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5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck

Die Leistung der Küsten

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Bereitstellende Ökosystemleistungen –
Fisch, Diamanten und noch viel mehr

Aquakultur
Unter dem Begriff „Aquakultur“ werden mehrere Zuchtformen zusammengefasst. Im klas­sischen Sinne bezieht sich die Aquakultur auf Zucht im Süßwasser, beispielsweise von Karpfen. Zur Aquakultur zählt aber auch die sogenannte Marikultur, die Zucht im Meer. Inzwischen gibt es auch Mischformen, bei denen Meeres­tiere an Land in speziellen Salzwasserbecken gezüchtet werden.

Eiweiß für eine wachsende Weltbevölkerung

Seit jeher versorgen sich die Menschen mit Fisch und Meeresfrüchten aus dem Meer. Über Jahrtausende wurde Meeresfisch nur in Küstennähe verzehrt, weil es keine Möglichkeit gab, den Fisch über weite Strecken ins Binnenland zu transportieren. Mit der Zeit entwickelten sich aber Verfahren, um Fisch haltbar zu machen. Zunächst wurde er mit Salz konserviert, später in Konserven verpackt und dadurch über große Distanzen transportierbar. Allerdings erst mit der Erfindung der Tiefkühltechnik und der damit verbundenen Möglichkeit, Lebensmittel bei­nahe unbegrenzt haltbar zu machen, entwickelte sich Fisch auch fernab der Küsten zu einem Grundnahrungsmittel. Heute wird Fisch weltweit in großen Mengen verzehrt und spielt für die Eiweißversorgung des Menschen eine tragende Rolle. Das gilt in besonderem Maße für westafrikanische Staaten wie den Senegal oder auch die kleinen Inselstaaten im Südpazifik, wo Fisch eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel ist.
Mit dem Wachstum der Weltbevölkerung ist der Konsum von Fisch und Meeresfrüchten seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts enorm gestiegen. Lag der Pro-Kopf-Verbrauch in den 1960er-Jahren noch bei 9,9 Kilogramm, so überstieg er 2014 nach Angaben der Welternährungs­organisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) erstmals die Marke von 20 Kilogramm. Das entspricht einer Verdoppelung des Verbrauchs an Fisch und Meeresfrüchten in nur einem halben Jahrhundert. Nach Angaben der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 von heute etwa 7 Milliarden auf etwa
9,5 Milliarden Menschen anwachsen. Mehr als 2 Milliarden Menschen zusätzlich werden dann mit Nahrung und insbesondere auch Eiweiß versorgt werden müssen. Einen guten Teil wird dazu Fisch beitragen, doch liegt auf der Hand, dass die zusätzliche Eiweißmenge nicht aus wild gefangenem Fisch bereitgestellt werden kann, wenn die Fischbestände künftig nicht mehr überfischt werden sollen.
2.12 > Die produzierte Menge an Fisch und Meeresfrüchten ist heute um ein Vielfaches größer als noch 1950. Spielte die Aquakultur anfangs kaum eine Rolle, so liefert sie inzwischen bereits fast die Hälfte der welt­weiten Produktion.
Abb. 2.12: Die produzierte Menge an Fisch und Meeresfrüchten ist heute um ein Vielfaches größer als noch 1950. Spielte die Aquakultur anfangs kaum eine Rolle, so liefert sie inzwischen bereits fast die Hälfte der weltweiten Produktion. © nach FAO
Wie groß der Anteil der Küstengewässer beim Fang von Wildfisch und Meeresfrüchten ist, lässt sich nur schwer beziffern. Weil die FAO in ihren globalen Statis­tiken nicht zwischen Küsten- und übrigen Gewässern unterscheidet, gibt es nur grobe Schätzungen, die von etwa 90 Prozent ausgehen. In Europa unterscheiden Fischereiexperten beispielsweise zwischen der Küsten­fischerei, der Kleinen Hochseefischerei und der Großen Hochseefischerei, wobei nach Größe und Motorisierung der Fahrzeuge differenziert wird. Zur Küstenfischerei zählt jene Fischerei, die mit Booten, die zwischen 18 und 24 Meter lang sind, und mit Motoren von maximal 300 PS ausgeführt wird. Sie überschneidet sich mit der Kleinen Hochseefischerei, bei der Boote mit einer Länge von 18 bis 32 Metern und maximal 600 PS eingesetzt werden. Bei der Großen Hochseefischerei kommen noch einmal deutlich größere Fahrzeuge bis hin zu industriellen Fangschiffen zum Einsatz, auf denen der Fisch gleich zubereitet und tiefgefroren wird.
Nach einer anderen Definition kann als Küstenfischerei diejenige bezeichnet werden, die im Bereich der Schelfe stattfindet. Damit wird der küstennahe flache Teil des Meeresbodens bezeichnet. Der Schelf fällt sanft bis zu einer durchschnittlichen Tiefe von 130 Metern ab und endet am Kontinentalabhang, der mehr oder weniger steil in die Tiefe übergeht. Nach dieser Definition wäre die Fischerei in vielen flachen Nebenmeeren wie dem Ost­chinesischen Meer oder der Nordsee gänzlich als Küstenfischerei zu betrachten, obwohl das Küstenmeer eines Staates, rein rechtlich betrachtet, mit der 12-Seemeilen-Zone endet.

Fisch für die Ernährung der Welt

Um die Versorgung mit Fisch in der Zukunft sicherzustellen, kann die Aquakultur – die Zucht von Fisch und anderen Organismen in speziellen Anlagen – eine wichtige Rolle spielen. Bereits in den vergangenen Jahren ist sie deutlich gewachsen, während sich die Menge der wild gefangenen Fische und Meeresfrüchte kaum verändert hat. Insgesamt wurden im Jahr 2014 weltweit 167,2 Mil­lionen Tonnen Fisch und Meeres­früchte verbraucht. 93,4 Millionen Tonnen stammten aus Wildfang, 73,8 Millionen Tonnen aus Aquakultur, von denen wiederum 26,7 Mil­lionen Tonnen aus dem Meer stammen, ausschließlich aus den Küstengewässern. Die weitaus größere Menge allerdings, 47,1 Millionen Tonnen, stammt mittlerweile aus Gewässern an Land. Mit
60 Prozent hat China den größten Anteil an der weltweiten Aquakulturproduktion.
2.13 > China trägt 60 Prozent zur weltweiten Aquakulturproduktion bei. Entsprechend findet man in vielen chinesischen Küsten­re­gionen Aqua­kultur­anlagen wie diese im Hafen von Tolo nahe bei Hongkong.
Abb. 2.13: China trägt 60 Prozent zur weltweiten Aquakulturproduktion bei. Entsprechend findet man in vielen chinesischen Küstenregionen Aquakulturanlagen wie diese im Hafen von Tolo nahe bei Hongkong. © Yann Arthus-Bertrand/Getty Images
Will sie ein Hoffnungsträger für die Zukunft sein, muss Aquakultur allerdings nachhaltig betrieben werden. Denn in den vergangenen Jahrzehnten wurden große­ Fehler gemacht. Für Shrimpsanlagen etwa wurden in den 1990er-Jahren an den Küsten Indonesiens Hunderte Kilometer Mangrovenwälder gerodet. An ihrer Stelle wurden Aquakulturen als Monokulturen angelegt. Vielerorts werden bis heute Shrimps oder auch Fische in Massentier­haltung und auf maximalen Ertrag gezüchtet. Sie sind dadurch krankheitsanfälliger als ihre wild lebenden Art­genossen, weshalb Antibiotika und andere Medikamente vorbeugend eingesetzt werden – mit unabsehbaren Folgen für die Meeresumwelt und auch die Endverbraucher. Problematisch ist auch, dass der Kot der Zuchttiere regional zu einer Überdüngung des Meeres führt, wodurch sich die Wasserqualität deutlich verschlechtert.
Inzwischen hat teilweise ein Umdenken hin zu einer umweltschonenden Aquakultur eingesetzt. Als eine vielversprechende Alternative werden gemischte Aquakulturen angesehen, in denen verschiedene Organismen gemeinsam gehalten werden und in denen die Ausscheidungen einer Art den anderen Organismen als Nahrung dienen. Integrierte Multitrophische Aquakultur (Integrat­ed Multi-Trophic Aquaculture, IMTA) werden solche Anlagen genannt. Darin lassen sich beispielsweise Fische, Algen, Muscheln und Seegurken gemeinsam züchten. Die Fische werden gefüttert, die Seegurken ernähren sich vom überschüssigen Futter und dem Kot der Fische, die Algen wiederum von anorganischen Substanzen, die die Fische ausscheiden. Die Muscheln schließlich filtrieren Partikel aus dem Wasser und halten so die Zuchtanlage sauber. Das Futter wird somit optimal ausgenutzt. Zudem lassen sich mehrere Produkte in einer Anlage ernten.

Die Förderung von Erdgas und Erdöl

Eine aus wirtschaftlicher Sicht bedeutende bereitstellende Dienstleistung sind die Erdgas- und Erdöllagerstätten im Meer. Obwohl heute noch beide Rohstoffe vor allem an Land gefördert werden, ist der Anteil aus dem Meer (Offshore-Gas und -Öl) beachtlich. So trägt Offshore-Öl mit etwa 40 Prozent und Offshore-Gas zu etwa 30 Prozent zur jeweiligen globalen Förderung bei, doch ist nicht immer eindeutig abgrenzbar, ob sich die Förderanlagen noch der Küste oder schon dem Meer zuordnen lassen. Sicher ist, dass die Offshore-Förderung zunächst unmittelbar an der Küste begann und dann immer weiter ins Meer hinausgewandert ist. Gründe dafür sind die zunehmende Ausbeutung der küstennahen Lagerstätten, aber auch der technische Fortschritt, mit dem es möglich wurde, Gas und Öl aus immer größeren Tiefen zu fördern.
Die Förderung von Erdöl im Meer begann schon früh. Bereits 1896 wurden im Summerland-Feld bei Santa Barbara in Kalifornien erste Ölfördertürme im Meer errichtet. 1937 wurde zum ersten Mal 2 Kilometer vor der US-amerikanischen Golfküste von einer Plattform aus nach Öl gebohrt. In den 1970er-Jahren ist die relativ flache Nordsee mit einer durchschnittlichen Wassertiefe von 90 Metern als Erdgas- und Erdölrevier erschlossen worden. Die erste Förderplattform wurde 1971 im Ekofisk-Ölfeld auf dem norwegischen Kontinentalschelf installiert. Das Eko­fisk-Feld liegt 270 Kilometer von der norwegischen Küste entfernt – mitten in der Nordsee und damit weit von der Küste entfernt. Genau wie bei der Fischerei ist unklar, inwieweit man dieses Meeresgebiet noch der Küste zuordnen kann. In Ghana beispielsweise, wo der Schelf mit einer Ausdehnung von 60 Kilometern relativ schmal ist und schon in geringer Entfernung von der Küste steil in die Tiefsee abfällt, liegt das große Jubilee-Ölfeld deutlich näher am Land. Da es sich am steilen Rand des Kontinentalschelfs befindet, liegt es bereits in rund 1100 Meter Wassertiefe. Ähnlich ist die Situation in dem erst im Jahr 2008 entdeckten Iara-Ölfeld vor der brasilianischen Küste. Es liegt etwa 230 Kilometer vor Rio de Janeiro am Fuß des Kontinentalabhangs in einer Tiefe von etwa 2200 Metern.
Absolut küstennah, sozusagen in Sichtweite vom Land, wird heute kaum mehr nach Öl gebohrt. Bis auf wenige Ausnahmen liegen die meisten Erdgas- und Erd­ölfelder heute in Wassertiefen von mehreren Hundert Metern. Zu den Ausnahmen gehören kleinere und ältere Erdgas- oder Ölförderanlagen an der niederländischen und der deutschen Nordseeküste, die nur wenige Kilometer vor der Küste stehen.

Stromgestehungskosten
Um festzustellen, welche Kosten eine bestimmte Technologie zur Erzeu­gung von Strom verursacht, werden in der Regel die Strom­ge­stehungs­kosten berechnet. In die Strom­ge­stehungs­kosten fließen alle Investitions- und Betriebs­kosten und die Kosten der Finanzierung der technischen Anlage ein. Diese werden durch die Stromerträge geteilt, die die Anlage im Laufe ihrer Lebenszeit erzielt. Entsprechend werden Strom­gestehungs­kosten üblicherweise in Euro pro Mega­watt­stunde oder Cent pro Kilowattstunde angegeben.

Energie ernten, die im Meer steckt

Die Küstengewässer sind in den vergangenen Jahren verstärkt auch für die Erzeu­gung von Strom aus Windenergie interessant geworden. Die Zahl der Offshore-Windräder hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht, und die weltweit installierte Leistung hat sich allein zwischen 2011 und 2015 verdreifacht. Der Wind über dem Meer weht stetiger und stärker als im Landesinneren, und die Strom­aus­beute auf hoher See ist deutlich höher als auf dem Festland, wo zudem die verfüg­baren Flächen deutlich kleiner sind, weil dort Mindestabstände zu Häusern oder Naturschutzgebieten eingehalten werden müssen. Windräder lassen sich heute mithilfe von Spezialschiffen und Verwendung neuer Techniken weitaus billiger, schneller und in größerer Zahl auf dem Meer installieren als noch vor wenigen Jahren.
Hersteller von Windenergieanlagen fertigen die Rotorblätter inzwischen sogar direkt an der Küste in der Nähe großer Offshore-Windparks, um den teuren und aufwendigen Transport mit Speziallastwagen zu umgehen. Dadurch sind vor allem in Großbri­tannien neue Arbeitsplätze in strukturschwachen Küstengebieten entstanden. Wegen des höheren Aufwands beim Bau der Fundamente oder auch der kostspieligen Einsätze von Spezialschiffen ist die Errichtung von Offshore-Anlagen heute aber noch immer teurer als von Windenergieanlagen an Land. So ­liegen die Kosten für 1 Kilo­watt­stunde Offshore-Strom, die sogenannten Stromgestehungskosten, heute je nach Standort zwischen 12,8 und 14,2 Cent. Bei Anlagen an Land liegen die Strom­gesteh­ungs­kosten hingegen zwischen 5,3 und 9,6 Cent. Weltweit waren Ende 2015 Offshore-Windräder mit einer Nennleistung von gut 12 000 Megawatt in Betrieb, was in etwa der Leistung von 24 Atomreaktoren entspricht. Davon entfielen gut 5000 Megawatt allein auf die Küstenregionen von Großbritannien. In der Rangliste der Nationen, die bereits Offshore-Windanlagen installiert haben, folgen Deutschland, Dänemark und China.
2.14 > Großbritannien ist beim Ausbau der Offshore-Wind­energie führend. In Deutschland gingen im Jahr 2015 mehrere große Wind­parks ans Netz, wodurch das Land jetzt im weltweiten Vergleich vor Dänemark auf Platz 2 liegt.
Abb. 2.14: Großbritannien ist beim Ausbau der Offshore-Windenergie führend. In Deutschland gingen im Jahr 2015 mehrere große Windparks ans Netz, wodurch das Land jetzt im weltweiten Vergleich vor Dänemark auf Platz 2 liegt. © Global Wind Energy Council (GWEC)
WWie auch bei der Förderung von Erdgas und Erdöl werden Offshore-Windräder heute nicht mehr unmittelbar an der Küste, sondern weiter auf See installiert. Wurde der erste Offshore-Windpark der Welt mit seinen elf Windrädern 1991 nur 2 Kilometer vor der dänischen Insel Lolland in 2 bis 4 Meter tiefem Wasser in Betrieb genommen, errichtet man heute Offshore-Windparks durchschnittlich in Wassertiefen von 27,1 Metern und einer Entfernung von durchschnittlich 43,3 Kilometern zur Küste. Vor allem in Deutschland und den Niederlanden achtet man auf einen großen Abstand, weil das Wattenmeer entlang der Küste ein wichtiges Rastgebiet für Zugvögel ist und in größerer Entfernung zum Land höhere Windgeschwindigkeiten herrschen. Deutsche Anlagen sind im Mittel 52,6 Kilometer vom Festland entfernt; in Großbritannien durch­schnittlich 9,4 Kilometer. Der größte Windpark der Welt ist mit einer Fläche von 100 Quadratkilometern und 175 Windrädern der Windpark London Array in der äußeren Themsemündung an der Ostküste Englands.
Die Windenergie ist nicht die einzige erneuerbare Energieform, die man in Küsten­ge­wässern nutzen kann. Hinzu kommen:
  • die Wellenenergie,
  • die Gezeitenenergie,
  • die Strömungsenergie,
  • die durch Salzgehaltsunterschiede gewonnene Energie (Osmose-Kraftwerk),
  • die aus Temperaturunterschieden in verschiedenen Meerestiefen gewonnene Energie.
Im Vergleich zur Windenergie spielen diese Energieformen bis heute aber eine eher untergeordnete Rolle. In den vergangenen Jahren wurden zwar Kraftwerke in Betrieb genommen, mit denen Wellenenergie geerntet wird. Wirtschaftlich sind diese Anlagen aber bisher nicht. In der Regel handelt es sich um Forschungs- und Entwick­lungs­vorhaben.
In den Kinderschuhen steckt auch die Technologie zur Erzeugung von Energie aus alzgehaltsunterschieden. 2009 ging als weltweit erste Anlage ein kleines Kraftwerk in Norwegen in Betrieb, das seinen Strom ins öffentliche Netz einspeist. Vom Entwicklungsstand her gilt es aber als Prototyp. Im Proto­typen­status befindet sich auch die Technologie zur Gewinnung von Energie aus den Temperatur­unterschieden in verschiedenen Meerestiefen. Im Jahr 2015 wurde eine Pilotanlage an der Küste von Hawaii mit einer Leistung von 105 Kilowatt in Betrieb genommen, die 120 Haushalte mit Strom versorgt.
Im Vergleich dazu ist die Gewinnung von Energie durch Gezeiten- und Strö­mungs­kraft­werke technisch ausgereift. Ein Beispiel ist das La-Rance-Gezeiten­kraftwerk in der Nähe der französischen Stadt Saint-Malo, das schon seit 1966 in Betrieb ist. Insgesamt gibt es weltweit aber nur wenige größere Anlagen, weil der Bau sehr aufwendig ist. Denn um Gezeiten und Strömungen nutzen zu können, müssen Dämme und Sperrwerke mit großen Turbinen errichtet werden.
2.15 > Weltweit wurden die meisten Offshore-Windparks bisher in einer Entfernung von bis zu 40 Kilometern vor der Küste und bei Wassertiefen von bis zu 20 Metern errichtet. Inzwischen ist die Offshore-Technik so ausgereift, dass Anlagen auch in deutlich größerer Entfernung geplant und gebaut werden. Im Extremfall liegen die Plan­ungs­gebiete 120 Kilometer von der Küste entfernt.
Abb. 2.15: Weltweit wurden die meisten Offshore-Windparks bisher in einer Entfernung von bis zu 40 Kilometern vor der Küste und bei Wassertiefen von bis zu 20 Metern errichtet. Inzwischen ist die Offshore-Technik so ausgereift, dass Anlagen auch in deutlich größerer Entfernung geplant und gebaut werden. Im Extremfall liegen die Planungsgebiete 120 Kilometer von der Küste entfernt. © European Wind Energy Association (EWEA)

Abb. 2.16: Vor allem an der Westküste Afrikas wie hier in der Westsahara oder auch in Marokko wird Sand in Küstennähe im großen Stil abgebaut. Dieser wird weltweit exportiert und unter anderem als Bausand verwendet. © Veronique de Viguerie/Getty Images

2.16 > Vor allem an der Westküste Afrikas wie hier in der Westsahara oder auch in Marokko wird Sand in Küsten­nähe im großen Stil abgebaut. Dieser wird weltweit exportiert und unter anderem als Bausand verwendet.

Wertvolle Mineralien

Eine weitere Ressource, die die Küsten liefern, sind die mineralischen Rohstoffe, zu denen vor allem Sand und Kies zählen. Sie werden für die Betonherstellung, als Füllsand auf Baustellen oder zum Aufspülen neuer Hafen- und Wirtschaftsflächen an der Küste genutzt. Bekannte Beispiele sind die Aufspülungen für die Erweiterung des Flughafens von Hongkong, für die Insellandschaften The Palm vor Dubai oder für die neuen Containerterminals in Rotterdam, dem größten europäischen Hafen. Sand und Kies werden entweder mithilfe von Saugbaggern vom Meeresboden entnommen oder an Land gewonnen – insbesondere durch den Abbau von Dünen. Wie viel genau, lässt sich nur schwer schätzen, weil die Daten nicht zentral erfasst werden, doch gilt der Sand- und Kiesabbau und der Export beider Ressourcen als lukratives Geschäft.
Der auf einer Insel gelegene Stadtstaat Singapur zum Beispiel verbraucht permanent große Mengen von Sand, um das Stadtgebiet durch Aufspülungen zu erweitern. Durch solche Maßnahmen hat sich die Fläche der ehemaligen britischen Kolonie seit den 1950er-Jahren bereits um gut 20 Prozent vergrößert. Singapur lässt den Sand zum Teil aus großer Entfernung per Schiff anliefern. Auch viele andere Länder importieren Sand. Besonders gefragt ist Sand aus Australien, weil Körner dort sehr hart, wider­stands­fähig und eckig sind. Zum einen eignet sich dieser Sand gut für die Betonherstellung, weil die Körner beim Abbinden des Betons gut aneinanderhaften. Zum anderen wird der Sand gern in der Industrie als Strahlmittel verwendet, mit dem Werkstoffe geschliffen oder geglättet werden. Australien exportiert nach Angaben der Australischen Statistikbehörde (Australian Bureau of Statistics, ABS) monatlich Sand, Kies und Steine im Wert von 5,5 bis 8,5 Millionen Euro. Er wird sowohl an der Küste als auch im Binnenland abgebaut.

Natürlicher Goldwäschereffekt

Eine eher ungewöhnliche mineralische Ressource sind die Mineralseifen. Dabei handelt es sich um flache Lagerstätten von Metall- oder Phosphorverbindungen, die sich an den Küsten in der Nähe von Flussmündungen bilden. Sie entstehen durch eine Art natürlichen Goldwäschereffekt: Flüsse transportieren aus dem Hinterland leichte und schwere Partikel mit sich. Im Bereich der Flussmündung lagern sich diese im seichten Wasser vor der Küste ab. Ist die Meeresbrandung stark genug, werden die leichten ­Partikel weggetragen, während die schwereren tiefer im Boden versinken. So entstehen im Laufe von Jahrtausenden mehrere Meter dicke Pakete, die im Tagebau abge­tragen werden können. Mineralseifen können Metalle wie Eisen, Gold, Platin, Zinn oder auch Seltenerdmetalle enthalten. Abgebaut werden heute meist nur die besonders wertvollen Mineralseifen, die Gold, Platin oder Diamanten enthalten. Letztere findet man an der Küste von Namibia. Hier befindet sich ein nur wenige Kilometer breiter Streifen, in dem das Meer mit bis zu 150 Meter Tiefe relativ flach ist. Seit man Ende der 1950er-Jahre feststellte, dass in diesem Bereich des Meeres große Mengen an Diamanten vorkommen, wird hier intensiv Offshore-Bergbau betrieben. Zunächst wurden die Sedimente nur von Tauchern mit großen Saugrohren abgeerntet. Aktuell wird der Abbau mit Spezialschiffen in einer Wassertiefe von 90 bis 150 Metern im industriellen Stil betrieben. Das Areal wurde in mehrere Konzessionsgebiete eingeteilt, in denen verschiedene Firmenkonsortien tätig sind. Heute werden etwa zwei Drittel aller namibischen Diamanten im Meer gewonnen.
Dass der Meeresboden vor Namibia überhaupt so reich an Diamanten ist, liegt am Oranje. Der Grenzfluss zwischen Namibia und Südafrika transportierte die Edelsteine aus ihrer Herkunfts­region, den südafrikanischen Vulkangebieten, bis ins Meer hinaus. Meeresströmungen verfrachteten das Sediment mit den Diamanten dann im Laufe der Zeit in Richtung Norden vor die namibische Küste, wo sie sich durch den Goldwäschereffekt im Boden konzentrierten.
Derzeit wird diskutiert, ob hier künftig auch Mineralseifen gewonnen werden sollen, die Phosphat­verbindungen enthalten. Diese sollen als Dünger verkauft werden. Weil der Meeresspiegel seit der letzten Eiszeit um rund 130 Meter gestiegen ist, liegen diese Phosphatvorkommen heute tief unter der Wasserlinie.

Rohstoffe aus heißen Quellen

Zu den wertvollen Mineralien, die künftig aus dem Meer gewonnen werden sollen, gehören auch die Massivsulfide. Man findet sie an heißen Quellen am Meeresgrund, die an aktiven Vulkanen im Meer und an Plattengrenzen liegen, an denen sich zwei Kontinentalplatten voneinander entfernen.
Massivsulfide entstehen, wenn kaltes Meerwasser durch Spalten bis zu mehrere Kilometer tief in den Meeresboden eindringt. An Magmakammern in der Tiefe heizt sich das Wasser auf Temperaturen von mehr als 400 Grad Celsius auf und löst neben den Sulfiden, das sind Schwefelverbindungen, metallhaltige Mineralien aus dem Gestein. Durch die Erwärmung steigt das mineralisierte Wasser dann sehr schnell auf und schießt zurück ins Meer. Sobald es sich mit dem kalten Meerwasser vermischt, bilden die Mineralien einen Niederschlag, der sich an der Quelle in Form von massiven Erzvorkommen ablagert.
Für gewöhnlich liegen die vulkanisch aktiven Stellen mitten in den Ozeanen und weit weg vom Land. Eine Ausnahme ist die Bismarcksee vor Neuguinea. Hier befindet sich eine solche Plattengrenze in nur 30 Kilometer Entfernung von der Küste. Die leicht per Schiff erreichbaren Lagerstätten im sogenannten Solwara-1-Feld enthalten Kupfer, Zink, Blei, Gold und Silber sowie zahlreiche wichtige Spurenmetalle wie Indium, Germanium, Tellur oder Selen. Doch trotz der Küstennähe beträgt die Wassertiefe etwa 1600 Meter, weil der Meeresboden an dieser Stelle steil abfällt. Das kanadische Bergbauunternehmen Nautilus Minerals plant schon seit Längerem den Abbau der wertvollen Erzvorkommen und hat bereits schwere Unter­wasser­abbau­geräte bauen lassen. Zudem befindet sich ein Produktionsschiff im Rohbau. Bislang wurde der Beginn der Bergbauaktivitäten aber immer wieder verschoben, weil die Finanzierung des Projekts nicht ausreichend ge­sichert war oder keine Handels­einig­keit zwischen Nautilus Minerals und den Behörden von Papua-Neuguinea erzielt werden konnte. Wann der Abbau von Massivsulfiden beginnen wird, ist daher weiter offen. >
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