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5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck

WOR 5 kompakt

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Über Jahrhunderte konnte der Mensch sich an Sturmfluten und Überflutungen anpassen und entsprechende Schutzbauten entwickeln. Der künftige Verlauf des Meeresspiegelanstiegs aber ist nicht exakt vorhersehbar. Der Küstenschutz muss deshalb flexibler werden, um trotz der Ungewissheit Menschen und materielle Werte zu schützen. Setzte man bisher auf starren Küstenschutz in Form von Deichen und Sperrwerken, so dürfte man künftig vermehrt zu einem adaptiven Küstenschutz übergehen, der verschiedene aufeinander aufbauende Maßnahmen vorsieht und mit dem Fortschreiten des Meeresspiegels mitwächst. Entscheidend dabei ist, dass die verschiedenen Maßnahmen frühzeitig geplant und in einen Fahrplan eingeordnet werden, um jederzeit mit dem Meeresspiegelanstieg Schritt halten zu können. In den Niederlanden gibt es bereits derartige Großprojekte, und auch für den Schutz Londons und der Themsemündung wurde ein Maßnahmenkatalog zum adaptiven Küstenschutz entwickelt. Darüber hinaus fordern Küsten­ingenieure heute verstärkt ein „Bauen mit der Natur“. Dabei will man das Potenzial der Küsten selbst nutzen – etwa durch die Ansiedlung von Austernriffen oder Seegraswiesen oder den Bau von Poldern, in denen sich artenreiche Salzwiesen entwickeln können. Auch gilt die Devise, dass man lernen muss, mit dem steigenden Wasser zu leben – etwa indem man schwimmende Häuser errichtet. Küstenschutz kann zudem mit anderen Funktionen kombiniert werden und sich zugleich naturnah gestalten lassen. So werden in den Niederlanden bereits Parkhäuser entlang der Küste gebaut, die man anschließend mit Sand bedeckt und bepflanzt, um so künstliche Schutzdünen zu schaffen. Trotz aller Maßnahmen wird man künftig bei steigendem Meeresspiegel nicht alle Küsten weltweit retten können. Die Regierungen von Inselstaaten wie etwa Kiribati versuchen daher schon heute, einen geordneten Rückzug vorzubereiten – etwa durch Bildungsprogramme, die die Bevölkerung in die Lage versetzen soll, auch für ausländische Arbeitsmärkte interessant zu sein. Dadurch hätten die Menschen die Möglichkeit, sich in anderen Ländern eine Existenz aufzubauen, ehe sie zu mittellosen Klimaflüchtlingen werden.
Zu allen durch menschliche Übernutzung und durch Klimaerwärmung verursachten Belastungen kommen Natur-gefahren wie etwa Erdbeben, Hangrutschungen oder Tsunamis hinzu. Zwar gab es diese Bedrohungen schon früher, da die Küsten heute aber dichter denn je besiedelt sind, ist das Schadensausmaß deutlich größer als zuvor. Daher versucht man heute, mithilfe ausgeklügelter Frühwarnsysteme die Menschen vor diesen Naturgefahren zu schützen. Besonders die USA und Japan haben diesbezüglich seit Mitte des vorigen Jahrhunderts eine Vorreiterrolle übernommen. Die schweren Tsunamis von 2004 im Indischen Ozean und 2011 in Japan führten dazu, dass die Tsunamiforschung und -frühwarnung noch stärker ausgebaut wurden, sodass heute in allen besonders gefährdeten Meeresgebieten leistungs­fähige Warnsysteme vorliegen. Einen hundertprozentigen Schutz vor diesen Naturgefahren aber kann es nicht geben. Die Küsten der Welt sind vielfach bedroht – heute am stärksten durch die Übernutzung durch den Menschen. Damit stellt sich die Frage, wie es künftig gelingen kann, ein schonendes Management der Küsten zu erreichen und Nutzungskonflikte, die sich durch entgegenstehende Interessen ergeben, von vornherein zu vermeiden. Ein wichtiger Lösungsansatz ist dabei das Integrierte Küstenzonenmanagement (Integrated Coastal Zone Management, ICZM), für das es auf regionaler Ebene durchaus schon erfolgreiche Beispiele gibt. So gibt es ICZM-Prozesse, in denen etwa Konflikte zwischen Naturschutz und Tourismus vermieden oder nachhaltige Küstenfischereien etabliert werden konnten. Bekannt sind Fälle, in denen Meeresgebiete von Behörden unter Schutz gestellt wurden, ohne vorher die vor Ort ansässigen Fischer in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. Die betroffenen Fischer wiederum akzeptierten die Fischereiverbote in ihren Revieren vielfach nicht und fischten weiter. In ICZM-Prozessen aber finden die Fischer Gehör, zudem können sie eigene Vorschläge einbringen.
So wurden beispielsweise im indopazifischen Raum Schutzgebiete etabliert, in denen der Fischfang in Teilbereichen erlaubt ist oder vor Ort durch die Fischer selbst schonend organisiert wird, in sogenannten lokal verwalteten Meeresgebieten. Erstrecken sich wichtige Küstengebiete über Staatsgrenzen, werden zusätzlich internationale Abstimmungen nötig, wie etwa bei den Large Marine Ecosystems (LMEs,) großen küstennahen Meeresökosystemen, die sich durch eine typische Flora und Fauna auszeichnen. So ist es zum Beispiel den Anrainern des LME im Golf von Bengalen gelungen, gemeinsame Maßnahmen zur Bekäm­pfung der Überfischung und der Meeresverschmutzung zu verabschieden. Nicht zuletzt spielen die Küsten der Welt auch in kultureller und ästhetischer Hinsicht eine besondere Rolle. Sie sind Orte der Erholung und bedeutende Reiseziele. Für viele Menschen und Kulturen haben sie bis heute nicht nur einen direkten Nutzen, sondern auch einen spirituellen Wert. Eine rein ökonomische Betrachtung der Küsten und ihrer Öko­systemleistungen, die sie für den Menschen erbringen, wird der tatsächlichen Bedeutung der Küsten daher nicht immer gerecht. Textende

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