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Das Ebenenmodell – eine Brücke zwischen Theorie und Alltagsgeschäft

In den vergangenen Jahren haben deutsche Wissenschaftler versucht, den Begriff „Nachhaltigkeit“ umfassend zu betrachten. Philosophisch-ethische Grundlagentheorien wurden mit ökonomischen Theorien und naturwissenschaftlichem Wissen verknüpft. Ein bemerkenswertes Beispiel ist das in den 1990er-Jahren entwickelte Ebenenmodell. Damit bezeichnen die Autoren ein mehrstufiges Verfahren, das sich aus einzelnen gedanklichen Bausteinen, den Ebenen, zusammensetzt. Es hat das Ziel, aus der Nachhaltigkeitstheorie konkrete Handlungen und Maßnahmen abzuleiten und eine Brücke zwischen

Nachhaltigkeitstheorie
und realer Umweltpolitik zu schaffen.

  • Auf der obersten Ebene werden die ethischen Grundlagen der Nachhaltigkeitsidee reflektiert. Geklärt wird auch, inwieweit die Menschen eine Verantwortung für folgende Generationen haben und wie sie durch ihr Verhalten die Lebensgrundlagen der Nachfahren beeinflussen. Dieser Diskurs schließt mit der Forderung, dass heute lebende Menschen verpflichtet sind, eine Hinterlassenschaft zu erhalten, die es nachfolgen­den Generationen ermöglicht, eigene Bedürfnisse zu befriedigen.
  • Auf der zweiten, konzeptionellen Ebene wird erörtert, was zu einer solchen Hinterlassenschaft gehört, also welche Güter, Ressourcen und Kapitalien in welchem Maß erhalten werden sollen. Die Verfasser sprechen sich an dieser Stelle für ein Konzept starker Nachhaltigkeit aus, da das Naturkapital nicht ohne Weiteres substituierbar ist.
  • Auf der dritten Ebene wird ein Regelwerk der Nachhaltigkeit erarbeitet. An erster Stelle steht hier die Constant Natural Capital Rule (CNCR), die zur Erhaltung des Naturkapitals über die Zeit hinweg verpflichtet. Grundsätzlich sollte nur so viel Naturkapital verbraucht werden, wie die Natur nachliefern kann. Beispiele sind der Einsatz regenerativer Energien anstelle von fossilen Rohstoffen oder das schonende Management von Fischbeständen. Für Regionen, in denen das Naturkapital in der Vergangenheit in hohem Maße zerstört und verbraucht wurde, gilt eine Investitionsregel, durch die Raubbau und ­Fehler in der Vergangenheit weitestgehend korrigiert werden sollen. Dazu gehören zum Beispiel die Rekultivierung und ­die Renaturierung bereits zerstörter Naturgebiete. Weitere Managemen­tregeln geben exakt vor, ob und wie viel Natur­kapital in Zukunft noch genutzt werden darf.
  • Die vierte Ebene definiert 3 normative Leitlinien, an denen sich nachhaltiges Handeln orientieren soll. Das sind die Effizienz, die Suffizienz und die Resilienz. Die Effizienz bezieht sich auf die Ökonomie. Sie fordert, moderne, effizientere Technologien zu entwickeln, beispielsweise Motoren mit höheren Wirkungsgraden. Die Suffizienz befasst sich mit nachhaltigem Lebensstil. Zum einen verlangt sie, es allen Menschen weltweit zu ermöglichen, die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse befriedigen zu können. Den Industrieländern gibt sie das Ziel vor, einen Lebensstil mit möglichst geringem Rohstoff- und Energieverbrauch anzustreben. Nach dieser Leitlinie sind die Industrienationen aufgefordert, post­mater­ial­istische Wohlstandsmodelle zu entwickeln. Dabei geht es keineswegs darum, den Menschen eine asketische Lebensweise aufzuzwingen. Vielmehr geht es um eine Abkehr von der individuellen Nutzen­maxi­mie­rung oder darum, Entschleunigungsinseln zu schaffen und die starren Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit aufzuheben. Die Resilienz bezieht sich auf den Erhalt des Naturkapitals selbst, aber auch auf den der verschiedenen Funktionen, die es hat, so zum Beispiel Erholung. Allgemein bezeichnet Resilienz die Fähigkeit eines Lebensraums, Störungen abzupuffern. Bereits geschädigte Lebensräume sind oftmals weniger resilient. Ein Ziel ist es daher, Lebensräume entsprechend zu schützen.
  • Auf der fünften Ebene werden politische Entscheidungs- und Handlungsbereiche definiert, in denen Nachhaltigkeit erreicht werden soll. Dazu zählen Bereiche wie Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Klimawandel. Eine solche Aufteilung in verschiedene Bereiche ist wichtig, um Maßnahmen so konkret wie möglich planen und umsetzen zu können.
  • Auf der sechsten Ebene werden möglichst konkrete Ziele abgeleitet. So wurde beispielsweise für die Ostsee beschlossen, die Einleitung von Nährstoffen in den kommenden Jahren um 50 Prozent zu verringern. Nicht immer aber lässt sich ein genauer Zielwert festlegen, weil unklar ist, bei welchem Wert Nachhaltigkeit erreicht ist. So kann man beispielsweise nicht ohne Weiteres bestimmen, wie hoch der Totholzanteil in einem nachhaltig bewirtschafteten, naturnahen Wald sein sollte. In solchen Fällen kann eine Art Zielbereich, ein breiterer Zielkorridor, bestimmt werden. Grundsätzlich sollten an der Zielwert­fest­legung verschiedene Interessengruppen beteiligt werden.
  • Auf der letzten Ebene werden Instrumente entwickelt, mit denen sich konkrete Nachhaltigkeitsziele erreichen lassen, sowie Monitoringsysteme, mit deren Hilfe sich überprüfen lässt, ob diese tatsächlich erreicht worden sind