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5 Die Küsten – ein wertvoller Lebensraum unter Druck

Der Klimawandel und die Küsten

Der Klimawandel und die Küsten © The Asahi Shimbun/Getty Images

Der Klimawandel und die Küsten

> Der durch den Menschen verursachte Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid und die damit verbundene Klimaerwärmung bewirken, dass der Meeresspiegel langsam steigt. Küstengebiete sind davon besonders betroffen. Auch die Versauerung und die Erwärmung des Meerwassers werden weitreichende Konsequenzen für die dortigen Lebensgemeinschaften haben.

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Ungehemmter Kohlendioxidausstoß

Küsten werden nicht nur durch Baumaßnahmen oder Verschmutzungen vor Ort beeinträchtigt. Hinzu kommen die durch den Klimawandel verursachten globalen Bedrohungen – der Meeresspiegelanstieg, die Versauerung und die Erwärmung der Ozeane –, die ursächlich in erster Linie mit der bis heute ungehemmten Verbrennung der fossilen Rohstoffe Erdgas, Erdöl und Kohle verbunden sind. Große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) werden dadurch zusätzlich freigesetzt, sodass nach dem Beginn der industriellen Revolution die CO2-Kon­zentration in der Atmos­phäre um 1800 von zunächst 280 parts per million (ppm) auf heute gut 400 ppm gestiegen ist. Diese Zunahme hat zu einer schleichenden Veränderung des Klimas geführt.

Zusatzinfo Anthropogener Treibhauseffekt

Die Trägheit des Klimas

Aufgrund der Trägheit unseres Klimasystems werden viele Auswirkungen des anthropogenen Treibhauseffekts nur allmählich sichtbar. Selbst wenn man es heute schaffen sollte, die Kohlendioxidemissionen gänzlich zu stoppen, würde sich die oberflächennahe Lufttemperatur noch über mindestens hundert Jahre erhöhen. Der Meeresspiegel würde sogar noch über mehrere Jahrhunderte weiter ansteigen. Woran liegt das? Zum einen dehnt sich das Meerwasser durch die langsame Erwärmung der Tiefsee erst allmählich aus. Zum anderen reagieren die kontinentalen Eisschilde in Grönland und in der Antarktis wahrscheinlich sehr langsam auf die Erwärmung der Atmosphäre. Dadurch wird sich das Abschmelzen der Gletscher über einen sehr langen Zeitraum von vielen Jahrtausenden hinziehen.
Durch die zunehmende Meereserwärmung werden sich die Lebensbedingungen künftig für viele Meeres­organismen ändern, was zu einer neuen Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften und Nahrungsnetze führen dürfte. Verstärkt wird dieser Effekt noch durch die Ozeanversauerung, die zu chemischen Veränderungen im Meerwasser führt. Zu dieser Versauerung kommt es, weil sich immer mehr Kohlen­di­oxid aus der Atmosphäre im Meerwasser löst. Dabei bildet sich, vereinfacht ausgedrückt, Säure.
In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Forschungsprojekte, die sich mit den Folgen des Klimawandels für das Meer befassen, sprunghaft angestiegen. Viele dieser Arbeiten beschäftigen sich vor allem mit den Folgen für die Küsten und die Küsten­ge­wässer. Und befassen sich dabei auch mit der Frage, ob und inwieweit sich die Meereserwärmung und die Meeresversauerung auf die Küstengewässer ähnlich oder anders auswirken als auf das offene Meer.
3.1 > Im Meer bildet sich zwischen dem warmen Oberflächenwasser und dem kühlen Wasser in der Tiefe häufig eine Temperatursprungschicht. Diese kann man wie hier vor der thailändischen Insel Ko Phangan mit bloßem Auge erkennen, weil sich mit der Temperatur die Dichte des Wassers ändert und bestimmte Partikel an der Sprungschicht schweben.
Abb. 3.1: Im Meer bildet sich zwischen dem warmen Oberflächenwasser und dem kühlen Wasser in der Tiefe häufig eine Temperatursprungschicht. Diese kann man wie hier vor der thailändischen Insel Ko Phangan mit bloßem Auge erkennen, weil sich mit der Temperatur die Dichte des Wassers ändert und bestimmte Partikel an der Sprungschicht schweben. © Alan Duncan
Die Meereserwärmung

Wärmeres Wasser, stärkere Schichtung

Während man heute bereits recht genau abschätzen kann, welche Küstengebiete betroffen sein werden, wenn der Meeresspiegel um ein bestimmtes Maß steigen sollte, sind die Folgen der Meereserwärmung sehr viel schwerer abzuschätzen. Als sicher gilt, dass sich dadurch die Schichtung von Wassermassen künftig verstärken wird. Sauerstoffreiche Schichten an der Wasseroberfläche werden sich schlechter mit kalten, tieferen Wasserschichten mischen, was zu einem Sauerstoffmangel in der Tiefe führen kann. Dieser Fall ist bereits in verschiedenen Meeresgebieten der Welt eingetreten.
Die Schichtung von Wassermassen ist zunächst ein natürlicher Vorgang: In den Sommermonaten erwärmt sich das Wasser an der Meeresoberfläche, und es bildet sich eine oberflächennahe Wasserschicht, die wie ein Deckel auf dem schweren, kälteren Wasser in der Tiefe sitzt. Der Übergang von der warmen Oberflächenschicht zum kalten Wasser darunter ist relativ abrupt, weshalb die Trennlinie zwischen warm und kalt auch als Temperatursprungschicht (Thermokline) bezeichnet wird. Je nach Meeresgebiet ist eine solche Sprungschicht einige Dezimeter bis viele Meter mächtig. Wobei die Sprungschichten im offenen Ozean bei großen Wassertiefen deutlich dicker als in Küstengebieten sind.
An der Sprungschicht lagert also eine warme Wasserschicht mit geringer Dichte auf einem kalten Wasserkörper höherer Dichte. Damit wirkt die Sprungschicht wie eine Barriere. Je stärker der Temperaturunterschied ist, desto größer ist die Dichte­dif­ferenz und desto stabiler ist die Sprungschicht. So kann schließlich kaum mehr sauerstoffreiches Wasser von der Oberfläche durch Wellenbewegungen in die tieferen Schichten eingemischt werden, in denen aufgrund des Lichtmangels auch kein Sauerstoff durch Photosynthese entstehen kann. Weil in den tieferen Wasserschichten ständig Sauerstoff wegen des Abbaus von organischem Material durch Mikro­or­ganismen aufgezehrt wird, ist dies sehr problematisch und führt in den tieferen Wasserschichten vieler Küstenmeere zu Sauerstoffarmut.
Durch die Meereserwärmung wird der Sauerstoffmangel in der Tiefe heute noch verstärkt. Das liegt daran, dass biochemische Prozesse bei höheren Temperaturen grundsätzlich schneller ablaufen, weil die daran beteiligten biochemischen Substanzen reaktiver sind. Das gilt auch für den Stoffwechsel von Bakterien. Die Bakterien bauen die Reste des in die tieferen Wasserschichten abgesunkenen toten Planktons ab, wobei Sauerstoff verbraucht wird. ­Je höher die Temperaturen sind, desto reger ist der Bakte­rienstoffwechsel und desto mehr Sauerstoff wird auch verbraucht.

Zusatzinfo Die Szenarien des Weltklimarats

Einzigartige Messwerte aus 60 Jahren

Wie sich die Meereserwärmung heute konkret auswirkt, haben Wissenschaftler für die deutsche Ostsee mithilfe einer einzigartigen Zeitreihe herausgefunden, deren Daten bis zum Jahr 1957 zurückreichen. Regelmäßig messen die Forscher an derselben Position in der Eckernförder Bucht die Temperatur, den Nährstoff- und den Sauer­stoff­gehalt des Wassers sowie weitere Parameter. Die Daten zeigen, dass im Laufe der vergangenen Jahre der Nährstoffgehalt im Wasser abgenommen hat, was höchst­wahr­scheinlich auf einen geringeren Eintrag von Land zurückzuführen ist. Erstaunlicherweise kommt es heute in den Frühjahrs- und Sommermonaten trotzdem in den tieferen Wasserschichten zu einem Sauerstoffmangel. In 25 Meter Tiefe hat der Sauerstoffgehalt in der Eckernförder Bucht deutlich abgenommen, wobei die niedrig­sten Werte zwischen Mai und September auftreten. Zeitweise ist das Wasser in der Tiefe gänzlich sauerstofffrei.
3.6 > Seit 1957 untersuchen Forscher regelmäßig das Wasser an einem bestimmten Punkt der Eckernförder Bucht an der Ostseeküste. Heute werden dazu moderne Wasserschöpfer verwendet, die in verschiedenen Tiefen Wasserproben nehmen.
Abb. 3.6: Seit 1957 untersuchen Forscher regelmäßig das Wasser an einem bestimmten Punkt der Eckernförder Bucht an der Ostseeküste. Heute werden dazu moderne Wasserschöpfer verwendet, die in verschiedenen Tiefen Wasserproben nehmen. © Maike Nicolai, Geomar
Der Grund dafür ist höchstwahrscheinlich die Meeres­erwärmung, die an der Ostseeküste zu zweierlei Phänomenen führt, die miteinander gekoppelt sind. Zum einen bewirkt die Erwärmung der oberen Wasserschichten eine stärkere Ausprägung der Sprungschicht, was in den Sommermonaten den Sauerstofftransport in die Tiefe erschwert. Hinzu kommt ein biologisches Phänomen. Im wärmeren Wasser gedeihen besonders gut kleine fädige Algen, die sich auf Großalgen wie dem Blasentang absetzen. Die fädigen Algen werden normalerweise von kleinen Krebsen abgeweidet. Steigt aber die Wassertempe­ratur, werden die Krebse träger und fressen kaum noch. Die fädigen Algen können sich stärker vermehren und wuchern schließlich den Blasentang und andere Großalgen zu. Der Blasentang, der auf Sonnenlicht für die Photosynthese angewiesen ist, stirbt ab. Dadurch steht eine unnatürlich große Menge an abgestorbener Biomasse zur Verfügung, die in die tieferen Wasserschichten absinkt und von Bakterien abgebaut wird. Damit wird verstärkt Sauerstoff verbraucht, der wegen der ausgeprägten Sprungschicht ohnehin nur noch in geringen Mengen vorhanden ist. Vor allem in den Monaten Juli und August können sich dann in der Tiefe sauerstofffreie Zonen bilden. Seit mehreren Jahren beobachten die Forscher deshalb im Hochsommer einen Zusammenbruch der Lebensgemeinschaft in den bodennahen Wasserschichten der Eckernförder Bucht.

Cyanobakterien
Cyanobakterien sind eine Gruppe von Bakterien, die sich dadurch auszeichnen, dass sie Photo­syn­these betreiben können. Aus diesem Grund wurden sie ursprünglich für Pflanzen gehalten und als Blaualgen bezeichnet. Die Bezeichnung „blau“ rührt daher, dass einige Typen von Cyanobakterien statt des grünen Pflanzenfarbstoffs Chlorophyll den blaugrün schimmernden Farbstoff Phycocyanin besitzen.

Die Beobachtungen aus der Eckernförder Bucht decken sich mit Messwerten, die man für die ganze Ostsee analysiert hat. Seit 1990 wird die Oberflächentemperatur der Ostsee mehrmals täglich von US-amerikanischen Wettersatelliten gemessen, sodass man heute über einen sehr guten Temperaturdatensatz verfügt. Die Daten zeigen, dass die Oberfläche der Ostsee seit 1990 pro Jahrzehnt um 0,6 Grad Celsius wärmer geworden ist. Dieser Zahl liegen Durchschnittswerte für jedes Jahr zugrunde, weil es in der Ostsee starke jahreszeitliche Schwankungen und auch klare regionale Unterschiede gibt. Über den Untersuchungszeitraum von 27 Jahren bedeutet das eine Zunahme von 1,62 Grad Celsius. Durch die steigenden Temperaturen wird insbesondere das Wachstum von Cyanobakterien begünstigt. Bei ruhigem Sommerwetter, bei dem sich das Wasser besonders schnell aufheizt, schwimmen diese Algen auf und sammeln sich in regelrechten Teppichen an der Meeres­ober­fläche. Dies passiert hauptsächlich in der Zentralen Ostsee. Durch den Wind können sie aber an den Strand gespült werden. Aus Sicht des Menschen besteht ein Problem darin, dass viele Arten von Cyanobakterien giftige Substanzen produzieren. Vermehren sie sich zu stark, können sich giftige Teppiche entwickeln, sogenannte Harmful Algal Blooms (HABs, schädliche Algenblüten). In betroffenen Küstengebieten ist das Baden verboten. Zudem können HABs Meerestiere vergiften, etwa Fische. Für die Küstenfischerei kann das erhebliche Einbußen bedeuten.
3.7 > In der Eckernförder Bucht hat seit Ende der 1950er-Jahre die Zahl der Monate zuge­nommen, in denen in 25 Meter ­Wassertiefe wenig Sauerstoff vorhanden ist. Dies wird auf die Erwärmung des Ostseewassers zurückgeführt.
Abb. 3.7: In der Eckernförder Bucht hat seit Ende der 1950er-Jahre die Zahl der Monate zugenommen, in denen in 25 Meter ­Wassertiefe wenig Sauerstoff vorhanden ist. Dies wird auf die Erwärmung des Ostseewassers zurückgeführt. © Lennartz et al.

Korallen im Wärmestress

Ein Küstenlebensraum, der durch die Meereserwärmung in besonderem Maße gefährdet ist, sind die tropischen Korallenriffe. Sie reagieren zum einen empfindlich auf eine Erhöhung der Wassertemperaturen, zum anderen stehen sie vielerorts insbe­sondere durch die Verschmutzung der Küstengewässer durch Gift-, Nähr- oder Schwebstoffe zusätzlich unter Druck. Weltweit sind zwar nur etwa 1,2 Prozent der Kontinentalschelfe von Korallen bedeckt, doch sind sie ungeheuer artenreich. Man schätzt, dass sie mehr als 1 Million Arten von Fischen, Muscheln, Korallen und Bakterien beheimaten.

Abb. 3.8: In Japans größtem Korallenriff, dem 400 Quadratkilometer großen Sekiseishoko-Riff, sind nach Messungen mehr als 70 Prozent der Korallen von der Bleiche betroffen. © Kyodo News/action press

3.8 > In Japans größtem Korallenriff, dem
400 Quadratkilometer großen Sekiseishoko-Riff, sind nach Messungen mehr als 70 Prozent der Korallen von der Bleiche betroffen.

Die Korallenbleiche – eine Symbiose versagt

Korallen sind Nesseltiere, die in Symbiose mit pflanzlichen Einzellern leben. Diese Einzeller, die Zooxanthellen, sitzen im Gewebe der Korallen. Sie sind grün-bräunlich gefärbt und können Photosynthese betreiben. Sie sind es, die den Korallen einen Großteil ihrer Farbe geben und sie mit Zucker versorgen, wofür sie im Gegenzug diverse Nährstoffe erhalten. Zur Korallenbleiche kommt es, wenn diese Symbiose versagt und die Zooxanthellen die Korallen verlassen. Dadurch verlieren die Korallen einen Großteil ihrer Farbe. In aktuellen Forschungsarbeiten konnte man klären, welche verschiedenen Faktoren zum Versagen der Symbiose führen. Eine zentrale Rolle spielt offensichtlich die Meereserwärmung.
Viele tropische Korallenarten haben ihren optimalen Temperaturbereich bei 25 bis 29 Grad Celsius Wassertemperatur. Bereits eine Erhöhung um 1 bis 3 Grad kann bei vielen Arten eine Bleiche auslösen. Die Ursache sind offensichtlich Veränderungen im Stoffwechsel der ­Zooxanthellen. Bei höheren Temperaturen laufen viele Stoff­wechsel­prozesse – wie zum Beispiel die Photosynthese – schneller ab. Es entstehen vermehrt zellschädigende Radikale, aggressive Moleküle, die aus den Zooxanthellen zum Teil in die Korallen gelangen. Sobald die Korallen eine vermehrte Produktion von Radikalen wahrnehmen, reagieren sie mit einer Schutzreaktion: Sie schleusen die Zooxanthellen aus ihrem Gewebe ins freie Wasser aus. Die Bleiche ist also ein Schutz gegen Zellschädigung.

3.9 > Korallen bleichen aus, wenn sie unter Stress geraten – etwa diese Steinkoralle im indonesischen Raja-Ampat-Archipel. Die Korallen stoßen dabei Zooxanthellen ab, farbige Einzeller, mit denen sie in Symbiose leben.
Abb. 3.9: Korallen bleichen aus, wenn sie unter Stress geraten – etwa diese Steinkoralle im indonesischen Raja-Ampat-Archipel. Die Korallen stoßen dabei Zooxanthellen ab, farbige Einzeller, mit denen sie in Symbiose leben.  © Reinhard Dirscherl/ocean-photo.de
Die Korallenbleiche ist ein natürliches und umkehrbares Phänomen. Lässt der Umweltstress nach, beispielsweise durch sinkende Wassertemperaturen, schleusen die Korallen wieder Zooxanthellen aus dem sie umgebenden Wasser in ihr Gewebe ein – und sie erholen sich. Heute aber tritt die Bleiche wegen der Erwärmung des Meerwassers in Kombination mit anderen Stressoren in vielen Korallenriffen wesentlich häufiger auf. Gab es früher in einem Riff nur etwa alle 20 Jahre eine Bleiche, so wiederholt sich das Phänomen heute vielerorts im Abstand von nur wenigen Jahren. Den Korallen bleibt damit kaum Zeit, sich zu erholen. Da die Zooxanthellen fehlen, werden die Korallen nicht mehr mit Zucker versorgt. Sie sind unterernährt und geschwächt und können leichter von Krankheitserregern wie etwa Bakterien befallen werden.
Die Erwärmung und andere Stressfaktoren haben dazu geführt, dass heute etwa
20 Prozent der Korallen unwiederbringlich zerstört und mindestens weitere 30 Prozent stark geschädigt sind. Darüber hinaus sind heute insgesamt 60 Prozent aller tropischen Korallenriffe vor Ort durch mindestens einen der folgenden lokal bedingten Aspekte bedroht:
  • Überfischung;
  • zerstörerische Fischereipraktiken, die das Riff verwüsten, beispielsweise durch ankernde Boote oder durch Netze;
  • Küstenentwicklung (Baumaßnahmen);
  • Verschmutzung des Meerwassers durch Eintrag von Schadstoffen oder Trübstoffen aus den Flüssen;
  • Verschmutzung des Meerwassers vor Ort durch direkte Einleitung von Abwässern an der Küste und von Handels- und Kreuzfahrtschiffen;
  • Zerstörung durch Grundberührung von Fähren oder touristischen Booten.

Anpassung an die Erwärmung

Erfreulicherweise können sich Korallen bis zu einem gewissen Grad an die steigenden Meerestemperaturen anpassen. Aktuelle Studien zeigen, dass manche Korallenarten nach einer Bleiche selektiv andere Arten von Zooxanthellen aufnehmen als zuvor. Diese Form der Anpassung wird als adaptive bleaching (adaptive Bleiche) bezeichnet. Die Korallen scheinen solche Zooxanthellenspezies zu bevorzugen, die ihren Stoff­wechsel bei zunehmenden Wassertemperaturen nur mäßig steigern und damit weniger Radikale bilden. Diese Zooxanthellen haben allerdings allgemein einen geringeren Stoffumsatz, weshalb sie auch weniger Zucker produzieren. Wenn die Temperaturen im Laufe eines Jahres wieder fallen, kann das für die Korallen den Nachteil haben, dass diese Zooxanthellen dann weniger produktiv sind und ihnen aufgrund des geringeren Stoffumsatzes weniger Zucker liefern. Welche Konsequenzen das letztlich haben könnte, wird aktuell untersucht. Möglicherweise verlangsamt sich durch die mangelnde Versorgung mit Zucker das Wachstum der Korallen. Zudem hat die adaptive Bleiche ihre Grenzen. Sind die Wassertemperaturen dauerhaft zu hoch, kann die Symbiose dennoch versagen und die Bleiche von Neuem beginnen. Das kann an der Radikalbildung in den Zooxanthellen liegen oder an anderen Stoff­wech­sel­prozessen, die noch nicht ganz verstanden sind.
Auch die Überdüngung der Küstengewässer mit Nährstoffen aus der Landwirtschaft oder der Aquakultur kann zusätzlich zum Versagen der Symbiose beitragen. Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielt der Stickstoff, ein bedeutender Nährstoff der Zooxanthellen. Steht viel davon zur Verfügung, steigern die Zoo­xan­thellen ihren Stoffwechsel und wachsen stark. Wenn bei diesem Wachstum allerdings ein anderer wichtiger Pflanzennährstoff fehlt, der Phosphor, kann es zu Problemen kommen. Phosphor ist ein essenzieller Baustein von Zellmembranen. Fehlt er während des Wachstums, werden die Membranen durchlässiger, und es können vermehrt freie Radikale aus den Zoo­xan­thellen in das Korallengewebe übergehen, was dann wiederum zum Abstoßen und zur Bleiche führt.
3.10 > Korallen sind im Grunde farblos. Was sie dennoch farbig erscheinen lässt, rührt von Einzellern (Zooxanthellen) her, die im Gewebe der Korallen sitzen. Die Zooxanthellen betreiben Photosynthese und sind grünlich oder rötlich gefärbt. Steht nun die Koralle unter Stress, etwa aufgrund von hohen Wassertemperaturen oder Wasserverschmutzung, stößt sie die Zooxanthellen ab und bleicht deshalb aus. Außerdem fehlen ihr jetzt lebenswichtige Zucker­verbindungen, die normalerweise von den Zooxanthellen bereitgestellt werden. Die Koralle wird dadurch geschwächt.
Abb. 3.10: Korallen sind im Grunde farblos. Was sie dennoch farbig erscheinen lässt, rührt von Einzellern (Zooxanthellen) her, die im Gewebe der Korallen sitzen. Die Zooxanthellen betreiben Photosynthese und sind grünlich oder rötlich gefärbt. Steht nun die Koralle unter Stress, etwa aufgrund von hohen Wassertemperaturen oder Wasserverschmutzung, stößt sie die Zooxanthellen ab und bleicht deshalb aus. Außerdem fehlen ihr jetzt lebenswichtige Zucker­verbindungen, die normalerweise von den Zooxanthellen bereitgestellt werden. Die Koralle wird dadurch geschwächt. © maribus
Inzwischen gibt es Bestrebungen, abgestorbene Korallenriffe zu restaurieren. Hierzu setzt man Bruchstücke lebender Korallen auf die abgestorbenen in der Hoffnung, dass diese wachsen und sich vermehren. Seit einiger Zeit sind Experten auf der Suche nach besonders stressresistenten Korallenarten, die sich dafür eignen. Besonders robuste scheint es im Roten Meer zu geben. Aufgrund der saisonalen Schwankungen der Wassertemperaturen – mit knapp über 20 Grad Celsius im Winter und oftmals mehr als 30 Grad im Sommer – sind viele Korallen in dieser Region an schwankende Wassertemperaturen angepasst und kämen damit für eine Restaurierung geschädigter Riffe infrage. Zu beachten ist aber, dass weltweit heute mehrere Hundert verschiedene Korallenarten existieren. Für eine Riffrestaurierung aber, schätzen Fachleute, werden sich vermutlich nur einige wenige Arten eignen, die robust genug sind, um in anderen Meeresgebieten mit anderen Umweltbedingungen existieren zu können. Selbst wenn es gelingen sollte, Riffe für den Küstenschutz zu restaurieren, wird dennoch die Artenvielfalt nach der Zerstörung eines Riffes unwiederbringlich verloren sein.
Die Bleiche ist nicht die einzige Folge der Meereserwärmung. Es gibt eine ganze Reihe von Krankheiten, die zum Absterben der Korallen führen. Vor allem bakterielle Infektionen haben zugenommen – zum Beispiel das Weiße Syndrom (Acropora White Syndrome, AWS) oder die Black-Band-Krankheit, (Black Band Disease, BBD). In beiden Fällen sterben die Nesseltiere schon kurze Zeit nach der Infektion ab. Damit sind diese Erkrankungen deutlich gefährlicher als die Bleiche, denn jene ist reversibel. Die Infektionen aber enden in der Regel tödlich. Betroffen von diesen Infek­tions­krank­heiten sind vor allem Riffe in der Karibik, in denen sich die Erkran­kungen in einem Korallenriff in nur wenigen Tagen über viele Meter ausbreiten können. Man nimmt an, dass die Korallen in solchen Fällen durch die Erwärmung geschwächt sind und nicht ausreichend Abwehrstoffe produzieren können, mit denen sie Krankheitserreger normalerweise in Schach halten. >
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