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5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck

Vom Werden und Vergehen der Küsten

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Sundaland – ein Schmelztiegel der Menschheit

Auch in Südostasien wird versucht, untergegangene Küstenlinien ausfindig zu machen, an denen sich prähistorische Siedlungshinweise finden lassen. Die Herausforderung besteht in der schieren Größe des zu untersuchenden Meeresgebiets. Während der letzten Eiszeit war das heutige Seegebiet zwischen dem asiatischen Festland und den Inseln Borneo, Java und Sumatra eine riesige zusammenhängende Landmasse, die als Sundaland bezeichnet wird und damals eine Ausdehnung von der Größe Europas hatte. Experten nehmen an, dass sich das Klima und die Vegetation in verschiedenen Teilen von Sundaland immer wieder änderten. So gab es zu manchen Zeiten dichte Regenwälder, zu anderen Savannenlandschaften. Die Veränderungen führten dazu, dass es immer wieder großräumige Wanderungen gab. Menschen wanderten aus nördlichen Regionen nach Sundaland ein. Zu anderen Zeiten gab es Bewegungen in die Gegenrichtung. Dadurch – so zeigen genetische Modellierungen und einige wenige archäologische Funde – mischten sich die verschiedenen Stämme zu bestimmten Zeiten immer wieder. Die Region war ein genetischer Schmelztiegel, der bei der Entwicklung des heutigen Menschen eine wichtige Rolle gespielt haben dürfte. Weiter nimmt man an, dass die Menschen vor allem zu Zeiten, in denen in Sundaland die Savannen dominierten, auf bestimmten Korridoren oder Ebenen wanderten, möglicherweise auch auf höher gelegenen Ebenen entlang der Küste.
Noch ist über die Siedlungsgeschichte dieser Region zu wenig bekannt, sagen die Experten. Das sei bedauerlich, weil die Region auch ein wichtiger Trittstein für die Besiedlung Neuguineas und Australiens sei, die während der letzten Eiszeit eine zusammenhängende Landmasse bildeten, die als Sahul bezeichnet wird. Mit Sicherheit ausschließen lässt sich aber, dass es eine feste Verbindung zwischen Sundaland und Sahul gegeben hat, weil das Meeresgebiet dazwischen, die Bandasee, schon damals bis zu 5800 Meter tief war.

Die Ostsee – ein junges Küstenmeer

Im Vergleich zur Südhalbkugel spielten bei der Besiedlung der Nordhalbkugel andere Faktoren eine Rolle. Nicht nur die Veränderung des Meeresspiegels, sondern auch die Eismassen der Gletscher hatten einen enormen Einfluss auf die Natur und die menschliche Besiedlungsgeschichte. Wie stark sich die Landschaft dort verändert hat, zeigt das Beispiel der Ostsee. Deren Geschichte lässt sich dank umfangreicher sedimentologischer Untersuchungen ziemlich genau nachvollziehen. Sie begann vor etwa 12 000 Jahren, als sich die Gletscher der letzten Eiszeit bis nach Skandinavien zurückgezogen hatten. Damals lag der Meeresspiegel etwa 80 Meter unter dem heutigen Niveau. Im Bereich der heutigen Zentralen Ostsee bildete sich ein Schmelzwassersee, der zunächst keine Verbindung zum offenen Meer hatte, weil die heutige Meerenge zwischen Dänemark und Schweden, das Kattegat, früher noch als Landmasse über dem Meeresspiegel lag. Man hätte an diesem See entlangwandern und von der Region, wo sich heute die Insel Rügen befindet, bis zum Gebiet, wo heute die dänische Insel Bornholm liegt, trockenen Fußes gelangen können.
1.13 > Vor etwa 18 000 Jahren war die Nordsee größtenteils Festland. Das damalige Gebiet zwischen dem heutigen Großbritannien, Dänemark, Deutschland und den Niederlanden wird als Doggerland bezeichnet, wobei die exakte Lage von Landmasse, Gletschern und Flüssen ungewiss ist. Mit dem Steigen des Meeresspiegels schrumpfte das Doggerland, bis es vor etwa 7000 Jahren ganz verschwand.
Abb. 1.13: Vor etwa 18 000 Jahren war die Nordsee größtenteils Festland. Das damalige Gebiet zwischen dem heutigen Großbritannien, Dänemark, Deutschland und den Niederlanden wird als Doggerland bezeichnet, wobei die exakte Lage von Landmasse, Gletschern und Flüssen ungewiss ist. Mit dem Steigen des Meeresspiegels schrumpfte das Doggerland, bis es vor etwa 7000 Jahren ganz verschwand. © nach McNulty at al.
Mit dem Ansteigen des Meeresspiegels durch die Schmelzwasserpulse wurde diese Landverbindung vor etwa 10 000 Jahren überflutet. Allerdings wurde diese Verbindung zum offenen Meer vor etwa 9300 Jahren noch einmal gekappt, weil sich die skandinavische Landmasse langsam hob. Hatten während der Eiszeit die schweren Gletscherlasten sie noch absinken lassen, so verringerten sich diese mit dem Abtauen kontinuierlich. Die Hebung Skandinaviens hält übrigens bis heute an und beträgt derzeit etwa 9 Millimeter pro Jahr.
Mit den Schmelzwasserpulsen und der Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs wurde das Kattegat vor etwa 8000 Jahren aber dann endgültig überflutet.

Land verschwindet

Zu jener Zeit entstand auch die Nordsee. Bis vor etwa 10 000 Jahren war das Gebiet zwischen den heutigen Niederlanden, Deutschland, Dänemark und Großbritannien noch eine große zusammenhängende Landmasse. Sie wurde von großen Flüssen durchzogen, die man als die Vorläufer von Rhein, Weser, Themse und Elbe betrachten kann. Sie mündeten damals mehrere Hundert Kilometer weiter nördlich ins Meer als heute. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die Landschaft durch Moore und Birkenwälder geprägt war. Heute bezeichnet man sie in Anlehnung an die Doggerbank, eine Untiefe in der Nordsee, als Doggerland. Funde von Jagdwaffen belegen, dass hier Menschen der Mittelsteinzeit gewohnt haben. Mit dem steigenden Meeresspiegel wurde auch das Doggerland überflutet, sodass sich die Menschen, die an den Flussmündungen lebten, nach und nach von der Küste zurückziehen mussten. Vor etwa 7000 Jahren dürfte es komplett verschwunden gewesen sein. Damals lag der Meeresspiegel etwa 25 Meter unter dem heutigen Niveau. Heute sind der Grund der Nordsee und das Wattenmeer an der niederländischen, deutschen und dänischen Nordseeküste zu weiten Teilen von Sand und weichem Sediment bedeckt, das damals die Vorläuferflüsse weit hinaus ins Doggerland getragen haben. Der Helgoländer Felsen dürfte damals als mächtiger Tafelberg aus der weiten Ebene geragt haben. Er ist Teil einer Buntsandsteinschicht, die eigentlich 2000 Meter tief im Untergrund liegt, von einem mächtigen Salzstock aber, der sich vor 100 Millionen Jahren unter dem Gestein gebildet hatte, nach oben gedrückt worden ist.
1.14 > Vor 12 000 Jahren nutzten Menschen Beile und Dolche aus Helgoländer Flintstein. Damals ragte Helgoland, Teil einer Buntsandsteinschicht, als mächtiger Tafelberg aus dem Doggerland.
Abb. 1.14: Vor 12 000 Jahren nutzten Menschen Beile und Dolche aus Helgoländer Flintstein. Damals ragte Helgoland, Teil einer Buntsandsteinschicht, als mächtiger Tafelberg aus dem Doggerland. © Daniel Nösler/Landkreis Stade
Abb. 1.15: Der Sognefjord gehört zu den beliebtesten Reisezielen Norwegens. Er wurde durch Gletscher der Eiszeit geformt, die hier ins Meer glitten und dabei den Untergrund abschabten. Mit dem Abtauen der Gletscher und dem Anstieg des Meeresspiegels wurde das Gletschertal langsam überflutet. © Richard Taylor/ 4Corners/Schapowalow/Mato

1.15 > Der Sognefjord gehört zu den beliebtesten Reisezielen Norwegens. Er wurde durch Gletscher der Eiszeit geformt, die hier ins Meer glitten und dabei den Untergrund abschabten. Mit dem Abtauen der Gletscher und dem Anstieg des Meeresspiegels wurde das Gletschertal langsam überflutet.

Schmelzwasser bringt die marine Wärmepumpe ins Stocken

Was das Leben an den Küsten betrifft, waren der Meeresspiegelanstieg und die Überflutung großer Regionen die wohl direktesten Folgen der vor 20 000 Jahren beginnenden Warmzeit. Dass diese Klimaänderungen für den Menschen aber noch deutlich weiter reichende Folgen hatten, macht erneut das Beispiel des Agassizsees in Nord­amerika deutlich, aus dem sich mehrfach große Schmelzwassermengen ins Meer ergossen. Zu jener Zeit hatte sich die Nordhalbkugel im Vergleich zur Eiszeit schon sehr deutlich erwärmt. Der massive Abfluss von Süßwasser stoppte diesen Trend und führte zu einer neuerlichen Abkühlung der Nordhalbkugel um bis zu 5 Grad Celsius. Der Grund: Der Süßwasserschwall brachte die Wärmepumpe im Atlantik ins Stocken, die sogenannte thermohaline Zirkulation, die wie ein gigantisches Förderband den Globus umspannt (thermo – angetrieben durch Temperatur­unterschiede; halin – angetrieben durch Salzgehaltsunterschiede). Bei diesem Phänomen, das in den polaren Meeresgebieten auftritt, sinkt kaltes salziges Wasser, das besonders schwer ist, in die Tiefe ab und gleitet dort in Richtung Äquator. Während dieses Oberflächenwasser absinkt, strömt warmes Wasser aus südlichen Meeresgebieten nach. Auf diesem Prinzip beruht auch der Golfstrom, dessen Ausläufer durch die thermohaline Zirkulation warmes Wasser aus südlichen Breiten nach Nordosten transportiert und damit zum milden Klima in Westeuropa beiträgt.
Auch schon zu Zeiten des Agassizsees bewirkte diese Wärmepumpe auf der Nordhalbkugel ein vergleichsweise mildes Klima. In Fachkreisen wird diskutiert, inwieweit die Schmelzwasserpulse das Wasser so stark ausgesüßt haben, dass die thermohaline Zirkulation stoppte. So wird angenommen, dass mit dem Stoppen der Zirkulation auch der Transport warmen Wassers aus südlichen Meeresgebieten versiegte. In Europa und dem Nahen Osten änderte sich das Klima. Es wurde kühler und trockener. Diese Änderung könnte auf die Menschheitsgeschichte einen entscheidenden Einfluss gehabt haben, insbesondere auf die Neolithische Revolution, die vor etwa 10 000 Jahren begann. Der Mensch wandelte sich vom Jäger und Sammler zum sesshaften Ackerbauern und Viehzüchter. Für diesen Umschwung gibt es verschiedene wissenschaftliche Erklärungen. Eine Erklärung ist die Mangelhypothese. Diese besagt, dass die Jäger und Sammler nicht mehr genug Nahrung fanden, weil vor allem bestimmte Beutetiere seltener wurden, deren Ausbleiben durch den Klimawandel, Schmelzwasserpulse und das Stoppen der thermohalinen Zirkulation ausgelöst worden sein könnte. In der Folge begann der Mensch, Wildgetreidearten zu kultivieren, die in dem nun herrschenden Klima gut wachsen konnten.
Mit dem Abtauen der Gletscher versiegte der Schmelzwasserfluss aus dem Agassizsee langsam, sodass sich im Atlantik wieder ein höherer Salzgehalt einstellte. Damit sprang die thermohaline Zirkulation im Laufe der Zeit wieder an, wodurch die Temperaturen in Europa und im Nahen Osten abermals anstiegen. Alles in allem begann der vergleichsweise starke Anstieg des Meeresspiegels vor etwa 20 000 Jahren und dauerte bis vor etwa 6000 Jahren an. Seitdem hat sich der Meeresspiegel mit Schwankungen von wenigen Zentimetern pro Jahrhundert nur geringfügig verändert. Durch den vom Menschen verursachten Treibhauseffekt hat sich der Anstieg in den vergangenen Jahrzehnten offensichtlich wieder beschleunigt.

Gletscher formen Küsten

Der Wechsel von Warm- und Eiszeiten verändert Küsten nicht nur durch das Steigen und Sinken des Meeresspiegels aufgrund des Schmelzens und Anwachsens der Gletscher. Auch sonst prägt er die Gestalt der Küstenlandschaft. Während der Eiszeit lasteten die Gletscher als mehrere Kilometer dicke Eispakete auf weiten Teilen der Nordhalbkugel. Typischerweise bewegen sich Gletscher langsam über den Untergrund hinweg. Zum einen gleiten sie auf einem Film aus Schmelzwasser, das sich am Grund des Gletschers unter hohem Druck aus dem Eis bildet. Zum anderen verformt sich das Eis unter seinem Eigengewicht plastisch und bewegt sich dadurch langsam. Die wandernden Gletscher wirken wie mächtige Hobel, die die Küste unterschiedlich formen. Die Stockholmer Schärenküste etwa besteht aus 500 Millionen Jahre altem festem Granit und Gneis, die selbst ein Gletscher nicht abtragen, aber glatt und rund hobeln kann. Geologen bezeichnen eine solche Region als glaziale Rundhöckerlandschaft. Der steigende Meeresspiegel verwandelte diese Region dann in ein Archipel.
1.16 > Die Stock­holmer Schärenküste besteht aus sehr festem Granit und Gneis, die während der Eiszeit von Gletschern zu sanften Hügeln geschliffen wurden.
Abb. 1.16: Die Stock­holmer Schärenküste besteht aus sehr festem Granit und Gneis, die während der Eiszeit von Gletschern zu sanften Hügeln geschliffen wurden. © Nordic Photos/look- photos
An der steilen Küste Norwegens hingegen gruben sich die runden Gletscherzungen tief in das Gestein ein und schufen damit typische Täler, die mitunter sehr weit hinabreichen und ein U-förmiges Profil aufweisen. Der Sogne­fjord zum Beispiel erreicht heutzutage eine Tiefe von 1000 Metern. Wiederum anders ist die Bodenbeschaffenheit in Norddeutschland. Hier gibt es relativ weiche Böden, und es bildeten sich breite Gletscherzungen, die die Böden der Küsten zugleich quetschten und in der Breite ausschabten. Ein Beispiel dafür sind die großen Öffnungen der Kieler Förde und der Eckernförder Bucht. Textende
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