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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Der bedrohte Ozean

Der bedrohte Ozean © Natalie Fobes/Getty Images

Der bedrohte Ozean

> Seit Jahrzehnten schädigt der Mensch das Meer, indem er Schadstoffe einleitet, Küstenlebensräume zerstört oder Fischbestände übermäßig nutzt. Mit der Meereserwärmung und der Ozeanversauerung gesellen sich heute Bedrohungen von globalem Ausmaß hinzu. Vorausset- zung für eine nachhaltige Nutzung der Meere ist, ihren Zustand exakt zu analysieren, um künftig die richtigen umweltpolitischen Maßnahmen ergreifen zu können.

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Viele Ursachen für den kritischen Zustand der Meere

Ob Überfischung, Meeresverschmutzung, Erwärmung oder auch Versauerung: Die Meere und ihre Ökosystem- leistungen sind heute stärker bedroht als je zuvor. All die vielen Probleme, die durch regionale Missstände oder durch den weltweiten Klima­wandel verursacht werden, machen den Meeresschutz zu einer besonderen Heraus­forderung. Denn man kann ihnen nur mit einer Vielzahl von Ein­zel­maß­nahmen begegnen. Besonders betroffen sind die Küstenregionen, weil sie besonders dicht besiedelt sind und das Meer dort intensiv genutzt wird. In Küstengewässern wird der meiste Fisch gefangen, nach Erdgas und Erdöl gebohrt und intensiver Schiffsverkehr betrieben. Auch der Tourismus stellt für die Uferbereiche eine besondere Gefährdung dar. Weil Küsten nämlich vielerorts beliebte Urlaubsziele sind, werden Naturgebiete, die hier liegen, häufig durch den Bau von Hotelanlagen zerstört.
2.14 > Bei der Havarie des Tankers „Exxon Valdez“ 1989 vor Alaska wurde ein Küsten­streifen von 2000 Kilometer Länge verölt. Dort befinden sich mehrere Vogel- und Natur­schutz­gebiete.
Abb. 2.14: Bei der Havarie des Tankers „Exxon Valdez“ 1989 vor Alaska wurde ein Küsten­streifen von 2000 Kilometer Länge verölt. Dort befinden sich mehrere Vogel- und Natur­schutz­gebiete. © Natalie Fobes/Getty Images
Voraussetzung für eine künftige nachhaltige Nutzung des Meeres ist, dass die einzel­nen Bedrohungen erkannt und richtig eingeschätzt werden. Das ist nicht immer einfach. Die Verschmutzung, die ein havarierter Öltanker verursacht, lässt sich noch vergleichsweise gut abschätzen. Kaum überblicken hingegen können Forscher, wie sich die schleichende Versauerung der Ozeane auf verschiedene Meereslebewesen wie zum Beispiel Fische, Muscheln oder Schnecken auswirkt. Meereswissenschaftler haben in den vergangenen Jahren versucht, die verschiedenen Aspekte, auf die die zunehmende Belastung der Meere zurückzuführen ist, zu iden­tifi­zieren und zu ordnen. Folgende Bedrohungen und Einflussgrößen sind dem- nach von besonderer Bedeutung:
  • Meeresverschmutzung
    • Gifte und Schwermetalle aus Industrieanlagen (Abwässer und Abgase)
    • Nährstoffe, insbesondere Phosphate und Stickstoff, aus der Land­wirt­schaft und aus ungeklärten Abwässern (
      Eutrophierung
      der Küstengewässer)
    • Lärmverschmutzung der Ozeane durch Schifffahrt und wachsende Offshore-Industrie (Erdgas- und Erdölgewinnung, Bau von Wind­ener­gie­anlagen, zukünftiger Meeresbergbau)
  • Steigende Nachfrage nach Ressourcen
    • Erdgas- und Erdölgewinnung in küstennahen Gebieten und zunehmend in der Tiefsee, bei der
      kleinere oder größere Ölmengen frei werden
    • Sand, Kies und Steine für Baumaßnahmen
    • für die
      Entwicklung neuer Medikamente
      : Gewinnung von genetischen Ressourcen aus Bakterien, Schwämmen und anderen Lebewesen, bei deren Abbau Lebensräume am Meeresboden geschädigt werden könnten
    • zukünftiger
      Meeresbergbau
      (Abbau von Erzen am Meeresboden), der Lebensräume in der Tiefsee schädigen könnte
    • Aquakultur
      (Freisetzung von Nährstoffen, Medikamenten und Krankheitserregern)
  • Überfischung
  • Zerstörung von Lebensräumen
    • Baumaßnahmen wie zum Beispiel Hafenerweiterungen, Hotels
    • Abholzung von Mangroven
    • Zerstörung von Korallenriffen durch Fischerei oder Tourismus
  • Bioinvasion
    • Einwanderung fremder Arten
      durch Schiffsverkehr oder Muschelzuchten; Veränderung charakteristischer Lebensräume
  • Klimawandel
2.15 > Auch Lärm verschmutzt die Meere. Französische Forscher veröffentlichten 2014 erstmals eine Karte der Schallbelastung in der viel befahrenen Straße von Gibraltar. Die Rotfärbung veranschaulicht dabei die Höhe des Schallpegels – je röter, desto lauter.
Abb. 2.15: Auch Lärm verschmutzt die Meere. Französische Forscher veröffentlichten 2014 erstmals eine Karte der Schallbelastung in der viel befahrenen Straße von Gibraltar. Die Rotfärbung veranschaulicht dabei die Höhe des Schallpegels – je röter, desto lauter. © nach Folegot/Quiet-Oceans
Die Bedrohungen haben sich den letzten Jahren nicht vermindert. Nur was die Ölverschmutzung betrifft, ist ein positiver Wandel zu verzeichnen: Die Menge des Öls, die jährlich ins Meer gelangt, nimmt ab. Außerdem fließen in Westeuropa heute weniger Nährstoffe in die Nordsee. Bei den meisten Einflussgrößen aber ist keine Trendwende in Sicht. Im Gegenteil: Die Bedrohung nimmt eher zu.

Globale Bedrohungen

Vor allem die mit dem Klimawandel einhergehende Meereserwärmung und die Ozeanversauerung dürften sich nach Ansicht vieler Wissenschaftler global auf die Meere auswirken. Der Grund für eine Versauerung des Meerwassers ist, dass die höhere Kohlendioxidkonzentration (CO2) in der Atmosphäre eben auch zu einer größeren Menge an gelöstem CO2 im Meer führt. Dabei bildet sich, vereinfacht ausgedrückt, Kohlensäure. In Laborexperimenten hat man gezeigt, dass durch die Versauerung von Wasser der Kalk (Kalziumkarbonat, CaCO3 ) von Meerestieren wie zum Beispiel Korallen, Muscheln, Schnecken oder Seeigeln angegriffen wird. Das CaCO3 kommt in der Natur in verschiedenen Formen vor, die sich minimal in ihrem chemischen Aufbau unterscheiden – etwa in den beiden CaCO3 -Varianten Aragonit und Kalzit, die von verschiedenen Meerestieren in unterschiedlichen Men­gen­verhält­nissen in Gehäusen und Schalen eingebaut werden. Wie die Expe­ri­mente zeigen, könnten unter der Ozeanversauerung zunächst vor allem jene Tierarten ­leiden, die hauptsächlich Aragonit verwenden. Insbesondere die zum Zooplankton zählenden Pteropoden könnten künftig betroffen sein, erbsengroße Flügelschnecken, die durch das Wasser rudern. Sie sind eine wichtige Nahrung für Fische oder auch Wale. Pteropoden besitzen besonders zarte Aragonitschalen, die, so befürchten es Meeresbiologen, sich sehr schnell auflösen könnten. Studien zeigen, dass die Ozeanversauerung sogar ihren Nachwuchs bedroht, der schon während der Wachstums­phase eingehen könnte. Aber auch die Gehäuse erwachsener Tiere zersetzen sich nach und nach.
2.16 > Pteropoden besitzen zarte Kalkschalen, die sich unter dem Einfluss der Ozeanversauerung auflösen könnten.
Abb. 2.16: Pteropoden besitzen zarte Kalkschalen, die sich unter dem Einfluss der Ozeanversauerung auflösen könnten. © Alexander Semenov/Science Photo Library/Agentur Focus
Da sich Gase wie CO2 besonders gut in kaltem Wasser lösen, versauern vor allem die kalten Gewässer in höheren Breiten am schnellsten. Meeresforscher haben bereits erste Anzeichen dafür gefunden, dass in kalten Gewässern langsam jener kritische Punkt überschritten wird, ab dem sich das Aragonit aufzulösen beginnt. So wurden bei Schiffsexpeditionen der Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA (National Oceanic and Atmospheric Administra­tion, NOAA) im Pazifik vor den nördlichen US-Bundes­staaten Washington und Oregon bereits zahlreiche ausgewachsene Pteropoden gefangen, deren Gehäuse deutliche Spuren von Korrosion zeigten. Auch das Verhalten von Tieren kann sich durch versauerndes Wasser verändern. So stellten Forscher fest, dass die im Atlantik heimische Große Pilgermuschel ihre Fähigkeit verliert, vor ihren Feinden zu fliehen. Für gewöhnlich presst die Muschel bei Gefahr ihre Schalen zusammen und katapultiert sich mit einem Wasserstrahl aus der Gefahrenzone. Mit zunehmend saurem Wasser aber verlangsamen sich die ruckartigen Bewegungen, sodass die Muschel vor ihren Feinden weniger gut flüchten kann. Beunruhigend ist, dass mit der Ozeanversauerung und der Meereserwärmung 2 Phänomene zusammenkommen, die einander verstärken können. So konnten Ökophysiologen, die sich mit dem Stoffwechsel von Tieren befassen, anhand von Laborversuchen zeigen, dass manche Krebse oder Fische schneller sterben, wenn das Wasser zugleich wärmer und saurer wird.

Brennpunkt Küste

Nicht alle Meeresregionen sind von den gleichen Umweltproblemen bedroht. Vor allem in den Küstenregionen aber kommen viele Probleme zusammen, da diese oftmals zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt gehören. Ein umfassender Meeres­schutz in diesen Regionen käme damit sehr vielen Menschen zugute. Nach Schätz­ungen der Vereinten Nationen leben heute mehr als 40 Prozent der Welt­bevöl­kerung, rund 2,8 Milliarden Menschen, in einem Abstand von maximal 100 Kilometern zur Küste. Von den weltweit 20 Megastädten mit jeweils mehr als 10 Millionen Menschen liegen 13 in Küstennähe. Dazu zählen die Städte bezieh­ungs­weise Ballungszentren Dhaka (14,4 Millionen), Istanbul (14,4), Kalkutta (14,3), Mumbai (18,2) und Peking (14,3). Fachleute erwarten, dass die Verstädterung der Küsten­gebiete in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird. Nach ihrer Ein­schätz­ung wird sich beispielsweise in Westafrika bis zum Jahr 2020 der heute bereits dicht besiedelte, 500 Kilometer lange Küstenstreifen zwischen der ghanaischen Hauptstadt Accra und dem Nigerdelta in Nigeria zu einem urbanen Band, einer Megalopolis, mit mehr als 50 Millionen Einwohnern entwickeln.

Die Bedeutung des Hinterlands für die Küsten

Wie es den Küstenmeeren geht, hängt zum einen von den Aktivitäten direkt an der Küste und zum anderen vom Einfluss des Hinterlands ab. Manche Probleme wie etwa die Einleitung ungeklärter Abwässer oder die Zerstörung des Uferstreifens durch Baumaßnahmen ergeben sich direkt vor Ort an der Küste. Über die Flüsse oder die Luft aber werden in vielen Regionen auch aus dem Hinterland große Mengen an Schadstoffen ins Küstenmeer eingetragen. Diese Schadstoffe können ihren Ursprung tief im Landesinnern haben. So gelangen beispielsweise die chemisch sehr stabilen Fluorpolymere, die für die Herstellung von Outdoorjacken oder fett-, schmutz- und wasserabweisenden Papieren genutzt werden, über die Fabrikschornsteine in die Atmosphäre und können dort Tausende von Kilometern bis in weit entfernte Regionen zurücklegen. Auch der Transport von Fäkalien oder mit Schwermetallen belasteten Industrieabwässern bis ins Meer beginnt oft weit im Landesinnern. Fachleute schätzen, dass heute 80 Prozent der Meeresverschmutzung einschließlich der Düngemittel vom Land stammen. Überhaupt fällt es schwer, eine klare Grenze zwischen Küste und Hinterland zu ziehen – wo beginnt das eine, wo hört das andere auf? Tatsächlich gibt es keine allgemeine Definition des Begriffs „Küste“. Wissenschaftler einzelner Fachrichtungen haben in dieser Frage unterschiedliche Relevanzkriterien. Für Geologen mag der Sedi­ment­transport aus den Bergen oder dem Hinterland ins Küstenmeer von Interesse sein. Botaniker hingegen, die die Vegetation in Salzwiesen erforschen, dürften den Küstenbegriff enger fassen.
2.17 > Ein Slum in der ghanaischen Hauptstadt Accra. Der 500 Kilometer lange Küstenstreifen zwischen Accra und dem Nigerdelta in Nigeria dürfte sich bis 2020 zu einem urbanen Band mit mehr als 50 Millionen Einwohnern entwickeln.
Abb. 2.17: Ein Slum in der ghanaischen Hauptstadt Accra. Der 500 Kilometer lange Küstenstreifen zwischen Accra und dem Nigerdelta in Nigeria dürfte sich bis 2020 zu einem urbanen Band mit mehr als 50 Millionen Einwohnern entwickeln. © Frans Lanting/Corbis

Die Summe vieler Bedrohungen: das Küstensyndrom

Mit Blick auf die Häufung von Umweltproblemen an den Küsten haben Umweltforscher den Begriff „Küstensyndrom“ geprägt. Mit diesem Ausdruck wollen sie verdeut-lichen, dass Küstengewässer vielerorts Symptome zeigen, die darauf hindeuten, dass ihre Funktions- und Leis­tungsfähigkeit gestört ist. Die Forscher berücksichtigen dabei sowohl den Einfluss, den das Hinterland auf das Küstenmeer hat, als auch jene Probleme, die unmittelbar an der Küste auftreten. Folgende Aspekte tragen zum Küstensyndrom bei:

Überdüngung (Eutrophierung)

In Regionen, in denen intensiv Landwirtschaft betrieben wird, gelangen viele Nährstoffe in den Boden. Sie werden als Kunstdünger auf die Felder gebracht oder fallen als Gülle in Mastbetrieben an. Hinzu kommen ungeklärte Abwässer aus Kommunen und insbesondere Fäkalien, die ebenfalls nährstoffreich sind. Über Bäche und Flüsse oder die Kanalisation gelangen überschüssige Nährstoffe bis ins Meer. Vor allem Phosphor- und Stickstoffverbindungen regen Algen zu starkem Wachstum an, und es kommt zu Algenblüten. Am Ende werden die abgestorbenen Algen von Bakterien abgebaut, die Sauerstoff zehren. Je mehr Algen vorhanden sind, desto intensiver ist der bakterielle Abbau und desto größer der Sauerstoffverbrauch. Im Extremfall entstehen sauerstofffreie Zonen, in denen Fische, Krebse oder Muscheln nicht mehr überleben können. Beispiele für stark eutrophierte Meeresgebiete sind das Mississippidelta am Golf von Mexiko und das Gelbe Meer an der Ostküste Chinas.
2.18 > Algenplage vor der chinesischen Küstenstadt Qingdao. Von Fischerbooten aus versuchen Helfer, die grünen Massen einzusammeln. Seit etwa 10 Jahren treten Algenblüten in der Region auf. Forscher führen sie auf den starken Eintrag von Nährstoffen ins Meer zurück.
Abb. 2.18: Algenplage vor der chinesischen Küstenstadt Qingdao. Von Fischerbooten aus versuchen Helfer, die grünen Massen einzusammeln. Seit etwa 10 Jahren treten Algenblüten in der Region auf. Forscher führen sie auf den starken Eintrag von Nährstoffen ins Meer zurück. © UPPA/Photoshot
Aufgrund der großen Nährstoffmengen aus der Landwirtschaft, die der Mississippi mit sich trägt, hat sich vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana in den vergangenen Jahren eine sogenannte Todeszone gebildet, die eine Ausdehnung von bis zu 20 000 Quadratkilometern erreichen kann. Im Gelben Meer, dem Meeresgebiet zwischen China und Korea, bilden sich seit 2007 in jedem Sommer große Blüten der Großalge Ulva prolifera, die als dicke grüne Schicht auf der Meeresoberfläche treiben. Im Sommer 2008 erreichte der Algen­teppich seine bislang größte Ausdehnung von rund 1200 Quadratkilometern, was in etwa der doppelten Größe des Genfer Sees entspricht. Mitten in der Hochsaison und während der olympischen Segelwettbewerbe trieb er vor die chinesische Küsten­metro­pole Qingdao. Allein von den Stränden vor Ort mussten die Behörden anschließend rund 1 Million Tonnen Biomasse abtragen. In einer aktuellen Studie kommen chinesische Forscher zu dem Schluss, dass die Nährstoffbelastung der chinesischen Küstengewässer am Gelben Meer von 2007 bis 2012 im Durchschnitt um 45 Prozent höher lag als im Zeitraum 2001 bis 2006.
Dass sich die Nährstoffmengen zumindest teilweise reduzieren lassen, zeigen Untersuchungen aus Deutschland. So ließen sich die jährlichen Einträge von Phosphaten im deutschen Einzugsgebiet der Nordsee durch das Verbot phosphat­haltiger Waschmittel, durch eine verbesserte Abwasserreinigung in Klär­anlagen und einen optimierten Einsatz von Phosphatdüngern zwischen 1985 und 2005 von rund 67 000 Tonnen auf 18 000 Tonnen reduzieren. Die Stickstoffmenge wurde im selben Zeitraum vor allem durch optimierte Düngetechnik von 804 000 auf 418 000 Tonnen verringert. Letztlich hat sich die Düngung in den vergangenen Jahrzehnten generell verbessert, weil Landwirte heute vermehrt zum optimalen Zeitpunkt düngen. Zudem werden heute Dünger angeboten, die besser von den Pflanzen aufgenommen werden. Damit verbleibt weniger überschüssiger Dünger im Boden, der mit dem Regen ausgewaschen werden könnte. >
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