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Pilze im Meer: Die unbemerkten Kompostierer

Pilze gehören zu jenen Meeresbewohnern, deren Rolle und Verbreitung im Meer erst durch den zunehmenden Einsatz molekularer Analysen deutlich geworden sind. Mittlerweile kennt die Wissenschaft etwa 2000 Arten. Diese Zahl macht jedoch vermutlich weniger als fünf Prozent der tatsächlich existierenden Arten aus.
Die meisten Pilze im Meer sind mikroskopisch klein. Von einigen weiß man, dass sie in Mägen von Fischen und Seeigeln vorkommen. Andere wurden im Innern von Korallen oder an Schwarzen Rauchern gefunden, und wieder andere treiben als einzellige oder fädige Pilze in der Wassersäule. Manchmal bilden Meerespilze aber auch Fruchtkörper, wie man sie aus dem Wald oder Supermarkt kennt. Das geschieht selbst in 500 Meter Wassertiefe, wie ein Experiment vor der Küste Taiwans zeigte. Als Wissenschaftler dort einen Baumstamm nach mehr als dreieinhalb Jahren am Meeresboden wieder ans Tageslicht holten, war das Holz von vielen kleinen schwarzen Fruchtkörpern des Tiefseepilzes Alisea longicolla überzogen.

Noch werden Meerespilze nur von wenigen Forschenden systematisch untersucht. Erste Ergebnisse lassen jedoch staunen. Anscheinend gibt es keine klare Trennung zwischen Pilzen, die an Land leben, und ihren Artgenossen im Meer. Stattdessen finden Fachleute immer wieder Pilzarten, die in beiden Lebensräumen vorkommen oder aber deren Vertreter an Land und im Meer sehr große Ähnlichkeiten aufweisen. Und augenscheinlich erfüllen Pilze in jedem Element dieselbe Funktion: Sie zersetzen organisches Material. Diese Annahme konnte mittlerweile durch genetische Analysen von Pilzen aus dem Meer bestätigt werden.
Sie haben es demzufolge sowohl auf Treibholz und abgestorbene Algen abgesehen als auch auf Fischkot, Walknochen und Muschelschalen. Sowie die Pilze die Biomasse zersetzt haben, folgen Bakterien, um die Überreste zu verarbeiten. Die Bakterien wiederum werden vom Zooplankton gefressen, welches dann Fischen als Beute dient. Pilze spielen somit eine wichtige Rolle im Nahrungsnetz und den Stoffkreisläufen des Meeres.
Übrigens: Pilze betreiben im Gegensatz zu grünen Pflanzen keine Fotosynthese. Sie ernähren sich stattdessen von der lebenden oder toten Biomasse anderer Organismen. Diese in der Fachsprache als heterotroph bezeichnete Ernährung ist auch der Grund, warum Pilze wie Alisea longicolla in der Tiefsee überleben können.

Abb. 1.20 © aus dem Artikel Morpho-molecular characterization of microfungi associated with marine based habitats

Abb. 1.20 > Sackartige Fortpflanzungsorgane verschiedener mariner Schlauchpilze.