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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

WOR 4 kompakt

> Der WOR 4 konzentriert sich auf das Thema Nachhaltigkeit in Verbin­dung mit den Ozeanen. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ wird heute geradezu inflationär verwen­det und erfährt je nach Definition und Kontext eine andere Bedeutung. Der WOR 4 versucht daher, den Bogen von der Nachhaltigkeitstheorie zum wissenschaftlichen und politischen Alltag zu schlagen. Warum hakt es an manchen Stellen, wenn es um den Schutz der Meere geht? Und was muss konkret getan werden, um eine nachhaltige Nutzung in der Zukunft zu gewährleisten? Der WOR 4 stellt Konzepte zur nachhaltigen Entwicklung unserer Ozeane vor und zeigt auf, wie die Zivilgesellschaft und die Politik einen sinnvollen Beitrag dazu leisten können.
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Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Der Ausdruck „Nachhaltigkeit“ wird heute geradezu inflationär verwendet und ist damit relativ unscharf. Je nach Definition oder Kontext erhält er eine unterschiedliche Bedeutung. Nachhaltigkeit lässt sich aber nur dann erreichen, wenn man sich über den Begriff und seine Bedeutung einig ist. Nur dann können sich daraus klare Forderungen und entsprechende politische Maßnahmen ableiten lassen. Dies gilt für einen nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen an Land und im Meer gleicher­maßen. Der aktuelle „World Ocean Review 4“ versucht deshalb, den Bogen von der Nachhaltigkeitstheorie zum wissenschaft-lichen und politischen Alltag zu schlagen. Er zeigt, wie heute in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen versucht wird, nachvollziehbare Theorien und Modelle zu entwickeln, um die Erkenntnisse der Nachhaltigkeitstheoretiker in konkrete gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Konzepte einfließen zu lassen. Für die Umsetzung solcher Konzepte ist letztlich die Politik verantwortlich. Darüber hinaus können aber auch Einzelpersonen, Firmen oder Körperschaften substanzielle Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten.

Ursprünglich war der Begriff „Nachhaltigkeit“ klar umrissen. Er stammt aus der deutschen Forstwirtschaftslehre des 18. Jahrhunderts. So veröffentlichte der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz 1713 die forstwirtschaftliche Schrift „Sylvicultura oeconomica“, in der erstmals von einer „continuirlich beständigen und nachhaltenden Nutzung“ die Rede war. Als von Carlowitz den Begriff aufbrachte, benötigte man in vielen Gegenden Europas für den Bergbau und die Ver­hüttung von Erzen große Mengen an Holz. So wurde nach und nach die Umgebung vieler Bergbaustädte entwaldet. Es drohte eine Holzknappheit. Bereits Anfang des 18. Jahr­hunderts musste das Holz aus großer Entfernung über die Flüsse herangeschafft werden. Von Carlowitz warnte, dass man ohne Holz „große Noth leiden“ würde. Er forderte, die Wälder zu bewahren. Die nachhaltige Nutzung der Wälder wurde dementsprechend aus rein wirtschaftlichen Gründen propagiert und hatte damals noch nichts mit dem heutigen Naturschutzgedanken zu tun. Mit der industriellen Revolution trat die Nachhaltigkeitsidee immer mehr in den Hintergrund. Auch die entbehrungsreichen Zeiten der Weltkriege führten dazu, dass die Politik in den westlichen Industrienationen seit Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem ein Ziel verfolgte: durch ständiges Wirtschaftswachstum Wohlstand für alle schaffen. Erst Anfang der 1960er Jahre gab es zunehmend Kritik an dieser Wachstums- und Fortschrittsgläubigkeit, denn die Umweltschäden, die das Wirtschaftswachstum verursachte, nahmen immer größere Ausmaße an. 1980 setzten die Vereinten Nationen (United Nations, UN) die World Commission on Environment and Development (WCED, Weltkommission für Umwelt und Entwicklung) ein, die Wege finden sollte, um mehrere große Ziele gleichermaßen zu erreichen, unter anderem die Bekämpfung der Armut in den Entwicklungsländern und die Lösung ökologischer Probleme. 1987 legte die Kommis-sion ihren Report „Unsere gemeinsame Zukunft“ vor, der nach der Vorsitzenden, der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, auch als „Brundtland-­Bericht“ bezeichnet wurde. Dieser eröffnete zwar eine neue und wichtige Debatte um die Bedeutung von Nachhaltigkeit, lieferte aber keine konkrete Handlungsanweisungen für die Politik.
In den Jahren danach entwickelten Nachhaltigkeitsforscher in Anlehnung an den „Brundtland-Bericht“ das Drei-Säulen-Modell, das Ökologie, Ökonomie und Soziales als gleichberechtigte Stützen der Nachhaltigkeit darstellt. Bis heute aber zeigt sich, dass in vielen Ländern wirtschaftliche Aspekte noch immer Vorrang vor ökologischen oder sozialen Belangen haben. Inzwischen haben Nachhaltigkeitsethiker deshalb konkreter formuliert, wie sich Nachhaltigkeit erreichen lässt: Als Lösung für die Zukunft schlagen sie das Konzept der sogenannten starken Nachhaltigkeit vor. Diese hat das Ziel, Naturgüter, die sogenannten Naturkapitalien, zu erhalten und nicht restlos zu verbrauchen. Dabei geht es keineswegs um eine Art von musealem Naturschutz, der die Natur in Gänze konservieren will. Vielmehr sollen nachwachsende Naturgüter wie zum Beispiel Fischbestände nur so stark genutzt werden, dass sie sich vollständig reproduzieren können. Statt nicht nachwachsende Rohstoffe wie etwa Erdöl zu nutzen – mit allen negativen Konsequenzen –, sollten regenerative Energien zum Einsatz kommen. Darüber hinaus fordert das Konzept der starken Nachhaltigkeit, übernutzte Naturkapitalien zu renaturieren. Damit soll versucht werden, die wirtschaftliche Nutzung von Naturkapitalien und deren Schutz in Einklang zu bringen. Ein solches praxisnahes Konzept wird mit der sogenannten Constant Nat­ural Capital Rule (CNCR) angestrebt, die die Menschen verpflichtet, Naturkapital in der Summe zu erhalten. Nach der CNCR sollen Naturkapitalien bewusst genutzt und vor allem verbrauchte Naturkapitalien durch gleichwertige Naturkapitalien vollständig substituiert werden. >
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