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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Das Gute im Meer

Das Gute im Meer © Science Photo Library/Steve Gschmeissner/Getty Images

Das Gute im Meer

> Wir Menschen leben seit Ewigkeiten mit und von den Meeren. Sie stellen Nahrung, Bodenschätze, Transportwege und andere Dienstleistungen für uns bereit. Von fundamentaler Bedeutung sind die klimaregulierende Wirkung der Ozeane und die im Meer ablaufenden biochemischen Prozesse. Manche dieser Dienstleistungen sind heute bedroht, weshalb es an der Zeit ist, Konzepte für eine nachhaltigere Nutzung der Meere zu entwickeln.

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Abb. 2.1: Eine Keramik aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Sagengestalten wie das griechische Meeres­ungeheuer Skylla waren beliebte Motive für die Verzierung von All­tags­gegen­ständen. © akg-images/Album/Oronoz 2.1 > Eine Keramik aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Sagengestalten wie das griechische Meeres­ungeheuer Skylla waren beliebte Motive für die Verzierung von All­tags­gegen­ständen.

Vom bedrohlichen zum bedrohten Ozean

Jahrtausendelang erschien den Menschen das Meer unendlich weit. Die Bewohner der Küsten, die Fischer und Seefahrer empfanden das Meer als übermächtig und sogar bedrohlich, obgleich es ihre Lebensgrundlage war. Mythen von Seeungeheuern und Meeresgöttern rankten sich um die unergründlichen Tiefen. In den meisten Ländern und Regionen ist das Meer längst entmystifiziert. Und wie sich zeigt, sind die Ozeane keineswegs so unverwundbar, wie unsere Vorfahren glaubten – im Gegenteil: Heute beeinflusst und schädigt der Mensch den Ozean. Er leitet Gifte und übermäßig viele Nährstoffe ins Meer und plündert Fischbestände. Durch den Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid, das sich in großen Mengen im Meerwasser löst, verändert der Mensch inzwischen sogar die Chemie der Wassermassen. Viele Klimaforscher gehen davon aus, dass sich durch die Erwärmung der Atmosphäre und des Ozeans künftig Meeresströmungen und in der Folge die Wetterbedingungen an Land verändern werden. Die durch den Menschen verursachten – anthropogenen – Veränderungen im Meer, in der Atmosphäre und auch an Land sind so tief greifend, dass Wissenschaftler um den Meteorologen Paul Crutzen im Jahr 2000 vorschlugen, den Zeitabschnitt seit Beginn der industriellen Revolution als eigene erdgeschichtliche, durch den Menschen geprägte Epoche zu betrachten. Crutzen, einer der Mitentdecker des Ozonlochs, bezeichnet diese Epoche passend als Menschen-Zeitalter, als Anthropozän (von dem altgriechischen Wort ánthrõpos: Mensch).

Steigender Ressourcenverbrauch

Obwohl die Schäden, die der Mensch verursacht, längst bekannt sind, ist es bislang nicht oder allenfalls in geringem Maße gelungen, die Weltwirtschaft auf einen nach­hal­tigen Kurs zu bringen. Stattdessen nimmt
der Verbrauch an Erdgas, Erdöl und Kohle sowie an Metallen und anderen Rohstoffen weiter zu
. Seit Anfang der 1970er Jahre hat sich der weltweite Energieverbrauch verdoppelt. Bis zum Jahr 2035 wird er sich nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris nochmals um mehr als ein Drittel erhöhen. Auf der Suche nach neuen Rohstoffvorkommen dringt der Mensch auch immer weiter ins Meer vor. Heute wird rund ein Drittel des
Erdöls im Meer gefördert
– Tendenz steigend. Dabei erobert die Mineralölindustrie dort inzwischen die letzte Bastion: den Tief- und Tiefstwasserbereich unterhalb von 400 beziehungsweise 1500 Metern. Etwa 10 Prozent des weltweit geförderten Erdöls werden derzeit aus so großen Tiefen heraufgeholt. Die Investitionen der Mineralölkonzerne für die Ölgewinnung im Meer sind entsprechend hoch.
2.2 > Der Tiefwasserliegeplatz der chinesischen Firma CIMC Raffles in der Provinz Schan­dong. An dieser Anlege­stelle können bis zu 9 Bohrinseln zugleich festmachen. Das zeigt, welche Dimension die Förderung von Erdgas und Erdöl im Meer inzwischen erreicht hat.
Abb. 2.2: Der Tiefwasserliegeplatz der chinesischen Firma CIMC Raffles in der Provinz Schan­dong. An dieser Anlege­stelle können bis zu 9 Bohrinseln zugleich festmachen. Das zeigt, welche Dimension die Förderung von Erdgas und Erdöl im Meer inzwischen erreicht hat. © Imagine-china/Corbis
Des Weiteren erwarten Fachleute, dass im Jahr 2016 auch die Gewinnung von Erzen im Meer beginnen könnte. So will der kanadische Bergbaukonzern Nautilus Minerals 2016 vor Papua-Neuguinea endgültig mit dem Abbau von Erzen beginnen, nachdem im Herbst 2014 ein Streit um die Finanzierung zwischen dem Konzern und dem Insel­staat beigelegt wurde. Nautilus Minerals will dort sogenannte
Massivsulfide
abbauen: Ablagerungen, die sich an heißen vulkanischen Quellen am Meeresboden gebildet haben und die reich an Edelmetallen sind. In die Tiefsee locken auch
Manganknollen
oder
Kobaltkrusten
, die teils hohe Metall­gehalte aufweisen und ingesamt sogar größere Mengen an bestimmten Metallen enthalten als entsprechende Lagerstätten an Land. Für den Bergbau im Meer werden derzeit die ersten schweren Unterwasserfahrzeuge gebaut.

Das Meer – der wichtigste Handelsweg

Auch in anderer Hinsicht ist das Meer für die Menschen von großer ökonomischer Bedeutung. Es ist nämlich
der wichtigste Handelsweg
. Kein anderes Verkehrsmittel transportiert so viele Güter wie das Schiff. Und anders als die Straßen an Land, für die man in vielen Ländern Maut zahlen muss, stehen die Handelsrouten über den offenen Ozean kostenlos zur Verfügung. Per Schiff werden Erdöl, Kohle, Erze und Getreide um die Welt getragen. Elektrogeräte, Kleidung und Lebensmittel gelangen in Containern von Asien nach Nordamerika und nach Europa. In Öltankern wird Rohöl vom Persischen Golf oder aus Südamerika verschifft. Abgesehen von sinkenden Trans­port­zahlen während der Wirtschaftskrise 2008 und 2009 ist die Menge der per Schiff transportierten Güter seit Mitte der 1980er Jahre ständig gewachsen – von rund 3,3 Milliarden Tonnen im Jahr 1985 auf rund 9,6 Milliarden Tonnen 2013. In der Seefahrt sind allein rund 620 000 Schiffsoffiziere beschäftigt. Hinzu kommen viele Millionen Menschen, die als Matrosen oder als Hafenarbeiter tätig sind. Von besonderem Interesse für die Menschen sind vor allem die Meeresküsten. Nicht umsonst befinden sich hier viele Großstädte wie etwa Hongkong, New York oder Singapur. Zahlreiche Industrieanlagen wurden und werden am Meer errichtet, denn über das Wasser können Rohstoffe und Güter schnell an- und abtransportiert werden. Fachleute schätzen, dass heute 41 Prozent der Weltbevölkerung höchstens 100 Kilometer entfernt vom Meer leben. Nach Auffassung der Vereinten Nationen dürfte diese Zahl künftig weiter steigen. Hinzukommen in vielen Regionen Millionen von Touristen aus dem Inland, die die Küsten zum Baden und zur Erholung aufsuchen.
2.3 > Die Ozeane sind der welt­weit wichtigste Transportweg. Die Menge der auf dem Seeweg transportierten Güter hat seit den 1980er Jahren zugenommen.
Abb. 2.3: Die Ozeane sind der welt­weit wichtigste Transportweg. Die Menge der auf dem Seeweg transportierten Güter hat seit den 1980er Jahren zugenommen. © UNCTAD, Clarkson Research Services
Die wichtigste lebende Ressource des Meeres ist aus Sicht des Menschen der Fisch. So bestreiten nach Schätzungen der Welternährungsorganisation (Food and Agri­culture Organization of the United Nations, FAO) heute 600 bis 820 Millionen Menschen weltweit ihren Lebensunterhalt direkt oder indirekt mit der Fischerei. Dazu ­zählen die Familien der Fischer und auch Zulieferer wie zum Beispiel Hersteller von Fanggeräten. Fisch ist zudem vielerorts Hauptbestandteil der Nahrung und eine sehr wichtige Eiweißquelle. Insgesamt deckt die Menschheit ihren Nahrungsbedarf zu etwa 20 Prozent aus dem Meer. Konsumiert werden neben Fischen, Krebsen und Mu-scheln auch Algen und Quallen.

Unsichtbare Missstände im Meer

Der Druck auf das Meer nimmt weiter zu, und so stellt sich die Frage, wie sich unter diesen Umständen überhaupt eine nachhaltige Nutzung der Ozeane erreichen lassen könnte. Üblicherweise beziehen sich Nachhaltigkeitstheorien auf die Situation an Land, wo Missstände evident sind. Werden zum Beispiel durch das Abwasser einer Mine Flüsse und Böden für lange Zeit verseucht, dann gibt es direkt Betroffene, deren Nutzungs- oder Eigentumsrechte verletzt sind. Schäden sind meist direkt sichtbar oder zumindest messbar. Schnell ist auch klar, wer Nutznießer ist. So können Inter­es­sen­gruppen klar definiert, Konflikte ausgetragen und am Ende Verhandlungen um eine nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen geführt werden. Die Vorgänge im Meer aber bleiben für die meisten Menschen unsichtbar und sind schwer zu veran­schaulichen. Vor der Mündung des Mississippi im Golf von Mexiko etwa hat sich in den vergangenen Jahren im Küstenbereich eine 20 000 Qua­drat­kilometer große „dead zone“, eine Todeszone, gebildet, in der kaum noch Sauerstoff vorhanden ist. Die Ursache dafür sind große Mengen von Nährstoffen, die aus der Landwirtschaft in den Fluss und dann in die Küstenregion eingetragen werden. Im Meer führen die Nährstoffe zu üppigem Algenwachstum. Wenn die Algen absterben, sinken sie in die tieferen Wasserschichten, wo sie von Bakterien abgebaut werden, die dabei Sauerstoff verbrauchen. Gibt es nun besonders viele Algen, wird der Sauerstoff beim mikrobiellen Abbau nach und nach vollständig verbraucht. Für höhere Organismen wie etwa Fische, Krebse, Muscheln und Schnecken ist das eine Katastrophe. Sie fliehen oder sterben bei Sauerstoffmangel. Der Mensch an Land aber bemerkt davon wenig – abgesehen von einigen Fischern, deren Fanggründe sich durch die Ausdehnung der Todeszone verkleinert oder verlagert haben. Der zweite große Unterschied zum Land ist der, dass zusammenhängende Meeresgebiete nationale Grenzen überschreiten oder – wie die Hohe See – sogar internationale Gebiete sind. Nachhaltigkeit im Meer lässt sich also nur dann erreichen, wenn viele Nationen an einem Strang ziehen. So werden heute neue Konzepte für eine nachhaltige Nutzung des Meeres benötigt, die vor allem international anwendbar sind.

Die Grenzen im Blick

Ein anschauliches Konzept, das derzeit die Nachhaltigkeitsdiskussion international befeuert und Land und Ozean verbindet, ist das Konzept der planetaren Grenzen (planetary boundaries). Bei diesem Konzept, das zuerst 2009 im Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht und 2015 im Magazin „Science“ aktualisiert wurde, hat sich ein internationales Forscherteam unter schwedischer Leitung die Frage gestellt, wie sich potenziell katastrophale Um-weltveränderungen in der Zukunft vermeiden lassen. Zu diesem Zweck definierten sie 9 essenzielle ökologische Dimensionen bezieh­ungs­weise Erdsystemprozesse wie zum Beispiel Klimawandel, Süß­was­ser­verbrauch oder Ozeanversauerung. Für 7 dieser Dimensionen können die Forscher – nach den vorliegenden und zum Teil vorläufigen Berechnungen – Grenzwerte bestimmen. Würden diese überschritten, sagen sie, könne es zu schwerwiegenden globalen oder regionalen Umwelt­veränderungen kommen – mit unabsehbaren Folgen für das Leben auf der Erde. Nach Auffassung der Wis­sen­schaftler gilt das insbesondere für den Klimawandel und das Artensterben. Um das Gefahrenpotenzial der Grenz­über­schreitungen zu veranschaulichen, werden für jede Dimension 3 Risikostufen angegeben: erstens ein sicherer Bereich; zweitens ein Unsicherheits- beziehungsweise Gefahrenbereich, der anzeigt, dass das Risiko schwerwiegender Effekte ansteigt; und drittens ein Bereich, der signalisiert, dass ein hohes Risiko für schwerwiegende Effekte besteht oder solche Effekte bereits eingetreten sind. Eingetreten und eindeutig unumkehrbar ist beispielsweise das massenhafte Aussterben von Lebewesen.

2.4 > Das Modell der planetaren Grenzen verdeutlicht, wie stark die Menschheit die Ressourcen übernutzt. Der Zustand der einzelnen ökologischen Dimen­sionen wird in unter­schied­lichen Farben dargestellt.

Abb. 2.4: Das Modell der planetaren Grenzen verdeutlicht, wie stark die Menschheit die Ressourcen übernutzt. Der Zustand der einzelnen ökologischen Dimen­sionen wird in unter­schied­lichen Farben dargestellt © nach Stockholm Resilience Centre
Abb. 2.4: Das Modell der planetaren Grenzen verdeutlicht, wie stark die Menschheit die Ressourcen übernutzt. Der Zustand der einzelnen ökologischen Dimen­sionen wird in unter­schied­lichen Farben dargestellt © nach Stockholm Resilience Centre
Derzeit, so die Forscher, werden bereits bei 4 der 9 Dimensionen die planetaren Grenzen beziehungsweise die ökologischen Grenzwerte überschritten: bei der Artenvielfalt, dem globalen Phosphor- beziehungsweise Stickstoffkreislauf, dem Klimawandel und der Landnutzung. Betrachtet man die Situation nicht global, sondern regional, so werden auch in anderen Dimensionen, etwa dem Wasserverbrauch, schon Grenzen überschritten, beispielsweise in trockenen Regionen wie dem Westen der USA, Teilen Südeuropas, Asiens und des Mittleren Ostens. Nach Schätzungen der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources, IUCN) gehen weltweit durch die anhaltende Zerstörung artenreicher und naturnaher Lebensräume in zunehmender Geschwindigkeit Spezies – und damit deren genetische Informationen – unwiederbringlich verloren. Verglichen mit fossilen Daten ist die Aussterberate heute wesentlich höher. In historischen Zeiten starb pro Jahrtausend beispielsweise nur eine Säugetierart aus. Im Zeitraum von den 1970er Jahren bis heute lag die Rate 100- bis 1000-mal höher. Bis zum Jahr 2050 dürfte sie sich noch einmal um den Faktor 10 erhöhen. Ein wesentlicher Grund für das Artensterben ist die fortschreitende Landnutzung. So werden weiterhin Wälder abgeholzt, um Ackerfläche zu gewinnen, etwa in Südamerika oder in China und Südostasien. Weltweit dürfte die Fläche an Wald und Grasland bis 2050 durch intensivere Landnutzung um weitere 10 bis 20 Prozent schrumpfen – und damit naturnahe Lebensräume mitsamt den in ihnen lebenden Arten. >
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