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5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck

Küsten unter Druck

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Doppelt bedroht – durch Regen und Sturmflut

Ein anderes Beispiel für eine sinkende, von Überschwemmungen geplagte Küstenmetropole ist die philippinische Hauptstadt Manila. Sie ist gleichermaßen durch starke Regenfälle und sturmbedingte hohe Wasserstände des Meeres bedroht. Zwischen 1900 und 2013 sind Teile Manilas um 1,5 Meter abgesunken. Bis zum Jahr 2025 rechnet man mit einem weiteren Absinken um etwa 40 Zentimeter. Das ist beängstigend, weil Manila in einem Gebiet liegt, das oft von Taifunen, großen Wirbelstürmen, heimgesucht wird. Sie bringen große Mengen an Regen mit sich und wühlen das Meer so stark auf, dass große Brandungswellen entstehen. Ein Wirbelsturm katastrophalen Ausmaßes war 2009 der Taifun Ketsana. Durch den Regen und die Sturmflut stand das Wasser in manchen Vierteln Manilas 2 Meter hoch.
Dass von Überschwemmungen zunehmend auch Küstenmetropolen betroffen sind, die nicht nennenswert absinken, zeigt das Beispiel Mumbai. Eine Überschwemmung von großem Ausmaß traf die indische Megacity am 26. Juli 2005. Innerhalb von 24 Stunden fielen beinahe 950 Millimeter Regen. Das entspricht in etwa der Gesamtmenge, die in Mumbai normalerweise während des ganzen Monats Juli fällt. Allein in der Stunde von 15.30 bis 16.30 Uhr waren es 190 Millimeter. Da zur selben Zeit die Flut im Meer einen relativ hohen Wasserstand erreichte, konnte das Regenwasser kaum abfließen und staute sich in den Zuflüssen und insbesondere im Fluss Mithi, der durch die Stadt fließt. Waren bei bisherigen Überschwemmungen meist nur die Siedlungen am Stadtrand betroffen, so traf es diesmal auch die Innenstadt. Innerhalb kürzester Zeit stieg das Wasser dort um mehr als 1 Meter an. Straßen, Läden, Bürogebäude wurden überschwemmt, und der Verkehr kam völlig zum Erliegen. Am Ende waren 22 Prozent der Fläche Mumbais über­flutet. Die traurige Bilanz der Überschwemmung an diesem Tag: über 400 Tote und rund 100 000 stark beschädigte Wohn- und Geschäftsgebäude. 30 000 Kraftfahrzeuge waren schrottreif.
Die Analyse der Ereignisse machte deutlich, dass die Überschwemmung in Mumbai deswegen ein solches Ausmaß erreichen konnte, weil große Flächen der natürlichen Überschwemmungsflächen entlang der Flüsse nach und nach versiegelt worden waren, teils durch den Bau informeller Siedlungen, teils durch offizielle Projekte wie den Ausbau des Flughafens. Auch waren viele Wasserläufe mit Abfällen und Bauschutt verstopft, sodass der Abfluss des Regenwassers behindert wurde. Andernorts waren Regenwasserkanäle schlecht gewartet, die Ufer abgerutscht und Betonwände eingestürzt.

Hausgemachte Probleme auch in den USA

Im weltweiten Vergleich von Küstenmetropolen wird deutlich, dass heute vor allem Megacitys in Schwellenländern von Überschwemmungen betroffen sind. Experten führen das darauf zurück, dass bei der Planung von Bauten erforderliche Standards nicht immer berücksichtigt werden – insbesondere im Hinblick auf eine vorausschauende Bebauungsplanung, Katastrophenvorsorge und funktionierende Infrastruktur, zu der unter anderem Flutrinnen, eine funktionierende Kanalisation, Deiche und Schutzwände zählen. Andererseits haben durchaus auch Großstädte in den Industrienationen mit dem Absinken zu kämpfen. Das zeigt sich zum Beispiel im Großraum New Orleans, in dem etwa 1 Million Menschen leben.
New Orleans liegt im US-Bundesstaat Louisiana direkt im Mississippidelta. Die Stadt ist zwischen 1900 und 2013 bereits um gut 1 Meter abgesunken und sackt jedes Jahr um weitere 6 bis 26 Millimeter ab. Gründe dafür gibt es gleich mehrere. Wie in anderen betroffenen Küstenmetropolen auch trägt die Entnahme von Grundwasser zum Absinken bei. In welchem Maß, ist allerdings sehr schwer abzuschätzen, denn aufgrund der besonderen Bodenbeschaffenheit in New Orleans tritt noch ein weiteres Phänomen zutage. Sinkt nämlich das Grundwasser ab, gelangt Luftsauer­stoff in tiefere Schichten, wodurch dort ansässige Bodenbakterien aktiv werden. Diese bauen das im Boden enthaltene organische Material ab. Da der Boden große Mengen an organischem Material enthält, das im Laufe der Jahrhunderte durch den Mississippi ins Delta getragen wurde, werden durch die Bakterien entsprechend große Mengen abgebaut. Dieser Verlust an organischer Substanz trägt erheblich zum Ab­sinken bei.
Zusätzlich hat in der Region um New Orleans die Förderung von Erdöl und Erdgas und das damit einher-gehende Leeren der Lagerstätten den Boden absacken lassen. Nicht zu unterschätzen ist auch der Verlust von Sediment, das früher durch den Mississippi ins Delta transportiert wurde. Weil der Mississippi durch zahlreiche Staustufen gebremst wird, trägt er heute deutlich weniger Sediment ins Meer. Die im Delta lagernden alten Sedimentpakete sind so schwer, dass das Delta auf natürliche Weise langsam absinkt. Wurde dieses Absinken früher durch frisches Sediment aus dem Mississippi ausgeglichen, so reicht die heute deutlich verringerte Sedimentfracht bei Weitem nicht mehr aus, dieses Absinken zu kompensieren.
2.34 > Hurrikan Katrina traf Ende August 2005 den Südosten der USA. Spuren der Verwüstung waren auch Monate danach noch zu sehen.
Abb. 2.34: Hurrikan Katrina traf Ende August 2005 den Südosten der USA. Spuren der Verwüstung waren auch Monate danach noch zu sehen. © Stanley Greene/Noor
Diese Probleme waren seit Jahrzehnten bekannt, ebenso wie die Tatsache, dass New Orleans schon bei mäßig starken Stürmen für Überschwemmungen anfällig ist. Zuletzt hatten Experten 2003 in einer Fachzeitschrift vor den Folgen schwerer Hurrikans gewarnt, die am Golf von Mexiko in den Sommermonaten häufig die Küste bedrohen. Die bestehenden Hochwasserschutzanlagen seien zu niedrig, andere schlecht konstruiert, gewartet oder gebaut, hieß es darin. Tatsächlich hatten die Behörden ein Hurrikan-Schutzsystem geplant, das allerdings aus Geldmangel nicht gebaut worden ist. Nach Ansicht von Experten hätte aber selbst dieses Schutzsystem versagt, weil es nach veralteten und zu niedrigen Bemessungs­kriterien errichtet worden wäre.
Damit war New Orleans relativ schlecht geschützt, als der besonders starke Hurrikan Katrina Ende August 2005 auf die Stadt traf. Er ließ das Wasser an der Küste um 7 Meter ansteigen. In der Folge brachen die Deiche an etwa 50 Stellen. Die Stadt, die in einer Senke liegt, lief voll. Erst danach hat man reagiert und den Bau eines modernen und leistungsfähigen Hochwasserschutzsys­tems beschlossen, das Hurricane and Storm Damage Risk Reduction System (HSDRRS, System zur Verringerung des Hurrikan- und Sturmschadenrisikos). Dieses wurde im Jahr 2011 fertiggestellt. Dazu gehören höhere und widerstandsfähigere Deiche und Hochwasserschutzwände sowie Sperren und Notfallpumpen an den Enden der Ablaufkanäle, die New Orleans entwässern. Mit diesen Maßnahmen konnte das Risiko großer Überschwemmungen deutlich reduziert werden.
Des Weiteren haben die US-Behörden 2012 einen Masterplan zum Schutz des Deltas verabschiedet, mit dem nicht nur die Stadt New Orleans, sondern die ganze Deltaregion künftig vor Hurrikans und insbesondere Überflutungen geschützt werden soll. Durch ein ganzes Bündel von Maßnahmen, etwa durch Baggerarbeiten oder das Umpumpen von Sediment, soll das Delta im Laufe der nächsten 50 Jahre wieder wachsen. Gut 700 Quadratkilometer Delta sollen so neu geschaffen werden. Hinzu sollen 500 Quadratkilometer an Salzwassermarschen kommen, die bei Stürmen und Hurrikans die Gewalt der Brandung dämpfen sollen.

Das Versinken stoppen

Dass sich das Absinken einer Stadt durch entsprechende Maßnahmen stoppen lässt, zeigen die Beispiele Tokio und Shanghai. Nachdem Teile der japanischen Stadt seit 1900 um rund 4 Meter abgesunken waren, entschied man bereits Ende der 1960er-Jahre, die Entnahme von Grundwasser stark einzuschränken. Daraufhin füllten sich die Grundwasser führenden Bodenschichten langsam wieder auf, sodass das Absinken bereits gegen Mitte der 1970er-Jahre gestoppt werden konnte. Vor ähnlichen Problemen stand die chinesische Metropole Shanghai. Dort wurde nicht nur die Entnahme von Grundwasser stark reglementiert, sondern darüber hinaus eine Pumpentechnologie eingesetzt, mit der die Grundwasserspeicher schneller wieder mit Wasser aufgefüllt werden konnten.

Abb. 2.35: In den vergangenen 40 Jahren hat sich das Perl­flussdelta in China von einer landwirtschaftlichen zu einer hoch industriellen und bevölkerungsreichen Region ent­wickelt. Der linke Teil der Fotomontage ist eine Satellitenaufnahme aus dem Jahr 1979, der rechte stammt aus dem Jahr 2003. Rote Bereiche umfassen die Vegetation, graue die Bebauung. Blau erkennbar sind Wasserverläufe. © [M] mare, Fotos: © NASA image created by Jesse Allen Landsat 3 MSS data provided by the University of Maryland’s Global Land Cover Facility. Landsat 7 ETM+ data provided courtesy of the Landsat Project Science Office, NASA/ GSFC

2.35 > In den vergangenen 40 Jahren hat sich das Perl­flussdelta in China von einer landwirtschaftlichen zu einer hoch industriellen und bevölkerungsreichen Region ent­wickelt. Der linke Teil der Fotomontage ist eine Satellitenaufnahme aus dem Jahr 1979, der rechte stammt aus dem Jahr 2003. Rote Bereiche umfassen die Vegetation, graue die Bebauung. Blau erkennbar sind Wasserverläufe.

Der größte Ballungsraum der Erde

Die Bebauung und Besiedlung der Küstengebiete ist die wohl augenfälligste Veränderung dieser Lebensräume. In vielen Fällen wurden und werden durch Baumaßnahmen artenreiche Feuchtbiotope wie Wattflächen und Salz­wiesen, Marschen und Torfböden entwässert und unwiederbringlich zerstört. Ein extremes Beispiel für diese Verstädterung in küstennahen Feuchtgebieten ist das ­Perlflussdelta in der Mitte der Küstenprovinz Guangdong im Süden Chinas. Hier liegt ein riesiger Ballungsraum, der aus elf Städten gebildet wird, zu denen auch Hongkong und Macau gehören. Die gesamte Region ist mit einer ­Fläche von knapp 40 000 Quadratkilometern fast so groß wie die Niederlande.
Die Region umfasst mehrere Sonderwirtschaftszonen und hat seit den 1970er-Jahren einen rasanten wirtschaftlichen Aufstieg erfahren. Damals noch durch kleinere ­Dörfer und ausgedehnte Feuchtgebiete geprägt, nahm der zunehmend urbane Raum im Delta im Jahr 2000 durch das Zusammenwachsen der Städte bereits 3500 Quadratkilometer ein, was in etwa der vierfachen Fläche Berlins entspricht. Heute beträgt die trockengelegte Fläche sogar circa 4500 Quadratkilometer, und die Bevölkerungsdichte ist enorm. So leben im Perflussdelta derzeit mehr als 60 Millionen Menschen – etwa 3,5-mal mehr als in den für europäische Verhältnisse dicht besiedelten Niederlanden. Damit hat es sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum bevölkerungsreichsten Ballungsraum der Erde entwickelt. Experten gehen davon aus, dass das Wachstum in dieser Region weiter anhält und das Perlflussdelta bis 2030 Heimat von etwa 100 Millionen Menschen sein wird.
Mit der Trockenlegung und Bebauung der Feuchtgebiete ist auch der Lebensraum vieler Amphibien und Vögel verschwunden. Ferner hat die Verschmutzung der Gewässer dazu geführt, dass heute rund 90 Fischarten in dem Gebiet bedroht sind. Außerdem führen viele Flussarme in der Re­gion vor allem während der trockenen Monate weniger Wasser, da für die Gewinnung von Trinkwasser und für die Stromerzeugung viele Staudämme und Kraftwerke errichtet wurden. Insgesamt gelangt so deutlich weniger Süßwasser ins Delta, und Meerwasser kann bei hohen Wasserständen wie etwa Springtiden oder Sturmfluten tiefer in das Delta eindringen. Pflanzen und Tiere, die nicht an Brackwasser beziehungsweise höhere Salzgehalte angepasst sind, ziehen sich aus den betroffenen Bereichen zurück. Der Lebensraum verändert sich massiv.
Abb. 2.36: Der Chinesische Stör Acipenser sinensis gilt als akut vom Aussterben bedroht. © efishalbum.com

2.36 > Der Chinesische Stör Acipenser sinensis gilt als akut vom Aussterben bedroht.
Der Bau von Dämmen hat auch dazu geführt, dass die Wanderrouten mancher Fischarten zwischen Meer und Laichgebieten flussaufwärts unterbrochen worden sind, und er hat – nach Meinung der Experten – maßgeblich zum Zusammenbruch der Bestände des bedrohten Chinesischen Störs Acipenser sinensis beigetragen. Die Gewinnung von Sand und Steinen für Baumaßnahmen stellen einen weiteren extremen Eingriff in die Natur dar. Mit Baggern und Spezialschiffen wird das Baumaterial aus den Flussbetten geholt. Dadurch verändern sich die dortigen Strömungsverhältnisse, was wiederum zu Veränderungen in der Zusammensetzung der Arten führt. Auch verlieren viele Wasserorganismen durch die Baggerarbeiten ihre Brut- und Laichplätze.

Zusatzinfo Verbau einer Lebensader

Große Geschäfte, auf Sand gebaut

Sand und Mineralien werden nicht nur in China gewonnen, sondern in vielen Regionen der Erde. Nach Schätzungen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (United Nations Environment Programme, UNEP) werden jährlich weltweit zwischen 47 und 59 Milliarden Tonnen Mineralien abgebaut, wovon Sand, Kies und Schotter zwischen 68 und 85 Prozent ausmachen. Da die Zahlen nicht einheitlich erfasst werden, können die Mengen nur relativ grob geschätzt werden. Allein für die Zementindustrie werden zwischen 25 und 30 Milliarden Tonnen Sand benötigt. Dieser gigantische Bedarf geht aber vielerorts mit bedeutenden Eingriffen in die Landschaft einher. Daher wird der Abbau in vielen Regionen auch sehr kritisch gesehen. In Südafrika etwa wird Dünensand für die Bauindustrie gewonnen. Kritiker fürchten, dass die Küsten dadurch weniger gut geschützt sind, weil Dünen ein natürliches Bollwerk gegen die Meeresbrandung darstellen. In Indien protestieren Fischer gegen den Sandabbau an Stränden. Sie kritisieren, dass durch die aufgewirbelten Schwebstoffe Fische vertrieben werden. Für die Kleinfischer könnte das den Verlust ihrer Arbeit bedeuten.

Lebensraum Seegraswiese
Seegraswiesen sind charakteristische pflanzliche Lebensgemeinschaften auf Sandböden in küstennahen Gewässern und in Wattenmeeren. Seegrasgewächse wachsen länglich und krautartig und ähneln damit den Gräsern an Land, sind mit diesen aber nicht näher verwandt. Seegraswiesen sind bedeutende Lebensräume, weil in ihnen Jungfische Schutz vor Feinden und Nahrung finden. Verschiedene Fischarten legen ihre Eier direkt an Seegraspflanzen ab, weshalb Seegraswiesen auch als Kinderstube der Fische bezeichnet werden. Darüber hinaus sind Seegräser als Nahrung für Zugvögel von Bedeutung – beispielsweise für die Ringelgänse während ihres Herbstzuges durch das westeuropäische Wattenmeer.

Zusatzinfo Rifffischerei am Limit – der Spermonde-Archipel

Auch in Indonesien und Kambodscha hat die Entnahme großer Sandmengen – vor allem für den Export nach Singapur – zu starken Zerstörungen der Küste geführt, sodass die Regierung von Indonesien die Ausfuhr von Sand 2008 ganz verboten und die Regierung von Kambod­scha 2009 den Export offiziell deutlich eingeschränkt hat. In Kambodscha geht der Sandabbau trotzdem im großen Stil weiter. Kambodschanische Naturschutzverbände weisen darauf hin, dass Sand zum Teil von mafiösen Gruppen gehandelt wird. Eine Kontrolle durch kambodschanische Behörden finde nicht statt, so die Kritik. Inwieweit die Regierung unter der Hand Lizenzen für diesen Abbau vergeben hat oder Korruption von Beamten im Spiel ist, bleibt offen. Der Sand wird unter anderem in einem Küstenschutzgebiet in der Region Koh Kong westlich der Hauptstadt Phnom Penh mit Saugbaggern abgebaut. Dadurch werden Mangroven und Seegraswiesen zerstört – wichtige Lebensräume für die Dugongs, eine Seekuhart.
Der südostasiatische Stadtstaat Singapur wiederum ist ein Extrembeispiel für Sandimport. Singapur ist eine Insel und benötigt permanent Sand für die Erweiterung des Stadtgebiets. Zwischen 1995 und 2014 wurden rund 500 Millionen Tonnen Sand importiert – zu einem großen Teil aus den Ländern Indonesien und Kambodscha. Seit den dort erlassenen Exportbeschränkungen sei Sand illegal nach Singapur eingeführt worden, sagen die kambodschanischen Naturschutzverbände.

Übernutzte Fischreviere

Besonders deutlich wird die Übernutzung der Küsten bei der Fischerei. Den Meeren wird nicht nur zu viel Fisch entnommen, sondern es werden auch Meereslebensräume zerstört wie beispielsweise Korallenriffe. Der Mensch entnimmt dem Meer mehr Fisch als nachwachsen kann, sodass die Bestände mit der Zeit abnehmen. Zwar lässt sich nicht exakt beziffern, wie stark Küstengebiete überfischt sind, da die Welternährungsorganisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) nicht im Detail zwischen Küstenfischerei und Fischerei auf hoher See unterscheidet. Doch da die Küstengewässer weltweit die produktivsten Meeresregionen sind, liefern sie zweifellos die größte Menge an Fisch und werden nach Einschätzung von Fischereiexperten auch am intensivsten befischt. Nach aktuellen Angaben der FAO sind weltweit gut 30 Prozent aller kommerziell genutzten Bestände überfischt. Angesichts der 38 Millionen Fischer weltweit ist dieser Umstand mehr als bedenklich, da viele ihre Arbeit oder Nahrungsquellen verlieren könnten. Insbesondere die Kleinfischerei, von der etwa 20 Millionen Fischer allein in Entwicklungsländern leben, wo sie einen wesentlichen Beitrag zur Ernährung und zum Lebensunterhalt der Küstenbevölkerung leistet, ist gefährdet. In den Tropen wird die Kleinfischerei vor allem in Korallenriffen betrieben. Man schätzt die Zahl der Korallenrifffischer auf etwa 6 Millionen, wovon allein auf Indonesien 1,7 Millionen, auf Indien rund 950 000 und auf die Philippinen rund 910 000 Fischer entfallen. Etwa die Hälfte der 6 Millionen Fischer taucht vor allem nach Seegurken. Diese wurstförmigen Stachelhäuter sind mit den Seesternen verwandt und werden insbesondere nach Hongkong exportiert, wo die getrockneten Tiere als Arznei geschätzt und gehandelt werden. In vielen Gebieten wird die Korallenrifffischerei heute nicht nachhaltig betrieben. Zum einen werden die Bestände überfischt, zum anderen die Riffe auf verschiedene Art geschädigt. Das ist tragisch, weil die Menschen sich damit langfristig ihre Lebensgrundlage zerstören.
2.38 > Besonders viele Rifffischer gibt es in Südostasien, vor allem in Indonesien. Den größten Anteil an der ländlichen Küstenbevölkerung stellen sie hingegen auf den Inseln im Westpazifik, da es dort kaum alternative Arbeitsmöglichkeiten gibt.
Abb. 2.38: Besonders viele Rifffischer gibt es in Südostasien, vor allem in Indonesien. Den größten Anteil an der  ländlichen Küstenbevölkerung stellen sie hingegen auf den Inseln im Westpazifik, da es dort kaum alternative Arbeitsmöglichkeiten gibt. © Teh et al.

Stärkere Motoren, stärkere Zerstörung

Wie stark die intensive Fischerei küstennahe Meeresgebiete beeinflusst, lässt sich auch am Beispiel der belgischen, deutschen und niederländischen Nordseeküste verdeutlichen. Dort hat die Fischerei im Laufe des vergangenen Jahrhunderts die Lebensräume am Meeresboden sehr stark verändert. Plattfische wie die Kliesche, Scholle und Seezunge, die zur Tarnung flach vergraben im weichen Meeresboden liegen, werden hier mit beutelartigen Grundschleppnetzen, die an einem schweren Metallgestänge über den Meeresboden geschleift werden, gefangen. Diese mit zusätzlichen Ketten ausgestatteten sogenannten Baumkurren dringen während des Schleppens mehrere Zentimeter tief in den weichen Meeresboden ein und durchpflügen diesen gewissermaßen.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde der Plattfischfang vielerorts noch mit kleinen Ruder- oder Segelbooten und entsprechend kleinen Baumkurren betrieben. Mit der Einführung größerer motorbetriebener Kutter kamen in der Nordsee aber immer mächtigere Baumkurren zum Einsatz. Wegen ihres hohen Gewichts und der Ketten durchpflügen sie den Meeresboden und zerquetschen viele zumeist größere Bodenlebewesen. Untersuchungen in Belgien, Deutschland und den Niederlanden zeigen, dass aus diesem Grund seit Mitte des letzten Jahrhunderts die Zahl großer, langlebiger oder empfindlicher Bodenlebewesen deutlich abgenommen hat. Zu letzteren zählen beispielsweise winzig kleine Moostierchen. Diese Organismen leben in filigranen Kolonien am Meeresboden, deren Gestalt zum Teil der von Korallen ähnelt.
2.42 > Die englische Hafenstadt North Shields im Jahr 1904. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Fischfang in der Nordsee meist noch mit Segelbooten betrieben.
Abb. 2.42: Die englische Hafenstadt North Shields im Jahr 1904. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Fischfang in der Nordsee meist noch mit Segelbooten betrieben. © Summerhill Books
Beeinträchtigt werden auch die Bestände der Islandmuschel. Diese Muschelart lebt nur wenige Zentimeter tief im Meeresboden vergraben, sodass ihre Schalen leicht durch die Baumkurren zertrümmert werden. Normalerweise werden Islandmuscheln mehr als 10 Zentimeter groß und bis zu 120 Jahre alt. Wegen der starken Baumkurrenfischerei aber wurden sie in den küstennahen Gebieten der Nordsee dezimiert, da die Bestände angesichts mehrerer Fänge mit Baumkurren pro Jahr und Gebiet kaum eine Chance haben, sich wieder zu regenerieren. Heute werden die stark befischten Gebiete von schnell nachwachsenden Borstenwürmern und kleinen Muscheln dominiert wie der nur 1 bis 2 Zentimeter großen Tellmuschel. Zudem hat die Zahl von Seesternen und Einsiedlerkrebsen zugenommen. Beide ernähren sich auch von den Resten der von den Baumkurren getöteten Organismen. Da Einsiedlerkrebse in dickwandigen Schneckenhäusern leben, sind sie vor den Baumkurren geschützt. Die Seesterne überleben, weil sie relativ robust sind. Werden ihnen durch die Baumkurren Arme abgetrennt, können sie neue bilden und überleben. >
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