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5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck

WOR 5 kompakt

> Der WOR 5 konzentriert sich auf den Lebensraum Küste und wie in Zukunft mit dem steigenden Druck auf diesen Lebensraum umgegangen werden kann. Ist das Auftreten von Naturkatastrophen wie Tsunamis und Erdbeben nur schwer zu beeinflussen, so hat der Mensch beim Klimawandel die Möglichkeit gegenzusteuern. Für eine schonende Nutzung und einen zukünftigen besseren Küstenschutz gibt es schon heute vielfältige Ansätze und Ideen. Wichtig dabei ist allerdings, nicht nur die verschiedenen Nutzungsinteressen zu berücksichtigen die heute existieren, sondern Maßnahmen zu ergreifen, die auf einen nachhaltigen Umgang mit unseren Küsten auch in der Zukunft abzielen.
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Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck

Küsten sind ein besonderer Lebensraum. Sie sind der Übergangsbereich zwischen Land und Meer, werden von beiden Sphären beeinflusst und sind ausgesprochen vielgestaltig. Ist die Nordküste der französischen Bretagne durch Felsen geprägt und von zahlreichen Buchten eingeschnitten, erstrecken sich in Namibia die hohen Dünen der Wüste Namib bis an den Atlantik. In Sibirien wiederum besteht die flache Küste aus Permafrost, metertief gefrorenem Boden. So unterschiedlich die Gestalt der Küsten ist, so viel­fältig sind die Leistungen, die sie für den Menschen erbringen. Sie bieten wichtige Transportwege und Industriestandorte, sind ein bevorzugtes Erholungs- und Tourismusgebiet oder Rohstoffquelle für Mineralien und fossile Rohstoffe. Für den Menschen waren und sind Küsten deshalb als Siedlungsraum besonders beliebt. Seit Jahrzehnten nimmt die Bevölkerung in vielen Küstengebieten zu. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen leben heute rund 2,8 Milliarden Menschen in einem Abstand von maximal 100 Kilometern zur Küste. Von den weltweit 20 Megastädten mit jeweils mehr als 10 Millionen Menschen liegen 13 in Küstennähe. Dazu zählen die Städte beziehungsweise Ballungszentren Mumbai (18,2), Dhaka (14,4 Millionen), Istanbul (14,4), Kalkutta (14,3) oder Peking (14,3). Nach Meinung vieler Experten wird die Verstädterung der Küstengebiete in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Man schätzt, dass 2060 etwa 1,4 Milliarden Menschen in den niedrig gelegenen Küstenzonen leben werden, die nur bis zu maximal 10 Meter über dem Meeresspiegel liegen. Küsten sind letztlich im Vergleich zur gesamten Landmasse nur ein schmaler Saum, in dem das Land auf das Meer trifft. In vielen Fällen berücksichtigt der Mensch bei der Besiedlung nicht, dass dieser Saum einem ständigen natürlichen Wandel unterworfen ist – und dass durch ­diese Veränderungen im Laufe der Zeit auch Siedlungs­gebiete des Menschen zerstört werden können. Dieser Wandel geht unterschiedlich schnell vonstatten: im Laufe von Jahrmillionen durch die Plattentektonik, durch die die Gestalt der Erdoberfläche und der Kontinente permanent verändert wird; im Rhythmus von mehreren Zehntausend Jahren durch den Wechsel von Warm- und Eiszeiten – und in den vergangenen Jahrhunderten insbesondere auch durch die Besiedlung durch den Menschen. In geologisch relativ kurzen Zeiträumen verändert vor allem die Schwankung des Meeresspiegels die Gestalt der Küsten stark.
Da während einer Eiszeit viel Wasser in Form von Eis und Schnee an Land gebunden ist und nur wenig Wasser vom Land ins Meer abfließt, sinkt der Meeresspiegel. Während der letzten Eiszeit vor rund 20 000 Jahren lag er um etwa 120 Meter tiefer als heute. Viele Gebiete, die heute überflutet sind, lagen damals trocken, und die aus dem Wasser ragende Landmasse war insgesamt etwa 20 Millionen Quadratkilometer größer als heute. Seit etwa 6000 Jahren hat sich der Meeresspiegel kaum verändert. Durch den vom Menschen verursachten Treibhauseffekt aber steigt er seit mehreren Jahrzehnten wieder stärker an, zuletzt um durchschnittlich 3 Millimeter pro Jahr. Es droht die Gefahr, dass ganze Inselstaaten oder tief liegende Küstengebiete künftig überflutet werden – beispielsweise in Bangladesch, das nur knapp über dem heutigen Meeresspiegel liegt. Je nach Gestalt der Küste haben sich im Laufe der Zeit ganz unterschiedliche Lebensräume entwickelt. Wo Flüsse große Mengen an Nährstoffen und Sediment in die Küstengewässer tragen, gibt es heute je nach klimatischen Bedingungen und vorherrschender Strömung ausgedehnte Flussdeltas mit weiten Sandbänken, Wattengebiete oder Salz- marschen. Solche Küstengebiete sind wegen des starken Eintrags an Nährstoffen oftmals besonders produktiv und reich an Fischen. Zu den Flüssen, die besonders viel Sediment ins Meer tragen, gehört unter anderem der Mississippi, in dessen Mündungsbereich sich ein großes Delta entwickelt hat. Rekordhalter aber ist der Ganges: Rund 3,2 Milliarden Tonnen Material trägt dieser jährlich aus dem Himalajahochland ins Meer. Andere Küsten hingegen sind eher karg und felsig, etwa die Kalksteinküste Kroatiens. Dort gelangen nur wenige Nährstoffe ins Meer. Auch tropische Korallenriffe findet man vor allem dort, wo von Landseite aus kaum Nährstoffe und Sediment ins Meer fließen.
Die Küstengebiete der Welt werden heute intensiv genutzt. Sie liefern einen Großteil des weltweit wild gefangenen Fischs. So finden 90 Prozent der globalen Fischerei in Küstengewässern statt. Von großer wirtschaftlicher Bedeutung ist auch die Förderung von Erdgas und Erdöl in küstennahen Gebieten. Obwohl beide Rohstoffe heute noch vor allem an Land gefördert werden, ist der Anteil aus dem Meer (Offshore-Gas und -Öl) beachtlich. So trägt Offshore-Öl mit etwa 40 Prozent und Offshore-Gas zu etwa 30 Prozent zur jeweiligen globalen Förderung bei. Die Küstengewässer sind in den vergangenen Jahren verstärkt für die Erzeugung von Strom aus Windenergie interessant geworden. Die Zahl der Offshore-Windräder hat sich deutlich erhöht, sodass weltweit Ende 2015 Offshore-Windräder mit einer Gesamtleistung von gut 12 000 Megawatt in Betrieb waren, was in etwa der Leistung von 24 Atomreaktoren entspricht. Eine weitere Ressource, die die Küsten liefern, sind die mineralischen Rohstoffe, zu denen vor allem Sand und Kies zählen. Sie werden für die Betonherstellung, als Füllsand auf Baustellen oder zum Aufspülen neuer Hafen- und Wirtschaftsflächen an der Küste genutzt. Das größte Sandabbaugebiet befindet sich an der Küste von Marokko. Dünen werden dort in großem Stil mit Radladern abgebaggert, sodass die Küste in manchen Regionen einer Mondlandschaft gleicht. Vielerorts nutzt der Mensch die Küsten heute über deren Belastungsgrenzen hinaus, wobei der Druck auf diese Lebensräume mannigfaltig ist. Aus ungeklärten Abwässern, aus intensiv gedüngten Agrargebieten oder aus der Aquakultur gelangen sehr viele Nährstoffe ins Meer, es kommt zur Eutrophierung und zu starken Algenblüten. Auch Schadstoffe, die aus industriellen Prozessen in die Küsten­gewässer gelangen, stellen eine Bedrohung dar. Dazu zählen schwermetallhaltige Verbindungen oder langlebige ­chemische Substanzen, die sich in der Nahrungskette an­reichern und Krankheiten wie Krebs auslösen können. Ein Beispiel sind die polyfluorierten Verbindungen, die seit Jahren für alltägliche Produkte wie Outdoorbekleidung oder Pfannenbeschichtungen verwendet werden. Auch der Plastik­abfall, der auf vielen verschiedenen Wegen ins Meer gelangt, stellt ein Problem dar, das aktuell stark diskutiert wird. Meerestiere oder Seevögel verschlucken die Plastikteile und sterben daran. Darüber hinaus zerfällt das Plastik in mikroskopisch kleine Bruchstücke, das Mikroplastik, das sich mittlerweile weltweit in den Meeren nachweisen lässt. Inwieweit Tiere es aufnehmen und wie gefährlich es ist, wird derzeit wissenschaftlich untersucht. Die globale Plastikproduktion nimmt seit Jahren zu. Allein zwischen 2005 und 2015 stieg sie um über 90 Millionen Tonnen von 230 auf mehr als 320 Millionen Tonnen. >
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