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5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck

Die vielen Gesichter der Küsten

Die vielen Gesichter der Küsten © Image provided by the USGS EROS Data Center Satel- lite Systems Branch. This image is part of the ongoing Landsat Earth as Art series/NASA

Die vielen Gesichter der Küsten

> Das Erscheinungsbild unserer Küsten ist vielgestaltig. Ihr Charakter wird vor allem durch das Material bestimmt, aus dem sie bestehen, und durch die physikalischen Kräfte, die dieses Material formen. Will man die Küsten einteilen, so finden sich diverse Unterscheidungsmerkmale und eine Vielzahl von Kategori­sie­rungen.

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Eine Million Kilometer Küste

Die Küsten der Welt sind vielfältig. So ist die Nordküste der französischen Bretagne durch Felsen aus Granit geprägt und von zahlreichen Buchten durchsetzt. In Namibia erstrecken sich die hohen Dünen der Wüste Namib bis direkt an den Atlantik. Die Küste verläuft hier nahezu pa­rallel zu den Dünen. In Sibirien wiederum besteht die flache Küste aus Permafrost, metertief gefrorenem Boden, der an der Oberfläche während des kurzen arktischen Sommers für einige Wochen auftaut. Dieser ist besonders anfällig für Wellenschlag. Bei Sturm kann das aufgeweichte Ufer um mehrere Meter abbrechen, sodass die Küste ständig ihr Gesicht verändert.
1.17 > In Namibia verlaufen die Dünen der Wüste Namib parallel zur Atlantikküste.
Abb. 1.17: In Namibia verlaufen die Dünen der Wüste Namib parallel zur Atlantik­küste. © marziafra/fotolia.com
Abb. 1.19: Im Satellitenbild zeigt sich das Delta des sibirischen Flusses Lena in all seinen feinen Strukturen, die rund  150 Kilometer in die Laptewsee hinausreichen. In dieser  Meeresregion bildet sich ein Großteil des Meereises, das dann in den Arktischen Ozean driftet. © Image provided by the USGS EROS Data Center Satel- lite Systems Branch. This image is part of the ongoing Landsat Earth as Art series/NASA

1.19 > Im Satellitenbild zeigt sich das Delta des sibirischen Flusses Lena in all seinen feinen Strukturen, die rund 150 Kilometer in die Laptewsee hinausreichen. In dieser Meeresregion bildet sich ein Großteil des Meereises, das dann in den Arktischen Ozean driftet.

Zusatzinfo Wie lang sind die Küsten der Welt?

All diesen Küsten ist gemein, dass es sich bei ihnen um einen schmalen Streifen handelt, an dem die Kräfte des Meeres auf das Land treffen. Sie können – je nach Kontext – unterschiedlich klassifiziert werden. So lassen sich die Küsten danach unterscheiden, ob sie von der Brandung und den Strömungen eher stark oder eher schwach umspült werden. Auch kann man Küsten nach dem Material einteilen, aus dem sie bestehen, oder danach, wie stark dieses Material vom Meer abgetragen wird. Küsten können auch danach unterschieden werden, wie gut sie in der Lage sind, Sedimente aufzufangen, die mit Flüssen oder Strömungen herangetragen werden. Welche Gestalt eine Küste annimmt, hängt letztlich auch vom Wechselspiel zwischen dem Material ab, aus dem der Untergrund besteht oder das von Flüssen an die Küste transportiert wird, und den physikalischen Kräften, die auf eben dieses Material einwirken: dem Wind und der Wellenbewegung. Geologen schätzen die weltweite Länge der Küsten auf etwa 1 Million Kilometer. Wobei die Länge natürlich davon abhängt, wie fein man den Maßstab wählt. Betrachtet man den gesamten Globus, dann bietet es sich an, die Küsten zunächst nach einem eher groben Maßstab zu ordnen. Für diese Kategorisierung kann man den Rändern der Kontinente folgen, die unter anderem durch die Plattentektonik ihre heutige Gestalt erlangt haben. Eine solche Einteilung haben Forscher in den 1970er-Jahren vorgenommen. Demnach unterscheidet man sechs verschiedene Kategorien von Küsten.
  • Küstenebene: ein Gebiet, in dem sich das Land zum Meer hin sanft abflacht. Ein Beispiel ist die Küste des westafrikanischen Staates Mauretanien, wo das Land in einem breiten Streifen aus Küstensümpfen und flachen Dünen ins Meer übergeht.
  • Großes Flussdelta: eine große Flussmündung, in der sich Sediment aus den Flüssen ablagert, weil die Meeresströmungen oder Gezeiten nicht stark genug sind, um das Material fortzutragen. Das ist im Delta des russischen Flusses Lena der Fall, der in der Laptewsee in den Arktischen Ozean mündet.
  • Tropisches Korallenriff: eine Struktur, die von festsitzenden Korallen (Nessel­tieren) aus Kalkverbindungen gebildet wird. Sie entsteht als Saum entlang der Küste im lichtdurchfluteten Wasser nahe der Oberfläche. Riffbildende Korallen kommen im Wasser der Tropen und Subtropen vor, das permanent eine Tempe­ra­tur von mehr als 20 Grad Celsius aufweist. Ein eindrucksvolles tropisches Korallenriff findet man an der mittelamerikanischen Karibikküste zwischen Honduras und Belize. Es hat eine Länge von etwa 250 Kilometern und gehört zu den beliebtesten Tauchrevieren der Welt.
  • Felsenküste und Fjord: eine Küste aus festen Gesteinen. Fjorde, wie man sie beispielsweise in großer Zahl an der Westküste Norwegens findet, stellen eine bestimmte Form der Felsenküste dar. Sie sind durch eiszeitliche Gletscher entstanden, die durch ihre Wanderbewegung tiefe Täler in das Gestein geschabt haben.
  • Permafrostküste: ein seit der letzten Eiszeit tiefgefrorener Boden, der weite Teile der arktischen Landmasse in der nördlichen Hemisphäre bedeckt. In Nord­amerika, Sibirien und Skandinavien findet man Permafrost über viele Tausend Kilometer entlang der Küste.
  • Buchtenküste: eine Küste, an der sich Landzungen (Headlands) aus festem Gestein ins Meer schieben. Diese Landzungen wirken wie Barrieren, die die Brandung und Strömung abbremsen. Im Schatten dieser Landzungen bilden sich langsam strömende Wasserwirbel, die das Ufer nach und nach abtragen und dadurch Buchten formen. Ein Beispiel ist die Half Moon Bay an der US-Pazifik­küste bei San Francisco. Dort hat sich im Laufe der Jahrtausende hinter einer Landzunge eine halbmondförmige Bucht gebildet.
1.20 > Die Küsten der Erde lassen sich grob in sechs verschiedene Kategorien einteilen.
Abb. 1.20: Die Küsten der Erde lassen sich grob in sechs verschiedene  Kategorien einteilen. © nach Inman et al.

Zusatzinfo Tiefgefrorene Küste – der Permafrost

Wind und Wellen gestalten die Küsten

Die physikalischen Kräfte des Meeres – die Brandung, die Strömungen und der Wind – prägen die Gestalt der Küsten ganz besonders. Je nachdem, wie stark diese Kräfte sind, wird zwischen energiearmen und energiereichen Küsten unterschieden. Auch das Material, aus dem der Untergrund im Küstengebiet besteht, ist ein wesentlicher Einflussfaktor bei der Formung der Küsten. Wattflächen aus relativ feinem Sediment werden recht schnell umgelagert, weil die Strömung das Material leicht bewegen kann. Auch ­feine Sande werden leicht transportiert, wie man an den Ostfriesischen Inseln vor der deutschen Nordseeküste beob­achten kann. Weil der Wind dort meist aus Richtung Westen weht, wird Sand durch die Wellenbewegung von der Nordwestseite der Inseln abgetragen und an der Ostseite wieder angelagert. Früher wanderten die Inseln dadurch im Laufe der Zeit Richtung Osten. Schon im 19. Jahrhundert begann man deshalb, die Inseln mit Steinkanten und Wellenbrechern, sogenannten Buhnen, zu befestigen. Damit wurde die Wanderbewegung weitgehend unterbunden.
1.22 > Das Dorf Porthleven in der englischen Grafschaft Cornwall liegt an einer besonders ener­gie­reichen Felsküste. Entsprechend stark sind die Ufer­befes­­tigungen, zu denen massive Mauern gehören. Bei starkem Wellen­gang allerdings sind diese kaum noch zu sehen.
Abb. 1.22: Das Dorf Porthleven in der englischen Grafschaft Cornwall liegt an einer besonders energiereichen Felsküste. Entsprechend stark sind die Uferbefes­tigungen, zu denen massive Mauern gehören. Bei starkem Wellengang allerdings sind diese kaum noch zu sehen. © Bernie Pettersen/SWNS.com/action press

Das Watt
Als Watt wird jener Teil der Küste bezeichnet, der im Rhythmus der Gezeiten täglich freifällt und wieder überflutet wird. Man unterscheidet Schlick-, Sand- und Felswatt. Die Besonderheit des Felswatts besteht darin, dass es vor Steilküsten vorkommt, während die übrigen Watten an flachen Küsten liegen. Großräumige Wattflächen, zu denen auch die Salzwiesen am Ufer gehören, werden als Wattenmeer bezeichnet.

Ist bei Sandküsten die Gestaltänderung oft noch mit dem bloßen Auge nachvoll­zieh­bar, ist diese bei anderen Materialien meist schwerer zu erkennen. Doch auch ener­gie­reiche Felsenküsten verändern im Laufe der Zeit ihr Gesicht. Wie schnell das geht, hängt wiederum von der Beschaffenheit der Felsen ab. Besonders leicht werden Küsten aus verdichteter, noch nicht versteinerter Asche erodiert, die im Laufe der Zeit durch Ascheregen bei Vulkanausbrüchen entstanden sind. Solche Küsten findet man unter anderem in Neuseeland. In einem Jahr können dort an einigen Stellen bis zu
10 Meter verloren gehen. Auch Kreidefelsen wie die Klippen von Dover im äußersten Südosten von England sind verhältnismäßig weich. Werden sie stark von Wasser umströmt, können sie pro Jahr um mehrere Zentimeter abgetragen werden. Harte Granitfelsen hingegen schrumpfen im selben Zeitraum nur um höchstens wenige Millimeter. Noch härter ist das schwarze Vulkangestein Basalt, das vom Wasser pro Jahr um maximal einige Hundert milliardstel Meter abgetragen wird.
1.23 > Küsten werden, je nach dem Material, aus dem sie bestehen, langsamer oder schneller abgetragen. Manche können in einem Jahr um mehrere Meter schrumpfen.
Abb. 1.23: Küsten werden, je nach dem Material, aus dem sie bestehen, langsamer oder schneller abgetragen. Manche können in einem Jahr um mehrere Meter schrumpfen.<br /> © Flemming

Abb. 1.24: Das Material, aus dem Küsten bestehen, wird nach der Größe der Partikel unterschieden, aus denen es zusammen­gesetzt ist. Diese Skala reicht von mikroskopisch kleinen Tonpartikeln bis zum Felsbrocken. © Flemming

1.24 > Das Material, aus dem Küsten bestehen, wird nach der Größe der Partikel unter­schieden, aus denen es zusam­men­­gesetzt ist. Diese Skala reicht von mikros­kopisch kleinen Tonpar­tikeln bis zum Fels­brocken.

Eine Frage der Partikelgröße

Das Wissen darum, wie der Untergrund im Bereich der Küste beschaffen ist, ist besonders für den Küstenschutz, das Küstenmanagement, die Planung von Wasser­straßen oder Hafen­anlagen wichtig. Vor allem die Größe und Dichte der Partikel, aus denen sich das Material zusammensetzt, spielen hierbei eine wichtige Rolle. Denn davon hängt zum Beispiel ab, ob das Ufer einer bewohnten Insel abzu­brechen droht oder ob sich Fahrrinnen verlagern, sodass Schiffe auf Grund laufen können. Im Hinblick auf die Größe der Partikel unterscheidet man zwischen:
  • Schlickküsten
  • Sandküsten
  • Kiesküsten
  • Schotterküsten
  • Fels- oder Felsbrockenküsten.
Zu welcher Kategorie eine Küste gehört, ist durch die Korngröße der vorhandenen Partikel definiert. Die feinsten sind Tonpartikel, die vom Festland über die Flüsse in die Küstengewässer getragen werden. Diese haben eine Größe von maximal 2 Mikro­me­tern (1000 Mikrometer sind 1 Millimeter). Die nächste Größenklasse sind Silt- bezieh­ungs­weise Schluffpartikel, die maximal 62 Mikrometer messen. Als nächste Größen­klasse schließt sich der Sand an, der in weitere Unterkategorien aufgeteilt wird. Feine Sande können zusammen mit Ton- und Silt- beziehungsweise Schluffpartikeln Schlick bilden, wie man ihn aus dem Wattenmeer kennt. Die nächsten Größenklassen sind Kieselsteine, Schotter und Felsbrocken, die ebenfalls in weitere Unterkategorien aufgeteilt werden können.

Zusatzinfo Eine besondere Küsten­form – die Watt­gebiete

Die Filterfunktion der Küsten

Die Gestalt der Küsten wird in vielen Gebieten vor allem durch Flüsse stark geprägt – und zwar durch deren Strömungskräfte und durch das Material, das sie mit sich tragen. Dieses enthält viele Mineral- und Nährstoffe und wird zum Teil ins Sediment eingelagert. Küsten, die reich an solchen Sedimenten sind, sind damit auch besonders produktiv. Ein Beispiel sind die Sundarbans in Bangladesch und in Indien – das mit einer Fläche von rund 10 000 Quadratkilometern größte zusammenhängende Mangrovengebiet der Welt. Die Sundarbans haben sich im Mündungsgebiet der Flüsse Ganges und Brahmaputra gebildet, die Unmengen an Material in den Golf von Bengalen spülen. Die Sundarbans sind ein bedeutender Naturraum. Hier leben viele Vögel, Fische, Krokodile, Pythons, Hirsche und Wildschweine. Zudem finden hier seltene Tiere wie der Axishirsch oder der Königstiger einen Rückzugsraum.
Je nachdem, wie gut die jeweilige Küste das Material, das mit den Flüssen heran­ge­tragen wird, herausfiltern und anlagern kann, unterscheidet man zwischen Küsten mit stärkerer und Küsten mit geringerer Filterfunktion. >
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