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5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck

Die Kunst, Küsten zu verwalten

Die Kunst, Küsten zu verwalten © Fernando Moleres/laif

Der Klimawandel und die Küsten

> Unterschiedliche Interessen führen immer wieder zu Konflikten beim umfassenden Schutz der Küsten. Wenn sich aber die einzelnen Interessengruppen auf einen nachhaltigen Managementplan einigen können, bringt dieser oft allen Beteiligten beträchtliche Vorteile.

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Die Bedeutung der Küsten – eine Frage der Perspektive

Die Küsten der Welt sind vielfältig. Einige sind als Urlaubsdestination beliebt und fast unberührt geblieben. Andere wiederum, die an wichtigen Wasserstraßen liegen, sind industriell stark entwickelt. Und es gibt Küstengebiete, die für die handwerkliche Fischerei von Bedeutung sind. Sie liefern große Mengen an Fisch, mit dem Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten, werden andererseits oft als natürliches Klärwerk für die Hinterlassenschaften einer zunehmenden Küstenbevölkerung benutzt. Welche Bedeutung die Küsten in traditioneller oder auch religiöser Hinsicht haben, ist von Kultur zu Kultur sehr unterschiedlich. Und ob eine Region oder ein Staat die Küsten überhaupt als bedeutsam erachtet, hängt von vielerlei Faktoren ab und spiegelt sich nicht zuletzt in aktiven politischen Maßnahmen zu deren Schutz wider.

Internationale Spielregeln für die Küstengebiete der Welt

Wer ein Küstengebiet auf welche Weise nutzen darf, ist heute international klar durch das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (SRÜ) geregelt, das von der UN-Seerechtskonferenz 1982 verabschiedet wurde und nach langwierigen Verhand­lungen 1994 in Kraft trat. Es legt die Spielregeln für alle Meeresnutzungen wie Schifffahrt, Fischfang, Erdgas- und Erdölförderung und Umweltschutz fest. Die Vorschriften des SRÜ gelten für alle Staaten und grundsätzlich in allen Meereszonen.
4.1 > Küstenstaaten haben in ihrer Ausschließlichen Wirt­schafts­zone (AWZ) das exklusive Recht, Meeres­re­ssourcen wie etwa Fische auszubeuten. Unter bestimmten Voraussetzungen können sie ihre AWZ sogar noch um einen Teil des Fest­land­sockels erweitern.
Abb. 4.1: Küstenstaaten haben in ihrer Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) das exklusive Recht, Meeresressourcen wie etwa Fische auszubeuten. Unter bestimmten Voraussetzungen können sie ihre AWZ sogar noch um einen Teil des Festlandsockels erweitern. © nach GRID-Arendal
Allerdings ist zu beachten, dass für die Umsetzung des Rechts in verschiedenen Meeres­zonen jeweils andere Zuständigkeiten gelten. Folgende Küsten- und Meeres­gebiete werden unterschieden:

KÜSTENMEER: Das Küstenmeer ist die 12-Seemeilen-Zone. Es gehört zum Hoheits­gebiet eines Staates. Aktivitäten in dieser Zone unterliegen der Gesetzgebung der einzelnen Staaten. Die Gesetzgebung muss aber den international vereinbarten Regeln entsprechen, sofern der Staat das SRÜ ratifiziert hat.

AUSSCHLIESSLICHE WIRTSCHAFTSZONE (AWZ): Diese erstreckt sich vom äußeren Rand des Küstenmeers bis 200 Seemeilen (circa 370 Kilometer) vor der Küste. Die AWZ wird daher auch als 200-Seemeilen-Zone bezeichnet (200-sm-Zone). Zur AWZ zählen der Meeresboden und die Wassersäule. Anders als das Küstenmeer gehört die AWZ nicht zum Hoheitsgebiet eines Staates. Gleichwohl darf allein der Küstenstaat in seiner AWZ Ressourcen wie etwa Erdöl und Erdgas, mineralische Rohstoffe oder auch die Fischbestände ausbeuten. Andere Nationen dürfen die Rohstoffe nur dann nutzen, wenn der jeweilige Küstenstaat zustimmt. Die Ressour­cen­gewinnung in der AWZ unterliegt der Gesetzgebung des Küstenstaats, welche wiederum den internationalen Regeln des SRÜ entsprechen muss. Für andere Meeresnutzungen, insbesondere die Schifffahrt, gilt die Freiheit der Hohen See auch in der AWZ.
4.2 > Der Nationalpark Banc d’Arguin ist ein Watt- und Lagunen­gebiet an der Küste des west­­afrika­nischen Staates Maure­tanien. Der Nationalpark ist ein wichtiges Überwinterungsbiet für Zugvögel, die sich dort ihre Fettreserven für den langen Flug anfressen.
Abb. 4.2: Der Nationalpark Banc d’Arguin ist ein Watt- und Lagunengebiet an der Küste des west­afrikanischen Staates Mauretanien. Der Nationalpark ist ein wichtiges Überwinterungsbiet für Zugvögel, die sich dort ihre Fettreserven für den langen Flug anfressen. © Harald Woeste/www.imagerover.com
FESTLANDSOCKEL: Als Festlandsockel wird der flach oder steil abfallende Meeres­boden vor der Küste bezeichnet, der eine natürliche geologische Verlängerung des Festlands ist. Für den Begriff gibt es eine rechtliche und eine geologische Definition. Im rechtlichen Sinn ist damit jener Bereich gemeint, der bis 200 Seemeilen vor der Küste reicht. Im geologischen Sinn wiederum ist der Begriff gleichbedeutend mit dem Schelf. Als Schelf bezeichnet man den küstennahen, flachen Teil des Meeresbodens. Der Schelf fällt sanft bis zu einer durchschnittlichen Tiefe von 130 Metern ab. Daran schließt sich der bis zu 90 Grad steile Kontinentalhang an. Der Festland­sockel ist wirtschaftlich besonders interessant, weil hier unter anderem große Mengen an Erdgas und Erdöl zu finden sind. In vielen Teilen der Welt gibt es Regionen, wo sich geologisch ein äußerer Festlandsockel nachweisen lässt, der innerhalb der Aus­schließ­lichen Wirtschaftszone beginnt, sich jenseits der 200-Seemeilen-Grenze fortsetzt und somit den Einflussbereich des Küstenstaats erweitert. Solch ein Nach­weis muss gegenüber der Festlandsockelkommission (Commission on the Limits of the Continental Shelf, CLCS) in New York wissenschaftlich erbracht und von dieser akzeptiert werden. Dieser äußere Festland­sockel, der über die AWZ hinausgeht, kann dann bis auf eine Linie von maximal 350 Seemeilen vor der Küste ausgedehnt werden. Alternativ kann ein Staat ein Meeresgebiet bis zu 100 Seemeilen jenseits der 2500-Meter-Tiefenlinie als Erweiterung des Festlandsockels über die Grenzen der AWZ hinaus beanspruchen und in manchen Fällen sogar noch darüber hinaus.

HOHE SEE: An die AWZ schließt sich die Hohe See an, die kein Nationalstaat für sich beanspruchen darf. Sie steht allen Staaten für eine Nutzung offen. Gleichwohl wird die Nutzung der Ressourcen in der Hohen See reguliert. Die Fischerei etwa wird durch Regionale Organisationen für das Fischereimanagement (Regional Fisheries Manage­ment Organisations, RFMOs) geregelt, die beispielsweise Höchstfangmengen für Fischarten vorgeben. Über die Nutzung und Verteilung der Rohstoffe am Meeres­boden hingegen wacht allein die Internationale Meeresbodenbehörde der Vereinten Nationen (International Seabed Authority, ISA). Sie ist für alle mineralischen Ressourcen am Meeresboden zuständig. Diese sind im Seerechtsübereinkommen als gemeinsames Erbe der Menschheit definiert.

Cyanobakterien
Cyanobakterien sind eine Gruppe von Bakterien, die sich dadurch auszeichnen, dass sie Photo­syn­these betreiben können. Aus diesem Grund wurden sie ursprünglich für Pflanzen gehalten und als Blaualgen bezeichnet. Die Bezeichnung „blau“ rührt daher, dass einige Typen von Cyanobakterien statt des grünen Pflanzenfarbstoffs Chlorophyll den blaugrün schimmernden Farbstoff Phycocyanin besitzen.

Die Beobachtungen aus der Eckernförder Bucht decken sich mit Messwerten, die man für die ganze Ostsee analysiert hat. Seit 1990 wird die Oberflächentemperatur der Ostsee mehrmals täglich von US-amerikanischen Wettersatelliten gemessen, sodass man heute über einen sehr guten Temperaturdatensatz verfügt. Die Daten zeigen, dass die Oberfläche der Ostsee seit 1990 pro Jahrzehnt um 0,6 Grad Celsius wärmer geworden ist. Dieser Zahl liegen Durchschnittswerte für jedes Jahr zugrunde, weil es in der Ostsee starke jahreszeitliche Schwankungen und auch klare regionale Unter­schiede gibt. Über den Untersuchungszeitraum von 27 Jahren bedeutet das eine Zunahme von 1,62 Grad Celsius. Durch die steigenden Temperaturen wird insbe­son­dere das Wachstum von Cyanobakterien begünstigt. Bei ruhigem Sommerwetter, bei dem sich das Wasser besonders schnell aufheizt, schwimmen diese Algen auf und sammeln sich in regelrechten Teppichen an der Meeres­ober­vfläche. Dies passiert hauptsächlich in der Zentralen Ostsee. Durch den Wind können sie aber an den Strand gespült werden. Aus Sicht des Menschen besteht ein Problem darin, dass viele Arten von Cyanobakterien giftige Substanzen produzieren. Vermehren sie sich zu stark, können sich giftige Teppiche entwickeln, sogenannte Harmful Algal Blooms (HABs, schädliche Algenblüten). In betroffenen Küstengebieten ist das Baden verboten. Zudem können HABs Meerestiere vergiften, etwa Fische. Für die Küstenfischerei kann das erhebliche Einbußen bedeuten.

Nationalstaatliche Reglements

Während das SRÜ die Nutzung der verschiedenen Meeresgebiete international klar regelt und damit definiert, wem das Meer beziehungsweise die Küstengewässer gehören, obliegt das Management der 12-Seemeilen-Zone allein dem betreffenden Staat, was dazu führt, dass die administrative Ausgestaltung von Nation zu Nation (und in föderalen Staaten mitunter gar von Land zu Land) unterschiedlich geregelt ist. Für das Management der Küstengewässer bedeutet das einen erheblichen Abstimmungsbedarf zwischen verschiedenen Behörden.
Wie viele Behörden in die Verwaltung der Küsten einbezogen sein können, lässt sich exemplarisch an der Verwaltung der deutschen Nordseeküste zeigen, an die die Bundesländer Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg grenzen. Allein in Niedersachsen teilt sich die Verantwortung für das Küstenmeer auf folgende Behörden beziehungsweise Körperschaften auf:
  • Wasser- und Schifffahrtsämter: Sie unterstehen dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur und sind für die Sicherheit der Schifffahrt im Küstenmeer und auf den Bundeswasserstraßen Elbe, Weser und Ems zuständig, die dem Bund unterstehen. Zu ihren Aufgaben gehört das Setzen und Warten von Seezeichen und die Unterhaltung von Uferbefestigungen sowie von Schleusen und Wehren entlang der Bundeswasserstraßen. Für den Naturschutz an den Ufern der Bundeswasserstraßen sind wiederum die unteren Naturschutzbehörden der Landkreise zuständig, sofern diese Gebiete nicht zu einem Nationalpark oder Biosphärenreservat zählen.
  • Niedersächsisches Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz: Es ist für jene Naturgebiete an der Küste zuständig, die den Status eines Biosphären­reservats haben. Biosphärenreservate sind von der UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization, Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) ­initiierte Modellregionen, in denen eine nachhaltige Entwicklung in ökologischer, ökonomischer und so­zialer Hinsicht erreicht werden soll.
  • Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN): Er ist dem Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz unterstellt und für den Küstenschutz auf den niedersächsischen Inseln zuständig; die Behörde arbeitet eng mit den Deichverbänden zusammen. Zudem ist der NLWKN für den Naturschutz in einem Teil der Deichvorländer zuständig – beispielsweise in den Salzwiesen.
  • Nationalparkverwaltung: Sie ist dem Niedersächsi- schen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz unterstellt und für den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer zuständig, darüber hinaus für jene Deichvorländer, die im Bereich des Nationalparks liegen.
  • Hauptdeichverbände: Sie sind Körperschaften des öffentlichen Rechts, die für die Sicherheit der Deiche, die die Festlandküste auf voller Länge schützen, zuständig sind. Die Deichverbände haben eine lange, teils mehrere Hundert Jahre alte Tradition. Sie wurden von den Bewohnern der verschiedenen Küstengemeinden gegründet und bestehen bis heute zu einem großen Teil aus ehrenamtlichen Mitarbeitern. Der Vorsteher eines Deichverbands ist der Deichgraf. In den 1960er-Jahren wurden mehrere Deichverbände zusammengelegt, sodass es heute an der niedersächsischen Küste insgesamt 22 Hauptdeichverbände gibt, die die Deiche kontrollieren und ausbessern.
  • Untere Naturschutzbehörden: Sie sind den jeweiligen Landkreisen unterstellt und für jene Naturgebiete an der Küste zuständig, die nicht zu den Nationalparks zählen.
Schon das Beispiel Niedersachsen zeigt, welche Fülle an Zuständigkeiten es in einem Bundesland gibt. In Hamburg und Schleswig-Holstein gibt es im Detail wiederum andere Reglements und auch Behörden­strukturen. Diese Vielfalt ist zu einem großen Teil auf das föderale System der Bundesrepublik Deutschland zurückzuführen, doch ist es auch ein Beispiel dafür, dass das Management eines gesamten Küstengebiets nur bei klarer Abstimmung und Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Behörden funktionieren kann. So ist es beispielsweise über die Jahre gelungen, das deutsche Wattenmeer trotz verschiedener Zuständigkeiten über die Grenzen der Bundesländer hinweg in Gänze als Nationalpark unter Schutz zu stellen. Darüber hinaus liegt die Verantwortung für Infrastrukturen von überregionaler Bedeutung wie etwa den Bundeswasserstraßen in einer Hand – beim Bundesministe­rium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Allerdings betonen Experten auch, dass die Aufteilung in verschiedene Behörden Vorteile haben kann. So gebe es in den ­verschiedenen Behörden eine große Zahl an Fachleuten, die über wichtiges Detail- und Spezial­wissen verfügten, sei es im Küsten- oder Naturschutz oder im Hinblick auf die Sicherheit von Wasserstraßen.
4.3 > Für die Unterhaltung und die Sicherheit der Bundes­wasser­straßen wie hier der Elbe ist das Bundes­minis­terium für Verkehr und digitale Infrastruktur zuständig. Die Deiche, die das Hinterland schützen, werden hingegen von Deichverbänden gepflegt.
Abb. 4.3: Für die Unterhaltung und die Sicherheit der Bundeswasserstraßen wie hier der Elbe ist das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur zuständig. Die Deiche, die das Hinterland schützen, werden hingegen von Deichverbänden gepflegt. © Kaiser/laif

Viele Ansprüche – viele Konflikte

Küsten haben viele Funktionen und erbringen viele Ökosystemleistungen – etwa die Bereitstellung von Fisch, Schifffahrtsstraßen, Tourismus und Erholung oder Raum für Landwirtschaft und Bauvorhaben. Damit konzentrieren sich auf dem relativ schmalen Streifen zwischen Land und Meer in dicht besiedelten oder stark genutzten Küsten­re­gionen zahlreiche Aktivitäten – und damit automatisch viele verschiedene Zu­ständig­keiten. Diese Vielzahl kann leicht zu Konflikten führen, wenn es keine ausreichende Abstimmung zwischen den jeweils zuständigen Behörden oder allgemein den verschiedenen Interessengruppen gibt. Beispielsweise steht die Nutzung durch den Menschen oftmals Naturschutzaspekten entgegen. So führte in China der Wunsch nach wirtschaftlicher Entwicklung zu einer erheblichen Belastung der Küstengebiete. Um möglichst schnell zu den hohen ökonomischen Standards des Westens aufzuschließen, wurde Umweltaspekten oftmals nur wenig Beachtung geschenkt. Gegen eine so einseitige Fokussierung regt sich heute in der chinesischen Bevölkerung zunehmend Widerstand und man erkennt, dass sich Zielkonflikte ergeben haben, die sich nur lösen lassen, wenn nicht nur Partikularinteressen bedient werden. Nicht nur in China, sondern auch in vielen anderen Re­gionen weltweit verhindert eine solche sektorielle Sichtweise einen effizienten Schutz der Küstenlebensräume oder eine nachhaltige Nutzung. Noch schwieriger ist die Situation, wenn sich Küsten­lebens­räume über Staatsgrenzen erstrecken, wie es zum Beispiel beim Wattenmeer in Deutschland, den Niederlanden und Dänemark der Fall ist. Hier ist ein wirkungsvolles Küstenmanagement nur in internationaler Zusammenarbeit möglich.
4.4 > In vielen Küs­tengebieten gibt es eine große Zahl an Nutzungsinteressen, die das Land und das Küstenmeer betreffen. Die Abstimmung aller dieser Interessen lässt sich in der Regel nur durch einen auf­wen­digen Küsten­manage­ment­prozess erreichen.
Abb. 4.4: © nach Meiner

Alle Parteien an einem Tisch

Ein entsprechendes Konzept für das nachhaltige und umfassende Management von Küsten wurde erstmals im Jahr 1992 während der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro vorgestellt: das Integrated Coastal Zone Management (ICZM), das Integrierte Küstenzonenmanagement (IKZM), das die nachhaltige Entwicklung der Küstenzonen zum Ziel hat und dabei versucht, alle Aspekte der Küstenentwicklung miteinander in Einklang zu bringen. Bis heute haben viele Staaten und Staatengemeinschaften das ICZM zur Leit­linie für die Planung der zukünftigen Küstenentwicklung gemacht – beispielsweise die Europäische Union, die ICZM wie folgt definiert: „Das Integrierte Küstenzonenmanagement versucht lang­fris­tig, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen den Vorteilen der wirtschaftlichen Entwicklung und der Nutzung der Küstengebiete durch die Menschen, den Vorteilen des Schutzes, des Erhalts und der Wiederherstellung der Küstengebiete, den Vor­teilen der Minimierung der Verluste an menschlichem Leben und Eigentum sowie den Vorteilen des Zugangs der Öffentlichkeit zu und der Freude an den Küstenzonen, und zwar stets innerhalb der durch die natürliche Dynamik und die Belastbarkeit gesetzten Grenzen.“ Obwohl das ICZM heute als Werkzeug für das künftige Küsten­zonen­management anerkannt ist, bleibt die Abstimmung der Partikularinteressen der verschiedenen Interessengruppen die größte Herausforderung.
Nach Aussage der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations, Welternährungsorganisa­tion) gibt es heute eine Reihe von Gründen, die dazu führen, dass Küstenlebensräume nicht nachhaltig genutzt, sondern ausgebeutet und zerstört werden. Dazu zählen:
  • große, auf schnellen Profit ausgerichtete Wirtschaftsunternehmen, die Ressour­cen ausbeuten oder zerstören und mit den Interessen der Küsten­bevöl­kerung in Konflikt stehen;
  • Mangel an ernsthaften staatlichen Folgemaßnahmen bei der Unterstützung und Durchsetzung von Naturschutzprogrammen;
  • mangelndes Bewusstsein bei Einheimischen und politischen Entschei­dungs­trägern für ein Management, das auf nachhaltige Ressourcen­nutzung setzt;
  • Armut, die durch die Verknappung von Ressourcen, die Schädigung der Habitate und Aufzuchtgebiete von Fischen sowie einen Mangel an alternativen Existenz­grund­lagen verschärft wird;
  • starkes Bevölkerungswachstum.

Gutes Management lohnt sich

Dieses Konfliktpotenzial lässt sich, so die FAO, entschärfen, wenn alle diese Aspekte im Rahmen eines Integrierten Küstenzonenmanagements berücksichtigt und einmal aufgesetzte ICZM-Programme auch vollständig umgesetzt werden. Gemäß FAO können ICZM-Programme Staaten beziehungsweise einzelnen Küstenregionen auf folgende Weise nützen:
  • Erleichterung eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums auf der Grundlage natürlicher Ressourcen;
  • Erhaltung der natürlichen Lebensräume und Artenvielfalt;
  • Kontrolle der Verschmutzung und der Veränderung von Küsten und Strandfronten;
  • Kontrolle möglicher Verschmutzungen in Wassereinzugsgebieten, die in die Küstenregion entwässern;
  • Kontrolle von Meeresbergbau oder sonstigen baulichen Veränderungen in Korallenriffen und allgemein am küstennahen Meeresboden;
  • nachhaltige Verwendung übernutzter Ressourcen, sodass sich diese erholen können, etwa die Bestände von Fischen und anderen Meeresorganismen;
  • Bereitstellung von Mechanismen und Werkzeugen für eine gerechte und nachhaltige Zuteilung von Ressourcen unter den verschiedenen Interessengruppen;
  • schnellere und zielgerichtete Umsetzung von Projekten durch Einbeziehung aller Interessengruppen, weil nachträgliche Differenzen vermieden werden, die ein Projekt verzögern könnten;
  • Vermeidung von Schäden an der Meeresumwelt oder an marinen Ressourcen.
Darüber hinaus soll ein umfassendes ICZM heute nicht nur den unmittelbaren Küsten­streifen und das Küstenmeer betrachten, sondern auch die vielfältigen Beziehungen zwischen der Küste und dem Hinterland – sei es im Hinblick auf die Schaffung von Absatzmärkten für neue nachhaltig gewonnene Produkte oder im Hinblick darauf, Verschmutzungen der Küstengewässer, die ihren Ursprung an Land haben, zu verhindern. Die FAO betont, dass diese Auflistung die ideale Form eines ICZM darstellt und dass heute nicht in jedem Falle bei ICZM-Projekten alle Ziele erreicht werden. Doch immerhin hat sich die ICZM-Idee vielerorts durchgesetzt.
Je nach Zahl der Nutzungsinteressen kann ein ICZM-Prozess unterschiedlich komplex sein. Sind nur einzelne oder wenige Nutzergruppen beteiligt, ist der Gesamtprozess meist schlanker. Das kann beispielsweise in Küstengebieten von Entwicklungsländern der Fall sein, wo die Küste durch handwerkliche Fischerei geprägt ist und wenige andere Nutzungsarten existieren. Inzwischen gibt es erfolgreiche Beispiele, die Schule machen können. >
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