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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

WOR 4 kompakt

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Dass das Meer in mehrere Zonen unterteilt ist, erschwert die Erarbeitung und Durchsetzung von Maßnahmen zur nachhaltigen Nutzung und den Schutz des gesamten Meeres. So unterscheidet man heute das Küstenmeer, das zum Hoheitsgebiet eines Staates gehört, die Ausschließliche Wirtschaftszone, in der ein Küstenstaat Ressourcen und Fischbestände exklusiv nutzen darf, und die Hohe See. Die Hohe See ist zunächst ein Gebiet mit vielen Freiheiten, die, abgesehen von einigen wenigen Einschränkungen, allen Staaten für eine Nutzung offen- steht. Es wird von vielen Experten vorgeschlagen, die Freiheit der Hohen See im Sinne einer nachhaltigen Nutzung des Ozeans einzuschränken. So ist im internationalen Seerecht zum Beispiel die Einrichtung von Schutzzonen in den internationalen Gewässern der Hohen See schlecht geregelt. Bislang gibt es weltweit keine Instanz, die ein internationales Meeresgebiet vom Meeresboden bis zur Wasseroberfläche komplett unter Schutz stellen könnte. Es fehlt ein rechtlicher Rahmen, nach dem sich die Staaten verbindlich darauf einigen können, ein bestimmtes Areal zu schützen und nicht zu nutzen. Einige Küstenstaaten haben in ihren Hoheitsgewässern Schutzzonen eingerichtet. Auf der Hohen See klappt das noch nicht.
Trotz der vielen Hindernisse gibt es aber durchaus Beispiele für eine funktionierende Ocean Governance: So dient die Hafenstaatenkontrolle (Port State Control, PSC) dazu, die Einhaltung bestimmter UN-Konventionen zu überprüfen. Durch sie ist es den Hafenbehörden eines Landes erlaubt, ein Schiff im Hafen festzusetzen, wenn ein Schiffsführer gegen internationale Reglements verstößt. Auch die Entscheidung der IMO, die Schadstoffgrenzwerte für Schiffsabgase zu verschärfen, ist ein Positivbeispiel. Demnach soll bis zum Jahr 2020 weltweit der Schwefelgehalt des verwendeten Schweröls sinken. Darüber hinaus wurden Seegebiete definiert, in denen noch strengere Vorgaben gelten. Als durchaus erfolgreich ist auch das Walfangmoratorium zu bewerten, das 1986 in Kraft trat. Mit ihm kam die kommerzielle Bejagung von Großwalen zum Erliegen. Zwar jagen Island, Japan und Norwegen auch heute noch, doch ist die Zahl der getöteten Wale seitdem deutlich gesunken. Dass sich Staaten sogar trotz nationaler Eigeninteressen einigen können, zeigt die neue Gemeinsame Fischereipolitik (GFP) der Europäischen Union. Viele Jahre lang war die EU-Fischereiflotte überdimensioniert. Vor allem in strukturschwachen Gebieten sprachen sich Politiker vehement dagegen aus, die Fischerei zu beschränken, um keine Wählerstimmen zu verlieren. Entsprechend legten die EU-Fischereiminister jedes Jahr Fangmengen fest, die deutlich über den von Wissenschaftlern empfohlenen Höchstwerten lagen. Somit wurden nach und nach viele Fischbestände in den EU-Gewässern überfischt. Mit der neuen GFP richtet die EU die Fangmengen künftig nach dem maximalen nachhaltigen Ertrag (maximum sustain­able yield, MSY) aus. Der MSY definiert sich als die größtmögliche Fangmenge, die langfristig entnommen werden kann, ohne die Produktivität des Bestands zu reduzieren. Damit können sich die Fischbestände erholen und optimal genutzt werden. Zwar gibt es derzeit noch Diskussionen, wie die neue Fischereipolitik im Alltag umgesetzt werden soll, doch ein Anfang ist gemacht.
Will man einen besseren Schutz der Meeresumwelt und eine nachhaltige Nutzung von Meeresressourcen erreichen, müssen die verschiedenen Arten der Nutzung und der Schutz der Meeresumwelt besser aufeinander abgestimmt werden. Ein wichtiges Instrument dafür ist die Meeresraumplanung (Marine Spatial Planning, MSP). Wirtschaftliche Tätigkeiten wie die Fischerei, der Bau von Offshore-Windanlagen oder auch die Ölförderung müssen gegen andere Nutzungen wie Freizeit und Erholung und nicht zuletzt den Meeresschutz abgewogen werden. Deutschland liefert mit seinem Raumordnungsgesetz ein Beispiel dafür, wie verschiedene Interessen verbindlich miteinander abgestimmt werden. Nach wie vor gilt, dass sich Meeresschutz vor allem auch dann erreichen lässt, wenn Menschen selbst aktiv werden. Eine gut informierte und für das Meer sensibilisierte Öffentlichkeit kann den nötigen Druck erzeugen, um politische Änderungen zu bewirken. Dazu ist aber vielerorts nötig, die Menschen bei der nachhaltigen Bewirtschaftung ihres Lebensraumes zu unterstützen und zu begleiten. Dieser Aufbau von Kompetenz (Capacity Build­ing) wird heute von höchster Stelle gefordert und ist auch ein Thema bei den neuen Entwicklungszielen (SDGs, Sustainable Development Goals) der Vereinten Nationen, einer neuen globalen Nachhaltigkeitsagenda für die Zeit bis 2030. Ermutigend ist, dass man den Meeresschutz mit dieser Agenda erstmals zu einem bedeutenden globalen Ziel erhoben hat. In vielen Fällen können Wissenschaftler heute schon sagen, wie sich das Meer besser schützen und zunehmend nachhaltig nutzen ließe. Der Weg zu solch einem Umgang mit den Meeren ist also vorgezeichnet. Dennoch bestehen weiterhin zu viele Partikularinteressen, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Kurzsichtige und kurzfristige Gewinnmaximierung hat häufig Vorrang. Eine Übernutzung der Meeresressourcen wird dabei in Kauf genommen. In vielen Küstenstaaten sind die politischen Strukturen auch heute noch nicht effizient genug, um die Zukunft des Ozeans und der eigenen Küstenregionen nachhaltig zu gestalten. Textende

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