeinwärts. Dieser sollte den Abraum einer Eisenmine zurückhalten. Infolge seines Zusammenbrechens (Mariana-Damm-Katastrophe) im November 2015 aber ergossen sich mehr als 40 Millionen Tonnen Schlamm und Minenabfälle in den Fluss. Die Lawine verwüstete Städte flussabwärts und tötete 19 Menschen.
In Linhares an der Mündung des Doce versiegten die Wellen. Sie kehrten erst zurück, nachdem eine große Flut im Jahr 2022 die abgelagerten Schlammmassen davongetragen hatte.
Bestandteilen des Meeres Eigenrechte zu übertragen, stellt eine Möglichkeit dar, den Schutz für bestimmte Meeresgebiete oder deren Bewohner zu erhöhen. Werden diese Rechte verletzt, steht es Meeresadvokaten frei, gegen die Schadensverursacher zu klagen. Gegebenenfalls ermitteln auch die Behörden. Die Entscheidung der Stadt Linhares stellt deshalb keinen Einzelfall mehr dar. Ein halbes Jahr zuvor, im März 2024, hatten Repräsentanten der indigenen Völker des Südwestpazifiks (Neuseeland, Tonga, Tahiti, Hawaii, Cookinseln) Walen und Delfinen einen eigenen Rechtsstatus übertragen. Dieser umfasst unter anderem das Recht der Meeressäuger auf eine gesunde Umwelt sowie das Recht, sich frei zu bewegen.
International bindend ist diese Entscheidung nicht. In den beteiligten Inselstaaten können Gerichte die neuen Rechtsstatus der Meeressäuger jedoch als Gewohnheitsrecht anerkennen, selbst wenn diese noch nicht in den Gesetzen der Länder verankert sind. Ähnliche Rechteübertragungen gab es in den zurückliegenden Jahren auf unterschiedlichen politischen Ebenen auch für Flüsse (zum Beispiel in Kolumbien, Bangladesch und Neuseeland) sowie für den Eriesee im US-Bundesstaat Ohio. In Ecuador sind Eigenrechte der Natur sogar in der Landesverfassung festgeschrieben. Diese besagt, dass die Natur ein Recht darauf hat, dass ihre Existenz sowie die Erhaltung und die Regeneration ihrer Lebenskreisläufe respektiert werden. Festgelegt wird außerdem, dass jede Person, Gemeinschaft, Volk oder Nationalität in Ecuador die jeweils zuständige öffentliche Autorität dazu auffordern kann, die Rechte der Natur umzusetzen.
Abb. 3.6 > Ein Surfer reitet in der Regenzeit auf den Wellen des brasilianischen Flusses Doce. Diesen hat die angrenzende Stadt Linhares nun das Recht auf eine eigene uneingeschränkte Existenz zugesprochen.