Vegetationsreiche Küstenökosysteme zu schützen, sie wiederherzustellen und gegebenenfalls zu erweitern, macht immer Sinn – eben weil sie der Natur und Abermillionen Menschen auf so vielschichtige Weise dienen. Dennoch investieren bislang nur wenige Staaten und Firmen in entsprechende Projekte. Viele Initiatoren hoffen deshalb, über den Verkauf sogenannter Blue-Carbon-Emissionszertifikate neue Finanzierungsquellen für ihre Schutz- und Wiederherstellungsmaßnahmen zu erschließen. Der US-amerikanische Computerhersteller Apple beispielsweise arbeitet seit dem Jahr 2018 mit der Umweltschutzorganisation Conservation International und lokalen Küstengemeinden zusammen und investiert in die Wiederherstellung und in den Schutz eines 110 Quadratkilometer großen Mangrovenwaldes in Kolumbien. Im Gegenzug erhält das Unternehmen eine gewisse Anzahl von Emissionsgutschriften, den sogenannten Emissionszertifikaten. Diese repräsentieren eine bestimmte Menge verhinderter Emissionen oder aber vom Mangrovenwald aufgenommener Kohlendioxidmengen, mit denen Apple eine entsprechende Menge seiner schwer vermeidbaren Restemissionen kompensieren will.
Freiwillige und verpflichtende Märkte
Wenn Akteure wie Apple und Conservation International solche Vereinbarungen treffen und Emissionszertifikate ausgestellt werden, dann geschieht dies auf einer der zahlreichen Plattformen oder auch durch bilaterale Transaktionen, die dem „freiwilligen Markt“ zugeordnet werden können. Dieser Markt hat sich ohne gesetzliche Vorgaben zum Emissionsausgleich entwickelt, und die Regeln und Standards für die Kohlendioxid-Verrechnung werden von den Marktteilnehmern selbst definiert. Vereinfacht gesagt kann jeder Akteur Zertifikate ausstellen und diese verkaufen, wenn er denn einen Käufer findet, der ihm vertraut, dass die Gelder tatsächlich in den Schutz, die Wiederherstellung oder Erweiterung der Küstenökosysteme fließen und somit zusätzliches Kohlendioxid langfristig der Atmosphäre entnommen wird. Weiterverkauft werden diese Zertifikate bisher kaum. Im selben Stil funktioniert seit Jahren die Kompensation von Flugmeilen, nur dass deren Zahlungen bislang vor allem in Maßnahmen zur Emissionsvermeidung in Schwellen- und Entwicklungsländern fließen sowie in Wiederaufforstungsmaßnahmen an Land. Und wer im Supermarkt Produkte kauft, die mit dem Begriff „klimaneutral“ für sich werben, kann davon ausgehen, dass die entsprechenden Emissionskompensationen vermutlich ebenfalls über Transaktionen auf dem freiwilligen Markt erfolgt sind.
Die freiwilligen Märkte unterscheiden sich somit grundlegend von den zentral organisierten „verpflichtenden Märkten“. Zu diesen zählen etwa der Europäische Emissionshandel (European Union Emissions Trading System, EU-ETS), in dem die Emissionen von europaweit rund 11 000 Anlagen der Energiewirtschaft und der energieintensiven Industrie erfasst werden. Für sie wird eine bestimmte Anzahl von Emissionszertifikaten ausgegeben, welche die beteiligten Unternehmen dann untereinander handeln. Die Zahl der verfügbaren Zertifikate ist begrenzt und wird mit der Zeit immer kleiner, sodass die Firmen gezwungen sind, entweder ihre Emissionen zu reduzieren oder immer höhere Preise für jede Tonne ausgestoßener Kohlendioxid-Äquivalente zu zahlen (mehr dazu in Kapitel 9). Wichtig an dieser Stelle: Den gelisteten Unternehmen ist es nicht gestattet, Emissionszertifikate aus freiwilligen Märkten in ihrer EU-ETS-Bilanz zu verrechnen.
Regeln gegen das Greenwashing
Für freiwillige Märkte, auf denen Blue-Carbon-Zertifikate ausgegeben werden, existieren bislang keine einheitlich bindenden Vorschriften, Bilanzierungs- oder Kontrollmechanismen. Der Druck, diese einzuführen, steigt jedoch zunehmend, weil sich im digitalen Zeitalter kein Geldgeber leisten kann, in Projekte zu investieren, die am Ende gar nicht, nur unsachgemäß oder zulasten der Umwelt oder aber der lokalen Bevölkerung durchgeführt werden. Entsprechende Investitionen werden als „Greenwashing“ bezeichnet und ziehen einen hohen Imageschaden für den Investor nach sich.
Um dem vorzubeugen, entwickeln verschiedene Firmen und Fachleute derzeit Programme und Rahmenrichtlinien, welche die Ausgabe und den Handel von und mit Emissionszertifikaten auf freiwilligen Märkten transparent und nachvollziehbar gestalten sollen und sicherstellen, dass alle damit verbundenen Maßnahmen auf umwelt- und sozialverträgliche Weise umgesetzt werden. Bestenfalls, so Experten, entstünde am Ende ein Markt mit klaren Regeln und einheitlichen Messverfahren der Kohlendioxid-Entnahme, die einem Missbrauch oder Betrug vorbeugen. So viel Vorsicht ist geboten, denn der Bedarf an Emissionskompensationen steigt stetig. Schätzungen zufolge könnten auf freiwilligen Märkten im Jahr 2030 Emissionszertifikate im Wert von bis zu 50 Milliarden US-Dollar gehandelt werden.
Grundprinzipien für die Vergabe von Emissionszertifikaten
Eines der vorgeschlagenen Regelwerke enthält zehn Grundprinzipien für die Vergabe von Emissionszertifikaten. Entwickelt wurden sie von der Taskforce zur Skalierung freiwilliger Kohlenstoffmärkte. Demnach muss unter anderem sichergestellt werden, dass:
- die erzielte Emissionsvermeidung oder Kohlendioxid-Entnahme tatsächlich „zusätzlich“ erfolgt ist und ohne die jeweilige Maßnahme nicht stattgefunden hätte;
- sie zudem nicht zweifach bilanziert wird, beispielsweise sowohl vom investierenden Unternehmen als auch von der Regierung jenes Staates, in dem die Maßnahme stattfindet;
- Investoren umfassende und für Laien nachvollziehbare Informationen über ihre Emissionskompensationen veröffentlichen, einschließlich der Angaben zu den Auswirkungen der finanzierten Maßnahmen auf die Umwelt und die lokale Bevölkerung;
- die erzielte Emissionsvermeidung oder Kohlendioxid-Entnahme von langer Dauer ist;
- alle ausgegebenen Emissionszertifikate bei einer zentralen Registratur gemeldet werden, sodass sie jederzeit klar identifiziert und ihr Verbleib nachvollzogen werden kann;
- unabhängige Fachleute das Vergabesystem und seine Mechanismen regelmäßig überprüfen und mithilfe wissenschaftlicher Methoden kontrollieren, ob die versprochenen Maßnahmen tatsächlich stattfinden und zur Minderung des Klimawandels beitragen.
Ein kleiner, aber stetig wachsender Markt
Viele Blue-Carbon-Projekte können diese Anforderungen bislang noch nicht erfüllen – etwa, weil es schwierig ist, genau nachzuweisen, wie viel zusätzliches Kohlendioxid der Atmosphäre entnommen wird. Aus diesem Grund ist die Menge der vergebenen Blue-Carbon-Emissionszertifikate auch noch vergleichsweise klein. Im Zeitraum von 2013 bis 2022 wurden auf freiwilligen Märkten Blue-Carbon-Zertifikate über gerade einmal eine Million Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente ausgegeben. Diese Summe entsprach einem Marktanteil von 0,7 Prozent.
Die Zahl der Projekte, die auf eine Vergabe von Blue-Carbon-Zertifikaten hinarbeiten, steigt jedoch stetig. Ausschlaggebend dafür war die Überarbeitung eines Regelwerkes für die Verifizierung von Emissionsvermeidungen und Kohlendioxid-Entnahme durch den Schutz und die (Wieder-)Aufforstung von Wäldern (Verified Carbon Standard REDD+ Methodology Framework). Es enthält jetzt auch Emissionsbilanzierungsvorschriften für Salzmarschen, Seegraswiesen und Mangrovenwälder, die geschützt, wiederhergestellt oder neu angelegt werden. Außerdem versuchen Projektinitiatoren immer häufiger, Investoren zu überzeugen, nicht nur in die Kohlendioxid-Entnahme der Ökosysteme zu investieren, sondern zusätzlich auch in ihre vielen Ökosystemleistungen wie den Küstenschutz und den Erhalt der Artenvielfalt. Damit werden die Projekte auch für jene Geldgeber interessant, die in den Umweltschutz investieren wollen.
Offene Frage: Wem gehören die Salzmarschen & Co?
Ungeklärt ist aber vielerorts, wem die Salzmarschen, Seegraswiesen, Mangroven- oder Kelpwälder gehören, wer über ihre Zukunft entscheiden und womöglich mit ihnen Geld verdienen darf. Ist es die lokale Bevölkerung, deren Verhalten Grundvoraussetzung für den Erhalt der Küstenökosysteme ist, oder dürfen hier regionale, nationale oder gar globale Akteure entscheiden? Und in welchem Umfang müssten diese dann die Küstenbevölkerung einbinden und finanziell beteiligen? Auf diese und viele andere rechtliche und regulatorische Fragen gibt es noch keine einheitlichen Antworten, was Geldgeber bislang davon abhält, flächendeckend in den Schutz und die Wiederherstellung der überlebenswichtigen Küstenökosysteme zu investieren.
Abb. 5.13 > Bevor ein globaler Markt für Blue-Carbon-Emissionszertifikate entstehen kann, müssen soziale und finanzielle Aspekte sowie regulatorische Rahmenbedingungen und Kontrollmechanismen geklärt werden.