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5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck

Die Kunst, Küsten zu verwalten

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Abb. 4.5: Im Idealfall verläuft ein ICZM-Prozess in Zyklen. Dabei werden Maßnahmen geplant, umgesetzt und dann bewertet. Gibt es Optimierungsbedarf, startet der nächste Zyklus mit der Planung neuer Maßnahmen. © nach GESAMP

4.5 > Im Idealfall verläuft ein ICZM-Prozess in Zyklen. Dabei werden Maßnahmen geplant, umgesetzt und dann bewertet. Gibt es Optimierungsbedarf, startet der nächste Zyklus mit der Planung neuer Maßnahmen.

Optimierung durch Qualitätskontrolle

Für einen erfolgreichen ICZM-Prozess ist die regelmäßige Kontrolle, ob mit bestimm­ten Maßnahmen ein gesetztes Ziel erreicht werden konnte, von entscheidender Bedeutung. Das bedeutet auch, dass ein ICZM kein einmaliges Projekt ist, sondern einen zyklischen Prozess darstellt, in dem Ergebnisse immer wieder überprüft und bewertet werden. So ist es auch möglich, den ICZM-Prozess nach und nach an neue Bedingungen anzupassen und zu optimieren. Ein ICZM-Zyklus beginnt mit einer Analyse der Situation und Bewertung der Probleme. Es folgt die Ausgestaltung eines Aktionsplans, der alle Probleme berücksichtigt. Anschließend wird der Aktionsplan formal von allen Beteiligten verabschiedet. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Finanzierung sämtlicher Maßnahmen aus dem Aktionsplan geklärt wird. Es folgt die Phase der Implementierung. Wurden die im Aktionsplan festgelegten Maßnahmen umgesetzt, erfolgt eine Evaluation, die die Maßnahmen hinsichtlich ihrer Wirkung bewertet. ­Treten weiterhin Probleme oder neue Schwierig­keiten auf, muss der Aktionsplan nachgebessert werden. Damit schließt sich der Kreis.
Je nachdem, welche Dimension ein ICZM-Prozess hat, dauert ein Zyklus unter­schied­lich lange. Best-Practice-Beispiele zeigen, dass bei einem ICZM-Projekt von nationaler Dimension ein Zyklus von der Analyse der Situation bis zur Evaluation etwa acht bis zwölf Jahre dauert. Umfasst der Prozess nur eine bestimmte Küsten­region oder eine einzige Küstenstadt, dauert ein Zyklus im Schnitt rund drei bis vier Jahre.

Die Menschen vor Ort mitnehmen

Je nach Situation vor Ort müssen verschiedene Interessengruppen in den ICZM-Prozess eingebunden werden. Das verdeutlichen die folgenden erfolgreichen Beispiele.
Im Jahr 2000 gründete sich im indopazifischen Raum, jener Meeresregion, die den Indischen Ozean und den westlichen Pazifik umfasst, das Locally-Managed Marine Area Network (LMMA, Netzwerk lokal verwalteter Meeresgebiete). Dieses Netzwerk wurde zunächst durch die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen und einzelnen gut vernetzten Wissenschaftlern angeregt und konnte sich schließlich in der Region etablieren. Es hat das Ziel, Küstengewässer zu schützen, indem sie nachhaltig und schonend genutzt werden – beispielsweise, indem Fischer von der zerstörerischen Dynamitfischerei auf sanftere Fangmethoden umsteigen. Die LMMA-Idee ist aus der Einsicht geboren, dass Meeresschutzgebiete, die auf hoher politischer Ebene festgelegt werden, von der Bevölkerung oftmals nicht akzeptiert werden, weil sie deren Rechte mitunter massiv beschneiden. In konkreten Fällen wurde der Bevölkerung die Fischerei in Meeresschutzgebieten (Marine Protected Areas, MPAs) komplett untersagt, was nicht mit dem traditionellen Verständnis der Einheimischen in Einklang zu bringen war. Die Einheimischen widersetzten sich dem Nutzungsverbot, womit der Meeresschutz in den betreffenden Gebieten von Anfang an unterhöhlt wurde. Dem LMMA-Netzwerk gehören inzwischen viele Dorfgemeinschaften in verschiedenen Ländern an, die sich immer wieder in regionalen, nationalen und internationalen Workshops austauschen. Das oberste Ziel des LMMA ist der Meeresschutz.
Der Unterschied zu der Idee von MPAs besteht darin, dass die Basis bei der Planung Gehör findet und das nachhaltige Management vor Ort selbst regelt. So sind bei der Planung alle Interessengruppen beteiligt: die Dorfgemeinschaften, die Gemeinschaften von Landbesitzern, Naturschützer, Vertreter der regionalen oder nationalen Behörden, die vor Ort wohnen, sowie Wissenschaftler, die beratend zur Seite stehen.
4.6 > Ein selbst gemaltes Schild für ein selbst verwaltetes Schutz­gebiet. Das Meer um die Insel Vanua Levu, die zu Fidschi gehört, wurde in einem umfas­senden Manage­ment­prozess zu einem lokal verwalteten Meeres­gebiet erklärt. Hier sorgen die einheim­ischen Fischer selbst für eine nachhaltige Nutzung der Fische und Meeresfrüchte.
Abb. 4.6: Ein selbst gemaltes Schild für ein selbst verwaltetes Schutzgebiet. Das Meer um die Insel Vanua Levu, die zu Fidschi gehört, wurde in einem umfassenden Managementprozess zu einem lokal verwalteten Meeresgebiet erklärt. Hier sorgen die einheimischen Fischer selbst für eine nachhaltige Nutzung der Fische und Meeresfrüchte. <br>  © Stacy Jupiter

Zusatzinfo Der lange Weg zum Weltnaturerbe Wattenmeer

Die Probleme sind in vielen Küstengebieten des indopazifischen Raumes ähnlich. So werden die Meeres­­lebens­gemeinschaften und natürlichen Ressourcen vielerorts durch Überfischung, zerstörerische Fischerei wie etwa Dynamit- und Zyanidfischerei, durch Verschmutzung oder industrielle Aktivitäten an Land geschädigt. Die Korallenriffe in der Region werden zusätzlich durch das Betreten durch Touristen, durch Anker oder durch Entnahme von Korallen für den Verkauf als Souvenirs zerstört. Wichtig ist, dass die einheimische Bevölkerung durch den LMMA-Prozess ihre Souveränität behalten kann, indem sie in Abstimmung mit anderen Interessen­gruppen dar­über mitent­scheiden kann, welche Fischerei­methoden sie künftig anwenden sollte. Zum Plan­ungs­prozess gehört auch, alternative Aktivitäten zu entwickeln, mit denen die Einheimischen künftig ihr Einkommen sichern können. Über die Einhaltung der vereinbarten Regeln wachen entweder lokale Chiefs, traditionell organisierte Dorf­ge­mein­schaften oder auch die örtlichen Küstenfischereibehörden. In der Regel wird während des LMMA-Planungsprozesses auch ein Gebiet festgelegt, für das ein völliges Nutzungsverbot gilt, wodurch garantiert wird, dass sich die Bestände der genutzten Meeresorganismen erholen können. Damit kommt die LMMA-Idee dem Prinzip der MPAs durchaus nahe. Zusammengefasst verfolgt der LMMA-Ansatz folgende Ziele:
  • verbesserter Zustand des Meereslebensraums (Bedeckung mit Korallen, Seegras, Mangroven);
  • größere Fischbestände und damit verstärkte Reproduktion der Fische und höhere Fischbiomasse;
  • daraus resultierend höhere Einkommen aus der Nutzung mariner Ressourcen;
  • bessere Fähigkeit der lokalen Bevölkerung, ihre Ressourcen zu managen;
  • Gefühl der stärkeren Umweltverantwortung und des gemeinschaftlichen Zusammenhalts.
Da die verschiedenen Dorfgemeinschaften und Küsten­regionen heute über das Netzwerk miteinander verbunden sind, können Best-Practice-Lösungen leicht weiter­gegeben werden. Seit dem Jahr 2000 wurde eine Reihe von LMMA-Projekten erfolgreich durchgeführt – darunter in Indonesien, Papua-Neuguinea, den Philippinen, auf der Inselgruppe der Salomonen sowie auf den Inseln Fidschi, Pohnpei und Palau. Da die einzelnen Regionen oftmals klein sind, sind manche Nationalstaaten allerdings wenig motiviert, sich von ministerieller oder behördlicher Seite in diesen Gebieten zu engagieren. Da die Küstenbereiche für die Nahrungsversorgung der Menschen vor Ort bedeutend sind, sind es in manchen Fällen vor allem die Nicht­regierungs­orga­ni­sationen, die Projekte vor Ort initiieren.

Nachhaltiges Management in China: zugleich schützen und nutzen

Weltweit gibt es eine Reihe vergleichbarer Projekte, die zwar ihrerseits nicht als LMMA bezeichnet werden oder im Detail anders konzipiert sind; alle diese Projekte haben aber dasselbe Ziel, dass den Menschen vor Ort eine Art Eigentümerschaft über die Meeresressourcen zugestanden wird und dass diese Ressourcen gemeinschaftlich bewirtschaftet werden. So versucht man auch in China seit einigen Jahren die Nutzung und den Schutz von Meeresgebieten in Einklang zu bringen. Auch hier hatte man die Erfahrung gemacht, dass starr festgelegte Meeresschutzgebiete nicht akzeptiert und damit ignoriert werden. Seit 2005 werden dort deshalb sogenannte Special Marine Protected Areas (SMPAs) ausgewiesen, in denen Zonen für unter­schied­liche Nutzungen wie etwa Fischerei oder Tourismus zeitweise geöffnet werden. Andere Zonen wiederum sind für jegliche Nutzung gesperrt.
In einer Studie wurde jetzt untersucht, wie wirkungsvoll dieses System ist. Dazu wurden Interviews mit Befürwortern und Kritikern der SMPAs-Politik durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass SMPAs als eine Ergänzung zu den üblichen Meeres­schutz­gebieten zu betrachten sind, aber diese nicht ersetzen. Je nach Situation sei ein völliger Schutz eines Meeres­gebiets oder eher die SMPAs-Lösung angebracht. Deutlich wird, dass durch Abstimmung der verschiedenen Interessen während der Planung Konflikte deutlich reduziert werden und die Akzeptanz der Schutz­zonen innerhalb der SMPAs erhöht wird. Kritisch angemerkt wird allerdings, dass es bislang an wissenschaftlicher Begleitforschung fehlt, mit der untersucht wird, ob die Schutz­ziele erreicht werden. Ein Grund dafür ist die mangelnde Finanzierung dieser wissenschaftlichen Arbeit. Eine fundierte Evaluation, wie zum Beispiel für ICZM-Prozesse vorgesehen, muss im chinesischen SMPAs-Konzept also erst noch fest ver­ankert werden. Insgesamt wird das SMPAs-Konzept aber in der aktuellen Studie als sinnvolles Werkzeug für den ­Meeresschutz in China bewertet, dessen Bedeutung in Zukunft weiter stark zunehmen dürfte.

Naturschutz und Tourismus – (k)ein Streitpunkt

Für den Schutz von Küstenlebensräumen ist es unerlässlich, bestimmte Nutzungen zu beschränken. So besteht beispielsweise das Problem beim Tourismus darin, dass oftmals gerade die besonders wertvollen und naturnahen Lebensräume wegen ihrer Ursprünglichkeit auf Urlauber eine besondere Anziehungskraft haben, etwa weitläufige Dünen und Strände oder Feuchtgebiete, die zum Baden einladen oder wegen ihrer Artenvielfalt beispielsweise für Vogelbeobachter besonders interessant sind. Hier die Grenzen zwischen touristisch genutzten Zonen und Schutzgebieten zu ziehen, ist schwierig. Daher führten in vielen europäischen Küstenregionen zwei Umwelt­schutz­richtlinien in den vergangenen Jahren zu besonders ­vielen Konflikten zwischen Behörden, Naturschutzverbänden und anderen Interessengruppen: die Vogel­schutz­richtlinie von 1979, deren Ziel die Erhaltung wild lebender Vogelarten ist, und die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie von 1992, deren Ziel die Erhaltung verschie­dener natürlicher Lebensräume mitsamt den darin wild lebenden Tieren und Pflanzen ist. Mit Verabschiedung dieser Richtlinien war jeder EU-Mitgliedsstaat verpflichtet, die Regelungen in nationales Recht umzusetzen und im eigenen Land entsprechende Schutzgebiete auszuweisen.
Ergebnisse einer Studie zu den Konflikten zwischen Tourismus und Naturschutz in touristisch besonders beliebten Küstengebieten Deutschlands legen folgende Schlüsse nahe: Konflikte treten vor allem dann auf, wenn die Konfliktparteien vor der Ausweisung von Schutzgebieten nicht im Dialog standen. Wurden die Schutzgebiete von den zuständigen Behörden schlicht durchgesetzt und die Bevölkerung vor voll­en­dete Tatsachen gestellt, führte das nicht nur bei den Touristen, sondern auch bei Gewerbetreibenden, dem Einzelhandel und Landwirten zu ­großem Widerstand.
Kritisiert wurde von Gewerbetreibenden oder auch Fremdenverkehrsverbänden unter anderem, dass die Ausweisung von Schutzgebieten dazu führt, dass Touristenströme gelenkt werden müssen, was vor allem in großräumigen Schutzgebieten einen hohen Aufwand bedeutet. So müssen Wege durch die Schutzgebiete mit Zäunen versehen und Parkplätze am Rand der Schutzgebiete errichtet werden.
Kritisiert wird auch, dass die Öffentlichkeit vielerorts in der ersten Phase der Gebiets­ausweisung nicht ausreichend informiert, aufgeklärt und damit ernst genommen worden sei. Als Fehler wurde insbesondere das Vorgehen vieler Ver­wal­tungen gesehen, nicht die Vorteile und ­Chancen kommuniziert zu haben, sondern schlicht die EU-Richtlinien in den Vordergrund gestellt zu haben. Dadurch sei in der Öffentlichkeit die weitverbreitete Auffassung entstanden, Maßnahmen von oberster Stelle überge­stülpt zu bekommen und keinen Einfluss zu haben. Für die Zukunft schlägt die Studie deshalb folgende Maß­nahmen vor:
  • Verhandlungen und Absprachen mit den jeweils zuständigen Organisationen (Tourenanbieter, Gemeinden, Sportverbände), um gemeinsame Lösungen zu erarbeiten, beispielsweise eine zeitliche Koordinierung von geführten Wan­der­ungen, eine Ausweisung von Parkplätzen oder Anlegestellen für Boote und Kanus;
  • gute durchdachte Konzepte für eine Besucherinformation und -aufklärung, insbesondere durch ein gut ausgebautes Netzwerk von Rangern und Infor­ma­tionszentren und durch Informationstafeln;
  • Kommunikation der Qualität eines Gebiets aufgrund der vorhandenen Natur­schätze und des Schutzbedarfs mit der Perspektive, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, beispielsweise Ökotourismus.

Das Erfolgsrezept: Bürgerbeteiligung von Anfang an

in erfolgreiches Beispiel für einen ICZM-Prozess im Bereich des Tourismus sind die Küstenschutzmaßnahmen, die in den beiden deutschen Ostseegemeinden Scharbeutz und Timmendorfer Strand zwischen 1999 und 2011 durchgeführt wurden, nachdem eine Untersuchung gezeigt hatte, dass diese stark durch Hochwasser gefährdet sind. Beide Gemeinden sind dicht besiedelt und als Urlaubsdestination touristisch intensiv genutzt. Merkmal der Orte ist eine lange Uferpromenade, die einen offenen Zugang zur Ostsee bietet und zwischen einer Ladenzeile aus Geschäften, Gewerbebetrieben und dem Strand verläuft. Beide Orte liegen in einer Bucht, in der bei starkem Ostwind der Wasserstand lokal deutlich steigen kann. Eine Wertermittlungsanalyse ergab, dass es bei Wasserständen von mehr als 3 Metern über Normalnull zu starken Über­flut­ungen kommen kann. Konkret wären dadurch bis zu 6000 Menschen und Sachwerte von mehr als 3,4 Milliarden Euro bedroht. Die Gemeinden entschlossen sich daher, mit finanzieller Unterstützung durch den Landkreis und das Land Schleswig-Holstein einen Landesschutzdeich zu errichten. Dagegen regte sich in der Bürgerschaft von Anfang an Widerstand, weil befürchtet wurde, dass ein solcher Wall die Ästhetik der Promenade zerstört, was letztlich zu Einbußen im Tourismus führen kann. Aus diesem Grund wurde die Bevölkerung in die weitere Planung eingebunden – zum einen über Informationsmaterial, das umfassend die Problematik erklärte, zum anderen durch Teilnahme an Gesprächsrunden, bei denen mehr als 50 Personen aus der Bevölkerung und der Verwaltung über verschiedene Lösungswege diskutierten, die von einem völligen Verzicht auf Schutzmaßnahmen bis zum Bau des Deiches als Maximallösung reichten.
Als gemeinsames Ergebnis kristallisierte sich eine Kombination heraus: eine Hoch­wasser­schutzanlage, die geschmackvoll an die örtlichen Gegebenheiten angepasst wird. Durch den Verzicht auf den Deich konnte der Promenadencharakter komplett erhalten bleiben. Während der Baumaßnahmen wurden alle zwei Wochen samstags öffentliche Führungen über die Baustelle veranstaltet, um über den aktuellen Stand der Arbeiten zu informieren und offene Fragen zu klären.
Konkret konnte mit den Maßnahmen ein insgesamt ästhetischer Küstenschutz erreicht werden. In einem Bereich wurde zum Beispiel auf das Fällen von Bäumen verzichtet, stattdessen wurde ein steiler Strandwall angelegt, der zusätzlich durch eine unauf­fäl­lige, nur etwa einen halben Meter hohe Mauer vor Überspülung geschützt ist. Zwischen der kleinen Mauer und der Baumreihe verläuft jetzt ein Spazierweg. Insge­samt konnte somit eine hohe Akzeptanz der Küstenschutzmaßnahmen erreicht werden, die die Promenade dank der hochwertigen Bauausführung jetzt sogar optisch bereichert.

Zusatzinfo Große Meeresökosysteme

Das Konzept der Large Marine Ecosystems

Zu einer besonderen Herausforderung wird das ICZM immer dann, wenn Küsten­gebiete und -lebensräume so groß sind, dass sie sich über mehrere Länder erstrecken. Ein umfassender Schutz dieser Gebiete ist dann nur möglich, wenn die Staaten kooperieren, etwa was die Verschmutzung des Meeres oder das Management von Fischbeständen angeht. Forscher der Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA (National Oceanic and Atmospheric Administration, NOAA) haben deshalb in den 1990er-Jahren das Konzept der großen Meeresöko­systeme, der Large Marine Ecosystems (LMEs), entwickelt. Demnach werden die küstennahen Meeresgebiete der Erde heute in 66 LMEs aufgeteilt, wobei jedes LME sich durch eine typische Flora und Fauna auszeichnet. Die LMEs erstrecken sich entlang der Küsten bis zum Kontinentalabhang, jenem Bereich des Meeresbodens, wo der Festlandsockel in die Tiefsee abfällt. Die Schwierigkeit besteht darin, dass man für ein erfolgreiches Küstenmanagement eine grenzüberschreitende Kooperation auf verschiedenen Ebenen verwirklichen muss. Zum einen müssen die einzelnen Staaten zunächst der Kooperation auf hoher nationalstaatlicher Ebene zustimmen. Zudem müssen die zuständigen Fachbehörden und die Verwaltung vor Ort eingebunden werden, damit die ansässige Küstenbevölkerung überhaupt in die grenzüberschreitende Zusammenarbeit einbezogen werden kann. Größere Fischbestände zum Beispiel können nur dann erhalten werden, wenn die neuen Regeln für eine nachhaltige Fischerei im gesamten Meeresgebiet von allen Fischern und Behörden umgesetzt werden.
Mit Unterstützung der Weltbank, der Globalen Umweltfazilität (Global Environment Facility, GEF, einer internationalen Einrichtung zur Finanzierung von Umwelt­schutz­projekten) und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (United Nations Environment Programme, UNEP) versucht man, vor allem in den Entwick­lungs- und Schwellenländern die zwischenstaatliche Zusammenarbeit beim Schutz der LMEs zu verbessern. Forscher, Politiker, aber auch Laien benachbarter Nationen treffen sich in Workshops und Konferenzen. Da oftmals wirtschaftliche Aspekte wie etwa die Ölförderung im Meer Vorrang vor dem Schutz der Umwelt haben, soll das Konzept der LMEs hier ein Gegengewicht liefern und in den Ländern ein Bewusstsein für den Lebensraum Meer schaffen.

Ein junges Netzwerk für den Schutz des Golfs von Bengalen

Ein Beispiel für eine erfolgreiche Kooperation ist das Bay of Bengal Large Marine Ecosystem (BOBLME), in dem die Anrainerstaaten des östlich von Indien gelegenen Golfs von Bengalen zusammenarbeiten: Bangladesch, Indien, Indonesien, Malaysia, die Malediven, Myanmar, Sri Lanka und Thailand. In diesem Gebiet wurde 2010 das auf fünf Jahre angelegte BOBLME-Projekt gestartet mit den Zielen, die Fischbestände besser zu managen, um die Über­fischung zu bekämpfen, und zudem die Meeres­ver­schmutzung zu bekämpfen. Zunächst stand eine umfangreiche Analyse der Situation vor Ort an. Zum einen mussten die vielen verschiedenen lokalen, regionalen und nationalen Zuständigkeiten geklärt und gemeinsame Arbeitsschwerpunkte festgelegt werden. Diese wiederum hingen davon ab, welche Nöte oder Bedürfnisse die Menschen vor Ort jeweils hatten. Da die Fischerei in jeder Nation von verschie­denen Behörden verwaltet wird, etwa von Fischerei- oder Wirtschafts­behörden, mussten zunächst zuständige Ansprechpartner gefunden werden, die dann in interna­tionalen Tagungen und Workshops miteinander in Kontakt kamen. Darüber hinaus hatte das Projekt das Ziel, den Zustand der verschiedenen Fischbestände zu erfassen. Hier bestand eine große Wissenslücke, weil in vielen Ländern lange Zeit keine regel­mäßigen Ausfahrten zur Bestandsschätzung durchgeführt worden waren. In Myanmar beispielsweise hatte es seit 30 Jahren keine ­derartige Erhebung mehr gegeben. Mit Unterstützung durch ein norwegisches Forschungsschiff wurden die Bestands­schätz­ungen für den gesamten Golf durchgeführt. Dank dieser Schätzungen konnte erstmals für die Region eine Managementempfehlung für den nachhaltigen Fang der wirtschaftlich wichtigen Indischen Makrele und den Hilsa-Hering gegeben werden. Um die Fischbestände und den Zustand der Meeresumwelt künftig über­wachen zu können, wurden zudem wissenschaftliche Arbeitsgruppen mit Forschern aus allen Anrainerstaaten gebildet, die künftig in Sachen Fischbe­stands­statistik, bei der Überwachung der Meeres­ver­schmutzung und bei ökologischen Untersuchungen im Golf von Bengalen zusammenarbeiten sollen. Die Arbeitsgruppen haben zudem vorbildliche Lösungen für einen nachhaltigen Fischfang in der Region zusam­menge­tragen und stellen diese Methoden in Workshops vor Ort anderen Fischern vor, die diese übernehmen werden. 2015 ging das BOBLME-Projekt zu Ende. Seitdem werden die während der Projektlaufzeit entwickelten Fischerei­prak­tiken und Managem­entemp­fehlungen in jedem Land nach und nach weiter eingeführt und umgesetzt. >
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