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5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck

Die Leistung der Küsten

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Zusatzinfo The Palm – künstliche Inseln verändern eine ganze Küste

Flächen für wachsende Küstenmetropolen

Auch die Bereitstellung von Flächen für bestimmte Nutzungen kann im weiteren Sinne als Ökosystemleis­tung der Küstengewässer verstanden werden. Dazu zählen militärisch genutzte Gebiete oder Flächen für Pipelines, für Wohnanlagen, Hafen- und Industrieanlagen, Hotels oder auch Windparks. Da die Bevölkerung in den Küsten­ge­bieten wächst, wird auch die Flächennutzung an den Küsten zunehmen, wie neue Hochrechnungen eines deutsch-englischen Forscherteams zeigen. Auf Grundlage von verschiedenen Szenarien zum globalen Bevölkerungswachstum haben die Wissen­schaftler abgeschätzt, wie groß die Küstenbevölkerung in den Jahren 2030 beziehungsweise 2060 sein wird. Dabei wurde jener Küstenstreifen betrachtet, der maximal 10 Meter über dem Meeresspiegel liegt, die sogenannte Low Elevation Coastal Zone (LECZ, niedrig gelegene Küstenzone). Diese ist durch den Meeres­spiegel­anstieg besonders gefährdet und deshalb von großem Interesse. Im extremsten Szenario, das die Forscher zugrunde legen, wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2060 auf 11,3 Milliarden Menschen angewachsen sein. Demnach werden bis zu 12 Prozent der Weltbevölkerung in der LECZ leben: rund 1,4 Milliarden Menschen. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 lebten dort etwa 625 Millionen Menschen. Die Mega­städte in Küstennähe werden nach dieser Studie entsprechend wachsen.
Nach dieser Untersuchung wird die Bevölkerung am stärksten an den Küsten von Bangladesch, China, Indien, Indonesien und Nigeria zunehmen. Auch wird erwartet, dass sich zum Beispiel die angolanische Hauptstadt Luanda, die indische Stadt Madras und die chinesische Stadt Tianjin zu Megacitys mit weit mehr als 8 Millionen Einwohnern entwickeln werden.
2.18 > Mit dem Wachstum der Weltbevölkerung werden niedrig liegende Küs­tengebiete vor allem in Afrika und Asien künftig immer dichter besiedelt.
Abb. 2.18: Mit dem Wachstum der Weltbevölkerung werden niedrig liegende Küs­tengebiete vor allem in Afrika und Asien künftig immer dichter besiedelt. © Neumann et al.
Einen erhöhten Flächenverbrauch an den Küsten wird es nicht nur aufgrund des zukünftigen Bevöl­ke­rungswachstums geben. Neuer Flächenbedarf besteht schon heute für den wachsenden Überseehandel – insbesondere für den Ausbau von Containerhäfen wie beispielsweise in Rotterdam. Im Jahr 2008 begann man dort damit, ein Gebiet von rund 2000 Hektar aufzuspülen, auf dem sich heute das Containerterminal Maasvlakte 2 befindet. Es ist von einem 12 Kilometer langen Schutzdeich umgeben und reicht wie eine Nase in die Nordsee und damit ins tiefe Wasser hinaus. Anders als in vielen flacheren Bereichen des Hafens können dort auch die derzeit größten Containerschiffe mit einem Fassungsvermögen von 19 000 Contai­nern und einem Tiefgang von bis zu 20 Metern anlegen.
Auch der massive Ausbau der Offshore-Windkraft in Großbritannien und Deutschland führt dazu, dass sich der Charakter der ursprünglichen Meeresflächen verändert. Normalerweise besteht der Meeresboden der Nordsee an den Baustellen aus sandigen Sedimenten.
Feste Strukturen wie etwa Felsen gibt es kaum. Mit den Hunderten von Windrädern aber werden jetzt solche festen Strukturen, sogenannte Hartsubstrate, zunehmend geschaffen. Hier können sich vermehrt Arten ansiedeln, die festen Untergrund benötigen – beispielsweise Seeanemonen, verschiedene Schnecken­arten oder Kalk­röhrenwürmer. Wie sich die Artzusammensetzung in der Nordsee dadurch ändert, das ist aktueller Gegenstand der Forschung.
Da in den Windparkarealen aus Sicherheitsgründen der Schiffsverkehr und auch der Betrieb von Fischereifahrzeugen verboten sind, tragen diese Gebiete möglicherweise auch dazu bei, dass sich Lebensgemeinschaften am Meeresboden erholen, die durch jahrelange Fischerei beeinträchtigt worden sind.

Zusatzinfo Die Straße von Malakka – eine historische Metropolregion des Seeverkehrs

Die Highways des Welthandels

Eine bereitstellende Ökosystemleistung der Küstengewässer, die ganz selbst­ver­ständlich erscheint, sind die Transportwege, die sie bieten. An Land muss Infrastruktur in Form von Kanälen, Schienen oder Straßen erst für viel Geld errichtet werden. Die Küstengewässer hingegen stellen Wasserstraßen grundsätzlich fast völlig kostenlos bereit. Heutzutage werden etwa 90 Prozent aller Waren weltweit per Schiff transportiert. Nach aktuellen Angaben der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (United Nations Conference on Trade and Development, UNCTAD) sind das pro Jahr insgesamt knapp 10 Milliarden Tonnen an Gütern. Den größten Anteil haben Rohöl, Waren in Containern und sogenannte „Minor Bulk“-Ladungen (kleinere Massengüter) wie Stahl, Zement oder Zucker.
2.22 > Schiffe sind das wichtigste Transportmittel. Sie tragen jährlich knapp 10 Milliarden Tonnen Güter um die Welt.
Abb. 2.22: Schiffe sind das wichtigste Transportmittel. Sie tragen jährlich knapp 10 Milliarden Tonnen Güter um die Welt. © UNCTAD
Abb. 2.23: Die wichtigsten Güter, die per Schiff transportiert werden, sind Rohöl, Waren in Containern und kleinere Massen­güter wie Stahl, Zement oder Zucker. © UNCTAD

2.23 > Die wichtigsten Güter, die per Schiff transportiert werden, sind Rohöl, Waren in Containern und kleinere Massen­güter wie Stahl, Zement oder Zucker.
Am bedeutendsten sind heute die Schiffsverbindungen zwischen Südostasien und Europa sowie zwischen Südostasien und Amerika. Insbesondere die Containerfrachter verkehren heute nach einem regelmäßigen Fahrplan zwischen den Kontinenten. Die Schiffe legen ohne Fahrt­unter­brechung zum Teil sehr lange Strecken zurück und löschen die Ladung meist in großen zentralen Häfen, den Hubs, von wo aus sie weiter verteilt werden. Ein Teil der Container wird über die Hinter­land­anbindung per Last­wagen oder Eisenbahn ins Landesinnere transportiert. Ein anderer Teil der Container wird von kleineren Schiffen, sogenannten Feederschiffen, zu kleineren Häfen gebracht.
Von den Containerterminals im Hamburger Hafen werden etwa 40 Prozent der Container mit dem Lastwagen weiter befördert. 30 Prozent werden auf Feederschiffe umgeladen und 30 Prozent von Eisenbahnwaggons ins Binnenland transportiert. Bemerkenswert ist, dass auch der Transport ins Binnenland in vielen Fällen in der Hand der Terminalbetreiber an der Küste liegt, der Einfluss der Küsten­stand­orte also bis weit ins Hinterland reicht. Die Verbindung von der Hafenstadt Hamburg zum Beispiel reicht bis nach Ost- und Südosteuropa. So unterhält ein großer Hamburger Terminalbetreiber sogar eine Eisenbahngesellschaft, die die Container zu eigenen Terminals zum Beispiel in der Slowakei transportiert, um die Märkte dort und in benachbarten Ländern mit Waren zu versorgen.
Kulturelle Ökosystemleistungen –
Küsten spenden Erholung und stiften Identität

Der Wert der Schönheit der Küsten

Die Küsten der Welt spielen auch in ästhetischer und kultureller Hinsicht eine besondere Rolle. Zudem haben sie für viele Menschen auch einen religiösen und spirituellen Wert. Die Bedeutung dieser Ökosystemleistung zeigt sich zum Beispiel in der Tradition der Bewohner der Inseln in der Torres Strait, der rund 185 Kilometer breiten und relativ flachen Meerenge zwischen Australien und der Insel Neuguinea. Hier liegen etwa 270 Inseln, die von ausgedehnten Korallenriffen umgeben sind, welche zum Teil im Rhythmus der Gezeiten trockenfallen. Das Land geht somit nicht abrupt, sondern über viele Quadratkilometer relativ sanft ins offene Meer über. In der Sprache der dort lebenden Ureinwohner gibt es deshalb keine unterschiedlichen Begriffe für „Land“ und „Meer“. Sie bezeichnen ihre Umwelt in englischer Übersetzung als „sea country“, Meerland, oder auch „saltwater country“, Salzwasserland. Inseln, Korallenriffe und offenes Meer bilden in ihrer traditionellen Vorstellung eine Art Kontinuum ohne scharfe Grenzen. Für sie ist der Lebensraum Küste in seiner Gesamtheit identitätsstiftend.
2.24 > Die von einem Korallenriff eingefasste Wyer Island liegt in der Meerenge zwischen Australien und der Insel Neuguinea, der Torres Strait. Dieses Meeresgebiet wird von den Ureinwohnern als „Salzwasserland“ bezeichnet. Mit diesem Begriff ist sowohl die Landfläche der Inseln als auch das Meer mit seinen Korallenriffen gemeint.
Abb. 2.24: Die von einem Korallenriff eingefasste Wyer Island liegt in der Meerenge zwischen Australien und der Insel Neuguinea, der Torres Strait. Dieses Meeresgebiet wird von den Ureinwohnern als „Salzwasserland“ bezeichnet. Mit diesem Begriff ist sowohl die Landfläche der Inseln als auch das Meer mit seinen Korallenriffen gemeint. © Lincoln Fowler/Photographers Direct.com
Abb. 2.25: Der Ort Positano an der italienischen Amalfiküste steht beispielhaft für die Anziehungskraft, die Küsten auf den Menschen haben können. Sie sind ästhetische Gebiete, die kulturell und spirituell bereichern und Erholung bieten. © Pietro Canali/SIME/Schapo- walow/Mato

2.25 > Der Ort Positano an der italienischen Amalfiküste steht beispielhaft für die Anziehungs­kraft, die Küsten auf den Menschen haben können. Sie sind ästhetische Gebiete, die kulturell und spirituell bereichern und Erholung bieten.
In den vergangenen Jahrhunderten ist das Meer darüber hinaus immer mehr zum Sehnsuchtsort der Menschen geworden und zum Ziel von Küstentouristen. Reiseveranstalter locken mit Bildern von Palmenstränden und blauem Wasser. Zwar gibt es keine vollständigen Daten über den Küstentourismus weltweit, doch ist dessen große ökonomische Bedeutung nach Ansicht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (United Nations Environment ­Programme, UNEP) unbestritten. Demnach basiert der Küstentourismus auf einer einzigartigen Kombination von Faktoren, die sich durch das Aufeinandertreffen von Land und Meer ergeben. Dazu zählen die häufig herrschende intensive Sonnenstrahlung, das Wasser, das Erholung spendet und zahlreiche Möglichkeiten für sportliche Aktivitäten bietet, Panoramablicke oder auch eine große biologische Artenvielfalt an Vögeln, Fischen oder Korallen.
Nach Angaben der Weltorganisation für Tourismus (World Tourism Organization, UNWTO) ist die weltweite Wertschöpfung des Tourismus mit einem Anteil von
7 Prozent an den weltweiten Exporten von Gütern und Dienstleis­tungen immens groß. Allein 2015 wurden mit ihm Einkünfte in Höhe von 1,26 Billionen US-Dollar erzielt. Zählte man 1950 nur 25 Millionen international reisende Touristen, so waren es 2015 weltweit knapp 1,2 Milliarden.
Gemessen an der Zahl einreisender Touristen, liegen in der Weltrangliste der beliebtesten Urlaubsländer jene Nationen vorn, die einen stark entwickelten Küstentourismus haben. So gehören zu den Top-Ten-Reisedestinationen allein vier Mittelmeeranrainer, angeführt von Frankreich mit 84,5 Millionen ausländischen Besuchern, wobei zu berücksichtigen ist, dass zu den französischen Urlaubs­des­ti­nationen auch Ziele im Binnenland wie Paris oder die Schlösser der Loire zählen. Die USA folgen auf Platz 2 mit 77,5 Millionen Besuchern. Spanien liegt auf Platz 3 mit 68,2 und China auf Platz 4 mit 56,9 Millionen Urlaubern aus dem Ausland. Betrachtet man allein die Auslandsreisen innerhalb von Europa, erreicht Spanien sogar Platz 1: So haben gut 20 Prozent aller Auslandsreisen, die Euro­päer innerhalb von Europa unternehmen, Spanien als Ziel.
2.26 > Wie wichtig die Küsten­regionen für den Tourismus sind, zeigt die Liste der zehn belieb­testen Reise­länder. Darunter sind allein vier Nationen mit gut entwickelter Touris­mus­indus­trie am Mittel­meer.
Abb. 2.26: Wie wichtig die Küstenregionen für den Tourismus sind, zeigt die Liste der zehn beliebtesten Reiseländer. Darunter sind allein vier Nationen mit gut entwickelter Tourismusindustrie am Mittelmeer.  © UNWTO
Die starke Entwicklung des Küsten­tour­ismus hat aber auch ihre Schattenseiten. Vielerorts sind Naturgebiete durch den Bau von Hotelanlagen verloren gegangen, Küstengewässer durch Abwässer und Abfälle aus den touristischen Zentren verschmutzt oder Korallenriffe durch starke touristische Nutzung stark beeinträchtigt worden. Ursprüngliche und unberührte Küstenlandschaften sind immer seltener anzutreffen. Ein Umstand, den viele kritisieren. Schließlich ist die Einzigartigkeit, Schönheit und besondere Ästhetik der Küsten eine Ökosystemleistung für sich.

Noch viel mehr des Guten

In ihrer Gesamtheit bieten die Küstengebiete noch eine Vielzahl weiterer Öko­sys­tem­leistungen, wobei nicht immer scharf zwischen Küstengewässern und dem offenen Meer unterschieden werden kann. So nimmt das Meer große Mengen an Kohlendioxid auf, wirkt damit ­klimaregulierend und hat insgesamt eine große Bedeu­tung für das globale Klimasystem. Auch wenn nicht klar zu beziffern ist, welchen Anteil daran allein die Küsten­gewässer haben, zeigt sich, dass sie in besonderem Maße bedroht sind, da sie den negativen Einflüssen des Menschen weitaus stärker ausgesetzt sind als entfernter ­liegende Meeresregionen. Textende
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