- Druck aus allen Richtungen
- > Es gibt sie so gut wie nicht mehr, die vom Menschen unberührte Meereswildnis. Ob unter den Schelfeisen der Antarktis oder in entlegenen Tiefseegräben, überall finden sich Spuren menschlicher Aktivitäten – sei es in Form von Lärm, Plastikpartikeln oder steigenden Wassertemperaturen. Das Fatale daran: Die Ansprüche der Menschheit an die Leistungen des Ozeans steigen und mit ihnen die Zahl der bedrohlichen Stressfaktoren für das Leben im Meer.

Störungen und Schäden auf allen Ebenen
Wie jeder Mensch auch brauchen Meeresorganismen sichere Lebensgrundlagen, um gesund aufzuwachsen und sich fortzupflanzen. Dazu gehören in erster Linie ein intakter und unverschmutzter Lebensraum, Umgebungstemperaturen im Wohfühlbereich sowie ausreichend Nahrung. Keiner dieser Grundpfeiler marinen Lebens gilt heute noch als gesichert. Zu folgenreich und schwerwiegend sind die direkten und indirekten Eingriffe der Menschen in den Weltozean.
Zu den wichtigsten direkten Triebkräften des Biodiversitätsrückgangs im Meer zählen die Entnahme von Rohstoffen und Organismen, eine veränderte Nutzung der Küstengebiete und Meere, der Klimawandel und seine Folgen für das Leben im Meer, die Küsten- und Meeresverschmutzung sowie die Einwanderung oder Einschleppung gebietsfremder Arten. Auf indirektem Wege hingegen wirken Faktoren wie das Bevölkerungswachstum, demografische Verschiebungen (Verstädterung, Migration) sowie soziokulturelle, wirtschaftliche, technologische und politische Entwicklungen. Sie beeinflussen, wie wir Menschen Entscheidungen treffen, die sich am Ende auf die Natur und das Leben im Meer auswirken.
Die Übernutzung mariner Ökosysteme in europäischen Gewässern begann bereits im Mittelalter, ausgelöst durch die zunehmende Kommerzialisierung von Gütern, Rohstoffen und Leistungen des Meeres. Später setzte sich diese im Zuge der Kolonialisierung auch in anderen Meeresregionen der Welt fort. Fachleute bezeichnen die Entwicklung heute als Industrialisierung der Ressourcen- und Meeresnutzung. Deren Ausmaß hat seit den 1950er-Jahren rapide zugenommen und ist verantwortlich dafür, dass heutzutage viele der ursprünglichen Meeresökosysteme geschädigt, zerstört oder gänzlich verschwunden sind und die Bestandszahlen ausgesuchter Tierpopulationen seit dem Jahr 1970 um mehr als die Hälfte geschrumpft sind. Die Verluste an mariner Artenvielfalt sind mittlerweile so hoch, dass auch ein globales Massensterben nicht mehr kategorisch ausgeschlossen werden kann.
Fakt ist außerdem, dass unsere Nutzungsansprüche an das Meer und seine Lebensgemeinschaften weiter steigen, ganz ungeachtet aller Arten- und Lebensraumverluste im Ozean. Beispiele für neue oder drastisch zunehmende Nutzungsformen sind die Energiegewinnung auf dem Meer, der Schiffsverkehr sowie die Fisch- und Algenzucht in Aquakultur. Parallel dazu steigen die Belastungen des Meeres mit Müll, Mikroplastik und Schadstoffen.
Einen großen Unsicherheitsfaktor stellen aktuell die Folgen des Klimawandels für das Leben im Meer dar. Diese treiben nicht nur Abertausende Arten in die Flucht, zerreißen Nahrungsnetze oder bringen gewohnte biologische Abläufe zum Erliegen, sie schwächen zusätzlich auch die Gesundheit und Widerstandskraft vieler Meeresorganismen. Weil geschwächte oder gestresste Lebewesen zumeist keine Energie haben, weiteren Störungen standzuhalten, verstärken die Folgen des Klimawandels das Schadensmaß anderer Stressfaktoren. Fachleute sprechen auch von einer Kaskadenwirkung, die entsteht, wenn mehrere Störfaktoren zur gleichen Zeit am selben Ort auftreten und sich gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken.
Eine positive Nachricht gibt es aber doch: In einigen Meeresregionen werden ausgewählte Meeresorganismen und Lebensgemeinschaften mittlerweile systematisch beobachtet und ihr Zustand mithilfe verschiedener Biodiversitätsindikatoren regelmäßig bewertet. Auf diese Weise können Fachleute zum Beispiel überprüfen, ob Maßnahmen zur Reduktion der vielen von Menschen verursachten Belastungen Früchte tragen und sich das Leben im Meer Stück für Stück wieder erholt.
