
Zeit für eine Wiederannäherung
Keine Bestien, sondern unentbehrliche Jäger
Die Angst der Badegäste und Surfenden war groß auf Hawaii, als Anfang der 1990er-Jahre innerhalb kurzer Zeit zwei Menschen durch Haiangriffe ums Leben gekommen waren. Sofort wurden Rufe nach gezielten Jagdzügen auf große Haie laut, um das Geschäft mit den Urlaubern zu schützen. Es wäre nicht die erste HaiTötungsaktion des US-amerikanischen Bundesstaats gewesen. Zwischen 1959 und 1976 hatten die hawaiianischen Behörden insgesamt sechs sogenannte Hai-Kontroll-Programme durchgeführt und dabei fast 4700 Raubfische gefangen und die meisten getötet – darunter vor allem Tigerhaie (Galeocerdo cuvier), Sandbankhaie (Carcharhinus plumbeus), Kleine Schwarzspitzenhaie (Carcharhinus limbatus), Galapagoshaie (Carcharhinus galapagensis), Weiße Haie (Carcharodon carcharias) und verschiedene Hammerhaie.
Die lokalen Haibestände brachen infolge dieser Fischzüge um geschätzte 50 bis 90 Prozent ein, was so manchen Experten veranlasste, zu behaupten, die Menschen seien jetzt sicherer im Meer. Schließlich seien die großen, vermeintlich gefährlicheren Haie ja entnommen worden. Eine Studie aus dem Jahr 1994 aber widersprach dieser Einschätzung. Zum einen blieb die Zahl der Haiangriffe im Zeitraum der Tötungsaktionen nahezu unverändert im Vergleich zu den Jahren davor. In beiden Phasen verzeichneten die hawaiianischen Behörden im Durchschnitt 0,6 Angriffe pro Jahr. Zum anderen war in den 1990er-Jahren bereits bekannt, dass die Häufigkeit von Haiangriffen vor allem davon abhängt, wie viele Menschen das Meer für Arbeit, Sport, Spaß und Erholung nutzen – und nicht alleine davon, wie viele Haie in den Küstengewässern leben.
- Neben der Statistik sprach nach Ansicht der Experten allerdings noch ein zweites Argument gegen erneute Massentötungen: Als Räuber erfüllen Haie eine zentrale Rolle in marinen Ökosystemen. Tigerhaie beispielsweise gehen mit großer Vorliebe in Seegraswiesen auf die Jagd und sichern durch ihren Appetit auf Meeresschildkröten, Seekühe und andere Weidegänger, dass Seegraswiesen nicht überweidet werden. Die Meereswiesen bleiben so als Versteck, Kindergarten und Lebensraum für Hunderte anderer Meeresarten erhalten – auch für jene, die Menschen fangen und nutzen. Haie in großer Zahl zu töten, kann das Leben im Meer aus dem Gleichgewicht bringen, schrieben die Autoren damals.
30 Jahre später, im Jahr 2024, ist dieser Satz eine der Kernbotschaften, die ein internationales Forscherteam in die Welt trägt, nachdem es die ökologischen Rollen der weltweit mehr als 500 verschiedenen Haiarten untersucht hat. In ihrer Studie heißt es: Haie würden auf so unterschiedliche und zum Teil immer noch unverstandene Art und Weise zur Gesundheit des Ozeans beitragen, dass ihr dramatischer Rückgang ein drängendes Problem darstelle.
Vor allem die Arten des offenen Ozeans wie Weißspitzen-Hochseehaie (Carcharhinus longimanus), Makohaie und Hammerhaie sind in den zurückliegenden sechs Jahrzehnten so intensiv befischt worden, dass ihre Bestände im Zeitraum von 1970 bis 2018 um mehr als 70 Prozent geschrumpft sind, im Indischen Ozean sogar um 84 Prozent. Wo früher also zehn der imposanten Räuber patrouillierten, sind es heute nicht einmal mehr drei. Hinzu kommt, dass knapp ein Drittel aller Hai- und Rochenarten mittlerweile vom Aussterben bedroht ist. Um das Leben im Meer langfristig zu sichern, braucht es jedoch gesunde und funktionierende Haibestände. Die Forschenden fordern deshalb ein Umdenken der Menschen – weg vom Hai als Bestie oder endlos verfügbarer Nahrungsquelle hin zum überlebenswichtigen Gesundheitspolizisten der Meere.
Kernfrage: Wie denken Menschen über Natur und Meer?
Das von den Wissenschaftlern geforderte Umdenken setzt jedoch voraus, dass wir uns bewusst sind, wie wir über die Natur und das Leben im Meer denken, welche Bedeutung wir jedem Lebewesen beimessen und wie unsere Sichtweisen unser Verhalten und unsere Entscheidungen in Sachen Natur- und Umweltschutz und -nutzung beeinflussen. Der Weltbiodiversitätsrat (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, IPBES; Zwischenstaatliche wissenschaftspolitische Plattform für Biodiversität und Ökosystemleistungen) ist diesen Fragen im Jahr 2022 in seinem sogenannten Werte-Bericht (Assessment über die vielfältigen Werte und die Bewertung der Natur) wissenschaftlich nachgegangen.
Für diesen haben nahezu 100 Expertinnen und Experten aus aller Welt mehr als 13 000 Fachartikel aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sowie einen großen Bestand an indigenem und lokalem Wissen analysiert und dabei untersucht, wie Menschen aus aller Welt und mit unterschiedlicher Herkunft ihre Beziehung zur Natur beschreiben. Dem Ergebnis nach erleben Menschen Natur auf ganz unterschiedliche Weise und nehmen die nicht menschliche Umwelt auch unterschiedlich wahr. Während zum Beispiel Mensch und Natur für eine Gruppe von Menschen untrennbar miteinander verbunden sind, betrachten andere beide Systeme als getrennt und eigenständig.
- 3.1 > Mangrovenwälder liefern Menschen Holz und Nahrung. Sie bewahren die Küsten vor Erosion und ziehen Touristen an. Dennoch schrumpfen die Wälder vielerorts, ausgelöst durch den Landhunger des Menschen.

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- Solche Unterschiede wiederum erklären, warum Menschen ein unterschiedliches Verständnis dafür entwickeln, welche Rolle gesunde Ökosysteme für das eigene Wohlergehen spielen und welche Werte ihnen zugedacht werden. Prägende Einflussfaktoren sind dabei vor allem:
- die eigene Weltanschauung – gemeint ist die Art und Weise, wie Menschen die Welt wahrnehmen und mit ihr umgehen;
- das Wissenssystem, in dem Menschen aufwachsen – dieses umfasst soziale und ökologische Wissensbestände, Praktiken und Überzeugungen, die sich auf die Beziehung von Lebewesen, einschließlich der Menschen, zueinander und zu ihrer Umwelt beziehen. Zu den bekannten Wissenssystemen gehören zum Beispiel akademisches Lernen und Denken, aber auch indigenes oder lokales Wissen;
- Grundwerte, welche den Menschen in seiner Weltanschauung sowie im Umgang mit der Natur leiten. Beispiele sind moralische Grundsätze wie Gerechtigkeit, Zugehörigkeit und Freiheit, aber auch Lebensziele wie Vergnügen, Gesundheit und Wohlstand;
- spezifische Wertvorstellungen des Menschen, welche die Meinungen oder Beurteilungen der Bedeutung bestimmter Dinge in bestimmten Situationen und Kontexten widerspiegeln. Dazu gehören: 1.) instrumentelle Werte, die besagen, dass etwas einen Wert als Mittel zum Zweck hat und im Prinzip austauschbar ist; 2.) relationale Werte, die etwas bezeichnen, dessen Wert aus den Beziehungen der Menschen mit der Natur oder mit anderen Menschen durch die Natur entsteht; und 3.) intrinsische Werte, die besagen, dass etwas einen Wert als Selbstzweck hat oder einen inhärenten oder moralischen Wert besitzt, der nicht an menschliche Zwecke gebunden ist;
- sogenannte Wertindikatoren – gemeint sind ökonomische, biophysikalische oder auch soziokulturelle Parameter, mit denen wir Menschen den Wert der Natur messen, beschreiben oder auch vergleichen. Eine Gruppe häufig genutzter Wertindikatoren für die Fischbestände des Meeres sind zum Beispiel Indikatoren wie die Fangmenge in Tonnen (biophysikalischer Indikator), der erzielte Marktpreis für den Fang (ökonomischer Indikator) sowie der Anteil an Frauen unter den am Fang beteiligten Fischenden (soziokultureller Indikator).
- 3.4 > Die Kleinstfischer an Bangladeschs Südküste fahren auch heute noch in ihren traditionellen Booten auf den Golf von Bengalen hinaus. Ihr Auskommen hängt auf direkte Weise von gesunden und funktionierenden Ökosystemen des Meeres ab.
- Großen Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Natur übt auch die eigene Muttersprache aus. Kennt diese viele verschiedene Worte für das Meer und seine Bewohner, wie das häufig bei den Ureinwohnern von Küstenregionen der Fall ist, sind beste Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich die Sprechenden auch intensiver mit dem Ozean und seinen Lebensgemeinschaften auseinandersetzen.
- 3.5 > Menschen definieren ihr Verhältnis zur Natur mithilfe von Weltanschauungen, Grundwerten, spezifisch benannten Werten und Wertindikatoren. Diese Übersicht verdeutlicht, wie sich diese – abhängig vom individuellen Selbstverständnis – unterscheiden können.

- Großen Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Natur übt auch die eigene Muttersprache aus. Kennt diese viele verschiedene Worte für das Meer und seine Bewohner, wie das häufig bei den Ureinwohnern von Küstenregionen der Fall ist, sind beste Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich die Sprechenden auch intensiver mit dem Ozean und seinen Lebensgemeinschaften auseinandersetzen.
Obwohl es schwierig ist, die vielen Betrachtungsweisen der Natur zu kategorisieren, schlagen die IPBES-Fachleute eine Typologie vor, die verdeutlicht, wie Weltanschauungen, Wissenssysteme, Werte und Wertindikatoren gemeinsam beeinflussen, auf welche Art und Weise Menschen mit der Natur umgehen und sie wertschätzen. Es gibt demzufolge:
- Menschen, die von der Natur leben;
- Menschen, die mit der Natur leben;
- Menschen, die in der Natur leben sowie
- Menschen, die sich als Teil der Natur verstehen und dementsprechend agieren.
- Menschen, die sagen, dass sie von der Natur leben, kommunizieren, dass die Natur wichtig ist, weil sie mit ihren Nutzungen, Gütern und Dienstleistungen das Leben, die Bedürfnisse und den Wohlstand der Menschen unterstützt. Ein Meer beispielsweise wird von diesen Menschen wegen der Fische geschätzt, die es für den Verzehr liefert.
Menschen, die mit der Natur leben, sehen die Kreisläufe der Natur, ihre lebenserhaltenden Prozesse und die vielen Arten, die ein Recht auf Entfaltung haben, unabhängig von ihrem Beitrag zum menschlichen Wohlbefinden. Diese Menschen sprechen den Fischen im Meer das Recht auf Leben zu, ganz unabhängig von den eigenen menschlichen Bedürfnissen.
Die Kategorie „Leben in der Natur“ umfasst Menschen, die Naturräume als Schauplätze für das eigene Leben, die eigenen Praktiken und Kultur verstehen. Sie schätzen demzufolge das Meer und seine Küstenlandschaft als Gebiete, die das eigene Orts- und Identitätsgefühl stärken und die eigene Geschichte prägen.
Menschen können sich selbst aber auch als Teil der Natur sehen oder als Teil der Natur leben, indem sie diese als physischen, mentalen und spirituellen Teil ihrer selbst wahrnehmen. In diesem Fall wird das Meer als heilig oder familiär angesehen, weil es beispielsweise das Gefühl der Einheit, Verwandtschaft und gegenseitigen Abhängigkeit fördert.
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- Keine dieser Kategorien oder Sichtweisen ist besser als die andere, betonen die IPBES-Fachleute. Vielmehr können sie in unterschiedlichen Kombinationen zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Zusammenhängen durchaus gemeinsam zum Ausdruck kommen. Die verschiedenen Kategorien zu kennen, hilft jedoch nicht nur zu verstehen, welche Weltanschauungen, Wissenssysteme, Werte und Wertindikatoren für die jeweiligen Menschen eine Rolle spielen. Sie ermöglichen auch, politische Entscheidungen besser nachvollziehen zu können.
So stellen die IPBES-Experten in ihrem Werte-Bericht heraus, dass der weltweite Rückgang der Artenvielfalt an Land und im Ozean darauf zurückzuführen ist, dass Entscheidungstragende in Politik und Wirtschaft vor allem den wirtschaftlichen Wert der Naturgüter sehen und auf kurzfristige finanzielle Gewinne abzielen. Langfristige Veränderungen der natürlichen Lebensgrundlagen wie zum Beispiel der Beitrag der Natur zur Klimaregulation werden bei der Entscheidungsfindung nicht oder nur unzureichend berücksichtigt. Aus diesem Grund führen die Entscheidungen auch zu einer klaren Übernutzung der Ökosysteme an Land sowie im Meer.
Im Gegenzug dazu würden politische Prozesse, in denen die Weltanschauungen, Werte und das traditionelle Wissen indigener Völker und lokaler Gemeinschaften geachtet, anerkannt und integriert werden, zu Entscheidungen führen, die bessere Ergebnisse für Mensch und Natur erzielen. Der Weltbiodiversitätsrat kommt deshalb zu dem Schluss, dass sowohl die Ursachen der weltweiten Artenkrise als auch mögliche Lösungsansätze eng damit verknüpft sind, auf welche Art und Weise die Natur bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen auf allen Ebenen bewertet wird.
Zusatzinfo Von der Schwierigkeit, die Leistungen des Meeres zu bewerten

Stärken und Schwächen des Konzepts der Ökosystemleistungen
Die Erkenntnis, dass Menschen der Natur unterschiedliche Werte zuschreiben, ist nicht neu. Fachleute in Wissenschaft und Politik arbeiten seit mehreren Jahrzehnten daran, Konzepte und Methoden zu entwickeln, mit denen quantifiziert werden kann, inwieweit die Natur uns Menschen positiv und auch negativ beeinflusst. Denn klar ist auch: Entscheidungen mit Auswirkungen auf die Natur können besser getroffen werden, wenn bekannt ist, welche Werte betroffen sind – oder anders gesagt: was mit der Entscheidung für wen auf dem Spiel steht.
Zu den bekannten und in Wissenschaft, Politik und Verwaltung bislang am häufigsten verwendeten Bewertungsschemata gehört das Konzept der Ökosystemleistungen aus dem Jahr 1997. Es zielt darauf ab, herauszustellen, auf welche Weise Leistungen der Natur die Lebensqualität der Menschen verbessern. Dafür unterteilt es die Prozesse und Leistungen der Natur in vier Kategorien:
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- Bereitstellende Dienstleistungen: Dazu gehören jene Funktionen und Prozesse des Meeres, auf deren Basis sich der Mensch zum einen mithilfe von Arbeit und technischen Hilfsmitteln mit Produkten wie Nahrungsmitteln und Rohstoffen versorgt. Zum anderen aber zählen auch Räume und Flächen dazu, die das Meer zum Beispiel für den Schiffstransport oder aber für die Gewinnung erneuerbarer Energien zur Verfügung stellt.
- Regulierende Dienstleistungen: Diese Kategorie beschreibt Vorteile und Nutzen, die der Mensch aus der regulierenden Wirkung des Meeres bezieht. Sie umfasst daher Leistungen wie die Regulation des Klimas durch das Meer (Wärmetransport und -austausch); den Küstenschutz durch Mangrovenwälder, Dünen, Seegraswiesen und Riffe; das Bereitstellen von Atemsauerstoff durch das Phytoplankton und andere Meerespflanzen; die Reinhaltung des Wassers durch den Abbau eingetragener Nähr- und Schadstoffe.
- Kulturelle Dienstleistungen: Hierzu zählen vielfältige Funktionen, die dem Wohlbefinden des Menschen auf immaterielle Weise dienen. Diese können eine besondere gesellschaftliche, religiöse oder spirituelle Bedeutung haben beziehungsweise zu den Traditionen eines Volkes gehören. Berücksichtigt werden hierbei Leistungen wie die reine Ästhetik einer Meereslandschaft, deren Erholungsfunktion und Freizeitwert oder die Inspiration, welche Künstler, Wissenschaftler, Architekten und viele andere Bevölkerungsgruppen durch das Meer erfahren.
- Unterstützende Dienstleistungen: Gemeint sind grundlegende biologische, chemische und physikalische Prozesse, die in der Umwelt auf natürliche Weise ablaufen und die Basis des Lebens auf dem Planeten Erde darstellen. Dazu gehören im Meer zum Beispiel die Biomasseproduktion durch Algen und Wasserpflanzen, die Nährstoffkreisläufe des Meeres, sein Beitrag zum globalen Wasserkreislauf, Räuber-Beute-Beziehungen sowie die Artenvielfalt und die verschiedenen Lebensräume an sich. Von all diesen unterstützenden Leistungen profitiert der Mensch in der Regel auf indirekte Weise, denn sie legen den Grundstein für die oben genannten kulturellen, regulierenden und bereitstellenden Dienstleitungen.
3.8 > Wer beim Blick auf das Meer nicht weiß, was unter dessen Oberfläche lebt und welche vielen überlebenswichtigen Leistungen diese Organismen für uns Menschen erbringen, engagiert sich auch nicht für den Schutz und die nachhaltige Nutzung des Ozeans.- Das Konzept der Ökosystemleistungen erlangte im Rahmen einer großen Ökosystem-Studie der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2005 weltweite Bekanntheit (englischer Originaltitel: Millennium Ecosystem Assessment). Es verdeutlichte nämlich, wie abhängig die wirtschaftliche Entwicklung und das menschliche Wohlergehen von gesunden Ökosystemen sind. Die Erfahrungen zeigen aber auch, dass das Konzept Menschen dazu verleitet, den Wert der Natur und ihrer Leistungen vor allem in Hinblick auf ihren wirtschaftlichen Nutzen zu beschreiben. Es geht also häufig um die Frage, wie viel Geld sich mit Naturgütern verdienen lässt oder welcher finanzielle Schaden durch spezielle Leistungen der Ökosysteme verhindert wird, etwa durch den Hochwasserschutz, den gesunde Mangrovenwälder, Seegraswiesen und Salzmarschen bieten. Diese Betrachtungsweise hat dazu geführt, dass wirtschaftliche Interessen eine dominierende Rolle in vielen individuellen, unternehmerischen und staatlichen Entscheidungen zur Natur- und Meeresnutzung spielen. Es manifestiert damit die Sichtweise, dass Menschen von der Natur leben, und fördert in vielen Fällen eine Übernutzung der Ökosysteme an Land und im Meer.
Der Weltbiodiversitätsrat entwickelte deshalb ein eigenes Konzept der Beiträge der Natur für den Menschen (englisch: nature’s contribution to people). Es zielt darauf ab, zum einen Werte wie Verantwortung, Gegenseitigkeit und Respekt für die Natur expliziter einzubeziehen. Zum anderen berücksichtigt es auch Wissenssysteme, die den Menschen als Teil der Natur begreifen, wie zum Beispiel die Vorstellungen indigener Völker, lokaler Gemeinschaften und neuer Bewegungen, die sich für ein ganzheitliches Wohlbefinden von Menschen und Natur einsetzen. Auf diese Weise, so hoffen die IPBES-Fachleute, können Entscheidungen zum Umgang mit der Natur auf Grundlage verschiedener Wertindikatoren getroffen werden und im besten Fall auch unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen, wenn es um die Frage geht, was ein gutes Leben auf der Erde ausmacht.
- 3.9 > Touristenansturm: Ein Kreuzfahrtschiff geht vor einer kleinen Insel im karibischen Meer vor Anker. Seine Passagiere werden einen Tag lang auf der Insel essen, trinken, baden und in der Sonne liegen.

Zunehmende Entfremdung von der Natur
Auf dem Weg zu besseren Entscheidungen für Mensch und Natur gilt es nach Ansicht des Weltbiodiversitätsrats noch eine weitere Hürde zu nehmen. Gemeint ist die zunehmende Entfremdung der Menschen von der Natur. In den meisten Industrieländern, so Fachleute, haben die Menschen in weniger als zwei Generationen den direkten und andauernden Kontakt zur Natur verloren. Sie leben heutzutage in Städten, arbeiten in völlig anderen Sektoren als der Fischerei, Land- und Forstwirtschaft und bauen ihr Obst und Gemüse meist auch nicht mehr selbst an.
Das bedeutet, der Erhalt und das Funktionieren der Natur haben für viele dieser Menschen keine unmittelbar fassbare existenzielle Bedeutung mehr. Je weiter Wohlstand und Verstädterung zunehmen, desto weniger Interesse zeigen die Menschen demnach an Tieren, Pflanzen und auch am Meer. Diese Trennung und der Verlust des Zugangs zur Natur wirken generationenübergreifend auf das Verständnis, die Werte, die Einstellungen und Handlungen der Menschen, schlussfolgert der Weltbiodiversitätsrat. Sie begünstigen damit die weitere Zerstörung der Natur.
- 3.11 > Grün bis bräunlich schimmert das Meer, wo vor der Küste der Philippinen Großalgen angebaut werden. Rund 200 000 Fischerfamilien betreiben dieses Geschäft – zumeist in Regionen, deren wirtschaftliche Entwicklung noch nicht weit vorangeschritten ist.

- Ein Umdenken allein wird daher nicht ausreichen, um die Überfischung der Haie zu stoppen und dem Raubbau am Meer insgesamt ein Ende zu bereiten. Es braucht einen transformativen Wandel. Das heißt, eine grundsätzliche Abkehr von Werten und Einstellungen, die auf kurzfristige und individuelle materielle Gewinne ausgerichtet sind. Stattdessen sollten Wertvorstellungen in den Fokus rücken, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind und das Wohl aller im Blick haben. Zu wissen, welche vielen beeindruckenden Leistungen die mehr als 500 bekannten Haiarten erbringen, kann an diesem Punkt zumindest dazu beitragen, dass fatale Tötungsaktionen, wie sie zum Schutz von Badegästen auf Hawaii und anderswo durchgeführt wurden, der Vergangenheit angehören.
