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WOR 9 Marine Biodiversität – das vitale Fundament unserer Meere | 2025

Eine beispiellose Abwärtsspirale

Eine beispiellose Abwärtsspirale Abb. 4.10 © Jon G. Fuller/VWPics/Redux/laif

Eine beispiellose Abwärtsspirale

> Das Leben im Meer gehört aktuell zu den großen Verlierern. Marine Lebensgemeinschaften schrumpfen durch die massive Entnahme von Organismen, verändern sich durch klimabedingte Artenwanderungen oder werden durch direkte Eingriffe wie den Abbau von Sand und Kies zerstört. Zurück bleiben vielerorts artenärmere und instabile Ökosysteme, die nur noch einen Bruchteil jener Leistungen erbringen, die wir Menschen für eine lebenswerte Zukunft brauchen.

Artenschwund seit Beginn der Menschheitsgeschichte

Seit es uns Menschen auf der Erde gibt, verändern wir dort, wo wir leben, die Ökosysteme und deren Biodiversität. Archäologische Funde aus Afrika sprechen dafür, dass bereits Homo erectus, ein Vorfahre des modernen Menschen Homo sapiens, erste Tierarten ausrottete, nachdem seine Horden vor ein bis zwei Millionen Jahren gelernt hatten, erlegtes Wild über dem Feuer zuzubereiten. Die ersten modernen Menschen lebten vor 100 000 bis maximal 300 000 Jahren in Afrika. Auch sie lernten, Fleisch mithilfe von Feuer zu garen. Als soziale Allesfresser jagten unsere Vorfahren in Gruppen. Sie erlegten zusammen vor allem Großwild und nahmen auf der Suche nach neuen Lebensräumen ausgewählte Pflanzenarten und so manches domestizierte Tier mit. Durch beide Verhaltensweisen veränderten sie die ursprünglichen Ökosysteme der neu besiedelten Gebiete.
Zu Beginn des Holozäns vor etwa 12 000 Jahren besiedelten moderne Menschen bereits drei Viertel aller Naturräume an Land. Großwild gab es bis dahin nur noch in weitgehend unbesiedelten Regionen. Im Gebiet des heutigen Israels, Ägyptens und des südlichen Syriens beispielsweise erlegten die Menschen vor 10 500 Jahren nachweislich sehr viel kleinere Tierarten als Vorläufer des Menschen viele Jahre zuvor. Ihre Jagdausbeute betrug gerade einmal 1,7 Prozent und damit einen Bruchteil jener tierischen Biomasse, die Vorfahren des modernen Menschen vor 1,5 Millionen Jahren in derselben Region erlegt hatten. Das ergaben archäologische Grabungen in der Region. Die Forschenden untersuchten auch mögliche Gründe für die enormen Biomasseverluste. Ihr Fazit: Der Rückgang lässt sich nicht durch Klimaschwankungen oder durch einen plötzlichen Klimawandel erklären. Viel wahrscheinlicher sei, dass der Mensch und seine Vorfahren im Nahen Osten innerhalb von 1,4 Millionen Jahren alle großen Landlebewesen stark dezimiert oder sogar ausgerottet hatten. Den Menschen der Mittelsteinzeit (etwa 10 000 bis 8000/6000 Jahre vor heute) blieb deshalb überhaupt keine andere Wahl, als den kleineren Wildtierarten nachzustellen und wenig später mit dem Ackerbau zu beginnen.
4.1 > Ausgestorbener Riesenvogel: Als Menschen Anfang des 14. Jahrhunderts Neuseeland besiedelten, lebten rund 58 000 Moas auf den zwei Inseln. 120 Jahre später hatten die Siedler die bis zu 3,60 Meter großen, flugunfähigen Vögel ausgerottet.
Abb. 4.1 © mauritius images/Alamy Stock Photos/Historic Illustrations

Population
Als „Population“ werden Individuen einer Art bezeichnet, die gemeinsam zur selben Zeit am selben Ort oder im selben Gebiet vorkommen, miteinander interagieren und eine Fortpflanzungsgemeinschaft bilden. Die Entwicklung einer Population wird durch viele verschiedene Wechselwirkungen der Individuen mit ihrer belebten und unbelebten Umwelt beeinflusst.

Zwischen dem 7. und 14. Jahrhundert nach Christus führte die Besiedlung der Inseln im südlichen und westlichen Pazifik zu einem weiteren nachweislich vom Menschen verursachten Artensterben. In der Region Polynesien verschwanden schätzungsweise 1000 lokale Vogelarten, nachdem Menschen auf den Inseln angelandet waren. Viele der ausgestorbenen Vogelarten gehörten zu den Rallen, einer Familie der Kranichvögel. Die Tiere lebten zumeist nur auf den Inseln und hatten im Laufe der Evolution das Fliegen verlernt. Flugunfähig waren die Bodenbewohner eine leichte Beute für die hungrigen Zweibeiner und ihre Gefolgschaft. Hunde und Schweine, welche die Menschen mitbrachten, stellten den Vögeln nämlich ebenso nach wie Ratten, die als blinde Passagiere mit den Menschen auf die Inseln gekommen waren.
Trotz dieser durchweg negativen Gesamtbilanz, tragen Menschen seit jeher aber auch zum Erhalt von Artenvielfalt und Biodiversität bei – etwa indem sie neue Tier- und Pflanzenarten züchten oder alte Arten durch eine gezielte Nachzucht erhalten. Die Artenvielfalt einer Region profitiert aber auch von kleinen, gezielten Eingriffen in gesunde Systeme: Wo zum Beispiel in einem dichten Wald einzelne Bäume entnommen werden, entstehen kleine Lichtungen und mit ihnen ein Lebensraum mit neuen Bedingungen. Hier siedeln schnell andere Arten als im angrenzenden Wald, sodass die Artenvielfalt insgesamt steigt. Einen ähnlichen Effekt rufen strukturreiche Gärten und Parkanlagen hervor.
Überall auf der Welt erhalten Volksgruppen aber auch durch traditionelle Landwirtschaft bestimmte Lebensräume und damit Arten, die es ohne diese gezielten Eingriffe an diesen Standorten gar nicht gäbe. Beispiele dafür sind von Schafen beweidete Heidelandschaften oder auch die extensiv bewirtschafteten Almwiesen in den Alpen. Auf diesen wachsen viele seltene Gefäßpflanzen – allerdings nur so lange, wie die Wiesen regelmäßig beweidet oder gemäht werden.
4.2 > Die ersten modernen Menschen stellten vor allem dem Großwild nach. Auf diese Weise verursachten sie nicht nur ein riesiges Artensterben. Sie beraubten sich auch einer wichtigen Nahrungsgrundlage und mussten die eigene Lebensweise im Laufe der Zeit mehrmals anpassen, um zu überleben.
Abb. 4.2: © nach M. Ben-Dor & R. Barkai, 2024, doi:10.1016/j.quascirev.2024.108660

Erste Übernutzungen des Meeres

Obwohl Menschen schon in der Antike küstennahe Meeresgebiete lokal überfischt oder Populationen von Meeressäugern stark dezimiert hatten, kam es in dieser Zeit im Meer nicht zu vergleichbar großen Artensterben wie an Land. Ausschlaggebend dafür war zum einen, dass marine Arten in der Regel größere Lebensräume haben als Tiere oder Pflanzen an Land und Menschen zur damaligen Zeit noch nicht in jeden Winkel des Ozeans vordringen konnten. Den Meereslebewesen blieben so genügend Rückzugsräume, vor allem den stark befischten oder bejagten Arten. Zum anderen fischten und jagten Menschen lange Zeit nur so viel im Meer, wie sie brauchten, um die eigene Sippe oder Familie zu ernähren.
Das änderte sich, als die Bevölkerung wuchs, sich Märkte für Luxusartikel wie Pelze, Federn und Elfenbein entwickelten und Menschen begannen, mit dem Verkauf von Fischen, Muscheln und anderen Ressourcen aus dem Meer ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Fachleute sind sich einig: Die Ursachen für die zunehmende Zerstörung von Meereslebensräumen und den Zusammenbruch von Populationen und Küstenökosystemen liegen vor allem in der zunehmenden Kommerzialisierung und späteren Industrialisierung der Ressourcen- und Meeresnutzung.
Und wie an Land stellte der Mensch auch im Meer zunächst den wertvollsten und größten Arten von Säugetieren, Fischen und wirbellosen Tieren nach. Als deren Populationen aufgrund der intensiven Bejagung und zumeist langsamen Fortpflanzungszyklen erschöpft waren, richtete sich der Fokus auf kleinere, kommerziell weniger wertvolle Arten, wobei es natürlich auch immer schon kleinere Arten gab, die befischt wurden. Die Jagd nach den größten Fischen, Robben, Königskrabben und anderen Meeresorganismen hat bis heute Konsequenzen für das Leben im Meer. Zunächst gingen die großen Individuen aus lokalen Lebensgemeinschaften verloren, wenig später verschwanden ganze Populationen mit großem Körperbau. Die verbleibenden Populationen entwickelten rasch eine kleinere Körpergröße und wurden früher geschlechtsreif, was dazu führte, dass stark bejagte Meeresorganismen heute in der Regel kleiner sind als früher.
4.3 > Eine Körperlänge von bis zu 7,6 Metern erreichte die Stellersche Seekuh (Hydrodamalis gigas), welche der Mensch nur wenige Jahre nach ihrer Entdeckung ausrottete. Die Seekuh lebte in den kalten, flachen Küstengewässern des Nordpazifiks, vor allem aber im Beringmeer.
Abb. 4.3: © Science Photo Library
Die ersten Belege für einen großflächigen Zusammenbruch der Fischerei in Europa stammen aus dem Hoch- bis Spätmittelalter (11. bis 15. Jahrhundert). In dieser Zeit untersagte die christliche Kirche den Menschen das Essen von Fleisch. An bis zu 130 Tagen im Jahr war den Gläubigen jedoch erlaubt, Fisch und Meeresfrüchte zu essen, wodurch sich die Nachfrage nach Nahrung aus dem Meer erhöhte. Gleichzeitig wuchsen die Städte. Bauern rodeten Wälder, um Ackerland zu gewinnen. An Flüssen begann man, die Wasserläufe einzudämmen, um Mühlen zu betreiben. All diese Entwicklungen führten zu erheblichen Veränderungen in den Bächen, Flüssen, Seen und Flussmündungen. Die Wasserqualität sank. Die Kombination aus zunehmendem Fischereidruck und abnehmender Wasserqualität ließ die Stör- und Lachsbestände schrumpfen. Beide Fischarten verschwanden aus vielen europäischen Gewässern und Küstenökosystemen. Europäische Störe (Acipenser sturio) gab es in Zentral- und Mitteleuropa ab dem 12. Jahrhundert nicht mehr. Atlantische Lachse (Salmon salar) kehrten ab dem Spätmittelalter nicht mehr in ihre Laichgründe zurück.
Als Reaktion auf den Rückgang der Fischbestände in Binnengewässern und an den Küsten begannen Fischer an Nord- und Ostsee, den küstennahen Meeresfischen nachzustellen. Neue Methoden und Technologien für die Schifffahrt, den Fischfang und die Konservierung von Fisch erlaubten ihnen, weiter auf das Meer hinauszufahren und größere Mengen Fisch zu fangen. Gefischt wurden vor allem Dorsch und Hering.
Fische zu fangen und auf lokalen Märkten sowie später auch überregional zu verkaufen, entwickelte sich zu einem Geschäftsfeld und wurde eine der Triebfedern der mittelalterlichen Handelsrevolution im 11. und 12. Jahrhundert. Der Reichtum der Hanse, eines mächtigen Handelsbündnisses jener Zeit, war zum Teil auf den Verkauf von Hering zurückzuführen. Dessen Preis stieg im Mittelalter stetig: Kosteten 1000 Salzheringe in der Küstenstadt Calais im Jahr 1268 noch 15 Sous (oder Sol), waren es im Jahr 1300 bereits 30 Sous und 42 Jahre später 75. Zu dieser Zeit wurden in jedem Jahr bereits Hunderte Millionen Heringe in Nord- und Ostsee gefangen, in Salz eingelegt und in Fässern gelagert verschifft. Die Kombination aus intensiver Fischerei, abnehmender Wasserqualität und Klimaschwankungen führte im Spätmittelalter zum schrittweisen Zusammenbruch wichtiger Meeresfischbestände. Im späten 13. Jahrhundert blieben die Heringsschwärme an der südlichen Ostseeküste aus. In der südlichen Nordsee brachen die Heringsbestände ab dem Jahr 1360 zusammen.
4.4 > Bis ins 19. Jahrhundert nutzten die Menschen Segelboote, um vor Europas Küsten nach Austern zu fischen. Der Einsatz motorbetriebener Dampfschiffe führte anschließend dazu, dass die Austernbänke überfischt wurden und auf einer Fläche von mindestens 17 000 Quadratkilometern verschwanden.
Abb. 4.4: © duncan1890/iStock
Im Vergleich zu den Europäern gingen andere Kulturen zu dieser Zeit schonender mit den Ressourcen des Meeres um. In Japan beispielsweise entwickelten Fischerfamilien verschiedene Methoden, um die Lebensbedingungen für Meeresorganismen in den Küstengewässern gezielt zu verbessern und deren Produktivität und Artenvielfalt zu steigern. Sie pflanzten zum Beispiel zerstörte Seegraswiesen wieder neu an und züchteten Muscheln und Großalgen, um die Wasserqualität ihrer Küstengewässer zu verbessern. „Satoumi“ wurde diese Form des nachhaltigen Küsten- und Meeresmanagements genannt. Sie ist heute aktueller denn je: Ihr Ansatz, geschwächte Küstenökosysteme ganz bewusst wieder aufzubauen und künftig nur noch nachhaltig zu nutzen, wird mittlerweile international als wichtiges Werkzeug im Kampf gegen das Artensterben im Meer betrachtet.
Im 18. Jahrhundert führte die Nutzung des Meeres durch den Menschen erstmals zum Aussterben einer Meeresart. Die Stellersche Seekuh (Hydrodamalis gigas), ein Bewohner des Nordpazifiks, wurde nach ihrer Entdeckung durch Europäer so stark bejagt, dass ihre Population innerhalb von 27 Jahren verschwand. Mit dem Vorstoß der Kolonialmächte nach Nordamerika und Australien begannen Menschen auch dort, die lokalen Fisch- und Muschelbestände zu überfischen. So verschwanden sowohl in Europa als auch vor der Küste Nordamerikas riesige Austernbänke, nachdem im 19. Jahrhundert Maschinen entwickelt wurden, mit deren Hilfe die Muscheln auf mechanische Weise vom Meeresuntergrund gelöst und eingesammelt werden konnten. Die Verluste in europäischen Meeren beliefen sich dabei auf Austernbänke mit einer Gesamtfläche von mindestens 1,7 Millionen Hektar – ein Areal zweimal so groß wie die Mittelmeerinsel Kreta.
4.5 > Die drei Ökosystemkategorien des Living Planet Index zeigen einen drastischen Rückgang der Wildtierpopulationen. Der Index umfasst 1816 Meeresarten, 2519 Landarten und 1472 Arten, die in Seen, Bächen, Flüssen und Teichen leben.
Abb. 4.5: © nach WWF 2025

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Die große Beschleunigung

Als die Fischer ab den 1880er-Jahren ihre Segelschiffe und -boote gegen Dampfschiffe eintauschten, wuchs ihr Aktionsradius nochmals. Von Motoren angetriebene Fischkutter konnten länger auf Hoher See bleiben als Segelschiffe und größere Schleppnetze in tieferen Gewässern einsetzen. Weitere technologische Fortschritte wie größere und leistungsfähigere Schiffe, neue Fanggeräte, Gefrier- und Konservierungstechnik sowie Navigations- und Sonargeräte führten nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer starken Ausweitung der weltweiten Fischerei. Infolgedessen brachen nicht nur einige der größten Fischbestände der Welt zusammen. Walfänger töteten im Zeitraum von 1925 bis 1975 allein im Südlichen Ozean 1,5 Millionen Bartenwale.
Rückblickend bezeichnen Fachleute die Zeit ab den 1950er-Jahren als Phase der großen Beschleunigung. Dieser Begriff kennzeichnet jedoch nicht nur die Zunahme der weltweiten Überfischung seit dem Zweiten Weltkrieg. Er steht mittlerweile für den drastisch wachsenden Druck menschlicher Aktivitäten auf alle natürlichen Systeme des Planeten Erde – Stoffkreisläufe, Klima und Artenvielfalt an Land und im Meer eingeschlossen.

Das Zeitalter des Aussterbens

Heute, mehr als 70 Jahre nach Beginn der großen Beschleunigung, steht es um die Biodiversität auf der Erde schlechter als je zuvor. Weltweit sind mehr als eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Fachleute des World Wide Fund for Nature (WWF) und der Zoologischen Gesellschaft von London haben in ihrer aktuellen Wildtier-Bestandserhebung (Living Planet Report 2024) festgestellt, dass die Größe der etwa 35 000 untersuchten Wildtierpopulationen in den zurückliegenden 50 Jahren im Durchschnitt um 73 Prozent abgenommen hat. Das heißt, wo im Jahr 1970 noch 100 Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere lebten, sind es heute im Durchschnitt nur noch 27. Die höchsten Populationseinbrüche dokumentierten die Fachleute bei den Süßwasserarten. Deren Bestände schrumpften um 85 Prozent. Die Wildtierpopulationen an Land nahmen um 69 Prozent ab, jene der Meerestiere um durchschnittlich 56 Prozent.
Die etwas reduzierten Rückgänge bei den Meereslebewesen erklären die Fachleute mit der Zusammensetzung der untersuchten Bestände. Beobachtet werden hier vor allem Fischarten, deren Bestandsgröße durch Fangquoten und andere Managementmaßnahmen reguliert wird. Einige der regulierten Fischbestände haben sich in den zurückliegenden Jahren erholt, andere blieben stabil. Diese Entwicklung spiegele sich auch in der aktuellen Statistik der Meeresorganismen wider, so die WWF-Experten
4.6 > Fachleute des Weltbiodiversitätsrats IPBES analysierten im Jahr 2019, in welchem Ausmaß direkte Einflussfaktoren die Biodiversitätsverluste auf der Erde vorantreiben. Im Meer verursachten Überfischung und andere Formen der Ressourcenübernutzung den größten Schaden.
Abb. 4.6: © nach IPBES 2019
Wie dramatisch die Situation dennoch für Meereslebewesen ist, zeigt sich unter anderem am Beispiel der Echten Karettschildkröten (Eretmochelys imbricata), die auf der australischen Milmaninsel im nördlichen Great Barrier Reef nisten. Obwohl die Insel in einem Naturschutzgebiet mit den höchsten Schutzstandards liegt, hat die Zahl der dort nistenden Schildkrötenweibchen in nur 28 Jahren (1990 bis 2018) um mehr als die Hälfte abgenommen – vermutlich, weil die Schildkröten außerhalb des Schutzgebiets illegal gefangen oder aber als Beifang in Fischernetzen getötet wurden. Fachleute prognostizieren, dass diese wichtige Meeresschildkrötenpopulation bis zum Jahr 2036 komplett verschwunden sein könnte. Die Karettschildkröte wäre dann lokal ausgestorben.
Als Ursachen der dramatischen Wildtierverluste in allen Regionen der Welt führen die WWF-Fachleute den Verlust und die Zerstörung natürlicher Lebensräume an, hervorgerufen durch die sich ausweitende Nahrungsmittelproduktion des Menschen. Dazu gehören die Landwirtschaft sowie die Fischerei und die Jagd auf Wildtiere. Weitere Ursachen sind die Übernutzung der natürlichen Lebensgemeinschaften, das Einwandern fremder Arten, die Ausbreitung von Krankheiten sowie die Folgen des Klimawandels und der Umweltverschmutzung an Land und im Meer.

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Die Motoren des marinen Artenwandels

Noch dezidierter als der WWF setzt sich der Weltbiodiversitätsrat (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, IPBES) mit den Motoren oder Triebkräften des menschengemachten Artenwandels auseinander. Fachleute benutzten auch die englische Bezeichnung „Drivers“, wobei nicht eindeutig geklärt ist, was dieser Begriff genau umfasst. Der Weltbiodiversitätsrat unterscheidet beim Thema Artenwandel zwischen direkten und indirekten Triebkräften. Zu Letzteren zählen Faktoren, Werte und Verhaltensweisen, aufgrund derer wir Menschen Entscheidungen treffen, die sich am Ende auf die Natur auswirken.
Als wichtigste direkte menschliche Einflüsse auf die marine Biodiversität benennt der IPBES in seinem Sachstandsbericht aus dem Jahr 2019 die direkte Entnahme von Rohstoffen und Organismen, eine veränderte Nutzung der Küstengebiete und Meere, den Klimawandel und seine Folgen für das Leben im Meer, die Küsten- und Meeresverschmutzung sowie einwandernde Arten. Zu den wichtigsten indirekten Triebkräften gehören das Bevölkerungswachstum, demografische Entwicklungen wie Migration und Verstädterung sowie soziokulturelle Veränderungen, wirtschaftliche und technologische Entwicklungen, sich ändernde Politik-, Regulierungs- und Verwaltungsansätze (englisch: Governance) sowie Konflikte und Epidemien.
Alle diese Faktoren wirken sowohl allein als auch im Zusammenspiel mit anderen Einflüssen. Die Zunahme der Weltbevölkerung beispielsweise hat zusammen mit dem globalen Wirtschaftswachstum und dem technologischen Wandel zu einem veränderten Lebensstil vieler Menschen geführt. Infolgedessen ist die Nachfrage nach Lebensmitteln, Energie und natürlichen Ressourcen wie Seltene Erden, Sand und Metalle gestiegen. Gleichzeitig wurden von Jahr zu Jahr mehr Treibhausgase freigesetzt, wodurch sich der Klimawandel beschleunigte. Die steigende Plastikproduktion wiederum zog ein höheres Müllaufkommen nach sich; in der Landwirtschaft stieg der Einsatz von Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln. Beide Entwicklungen trugen in den zurückliegenden Jahrzehnten maßgeblich zur Verschmutzung der Meere bei.
Die direkte Entnahme von Organismen Die Überfischung der Meere und der Einsatz zerstörerischer Fangmethoden wie Grundschleppnetze haben den größten Anteil am Verlust der Artenvielfalt im Ozean. Seit den 1960er-Jahren ist die Meeresfischerei schneller gewachsen als jeder andere marine Industriesektor. Meeresfisch gehört zu den am meisten gehandelten Lebensmitteln der Welt, und rund um den Globus arbeiten aktuell geschätzte 61,8 Millionen Menschen im Fischereisektor. Die Zuwächse seit den späten 1990er-Jahren sind vor allem auf die zunehmende Zucht von Fischen, Muscheln und anderen Meeresorganismen in Aquakulturhaltung zurückzuführen. Die Wildfänge erreichten nämlich in diesem Zeitraum ihren offiziellen Höchstwert von rund 82 Millionen Tonnen pro Jahr. Seitdem stagnieren sie auf hohem Niveau, obwohl heutzutage in größeren Tiefen und weiter entlegenen Regionen gefischt wird.
4.7 > 403 Plastikteile entdeckten Forschende im Verdauungstrakt dieses Sturmtauchers, der tot an der Küste Australiens gefunden worden war. Wenn Seevögel versehentlich Plastikmüll fressen, verursachen die Kunststoffpartikel Schnittwunden im Magen-Darm-Trakt und führen zu Nieren-, Leber- und demenzähnlichen Hirnschäden.
Abb. 4.7: © Justin Gilligan
Nach Angaben der UN-Welternährungsorganisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) hat die Menschheit im Jahr 2022 etwa 115 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte angelandet. 79,7 Millionen Tonnen dieser Meeresorganismen wurden wild gefangen. 35,3 Millionen Tonnen stammten aus mariner Aquakulturhaltung – ein neuer Höchstwert. Die FAO betont in dem dazugehörigen Bericht jedoch, dass ihre Entnahmestatistiken Lücken aufweisen. Nicht abgebildet werden zum Beispiel Fänge aus illegaler Fischerei, die Entnahme durch viele Kleinstfischer sowie die Fänge von Hobby- und Sportanglern. Um jedoch genauer beurteilen zu können, in welchem Maßstab die Fischerei die Biodiversität des Meeres gefährdet und ob Schutzmaßnahmen den gewünschten Effekt haben, müssen auch diese Entnahmen flächendeckend und vollständig erfasst werden. Die Folgen der intensiven Befischung der Meere überwacht und dokumentiert die FAO regelmäßig am Beispiel von 445 Beständen. Galten im Jahr 1974 noch 90 Prozent dieser untersuchten Fischpopulationen als „maximal nachhaltig befischt“, waren es im Jahr 2021 nur noch 62,3 Prozent. Der Anteil der überfischten Bestände hingegen ist im selben Zeitraum gestiegen – von zehn Prozent im Jahr 1974 auf 37,7 Prozent im Jahr 2021.
Das heißt, inzwischen sind nach Angaben der FAO mehr als ein Drittel der untersuchten Bestände nachweislich überfischt. Der Druck auf die Fischpopulationen wächst jedoch nicht nur wegen des Fischfleischs, welches als Nahrungsmittel verkauft oder für die Herstellung von Fischmehl genutzt wird. In den Küstengewässern Mexikos, in Teilen Afrikas und in Südostasien stellen Fischer seit einiger Zeit immer intensiver jenen Fischarten nach, die große Schwimmblasen haben. Diese werden entnommen, getrocknet und als Luxusnahrungsmittel, Statussymbol sowie als alternative Medizin für mehr als 15 000 US-Dollar pro Kilogramm nach Asien verkauft. Wie es um die betroffenen Fischbestände steht, wird nur an einigen wenigen Standorten untersucht.
Abb. 4.8 © mauritius images/Alamy Stock Photos/Jeff Rotman

 

4.8 > Echte Karettschildkröten (Eretmochelys imbricata) leben vor allem in tropischen Korallenriffen, wo sie sich mit Vorliebe von Schwämmen, Seeanemonen und Quallen ernähren. Die Zahl dieser Meeresschildkröten hat stark abgenommen, weil die Tiere illegal gefangen und ihre Gelege zerstört werden. Die Art gilt als vom Aussterben bedroht.
Angesichts der zunehmenden Überfischung steigt die Bedeutung der Fischzucht in mariner Aquakulturhaltung. Fachleute gehen davon aus, dass dieser Sektor künftig weiter wachsen und mehr Meeresfläche in Anspruch nehmen wird. Benötigt werden daher nachhaltige Lösungen für die mit Aquakulturhaltung verbundenen Umweltprobleme. Dazu zählen unter anderem die Ausbreitung von Krankheiten und Parasiten der Zuchtfische auf die Wildbestände, eine zunehmende Belastung des Wassers mit Futterresten, Kot und Arzneimitteln – sowie die Herkunft des Futters (Krill- und Fischmehl).
Antarktischer Krill (Euphausia superba) wird vor allem in den Gewässern im Norden der Antarktischen Halbinsel gefischt sowie in Gebieten weiter nordöstlich gelegen. Die Fangmengen haben sich seit dem Jahr 1993 vervierfacht, was vor allem dort zu Problemen führt, wo Pinguine, Robben und eine wachsende Zahl an Bartenwalen auf Futtersuche gehen. Fachleute fordern deshalb verschärfte Fangquoten und Fischereiverbote in ausgewählten Regionen. Andernfalls gefährde der zunehmende Wettbewerb um die nahrhaften Leuchtgarnelen das Wiedererstarken der Bartenwale und das Überleben vieler anderer Krilljäger. Einen ähnlichen Wettbewerb um Futter gibt es in den Gewässern Südafrikas: Dort hat insbesondere die Überfischung der Anchovis- und Sardinenschwärme zur Herstellung von Fischmehl zu einem massiven Einbruch der letzten Kolonien afrikanischer Brillenpinguine geführt.
Abb. 4.9 © Nick Hannes/Panos Pictures

 

4.9 > „Die Welt“ heißt diese Aneinanderreihung künstlicher Inseln im Persischen Golf. Sie wurden im Zeitraum von 2003 bis 2008 in Form einer Weltkarte vor der Küste Dubais aufgeschüttet. Die Inseln bestehen überwiegend aus Sand, der in den flachen Küstengewässern Dubais abgebaggert wurde.
Die direkte Entnahme von Rohstoffen und damit verbundene Folgen
Der Ozean liefert dem Menschen eine Vielzahl an Rohstoffen – angefangen bei Erdöl und Erdgas über Mineralien und Metalle bis hin zu Sand und Kies. Die Kombination aus weltweit steigender Nachfrage, technologischem Fortschritt und rückläufigen Quellen an Land hat dazu geführt, dass die Gewinnung einer wachsenden Zahl von Meeresrohstoffen nicht nur machbar, sondern auch wirtschaftlich rentabel ist. Die entsprechenden Industrien hegen hohe Erwartungen, wie sich zum Beispiel bei den internationalen Verhandlungen zum Tiefseebergbau zeigt. Gleichzeitig ist die Rohstoffförderung im Meer mit hohen Einstiegskosten verbunden und geht mit vielen Umweltrisiken einher.
Das Abbaggern von Sand und Kies beispielsweise bezeichnen Forschende als eine der gefährlichsten und schädlichsten Tätigkeiten, die an einer Küste oder einem Fluss verrichtet werden kann. Es verursacht nicht nur irreversible und irreparable Schäden an Land, Wasser und den Lebensgemeinschaften der Fluss-, Küsten- und Meeresumwelt, sondern zerstört häufig ganze Küstenökosysteme wie Strände, Dünen, Nehrungen und Seegraswiesen. Seevögeln und Meeresschildkröten gehen so Lebensräume und Nistplätze verloren. Mit den Seegraswiesen verschwindet ein überlebenswichtiger Rückzugsort für den Nachwuchs vieler Meeresorganismen. Die Sandfördermengen haben sich nach Aussage des Umweltprogramms der Vereinten Nationen seit Beginn der 2000er-Jahre verdreifacht – angetrieben durch das Bevölkerungswachstum, den Ausbau der Städte, das Wirtschaftswachstum und Maßnahmen zum Schutz vor den Folgen des Klimawandels. Schätzungen zufolge nutzen die Menschen aktuell 40 bis 50 Milliarden Tonnen Sand pro Jahr, Tendenz steigend. Das ist weit mehr Material, als das System Erde durch die Verwitterung von Gesteinen nachliefern kann.
4.10 > In Hongkong werden getrocknete Fischblasen säckeweise zum Kauf angeboten. Das Geschäft boomt, denn die Schwimmblasen gelten als Luxusnahrungsmittel und Statussymbol. Zudem glauben Käufer, dass sie weniger schnell altern, wenn sie die Fischblasen konsumieren.
Abb. 4.10: © Jon G. Fuller/VWPics/Redux/laifn
Gebaggert wird im Meer jedoch nicht nur, um Sand abzubauen. Baggerschiffe kommen zum Einsatz, wenn Öl- und Gasplattformen installiert oder Windturbinen, Pipelines und andere Offshore-Infrastrukturen errichtet werden. In allen Fällen muss nämlich der Meeresboden geglättet werden, um die Bauten zu stabilisieren und zu sichern. Bei Offshore-Windparks ebnen Bagger oft den Meeresboden ein, indem sie die obere, bis zu zehn Meter dicke Sedimentschicht abtragen. Beim Bau von Öl- oder Gasförderplattformen wird stattdessen häufig eine Plattform aus Felsen geschaffen. Auch vor der Verlegung von Unterwasserpipelines und -kabeln wird zunächst der Meeresboden gesäubert, bevor entweder der Meeres­boden abgeflacht, ein Graben ausgehoben oder ein Felsbett errichtet wird, um die Belastung der Konstruktion zu verringern. Die Lebensgemeinschaften am Meeresboden werden dabei vollständig zerstört.
4.11 > Auf einem Forschungsschiff nähern sich Meeresbiologen einem leblosen Blauwal (Balaenoptera musculus), dessen Kadaver im kalifornischen Santa-Barbara-Kanal an der Meeresoberfläche treibt. Der Meeresriese war von einem Schiff angefahren worden und ist seinen schweren Verletzungen erlegen.
Abb. 4.11: © picture alliance/Minden Pictures/Flip Nicklin
Die veränderte Küsten- und Meeresnutzung
Auf der Erde gibt es mehr als 1,6 Millionen Kilometer Küste – verteilt auf 123 Länder. Der Küstenbereich umfasst jeweils die Küstengewässer, den dazugehörigen Meeresboden, das angrenzende Land sowie Flussmündungen und andere Gewässer in unmittelbarer Nähe. Schätzungen zufolge leben 23 bis 37 Prozent der Weltbevölkerung in weniger als 100 Kilometer Entfernung zum Meer. Dieser Anteil entspräche aktuell 1,86 bis 2,99 Milliarden Menschen.
Im Zuge des Bevölkerungswachstums, der zunehmenden Verstädterung sowie wirtschaftlicher Entwicklung werden Küstengebiete immer intensiver durch Menschen genutzt. Sie dienen als Lebens-, Verkehrs-, Industrie-, Wirtschafts- und Erholungsraum für eine wachsende Zahl von Menschen und werden durch den Bau der dazu benötigten Gebäude und Infrastrukturen umfassend umgestaltet. Beispielgebend für diese Entwicklung sind expandierende Küstenmetropolen wie Singapur, Hongkong, Manila, Jakarta, Lagos und Mumbai. Gleichzeitig konzentrieren sich in der Küstenzone Abfälle, Abwässer und Schadstoffe – auch jene, die weiter landeinwärts freigesetzt wurden und über Flüsse in das Küstenmeer gelangen.
Wo Millionen Menschen auf engem Raum leben, sind die verbliebenen marinen Küstenökosysteme intensivem, chronischem Stress ausgesetzt. Die Lebensgemeinschaften leiden besonders unter der Überfrachtung des Küstengewässers mit Abfällen, Abwässern, Nähr- und Schadstoffen. Infolgedessen entstehen häufig sauerstoffarme Zonen, in denen nur sehr wenige Meeresorganismen überleben können. In der Bucht von Jakarta (Indonesien) beispielsweise nahm mit dem Wachstum der Metropole die Menge an Fischen um 80 Prozent ab. Korallen wuchsen im Jahr 2015 nur noch auf einem Zehntel ihrer Ursprungsfläche. In den Gewässern Hongkongs konnten Wissenschaftlerinnen nachweisen, dass der Verschmutzungsgrad des Wassers beeinflusst, welche Organismen am Meeresboden überleben. In Gebieten mit stark belastetem Wasser siedeln vor allem Muscheln, denen die schlechte Wasserqualität und die vielen aufgewirbelten Partikel infolge von Bauarbeiten nichts ausmachen. In Regionen mit weniger belastetem Wasser hingegen überlebten auch Großalgen, Moostierchen und andere Weichtiere, von denen man weiß, dass sie empfindlich auf herabsinkende Partikel und Sedimente reagieren.
Unsere wachsenden Nutzungsansprüche an das Meer bringen noch viele neue Stressfaktoren für die Meeresorganismen mit sich, darunter insbesondere Lärm im Zuge von Bauarbeiten (Windparks und andere Infrastrukturen) sowie durch den wachsenden Verkehr von Schiffen und anderen Wasserfahrzeugen. An der Westküste des kanadischen Bundesstaats British Columbia beispielsweise werden in Kürze 300 Meter lange Flüssiggastankschiffe mitten durch das enge Kitimat-Fjordsystem fahren, um Flüssiggas an einem neuen Verladehafen zu laden und nach Asien zu transportieren. Die Inselwelt galt bislang als sicherer Rückzugsort für Finn- und andere Bartenwale. In Zukunft, so befürchten Walforschende vor Ort, könnte sie für die Meeressäuger zur tödlichen Falle werden.

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Die Folgen des Klimawandels für die Artenvielfalt des Meeres
Der Klimawandel verändert die Lebensbedingungen für Meeresorganismen auf vielfache und beispiellose Weise. Die steigenden Wassertemperaturen zwingen wechselwarme Lebewesen, mehr Energie und Sauerstoff in den eigenen Stoffwechsel und damit in den Erhalt der Körperfunktionen zu investieren. Das gelingt, solange ausreichend Nahrung zur Verfügung steht und die Umgebungstemperatur innerhalb des artspezifischen Wohlfühltemperaturbereichs verbleibt, sodass sich die Individuen akklimatisieren können. Steigt sie darüber hinaus, droht den Organismen der Kreislaufkollaps. Wärmeres Meerwasser speichert zudem weniger Sauerstoff als kaltes Wasser. Das heißt, hitzegeplagte Organismen haben größere Probleme, Wärmestress durch eine erhöhte Atemfrequenz zu mildern. Außerdem nehmen wärmebedingt die Zahl und Größe sauerstoffarmer Zonen in mittlerer Wassertiefe zu, und der biologische Kalender vieler Arten verschiebt sich. Letzteres jedoch auf unterschiedliche Weise, sodass zum Beispiel in der westlichen Ostsee die Phytoplanktonblüte erst nach dem Schlüpfen der Kabeljau- und Heringslarven stattfindet. Der Fischnachwuchs läuft demzufolge Gefahr, zu verhungern.
Im Zuge des Klimawandels verändert sich auch die Meereschemie, weil der Ozean Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnimmt und chemisch bindet. Das Meer versauert im Zuge dessen, was vielen Organismen, insbesondere aber kalkbildenden Lebewesen wie Muscheln, Flügelschnecken und Kalkalgen, das Leben erschwert. Sie müssen viel mehr Energie aufbringen, um ihre schützenden Kalkschalen und -skelette zu bauen und versauerungsbedingte Schäden zu reparieren.
Zu guter Letzt steigen im Zuge des Klimawandels die Meeresspiegel, und die Meereisdecke schrumpft. Beide Entwicklungen haben weitreichende Konsequenzen: Brut- und Nistgebiete in niedrig liegenden Küstengebieten werden überflutet, Mangrovenwälder dauerhaft überschwemmt. Die Bäume sterben infolgedessen. Mit dem Meereis schwindet nicht nur ein zentraler Lebensraum der Polarmeere. Es geht auch die wichtigste Speisekammer verloren, denn die nahrhaften Eisalgengemeinschaften bildeten bislang das Fundament der marinen Nahrungsnetze in Arktis und Antarktis.
4.12 > Infolge der Meereserwärmung verlagern viele marine Arten ihren Lebensraum in kühlere Gewässer – allerdings in unterschiedlichem Maße und Tempo. Das gilt nachweislich auch für den Amerikanischen Hummer, für den Humboldtkalmar sowie für den tasmanischen Zwergkissenstern.
Abb. 4.12: © nach M. L. Pinsky et al., 2020, doi:10.1146/annurev-marine-010419-010916
Abb. 4.14 © Zack Wittman/NYT/Redux/laif

 

4.14 > Sturmschaden: Auch ein Jahr, nachdem der Hurrikan Ian über den US-Bundesstaat Florida hinweggefegt ist, liegt dieses Fischerboot noch immer in einem von Wind und Wellen zerstörten Mangrovenwald. Weil die Wirbelstürme immer stärker werden, steigt auch die Gefahr für Küstenökosysteme wie Mangroven, Salzmarschen und Seegraswiesen.
Die klimabedingte Erwärmung, Versauerung und zunehmende Sauerstoffarmut der Meere verstärken sich in ihren Auswirkungen auf das Leben im Meer gegenseitig und stellen es in zunehmendem Maße auf den Kopf: Bewegliche Arten verlassen ihre angestammten Territorien und wandern polwärts oder in tiefere Wasserschichten ab. Zu den vielen Arten, die vor der zunehmenden Wärme fliehen, gehört zum Beispiel der Kabeljau. Seine Population in der Nordsee schrumpft stetig, während aus Richtung Süden der wärmeliebende Europäische Seehecht (Merluccius merluccius) in die Nordsee einwandert. Seehechte sind gewieftere Jäger als der Kabeljau. Experten gehen deshalb davon aus, dass die Nordsee-Neulinge einen viel größeren Jagddruck auf die einheimischen Beutetiere ausüben werden und durchaus in der Lage sind, das Ökosystem der Nordsee nachhaltig zu verändern.
Am Meeresboden festsitzende Organismen wie Warmwasserkorallen hingegen sterben mit zunehmender Meereserwärmung und -versauerung lokal oder ganz aus – je nachdem, ob Meeresströmungen ihre Eier, Larven oder Jungtiere in neue, geeignete Lebensräume tragen und der Nachwuchs diese auch besiedeln kann. Für Pinguine, Polardorsch, Antarktischen Krill und andere kälteangepasste Lebewesen der Polarmeere schrumpft der verbleibende Lebensraum mit saisonaler Meereisbedeckung und dauerhaft kalten Temperaturen.
Eine besondere Gefahr stellen Extremereignisse wie Meereshitzewellen und schwere Wirbelstürme dar. Ihr Ausmaß und ihre Zerstörungskraft übersteigen schnell jegliche Belastungsgrenzen der Organismen. Extremereignisse können deshalb innerhalb kurzer Zeit immensen Schaden in marinen Lebensgemeinschaften anrichten, vor allem, wenn sie in immer kürzeren Zeitabständen auftreten und den Ökosystemen die Chance nehmen, sich vom vorhergehenden Schock zu erholen.
4.15 > Antarktischer Krill schwimmt an der Unterseite einer Eisscholle, um Eisalgen aus den Ritzen und Kanälen im Meereis zu fischen. Die Leuchtgarnelen gelten als Schlüsselart im Nahrungsnetz des Südpolarmeeres. Sie werden von Pinguinen, Fischen, Walen, Robben und vielen anderen Lebewesen gefressen.
Abb. 4.15: © Flip Nicklin/Minden Pictures/Nature in Stock
Wo Arten verschwinden oder neue Arten einwandern, verändert sich das Gefüge innerhalb der örtlichen Lebensgemeinschaft und damit unter Umständen auch ihre Fähigkeit, bestimmte Ökosystemleistungen zu erbringen. Vor der Küste Japans beispielsweise hat die wärmebedingte Einwanderung algenfressender Rifffische aus tropischen Gewässern zu einem Rückgang der heimischen Tangwälder geführt. Das brachte Nachteile für die vielen Arten mit sich, die bislang von den Großalgenwäldern profitiert hatten. Gleichzeitig ermöglichten die Fische aber die Ansiedlung von Korallen, die vor der Meereserwärmung nur in weiter südlich gelegenen Küstengebieten vorgekommen waren.
Solche dramatischen Veränderungen mariner Ökosysteme haben unmittelbare Auswirkungen auf Menschen, die von ihnen leben. Fischgründe verschieben sich und sind dann vor allem für Kleinstfischer nicht mehr erreichbar. Das gilt insbesondere für tropische und subtropische Gewässer, in deren warmen Wassermassen künftig deutlich weniger Arten überleben werden können als bisher.
In Alaska ist im Jahr 2022 nach einer lang anhaltenden Meereshitzewelle die Fischerei nach arktischen Schneekrabben (Chionoecetes opilio) verboten worden, weil die Bestände im Beringmeer um mehr als 90 Prozent eingebrochen waren. Vor dem Extremereignis hatten die Fischer jährlich Fänge im Wert von 200 Millionen Euro angelandet. Ob dieses Niveau jemals wieder erreicht werden kann, ist ungewiss. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Wassertemperatur des Beringmeeres den arktisch kalten Wohlfühlbereich der Schneekrabben übersteigt, ist mittlerweile 200-mal so hoch wie noch in den 1850er-Jahren. Forschende hatten zudem herausgefunden, dass die Schneekrabben während der Hitzewelle an Futtermangel gestorben waren. Im warmen Wasser hatten sie viel mehr Nahrung gebraucht, als das Ökosystem des Beringmeeres ihnen liefern konnte.
Das Beispiel verdeutlicht: Die Folgen des Klimawandels stellen eine enorme zusätzliche Belastung für die Lebensgemeinschaften des Meeres dar und erschweren uns Menschen, sie nachhaltig zu nutzen und langfristig zu erhalten.
Küsten- und Meeresverschmutzung
Die vom Menschen verursachte Verschmutzung der Meere und Küstengebiete trägt in einem zunehmenden Maße zum Rückgang der marinen Biodiversität bei. Als Verschmutzung gelten heutzutage nämlich nicht nur der Eintrag von Chemikalien, Schlick und schadstoffbelasteten Abwässern, sondern auch die Belastung der marinen Ökosysteme durch künstliches Licht, Arzneimittel, anthropogenen Lärm und Plastikabfälle in ihren vielen Formen. Die Auswirkungen auf die Ökosysteme sind entsprechend vielfältig. Medikamente und Umweltgifte verursachen Fortpflanzungsprobleme und erhöhte Sterberaten. Unter Umständen reduzieren sie auch das Nahrungsangebot für ausgewählte Arten. Künstliches Licht kann nachtaktive Meeresorganismen irritieren. So finden frisch geschlüpfte Meeresschildkröten nicht den direkten Weg ins Meer, wenn in näherer Umgebung des Strandgeleges Lampen leuchten. Vom Menschen verursachter Unterwasserlärm vertreibt Meeresorganismen aus ihren Lebensräumen, erschwert die Jagd, Partnersuche und Kommunikation der Tiere und kann sie im Extremfall verletzen und töten.
Die vielen Millionen Tonnen Plastikabfall im Meer zerstören marine Lebensräume, indem sich die Kunststoffreste dort massenhaft ansammeln. Achtlos entsorgte Fischernetze bergen die Gefahr, dass sich Lebewesen in ihnen verfangen und sterben. Außerdem können Meeresbewohner die Kunststoffreste für Beute halten und diese fressen. Tiere verhungern dann quasi mit vollem Magen. Eine besondere Gefahr geht von Mikroplastikpartikeln aus. Forschende konnten mittlerweile für mehr als 1300 verschiedene Land- und Meerestierarten nachweisen, dass diese Mikroplastikpartikel aufnehmen, darunter sowohl wirbellose Arten und Insekten als auch Fische, Vögel und Säugetiere. Die negativen Folgen dieser Belastung waren auf allen Stufen der biologischen Organisation zu spüren – angefangen von der Zellebene bis hin zum Nahrungsnetz und Ökosystem.

Abb. 4.16 © Aurelie Marrier d’Unienville & Tommy Trenchard/Panos Pictures

 

4.16 > Die Population der afrikanischen Brillenpinguine ist in den zurückliegenden 35 Jahren drastisch eingebrochen. Lebten in den frühen 1990er-Jahren noch rund eine Million Tiere an den Küsten Südafrikas, waren es im Jahr 2023 weniger als 10 000. Gründe sind die Überfischung der Sardinen- und Anchovisschwärme sowie die steigende Anzahl von Überflutungen und Hitzewellen während der Brutzeit. Die Pinguine müssen ihre Nester dann aufgeben.

Größere Schäden, wenn viele Stressfaktoren zusammenkommen

Meereslebewesen sind auf unterschiedliche Weise von menschlichen Aktivitäten und Eingriffen ins Meer betroffen. Die Intensität der einzelnen Stressfaktoren variiert abhängig davon, in welchem Meeresgebiet und in welcher Wassertiefe die Organismen leben. Die Bewohner flacher Küstenmeere beispielsweise bekommen steigende Wassertemperaturen, eine zunehmende Ozeanversauerung und die unmittelbaren Folgen der Meeresverschmutzung viel direkter zu spüren als die Tiefseelebensgemeinschaften fernab der Küsten. Nichtsdestotrotz gilt für den gesamten Lebensraum Ozean: Treten Stressfaktoren gleichzeitig auf, entstehen möglicherweise Wechselwirkungen, im Zuge derer ihre Zerstörungskraft steigt. Die Stressfaktoren verstärken sich demzufolge gegenseitig (Kaskadeneffekt).
Besonders eindrücklich zeigt sich diese verstärkende Wirkung in tropischen Korallenriffen. Riffe, die ohnehin schon durch Wasserverschmutzung und intensive Fischerei geschwächt sind, bleichen in extrem warmen Perioden schneller und großflächiger als Riffe, die keinerlei zusätzlichen Belastungen ausgesetzt sind. Letztere erholen sich auch schneller. Hinzu kommt, dass Riffe in überdüngten Küstengewässern eher Gefahr laufen, von gefräßigen Dornenkronenseesternen (Acanthaster planci) zerstört zu werden. Die von Land eingetragenen Nährstoffe fördern das Wachstum von Mikroalgen. Diese wiederum dienen den Larven des Dornenkronenseesterns in den ersten sechs bis zwölf Lebensmonaten als Futter. Steht dieses in rauen Mengen zur Verfügung, wachsen die vielarmigen Seesterne in großer Zahl heran und machen sich als geschlechtsreife Tiere über die Polypen der Steinkorallen her. Jeder Dornenkronenseestern kann pro Jahr bis zu zehn Quadratmeter Korallenoberfläche zerstören.
4.17 > Mit dem Begriff „Kipppunkt“ beschreiben Fachleute einen Zeitpunkt, an dem die Auswirkungen vieler kleiner Veränderungen oder Stressfaktoren innerhalb eines Systems dazu führen, dass dieses System seine Belastungsgrenze überschreitet. Es verändert sich urplötzlich auf grundlegende Weise und nimmt einen neuen Zustand ein. Eine Rückkehr in den Ursprungszustand ist zumeist ausgeschlossen.
Abb. 4.17: © WWF Living Index Report

Gefährliche Kipppunkte in Reichweite

Der Living Planet Index und andere Indikatoren der globalen Artenvielfalt offenbaren, in welch rasantem Tempo die Erde Wildtiere und -pflanzen verliert – sei es, weil Arten aussterben oder aber ihre Populationen drastisch abnehmen. Im Meer zeigt sich dieser Rückgang besonders auffällig in den weitreichenden Flächenverlusten der Seegraswiesen, Salzmarschen, Tangwälder und Korallenriffe sowie im dramatischen Einbruch der Hai- und Rochenpopulationen. Seit Jahrhunderten durch Menschen gejagt und befischt, sind die Hai- und Rochenbestände seit dem Jahr 1970 nochmals um 71 Prozent zurückgegangen. Mehr als ein Drittel der rund 1200 Arten ist laut Roter Liste vom Aussterben bedroht – ein Desaster ungeahnten Ausmaßes für die Meeresumwelt.
Während menschliche Aktivitäten oftmals Veränderungen der Artenvielfalt im Kleinen hervorrufen, so können diese Eingriffe in der Summe durchaus eine gewaltige Wirkung entwickeln. Diese kann so groß sein, dass die Belastung des betroffenen Ökosystems oder aber des gesamten Meeres einen Schwellenwert erreicht, ab dem sich der ursprünglich vom Menschen getriebene Wandel plötzlich wie von selbst fortsetzt. Daraus resultieren weitere, sehr abrupt auftretende Veränderungen, die zum einen unumkehrbar sein können. Zum anderen ziehen sie meist enorme zusätzliche Risiken für Mensch und Natur nach sich. Fachleute sprechen in diesem Fall vom Erreichen eines Kipppunkts. Gefährdet dessen Überschreiten das Überleben vieler Menschen, Tier- und Pflanzenarten, ist von einem globalen Kipppunkt die Rede.
Zu den prominentesten globalen Kipppunkten gehören das Schmelzen der Eispanzer in Grönland und in der Antarktis, das Versiegen der als Atlantische Umwälzzirkulation bekannten Meeresströmung im Nordatlantik sowie das Auftauen der weltweiten Permafrostböden und die möglicherweise dadurch ausgelöste Freisetzung riesiger Mengen an Kohlendioxid und Methan. Mit Blick auf das Meer käme das weltweite Absterben der tropischen Korallenriffe einem globalen Kipppunkt gleich. Ihr vollständiges Verschwinden würde den Zusammenbruch wichtiger Fischereien nach sich ziehen. Zudem würden viele tropische Inseln und Küstenabschnitte ihre natürlichen Wellenbrecher verlieren – ganz zu schweigen von den Schäden für die Artenvielfalt des Meeres. Tropische Korallenriffe beherbergen schätzungsweise ein Viertel alle bekannten Meeresarten.
Während ein Überschreiten globaler Kipppunkte nur schwer nachzuweisen ist, gibt es mittlerweile vielerlei Hinweise auf lokale oder regionale Kipppunkte. So bleichten im Jahr 2023 während einer außergewöhnlich extremen und lang anhaltenden Meereshitzewelle in der Karibik viele der noch verbliebenen Korallenriffe. Forschende mussten hilflos mit ansehen, wie die betroffenen Steinkorallen in einem viel größeren Ausmaß starben, als es die Korallenfachleute jemals erlebt hatten. Welche weitreichenden Konsequenzen dieses massive Korallensterben für die Artenvielfalt in der Region haben wird, lässt sich aktuell erahnen, allerdings erst in näherer Zukunft belegen. Das liegt unter anderem daran, dass Steinkorallen, die eine Bleiche überleben, mitunter bis zu ein Jahr brauchen, um sich von dem Hitzeschock zu erholen und ihr Wachstum sowie alle fortpflanzungsrelevanten Prozesse wieder anzuschieben. Textende