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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

WOR 4 kompakt

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Die starke Nachhaltigkeit sollte Richtschnur künftiger politischer Entscheidungen sein. Voraussetzung für eine nachhaltige Nutzung aber ist, dass der Mensch die Bedeutung und den Wert der Natur richtig einschätzen kann. Seit einigen Jahren ist in diesem Zusammenhang anstelle von Naturkapital häufig von Ökosystemleistungen die Rede. Damit gemeint sind Leistungen, die die Natur heute und in der Zukunft für uns erbringen kann. Diese werden in Kategorien eingeordnet und einzeln bewertet. Auch für das Meer hat man die unterschiedlichen Ökosys­tem-leistungen kategorisiert. Heute teilt man sie in 4 Bereiche ein: bereitstellende, kulturelle, unterstützende und regulierende Dienstleis­tungen. Zu den bereitstellenden Dienstleistungen gehören die Produktion von Meeresfisch oder die Transportwege, die das Meer kostenlos zur Verfügung stellt. Den kulturellen Dienstleistungen zugerechnet werden der Tourismus oder auch Traditionen, die mit dem Meer verbunden sind. Als wichtigste unterstützende Dienstleis­tung gilt die Primärproduktion, der Aufbau von Biomasse durch das pflanzliche Plankton im Meer mithilfe der Photosynthese. Unter die regulierenden Dienstleis-tungen subsumieren die Wissenschaftler fundamentale biologische, chemische und physikalische Prozesse im Meer, die den Menschen zugutekommen, etwa die Aufnahme des Kohlendioxids durch den Ozean.
Viele dieser Dienstleistungen sind heute durch Übernutzung, Verschmutzung und den Klimawandel gefährdet. Beispiele dafür sind der übermäßige Fischfang und der Meeresspiegelanstieg. Auch die Kohlendioxidemissionen sind eine Bedrohung für das Meer. So löst sich das Kohlendioxid zu einem beträchtlichen Teil im Ozean, was zu einer langsamen Versauerung des Wassers führt, was wiederum große Auswirkungen auf die Lebensräume im Meer wie zum Beispiel die Korallenriffe haben könnte. Als besonders durch den Menschen belastet gelten heute die Küstenregionen, die zum Teil stark besiedelt sind. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen leben heute mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung in Küstennähe, rund 2,8 Milliarden Menschen. Von den weltweit 20 Megastädten mit jeweils mehr als 10 Millionen Menschen liegen 13 am Meer. Entsprechend stark genutzt und damit auch beeinträchtigt sind viele Küstengewässer. Ein großes Problem ist die Überdüngung der Küstenmeere durch Nährstoffe aus der Landwirtschaft, die zu starkem Algenwachstum und Sauerstoffmangel im Wasser führt. Auch die direkte Zerstörung der küstennahen Lebensräume durch Baumaßnahmen, Eindeichungen und die Einleitung von Schadstoffen hält bis heute an. Besonders gefährdet sind Feuchtgebiete, Salzwiesen und Wattflächen, Korallenriffe und Mangrovenwälder. Um eine nachhaltige Nutzung der Meereslebensräume zu erreichen, versuchen Forscher heute, zunächst zu klären, in welchem Zustand sich diese überhaupt befinden. Denn um gezielte Verbesserungsmaßnahmen durchzuführen, muss im Detail bekannt sein, wie stark der Lebensraum gestört ist – und inwieweit er noch dem ursprünglichen, guten Zustand ähnelt. Heute werden in weltweiten Programmen Vergleichsdatensätze erhoben. Daraus haben zum Beispiel US-Forscher einen globalen Meeresgesundheitsindex (Ocean Health Index, OHI) entwickelt, mit dem sich auch der Zustand verschiedener Meereslebensräume vergleichen lässt. Dabei werden Umweltaspekte wie etwa die Artenvielfalt berücksichtigt, aber auch soziale Aspekte wie der Wohlstand der Küstenbevölkerung. Für gezielte umweltpolitische Maßnahmen aber reichen allgemeine Indizes nicht aus. Dazu bedarf es konkreter Ziel- oder Grenzwerte. In Europa werden derzeit mit der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL) entsprechende Zielwerte definiert. Diese Richtlinie hat das Ziel, bis 2020 einen guten Zustand der Meeresumwelt zu erreichen. Die MSRL verpflichtet alle europäischen Meeresanrainerstaaten, nationale Strategien zu erarbeiten und durchzuführen, um dieses Ziel zu erreichen.
So zeigt sich, dass die Forderung nach einer umfassenden nachhaltigen Nutzung des Meeres und damit einer „guten Verwaltung des Meeres“ (Good Ocean Gov-­ernance) an alle Akteure einschließlich der Politik gerichtet sein muss. Allerdings existiert eine Vielzahl von Institutionen auf internationaler Ebene, die politisch oftmals nur für einzelne Aspekte und Sektoren des Meeres zuständig sind. Auch bei den Vereinten Nationen befassen sich mehrere Einrichtungen mit den unterschiedlichen Meeres­­aspekten. So gibt etwa die Internationale Seeschifffahrts-Organisation IMO die Regeln für die internationale Handelsschifffahrt vor, und die Internationale Meeres­­boden­behörde ISA verwaltet ausschließlich die Bodenschätze in den Gebieten der Hohen See. Hinzukommen große UN-Behörden, die eigentlich andere Kernaufgaben haben, sich am Rande aber auch mit dem Meer befassen. Auch auf der regionalen Ebene herrscht derzeit die sektorale Sicht auf das Meer vor. So existieren heute knapp 600 bi- und multilaterale staatliche Abkommen, die bestimmte Nutzungen in einer begrenzten Region regeln. Möglicherweise auch wegen der großen Zahl gibt es nur wenige Beispiele für eine wirklich gut funktionierende regionale Ocean Governance. Probleme bereiten Partikularinteressen, Korruption und nicht zuletzt das fehlende Miteinander der Staaten. Bemühungen um den Schutz des Meeres an der afrikanischen Atlantikküste von Mauretanien bis Südafrika beispiels­weise, die verschiedene Staaten mit der Abidjan-Konvention von 1984 vereinbart hatten, wurden schnell wieder aufgegeben. Koordinierte Maßnahmen wurden durch Bürgerkriege in der Elfenbeinküste, Liberia und Sierra Leone sowie fehlende technische Ausstattung und Gelder behindert. Erst in jüngster Zeit bemühen sich die Mitgliedstaaten, den Meeresschutz gemeinsam wiederzubeleben. >
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