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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Das Gute im Meer

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Kulturelle Dienstleistungen – Basis für den Tourismus

Aspekte wie der Erholungswert oder die Schönheit einer Küstenlandschaft, die zu den kulturellen Ökosystemleis­tungen gezählt werden, sind eng mit dem Tourismus verbunden. Religiöse Stätten und andere Kulturdenkmäler, schöne Landschaften und Erholungsgebiete locken jedes Jahr Millionen Urlauber an. Wie viele Menschen am Meer Urlaub machen und wie groß damit die Bedeutung der Küsten für den Tourismus weltweit ist, lässt sich nach Auffassung der UN-Welttourismusorganisation (United Nations World Tourism Organization, UNWTO) heute kaum beziffern, weil die Daten in verschiedenen Regionen unterschiedlich erhoben werden oder unvollständig sind. Zudem lässt sich kaum analysieren, inwieweit vom Tourismus an der Küste auch das Hinterland profitiert – etwa durch Strandurlauber, die Städte im Binnenland besuchen. In Europa versucht man immerhin abzuschätzen, wie hoch der Anteil der Touristen in den Küstenregionen ist. So schätzt man, dass 2009 in 27 europäischen Ländern insgesamt etwa 28 Millionen Bettenplätze (in Ferienwohnungen, Hotels, Herbergen oder auf Camping­plätzen) zur Verfügung standen. Davon befanden sich rund 60 Prozent in den Küstenregionen. Laut einer Umfrage in der Europäischen Union (EU) verbringen 46 Prozent der EU-Bürger ihren Jahresurlaub als Badegäste am Strand. In dieser Statistik nicht erfasst wurden Touristen, die ans Meer fahren, um dort zu tauchen oder anderen sportlichen Aktivitäten nachzugehen. Das wiederum bedeutet, dass die Gesamtzahl der maritimen EU-Urlauber höher einzuschätzen ist.
2.11 > Die Kalksteinhöhlen auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán sind bei Tauchern sehr beliebt.
Abb. 2.11: Die Kalksteinhöhlen auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán sind bei Tauchern sehr beliebt © Steffen Binke/SeaPics.com
Als ein Beispiel dafür, wie beliebt das Meer bei Touristen ist, führt die UNWTO die Wal- und Delfinbeobachtungen an. Für dieses touristische Segment liegen ausreichend Daten vor. Walbeobachtungen wurden erstmals Anfang der 1950er Jahre auf der Point-Loma-Halbinsel in Kalifornien angeboten. Damals wurden die Meeressäuger noch vom Land aus beobachtet. Bereits zu jener Zeit lockten die Wale jährlich rund 10 000 Besucher an. Es zeigte sich, dass auch anderswo Menschen von den gro­ßen Tieren fasziniert sind, und so verbreitete sich diese Touristenattraktion schließlich über die ganze Welt. Wal- und Delfinbeobachtungen werden heute in 119 Ländern angeboten. Etwa 13 Millionen Menschen nutzen dieses Angebot jährlich. Dafür geben sie rund 800 Millionen US-Dollar aus. Rechnet man die Kosten für Unterkunft, Anreise und Verpflegung hinzu, belaufen sich die Ausgaben der Touristen auf 2,1 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Unterstützende Dienstleistungen

Biologische, chemische und physikalische Prozesse, die in der Umwelt auf natürliche Weise ablaufen und damit Basis des Lebens auf der Erde sind, zählen zu den unterstützenden Dienstleistungen. Auch die Dynamik des Nahrungsnetzes im Meer, das fein abgestimmte Miteinander von Beute und Räubern, gehört dazu und ist letztlich auch für den Menschen von großem Nutzen, da Fisch ein wertvolles Lebensmittel ist. Sogar die Artenvielfalt der Lebensräume und die verschiedenen Lebensräume selbst zählen zu dieser Art von Dienstleistungen. Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Artenvielfalt für die Stabilität der marinen Ökosysteme extrem wichtig ist. Das haben unter anderem Experimente in Großalgenwäldern gezeigt. In einem Freilandexperiment wurde beispielsweise die Anzahl der Großalgenarten künstlich reduziert, indem man einige zu Beginn der Wachstumsperiode entfernte. Tatsächlich verringerte sich in diesem artenarmen Lebensraum die Algenbiomasse insgesamt – und damit auch die Nahrung für die Konsumenten sowie die Zahl der verfügbaren Habitate. Eine für das Leben im Meer bedeutende unterstützende Dienstleistung ist die sogenannte Primärproduktion, deren Grundlage die Photosynthese des pflanzlichen Planktons ist. Bei der Photosynthese bauen Pflanzen mithilfe des Sonnenlichts energiereiche Moleküle wie Zucker und Stärke auf. Stimmen Lichtstärke und Nahrungsangebot, können Algen sehr schnell wachsen und sich vermehren. Die Leistung der Meeresalgen ist beachtlich: Alles in allem erzeugen sie etwa 50 Prozent der pflanzlichen Biomasse weltweit.
2.12 > Wal- und Del­fin­beo­bach­tungen sind ein wichtiges Segment der Touris­mus­indus­trie. 2008 gingen weltweit fast 13 Millionen Menschen auf solch eine Safari. Dafür gaben sie mit Anreise und Übernachtung 2,1 Milliarden US-Dollar aus.
Abb. 2.12: Wal- und Del­fin­beo­bach­tungen sind ein wichtiges Segment der Touris­mus­indus­trie. 2008 gingen weltweit fast 13 Millionen Menschen auf solch eine Safari. Dafür gaben sie mit Anreise und Übernachtung 2,1 Milliarden US-Dollar aus. © UN/WOA, IFAW
Die Primärproduktion ist die Basis des Nahrungsnetzes. Einzellige Algen werden von Fischlarven und Kleinkrebsen gefressen, die ihrerseits wieder Nahrung für größere Fische oder Meeressäuger sind. Wie wichtig die Primärproduktion im Meer ist, zeigen Studien, in denen untersucht wurde, inwieweit die Größe von Fischbeständen mit der Primärproduktion zusammenhängt. Es zeigte sich, dass die Menge an gefangenem Fisch in Gebieten mit zeitweise hoher Primärproduktion um bis zu 30 Prozent stieg, während sie in anderen Regionen in Zeiten schwacher Primärproduktion um bis zu 40 Prozent abnahm. Mit der Primärproduktion sind die verschiedenen biochemischen Prozesse und Stoffkreisläufe des Meeres verbunden. Ein Beispiel für diese fundamentalen Prozesse im Ozean ist der
Kreislauf des Kohlenstoffs
. Der Körper des Menschen ist aus Kohlenstoff aufgebaut, und auch tierische und pflanzliche Biomasse besteht zu einem großen Teil daraus. Pflanzen an Land und Algen im Meer nehmen ihn in Form von Kohlendioxid aus der Atmosphäre oder dem Wasser auf. Das CO2 dient den Pflanzen dann als Baustein für die Zucker- und Stärkeproduktion während der Photosynthese. Durch den Stoffwechsel von Organismen und natürliche chemische Prozesse wechselt der Kohlenstoff immer wieder seinen Zustand. Im Meer etwa sinken große Kohlen­stoff­mengen in Form von abgestorbener Biomasse wie etwa Algen oder Kleinstkrebsen in die Tiefe, die während des Absinkens bereits zum Teil wieder von Bakterien als Nahrung genutzt und somit verstoffwechselt werden. Neben dem Kohlenstoffkreislauf gibt es noch eine Reihe von anderen Kreisläufen, die für das Leben von Bedeutung sind. Ein Beispiel ist der Stickstoffkreislauf.

Regulierende Dienstleistungen

Der Schutz vor Stürmen und Überflutungen, den etwa Mangrovenwälder, Dünen oder Korallenriffe bieten, zählt ebenso zu den regulierenden Dienstleistungen, wie der Schutz vor Erosion, also der Verlust von Sand an der Küste durch Stürme und Strömungen. Diesen Schutz leis­ten intakte Ökosysteme wie etwa die dichte Vegetation auf Dünen, die den Sand bei Sturm zusammenhält, oder Seegraswiesen und Muschel­bänke im Wasser, die verhindern, dass Wellen das feine Sediment forttragen. Abfall und Fäkalien gelangen in großen Mengen über die Flüsse ins Meer oder werden vielerorts aus der Kanalisation direkt in die Küstengewässer eingeleitet. Ihr bio­lo­gischer Abbau wird ebenfalls als eine regulierende Ökosys­temleistung betrachtet, wie auch die Aufnahme von Giftstoffen, die der Mensch freigesetzt hat, etwa Schwermetallen oder langlebigen Chlor- und Fluorverbindungen. Vor allem Einzeller und Bakterien bauen diese organische Schmutzfracht ab. Sterben sie und sinken zu Boden, setzen sich mit ihnen auch die Schadstoffe ab, die sich im Sediment sammeln und damit aus dem Wasser entfernt werden. Natürlich verbleiben die Giftstoffe im Sediment noch für längere Zeit in der Umwelt. Im Wasser aber wären ihnen viele Meereslebewesen direkt ausgesetzt gewesen. Vor allem Planktonorganismen hätten diese Schadstoffe mit kleinen Nahrungspartikeln aus dem Wasser aufgenommen und dann in der Nahrungskette an andere Organismen weitergegeben.

Klimamotor Meer

Das Meer hat einen
entscheidenden Einfluss auf das Klima
. Wissenschaftler bezeichnen es sogar als Klimamotor der Erde. Zum einen hat das Meer einen regionalen Einfluss. Da es Wärme lange speichern kann, heizt es im Winter die Atmosphäre auf und bringt damit in den Küsten­gebieten wärmere Luft auf das Festland. Weil über dem Meer viel Wasser verdunstet, liefern die Meere in vielen Regionen außerdem zu einem großen Teil den Regen, der über dem Land niedergeht. Zum anderen hat das Meer eine globale Klimawirkung. So nimmt das Meerwasser in den Tropen große Mengen an Sonnenenergie auf und transportiert diese in Richtung der Pole. Da Wasser Wärmeenergie lange speichern kann, wird diese über viele Tausend Kilometer befördert. Doch die Sonne über den Tropen ist nicht der einzige Antrieb. Auch physikalische Prozesse an den Polen halten die Weltklimamaschine in Gang: Dort kühlt das Wasser stark ab, sodass sich Eis bildet. Da Eis kein Salz enthält und das Salz beim Gefrieren im Meerwasser zurückbleibt, steigt in den Meer­eis­gebieten der Salzgehalt des Wassers. Der hohe Salzgehalt und die Abkühlung führen dazu, dass das Meerwasser dichter und damit schwerer wird. Dadurch beginnt das Wasser abzusinken. Dieses Phänomen, das in einigen wenigen polaren Meeres­regionen auftritt, nennen Fachleute Konvektion. Unterhalb von etwa 2000 Metern schichtet sich das Wasser in die tiefen Wassermassen ein und strömt gemächlich zurück gen Äquator. Damit schließt sich der Kreis der großen Meeresströmungen, der in den Tropen beginnt. Da diese den Globus umspannenden Strömungen durch Temperaturen und Salzgehalt getrieben sind, nennen ­Wissenschaftler dieses Phänomen thermohaline Zirkula­tion (thermo: angetrieben durch Temper­atur­unterschiede; halin: angetrieben durch Salzgehaltsunterschiede).
2.13 > Die weltumspannenden Strömungen sind komplex und verbinden alle Ozeane. Die thermohaline Umwälzbewegung ist in der Grafik vereinfacht dargestellt. Die gelben Kreise stellen die wichtigsten Gebiete dar, in denen Wasser in die Tiefe absinkt. Die lila und blauen Linien, die von dort ausgehen, markieren die Pfade der Boden- und Tiefenströmungen. Auf ihrem Weg durch den Ozean werden diese Strömungen ver­mischt und erwärmt, bis sie schließlich aufsteigen. Die Pfade der warmen oberflächennahen Rückströmungen sind rot gezeichnet. ­Dunkle Gebiete weisen einen höheren, weiße Gebiete einen niedrigeren Oberflächensalzgehalt auf. Da der Atlantik im Durchschnitt salziger als der Pazifik ist, kann sich hier Tiefenwasser leichter bilden. Der Zirkumpolarstrom zeigt, dass alle Ozeane miteinander verbunden sind.
Abb. 2.13: Die weltumspannenden Strömungen sind komplex und verbinden alle Ozeane. Die thermohaline Umwälzbewegung ist in der Grafik vereinfacht dargestellt. Die gelben Kreise stellen die wichtigsten Gebiete dar, in denen Wasser in die Tiefe absinkt. Die lila und blauen Linien, die von dort ausgehen, markieren die Pfade der Boden- und Tiefenströmungen. Auf ihrem Weg durch den Ozean werden diese Strömungen ver­mischt und erwärmt, bis sie schließlich aufsteigen. Die Pfade der warmen oberflächennahen Rückströmungen sind rot gezeichnet. ­Dunkle Gebiete weisen einen höheren, weiße Gebiete einen niedrigeren Oberflächensalzgehalt auf. Da der Atlantik im Durchschnitt salziger als der Pazifik ist, kann sich hier Tiefenwasser leichter bilden. Der Zirkumpolarstrom zeigt, dass alle Ozeane miteinander verbunden sind. © nach Meincke et al.

Doch nicht nur die thermohaline Zirkulation, sondern auch die Winde beeinflussen die Meeresströmungen. Winde entstehen dadurch, dass sich Meeresgebiete oder verschiedene Landmassen unterschiedlich stark aufheizen. Dadurch ergeben sich Luftdruckunterschiede, die durch Windströmungen ausgeglichen werden. Von besonderem Einfluss sind die Passatwinde, die in den Tropen und Subtropen mehrere Monate lang aus derselben Richtung wehen. In bestimmten Gebieten treiben die Passate das Oberflächenwasser von den Küsten fort. In der Folge steigt an den Küsten aus der Tiefe kaltes und nährstoffreiches Wasser auf. Fachleute nennen diese Meeresregionen Auftriebsgebiete. Beispiele dafür sind die Küstengewässer vor Peru und Südafrika. Da das aufsteigende Wasser viele Nährstoffe aus der Tiefe an die Oberfläche bringt, ist hier die Primärproduktion besonders hoch. Entsprechend sind die Gewässer besonders reich an Fisch.

Austausch von Gasen

Das Meer reguliert nicht nur das Klima, sondern auch Gase. So tauschen die Ozeane und die Atmosphäre permanent große Mengen an Gasen aus. Täglich nimmt das Meerwasser beispielsweise Kohlendioxidmengen auf, die dem Gewicht von 4 Millionen Mittelklasseautos entsprechen. Seit dem Beginn der industriellen Revolution haben die Meere etwa die Hälfte des gesamten Kohlendioxids (CO2) geschluckt, das durch die Verbrennung von Erdgas, Erdöl und Kohle freigesetzt worden ist. Ohne diese stete CO2-Aufnahme hätte sich die Atmosphäre bis heute bereits deutlich stärker erwärmt. Neben dem CO2 gibt es eine Reihe von anderen Gasen, die zwischen Meer und Atmosphäre hin und her wandern, beispielsweise Stickstoff oder auch Methan.

Algenduft als Wolkenmacher

Seit einigen Jahren interessieren sich Forscher zudem für ein Gas, das lange unbeachtet war: das Dimethylsulfid. Es entsteht, wenn sich abgestorbene Algen zersetzen. Es verursacht den typischen Duft, den Algen am Meeresstrand verbreiten. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Dimethylsulfid in großen Mengen aus dem Meer aufsteigt und in der Atmosphäre als wichtiger Kondensationskeim zur Wolkenbildung beiträgt. Da Wolken Sonnenlicht und zum Teil auch Wärmestrahlung reflektieren, hat Dimethylsulfid eine Bedeutung für das Klima, vermuten die Wissenschaftler. Damit betrachtet man heute auch die Produktion von Dimethylsulfid und dessen Austausch zwischen Wasser und Luft als regulierende Ökosystemleistung des Meeres.

Verantwortung für kommende Generationen

Die regulierenden und unterstützenden Dienstleistungen des Meeres haben für das Leben auf der Erde eine besondere Bedeutung, weil zu ihnen fundamentale biologische, biochemische und physikalische Prozesse zählen. Diese Prozesse laufen seit Jahrtausenden ab und reagieren zum Teil sehr träge auf Veränderungen. Das gilt insbesondere für den Klimamotor Meer. Die Meeresströmungen wälzen stetig ungeheuer große Wassermassen um, bewegen sich aber meist sehr langsam – oftmals langsamer als im Schritttempo. Das Tiefenwasser, das bei der thermohalinen Zirkulation an den Polen abgesunken ist, bewegt sich so langsam, dass es mehrere Hundert bis 1000 Jahre in der Tiefe verbleibt. Die durch den Menschen verursachten Klimaveränderungen, durch die sich das Meerwasser erwärmt, sind infolgedessen bislang vor allem an der Meeres­ober­fläche erkennbar. Es wird noch einige Zeit dauern, bis der Klimawandel wirklich in der Tiefe angekommen ist. Ein Grund zur Entwarnung ist das jedoch nicht. Die Veränderungen regulierender und unterstützender Ökosystemleistungen des Meeres wiegen damit in intergenerationeller Hinsicht besonders schwer. Veränderungen, die der Mensch heute bewirkt, könnten das Leben der Menschen noch in mehreren Hundert Jahren beeinflussen. Angesichts der großen Bedeutung der regulierenden und unterstützenden Ökosystemleistungen des Meeres geben Nachhaltigkeitsexperten heute zu bedenken, dass auch der Golfstrom oder der Kohlenstoffkreislauf als kritisches Naturkapital beziehungsweise kritische Dienstleis­tungen gesehen werden könnten. Wichtigste Aufgabe für die Zukunft ist es daher, Strategien zu entwickeln, um diese kritischen und auch die anderen Ökosystemleis­tungen des Meeres im Kontext von nachhaltiger Entwicklung für die Zukunft zu sichern. Textende
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