Suche
english
4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Das Gute im Meer

Seite:

Aminosäuren Aminosäuren sind die Bausteine von Eiweißen (Proteinen). In den Zellen von Pflanzen und Tieren werden Aminosäuren über einen komplizierten biochemischen Prozess, die Proteinbiosynthese, zu Proteinen zusammengesetzt. Je nach Amino­säure­zusam­men­setzung unterscheiden sich die Proteine in ihrer Funktion. Manche werden in Muskelmasse eingebaut, andere regulieren Stoff­wechsel­prozesse. Der zentrale Bestandteil jeder Aminosäure ist die sogenannte Aminogruppe, die Stickstoff enthält.

Stickstoff ist unter anderem für den Aufbau von Aminosäuren wichtig, die sich wieder­um zu Proteinen zusammensetzen. Daher benötigen sowohl Pflanzen als auch Tiere Stickstoff. Stickstoff kommt in der Natur in der Atmosphäre als Luftstickstoff vor. Höhere Tiere und Pflanzen können diesen Luftstickstoff aber in der Regel nicht direkt aufnehmen und verwerten. Dazu sind nur einige spezialisierte Organismen wie etwa Bakterien in der Lage. Im Meer zählen dazu die Cyanobakterien, Einzeller, die frei im Wasser schweben und früher als Blaualgen bezeichnet wurden. Cyanobakterien nehmen Luftstickstoff auf, der sich in den oberen Meeresschichten im Wasser löst. Auf diesem Weg gelangt der Stickstoff in die marinen Nahrungsnetze. Der Mensch setzt Stickstoff vor allem in Form von Kunstdünger in der Landwirtschaft ein. Insbesondere in Mitteleuropa sowie in den Agrarregionen Chinas und der USA wird dieser Dünger im Übermaß genutzt und führt zur Eutrophierung von Flüssen, Seen und Küsten­gewäs­sern, zu Algenblüten und zum gefürchteten Sauerstoffmangel. Auch der Klimawandel überschreitet die planetare Grenze, die durch eine maximale Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre von 350 ppm (parts per million, Teile pro Million Teile) definiert ist. Mit einer aktuellen Konzentration von 399 ppm liegt sie in einem Gefahrenbereich, in dem ein hohes Risiko schwerwiegender und irreversibler Umweltänderungen herrscht. Seit Langem mahnen Klimaforscher, dass sich die Temperatur der Erdatmosphäre weltweit im Durchschnitt nicht um mehr als 1,5 bis 2 Grad Celsius erwärmen dürfe, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern.
Abb. 2.5: Die länglichen Cyano­bak­terien ähneln, unter dem ­Mikroskop betrachtet, Perlenketten. Die früher als Blaualgen bezeichneten Wasserbewohner sind in der Lage, reinen Stickstoff zu verarbeiten. 
© Science Photo Library/Steve Gschmeissner/Getty Images 2.5 > Die länglichen Cyano­bak­terien ähneln, unter dem ­Mikroskop betrachtet, Perlenketten. Die früher als Blaualgen bezeichneten Wasserbewohner sind in der Lage, reinen Stickstoff zu verarbeiten.
Um Nachhaltigkeit zu erreichen, müssen für jede dieser ökologischen Dimensionen nicht nur die richtigen Grenzen bestimmt, sondern auch umfassende Lösungen erarbeitet werden, die sich politisch sowohl auf regionaler als auch überregionaler Ebene durchsetzen lassen. Wie schwierig das im Kontext Meer ist, zeigt unter anderem der ­langjährige Streit um die Fischfangmengen in der Euro­päischen Union zwischen Politikern und Fischereiwissenschaftlern. Da die Forscher Fischmengen nur schätzen können, ist dieser Schwachpunkt häufig von politischer Seite ausgenutzt worden, um höhere Fangquoten festzu­legen.

Der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit

Doch die planetaren Grenzen sind nur eine der vielen Herausforderungen für das künftige Leben auf der Erde. Die Menschheit sieht sich auch mit sozialen Problemen konfrontiert. Viele Menschen leiden immer noch Hunger und leben in extremer Armut. Das Gesundheits- und Bildungswesen ist in vielen Ländern weiterhin stark unter­entwickelt, und soziale Gerechtigkeit ist vielerorts nicht gegeben. In den vergangenen Jahren wurde daher das Konzept der planetaren Grenzen weiter­entwickelt und um diese sozialen Aspekte ergänzt. Erst wenn auch diese sozialen Dimensionen erfüllt sind und die entsprech­enden gesell­schaftlichen Belas­tungs­grenzen nicht überschritten werden, ist ein sicherer und gerechter Raum für die Menschheit verwirklicht. Dieser Zusammenhang wird mit dem Bild eines Donuts veranschaulicht, bei dem der sichere und gerechte Raum außen von den planetaren Grenzen und innen von den essenziellen Bedürfnissen der Menschen begrenzt ist. Sowohl der Donut als auch das Konzept der planetaren Grenzen sind so weit gefasst, dass sie sich auf alle Kulturen weltweit übertragen lassen. Trotzdem geben sie nicht im Detail vor, was zu tun ist. Um das Ideal eines sicheren und gerechten Raumes für die Menschheit zu erreichen, müssen einzelne Lebensräume daraufhin untersucht werden, wie sich künftig eine nachhaltige Nutzung erreichen lässt.

Zusatzinfo Übersicht der marinen Ökosystemleistungen

Des Guten so viel

Bevor man ökologische Grenzen definieren kann, muss man zunächst erkennen, welche Aspekte dabei überhaupt relevant sind. Die Meere etwa liefern besondere Dienstleistungen, die vielfach von globaler Bedeutung sind und die der Mensch direkt oder indirekt nutzt und ausbeutet. Meere speichern beispielsweise die Energie aus dem Sonnenlicht über viele Monate und gleichen so die jahreszeitlichen Klima­schwank­ungen aus. Die Meeresströmungen verteilen die Wärme zusätzlich über Tausende von Kilometern. Der Golfstrom etwa transportiert die subtropische Wärme aus dem Golf von Mexiko über den Atlantik in das kühlere Europa. Dank der ozeanischen Wärmespeicherung und des Golfstroms herrscht in Europa ein gemäßigtes Klima, was dort eine wichtige Voraussetzung für die Produktivität der Landwirtschaft ist. Meeresexperten haben nach dem Vorbild des internationalen Großprojekts Millennium Ecosystem Assessment (MA) der Vereinten Nationen die Ökosystemleistungen des Meeres herausgearbeitet und in die 4 Kategorien bereitstellende Dienstleistungen, unterstützende Dienstleistungen, regulierende Dienstleistungen und kulturelle Dienstleistungen eingeteilt. Nicht immer lassen sich die einzelnen Dienstleistungen jeweils nur einer einzigen Kategorie zuordnen. So gibt es beispielsweise einige Meeresgüter, die sowohl eine bereitstellende als auch eine kulturelle Dienstleistung darstellen – Muscheln etwa, die nicht nur als wichtige Nahrung an die Bevölkerung, sondern auch als traditioneller Schmuck an Touristen verkauft werden.
2.6 > Das Donut-Schaubild visualisiert Zusammenhänge zwischen ökologischen und sozialen Dimensionen. Nur im grün gekennzeichneten Bereich ergibt sich ein sicherer und gerechter Raum für die Menschheit, da hier die Grenzwerte nicht überschritten werden.
Abb. 2.6: Das Donut-Schaubild visualisiert Zusammenhänge zwischen ökologischen und sozialen Dimensionen. Nur im grün gekennzeichneten Bereich ergibt sich ein sicherer und gerechter Raum für die Menschheit, da hier die Grenzwerte nicht überschritten werden. © nach Raworth/Oxfam

Bereitstellende Dienstleistungen

Zu den wichtigen bereitstellenden Dienstleistungen des Meeres aus Sicht des Menschen zählen unter anderem die
ozeanischen Transportwege
oder
der Fisch und die Meeresfrüchte
, die für die Ernährung vieler Millionen ­Menschen essenziell wichtig sind. Pro Jahr werden weltweit rund 80 Millionen Tonnen aus den Ozeanen geholt. Der Wert der jährlich angelandeten Fische beträgt etwa 115 Milliarden US-Dollar. Durch die weitere Verarbeitung zu verschiedenen Fischprodukten, die ebenfalls verkauft werden, erhöht sich die Wertschöpfung in der Fischereiindustrie sogar noch. Fisch ist damit eine wichtige ökonomische Größe. Etwa 90 Prozent der Fischereiaktivitäten finden in den nährstoffreichen und produktiven Küstengebieten statt. Vor allem in den Schwellenländern lebt die Küstenbevölkerung oftmals direkt vom Fischfang. Einer wissenschaftlichen Studie zufolge ist in 136 von 144 Küstenstaaten die Kleinfischerei in einfachen Motor-, Ruder- oder Segelbooten für viele Menschen der Haupterwerb. In einigen Regionen Madagaskars verdienen bis zu 87 Prozent der Erwachsenen ihren Lebensunterhalt mit Kleinfischerei. In Ozeanien wiederum betrei­ben 82 Prozent der in der Fischerei tätigen Menschen Kleinfischerei – industrielle Fischerei mit großen Fangschiffen ist dort quasi nicht vorhanden. In solchen Regionen hat Fisch eine besondere Bedeutung, weil er in Ermangelung von Alternativen Nahrung und Einkommen zugleich liefert.
Auch die handwerkliche Produktion von Meerestieren wie etwa Muscheln und Schnecken, die zu Souvenirs oder Schmuck verarbeitet werden, wird zu den bereitstellenden Dienst­leis­tungen der Ozeane gezählt. In vielen Fällen werden heute bereits Substanzen aus dem Meer für kosmetische Produkte oder in der chemischen Industrie verwendet. Das aus Krebspanzern extrahierte Chitosan etwa wird Zahn­pflege­produkten beigemischt, da es den Zahnschmelz schützt. Von zunehmendem Interesse ist ferner das
medizinische Potenzial sowie die gene­tische Information von Meereslebewesen
. So wurden aus Schwämmen Wirkstoffe gegen Herpes oder Krebstumoren isoliert. Außerdem hofft man, künftig Gene isolieren zu können, die die Bauanleitung für medizinisch interessante Proteine enthalten. Gelingt es, solche Gene in industriell genutzte Zuchtbakterien wie Escherichia coli zu übertragen, könnten die Wirkstoffe in großem Stil hergestellt werden. Auch verspricht man sich, aus Meerestieren neue antibakterielle Wirkstoffe zu isolieren, die auch gegen die gefürchteten multiresistenten Keime wirken, die mit klassischen Antibiotika nicht mehr zu bekämpfen sind. Die Meere bieten ferner eine Reihe weiterer bereitstellender Dienstleistungen. Dazu zählen die nicht erneuerbaren Energieträger Erdgas und Erdöl sowie die Erze am Meeresgrund, aber auch Diamantenvorkommen.
Sand, der vor den Küsten abgebaut wird
, um Sandstrände nach schweren Stürmen aufzufüllen, oder auf Baustellen eingesetzt wird, zählt ebenfalls dazu. Und natürlich die Transportwege, die das Meer der Schifffahrt bietet.
2.7 > Fischer am Strand von Kayar, Senegal. Mit ihren Einbaumschiffen, den Pirogen, fahren sie aufs Meer hinaus, um die lokalen Märkte mit Fisch zu versorgen. Zehntausende an Senegals Küste betreiben „la pêche artisanale“ – das handwerkliche Fischen.
Abb. 2.7: Fischer am Strand von Kayar, Senegal. Mit ihren Einbaumschiffen, den Pirogen, fahren sie aufs Meer hinaus, um die lokalen Märkte mit Fisch zu versorgen. Zehntausende an Senegals Küste betreiben „la pêche artisanale“ – das handwerkliche Fischen. © Bruno Barbey/Magnum Photos/Agentur Focus
Das Meer stellt aber nicht nur Energie in Form fossiler Brennstoffe bereit, sondern auch in Form
erneuerbarer Ressourcen
. So versucht man heute verstärkt, die Energie nutzbar zu machen, die in Wellen, in Tideströmungen und im Wind über dem Meer steckt. An der irischen Küste wurden vor einiger Zeit Unterwasserpropeller installiert, die durch das Steigen und Fallen des Wassers im Ablauf der Gezeiten in Bewegung gesetzt werden. Recht bekannt ist inzwischen auch die Anlage Pelamis. Dieser Wellen­energiewandler reitet wie eine Seeschlange auf dem Meer. Er besteht aus mehreren Segmenten, die sich gegeneinander bewegen und dabei hydraulischen Druck aufbauen. Der wiederum treibt eine Turbine an. Inzwischen gibt es mehrere Pelamis-Anlagen, die vor Portugal oder bei den Orkney- und Shetlandinseln in Betrieb sind. Experten schätzen, dass sich allein durch Wellenenergie jährlich 1700 Terawatt Strom erzeugen ließen, was in etwa 10 Prozent des weltweiten Strombedarfs entspricht. Inzwischen nimmt auch die Zahl der Windräder im Meer zu. Führend bei der sogenannten Offshore-Windenergie ist Großbritannien, vor dessen Küste bereits ein gutes Dutzend größere Windparks errichtet wurde.

Abb. 2.8: Die Purpur­schnecke Bolinus brandaris. Der Purpur­farb­stoff wurde aus einem weiß­lichen Sekret in der Mantel­höhle gewonnen. 8000 Purpur­schnecken waren nötig, um 1 Gramm des Farb­stoffs zu produ­zieren. 200 Gramm davon waren erforderlich, um 1 Kilogramm Wolle zu färben. © Jakob Demus, Wien 2.8 > Die Purpur­schnecke Bolinus brandaris. Der Purpur­farbstoff wurde aus einem weiß­lichen Sekret in der Mantel­höhle gewonnen. 8000 Purpur­schnecken waren nötig, um 1 Gramm des Farb­stoffs zu produ­zieren. 200 Gramm davon waren erforder­lich, um 1 Kilo­gramm Wolle zu färben.

Kulturelle Dienstleistungen

Bei den kulturellen Dienstleistungen handelt es sich um solche, die insbesondere gesellschaftliche, religiöse oder spirituelle Bedeutung haben beziehungsweise zu den ­Traditionen eines Volkes gehören. Ferner zählen zu den kulturellen Dienstleistungen die Ästhetik einer Landschaft sowie ihre Erholungsfunktion, ihr Freizeitwert oder die Inspiration, die sie bietet. Auch den Anreiz, der von einem Meeresgebiet für die Wissenschaft oder die Naturkunde ausgeht, zählen Nachhaltigkeitsexperten zu den kulturellen Dienstleistungen. Es ist durchaus möglich, dass sich diese mit anderen Ökosystemleistungen über­lappen – beispielsweise mit den bereitstellenden Dienstleis­tungen. Ein historisches Beispiel ist der Farbstoff Purpur, mit dem während der Antike reger Handel getrieben wurde. Der Farbstoff wurde seinerzeit vor allem in Griechenland aus den im Meer lebenden Purpurschnecken gewonnen. Da jede Schnecke nur sehr wenig Farbstoff enthält, benötigt man viele Tiere, was die Produktion aufwendig und teuer macht. Der gewonnene Purpur war ein exklusives Produkt und blieb lange Zeit Würdenträgern und hohen Beamten vorbehalten. Daher hatte er auch einen hohen symbolischen Wert. In Rom schmückten beispielsweise die Mitglieder des Senats ihre Togen mit purpurnen ­Bordüren. Der Purpurhandel war über Jahrhunderte ein profitables Geschäft.

Ein anderes Naturprodukt, das große Bedeutung und beachtlichen Reichtum verkörperte, waren lange Zeit Perlen, die im Persischen Golf von Perlentauchern gewonnen wurden. Viele Jahre war der Perlenhandel der bedeutendste Wirtschaftszweig in dieser Region. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte die Perlen­indus­trie dort ihre letzte Blüte. Jährlich wurden Perlen im Wert von 160 Millionen US-Dollar umgesetzt. Kurze Zeit später jedoch gelang es in Japan, Perlmuscheln in großen Mengen zu züchten. Damit brach das Monopol der Perlentaucher am Persi­schen Golf zusammen. Anders als Purpur und Perlen aus dem Persischen Golf ist Haifischflossensuppe auch heute noch von Bedeutung. Der Verzehr dieses Gerichts hat vor allem in chine­sisch­sprachigen Regionen Tradition. Heute wird die Suppe zu sehr hohen Preisen angeboten. Sie dient nicht nur als Nahrung, sondern symbolisiert auch Prestige und Status, womit sie eine bereitstellende und eine kulturelle Dienstleistung zugleich ist. Der Haifischfang jedoch ist stark umstritten. Da er sehr profitabel ist, werden Haie, unter anderem auch be-drohte Arten, intensiv bejagt, wodurch die Bestände zum Teil stark abgenommen haben. Zudem werden die gefangenen Tiere vielfach nicht komplett verwertet. Oftmals werden nur die wertvollen Flossen abgetrennt und die Kadaver ungenutzt zurück ins Meer geworfen.
2.9 > Im belgischen Oost­duinkerke gibt es noch einige Fischer, die Krabben auf sehr eigentümliche Weise fangen. Sie sitzen auf einem Pferd, das die schweren Krabbennetze hinter sich herzieht.
Abb. 2.9: Im belgischen Oost­duinkerke gibt es noch einige Fischer, die Krabben auf sehr eigentümliche Weise fangen. Sie sitzen auf einem Pferd, das die schweren Krabbennetze hinter sich herzieht. © Belga/face to face
Abb. 2.10: Die iranischen Lenj-Holzboote wurden früher am Persischen Golf für den Handel, das Perlentauchen oder die Fischerei genutzt. Die UNESCO will die Tradition des Lenj-Bootsbaus erhalten. © Behrooz Sangani 2.10 > Die iranischen Lenj-Holzboote wurden früher am Persischen Golf für den Handel, das Perlentauchen oder die Fischerei genutzt. Die UNESCO will die Tradition des Lenj-Bootsbaus erhalten.
Anders stellt sich die Situation der Nuu-chah-nulth dar, Indianer, die auf oder bei Vancouver Island an der kanadischen Pazifikküste leben. Sie betrieben Walfang, was heute aus Gründen des Artenschutzes verboten ist. Die Nuu-chah-nulth empfinden das Verbot als schweren Verlust einer Tradition. Denn der Walfang, das gemeinsame Jagen, das Schlachten der Tiere und die traditionellen Feste, die den Walfang begleiteten, förderten die Gemeinschaft der Indianer fundamental. Mit dem Walfangverbot ist dieses wichtige soziale Bindeglied entfallen. Dieser Fall macht deutlich, wie komplex die Bewertung von kulturellen Ökosystemleis­tungen sein kann. Ein Beispiel für religiöse und spirituelle Aspekte des Meeres sind Seebestattungen, die in Europa oder auch in Japan üblich sind. So wünschen sich viele Menschen nicht in der Erde, sondern im offenen Meer, dem Ursprung des Lebens, bestattet zu werden. Nach der Verbrennung des Leichnams wird die Asche in einer wasserlöslichen Urne im Meer versenkt. Die Bestattung ist nur in bestimmten Meeresgebieten erlaubt. Zudem ist sie nur deshalb möglich, weil das Übereinkommen über die Verhütung der Meeresverschmutzung durch das Einbringen von Abfällen und anderen Stoffen von 1972 (Convention on the Pre-vention of Marine Pollution by Dumping of Wastes and Other Matter, kurz: London Convention, LC) das Versenken von Urnen als Ausnahme zulässt. Von kultureller Bedeutung ist heute auch die alte Tradition des Lenj-Bootsbaus, die man im Iran pflegt. Die etwa 15 Meter langen Holzboote wurden an der Nordostküste des Persischen Golfs lange Zeit für den Handel, für Reisen, das Perlentauchen und die Fischerei genutzt. Es gibt viele Erzählungen, die sich um die Lenj-Boote ranken. Heute pflegen auch Künstler die Tradition. Mancherorts werden eigens Lenj-Festivals veranstaltet.
Die UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization; Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) hat den Lenj-Bootsbau auf ihre Liste des sogenannten immateriellen Kulturerbes gesetzt. Darauf findet sich beispielsweise auch die traditionelle belgische Garnelen- beziehungsweise Krabbenfischerei, bei der schwere Arbeitspferde eingesetzt werden. Die Kaltblüter ziehen dabei ein Fanggeschirr durch das Wasser parallel zum Strand. Die weitaus meisten Krabben in Westeuropa werden seit Jahrzehnten mit Kuttern gefischt, doch gibt es an der Ärmelkanalküste bei Oostduin­kerke immer noch Familien, die an der mühevollen Tradi-tion mit dem Ross festhalten. Der Fang zu Pferd wirft gerade so viel ab, sagen die Fischer, dass es zum Leben reicht. Die wirtschaftliche Bedeutung für die Region ist eher zu vernachlässigen. Derzeit enthält die UNESCO-Liste insgesamt 42 Meeres- und Küstengebiete oder entsprechende Traditionen. >
Seite: