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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Was ist Nachhaltigkeit?

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Das große Ziel: lebenswertes Leben

Auf die Frage, was zu einem menschenwürdigen Leben gehört, wurde seit den 1980er Jahren der „basic needs“-Ansatz genannt. Er umfasst allerdings nur die für das Über­leben absolut notwendigen Dinge, insbesondere Nahrung, Kleidung und Unter­kunft. Weitaus anspruchsvoller ist der Fähigkeitenansatz, der vor rund 10 Jahren von der US-amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum entwickelt wurde. Dieser enthält eine Liste von Fähigkeiten, die es einem jeden Menschen ermöglichen soll, ein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu führen. Diese Liste bezieht sich sowohl auf die heute lebenden Menschen als auch auf künftige Generationen. Demnach soll jeder Mensch fähig sein,
  1. sein Leben bis zum natürlichen Ende leben zu können und nicht vorzeitig sterben zu müssen;
  2. sich gut ernähren, wohnen, gesund halten und frei seine Sexualität ausüben zu können;
  3. frei von unnötigem Schmerz und Leid leben zu können;
  4. frei fantasieren, denken und schlussfolgern sowie eine Religion ausüben zu können;
  5. Bindungen zu Dingen und Personen unterhalten und zwischenmenschliche Werte wie Liebe, Fürsorge, Dankbarkeit, aber auch Sehnsucht und Trauer erleben und pflegen zu können;
  6. ein nach seiner Auffassung gutes Leben führen und planen zu können;
  7. sozial interagieren zu können, Anerkennung, Gemeinschaft, Freundschaft und ein Berufsleben erfahren zu können;
  8. in einer guten Beziehung zu Tieren, Pflanzen und zur Natur leben zu können;
  9. lachen, sich erholen und genießen zu können;
  10. sich politisch engagieren, einen Beruf frei und unter fairen Arbeits­bedin­gungen ausüben und Eigentum erwerben zu können.
Diese Liste enthält Aspekte, die weit über die Definition eines absoluten materiellen Lebensstandards hinausgehen. Sie umfasst vielmehr all jene Fähigkeiten, die universell Lebensqualität und Menschenwürde ausmachen. Natürlich ist der Fähigkeitenansatz zunächst ein gerechtigkeitstheoretisches Modell, das von Philosophen entwickelt wurde. Letztlich liegt es in der Verantwortung der Staaten, dafür zu sorgen, dass die Bürger alle Fähig­keiten ausbilden und ausüben können. Angesichts der Lebens­verhältnisse in den Entwicklungs­ländern erscheint dieser Standard jedoch noch längst nicht für alle Menschen erfüllt zu sein. Dies spricht aber nicht gegen den Fähigkeiten­ansatz, sondern vielmehr gegen die politischen und wirtschaft­lichen Verhältnisse. Eine Stärke des Ansatzes liegt darin, dass er eine Aufzählung von Aspekten enthält, die auf alle Kulturkreise übertragbar sind. Der Fähigkeitenansatz wird inzwischen in vielen UN-Dokumenten berücksichtigt. Er hat sich damit als wichtige Grundlage für den politischen Diskurs um die Zukunftsverantwortung der heute Lebenden etabliert.
Abb. 1.8: Ein Weinberg in Radebeul bei Dresden. Ökonomen zählen Weinberge zum kultivierten Naturkapital. © Daniel Hohlfeld/fotolia.com 1.8 > Ein Weinberg in Radebeul bei Dresden. Ökonomen zählen Weinberge zum kultivierten Naturkapital.
Folgt man dem Fähigkeitenansatz, stellt sich die Frage, welche Dinge heute lebende Menschen künftigen Generationen hinterlassen sollten, damit auch in Zukunft Menschen die 10 Fähigkeiten erlangen und ein erfülltes Leben führen können. Experten sprechen von einem „fair bequest package“ – einer fairen Hinterlassenschaft. Für eine gute Bildung braucht man Bibliotheken, für den Transport von Gütern Straßen, für die Nahrungsproduktion fruchtbare Äcker, für reine Luft Wälder. Zum „fair bequest package“ zählen darüber hinaus Naturlandschaften. Sie sind auch deshalb von Bedeutung, weil der Mensch erst dann eine Fähigkeit zum Naturgenuss ausbilden kann, wenn er diese Landschaften selbst erlebt. Diese Fähigkeit ist für das menschliche Leben keinesfalls ein Luxus, sondern zählt zu den Grundvorstellungen eines guten Lebens. Fähigkeiten wie die Fähigkeit zum Naturgenuss mögen abstrakt erscheinen. Doch sie sind alle mit einem konkreten Gut verknüpft. Die Fähigkeit, sich zu erholen, setzt beispielsweise voraus, dass es Wälder gibt, die man durchwandern kann, Strände, an denen man baden kann, oder städtische Grünanlagen, in denen man sich entspannen kann. Ökonomen nennen solche Güter Kapitalien und unterscheiden mehrere Arten davon:
  1. Sachkapital (Maschinen, Fabriken, Infrastruktur);
  2. Naturkapital (Wälder, Meere, Flüsse, Küsten);
  3. kultiviertes Naturkapital (Forste, Herden, Weinberge, landwirtschaftliche Nutzflächen, Aquakulturen);
  4. Sozialkapital (politische Institutionen, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Quellen sozialer Solidarität);
  5. Humankapital (Fertigkeiten, Bildung);
  6. Wissenskapital (Bibliotheken, Hochschulen).
In der Nachhaltigkeitsdiskussion spielen vor allem die Naturkapitalien eine wichtige Rolle, die folgendermaßen spezifiziert werden:
  • erneuerbare beziehungsweise sich selbst erneuernde Ressourcen (zum Beispiel Pflanzen und Tiere) sowie nicht erneuerbare Ressourcen (zum Beispiel Erze, Erdöl);
  • ursprüngliches Naturkapital (unregulierte Flüsse, ­Primärwälder) und kultiviertes, durch menschliche Tätigkeit überformtes Naturkapital;
  • Quellen (zum Beispiel Mineralien aus dem Gebirge) und Senken (zum Beispiel das Meer als Auffang­becken für Kohlendioxid) sowie Bestände (zum ­Beispiel Tierbestände).
Heute betonen Nachhaltigkeitstheoretiker verstärkt, dass Naturkapitalien nicht nur materielle Werte, sondern auch immaterielle Werte beinhalten, etwa die Erholungswirkung von Stränden und Wäldern. Die Theoretiker sprechen von der Wohlfahrtswirkung der Naturkapitalien und betonen, dass mit deren Zerstörung entsprechende Werte verloren gingen.

Schwache versus starke Nachhaltigkeit

In welchem Maß bestimmte Kapitalien, insbesondere Naturkapitalien, für die Nachwelt erhalten bleiben sollten, darüber wurde lange kontrovers diskutiert. In der Debatte stehen sich seit den 1970er Jahren die beiden folgenden Konzepte gegenüber: das Konzept der schwachen Nachhaltigkeit und das Konzept der starken Nachhaltigkeit. Nach dem Konzept der schwachen Nachhaltigkeit sollten die Kapitalbestände einer Gesellschaft lediglich in der Summe konstant gehalten werden. Demnach ist es möglich, verbrauchte Kapitalien durch andere zu ersetzen. Naturkapital kann daher prinzipiell unbegrenzt durch Sach- und Humankapital ersetzt werden. Nach dem Konzept der schwachen Nachhaltigkeit sind diese Substitu­tionsprozesse nahezu unbeschränkt zulässig. Selbst zerstörte Naturkapitalien, beispielsweise Flüsse, die aufgrund von Verschmutzung biologisch tot sind, lassen sich nach dem Konzept der schwachen Nachhaltigkeit ersetzen. Die Erholungsfunktion Flussbaden beispielsweise lässt sich entsprechend durch den Bau von Frei- oder Hallenbädern substituieren; Trinkwasser nicht nur aus Grundwasser, sondern alternativ aus entsalztem Meerwasser gewinnen; die Ästhetik natürlicher Landschaften durch künstliche, virtuelle Welten ersetzen. Dem Konzept der schwachen Nachhaltigkeit zufolge kommt es nur darauf an, dass der Mensch seinen Bedarf in der Summe befriedigt – ganz gleich, mit welcher Art von Kapital. Vor allem in den 1970er Jahren, einer Zeit großer Umweltzerstörung, glaubten viele Ökonomen an die Idee der schwachen Nachhaltigkeit. Zwar betonen manche der Befürworter, dass kritische Naturkapitalbestände – also Bestände, die nur schwer substituierbar sind – durchaus erhaltenswert seien. Allerdings ist oftmals umstritten, wann ein Naturkapital überhaupt als kritisch eingestuft werden soll.
1.9 > Das Goldene Horn, einer der beliebtesten Strände Kroatiens. Nicht nur die Adria, sondern jedes Meer der Welt hat so viele verschiedene Funktionen, dass es nicht in vollem Umfang substituierbar ist. Von Bedeutung ist beispielsweise die Erholungsfunktion.
Abb. 1.9: Das Goldene Horn, einer der beliebtesten Strände Kroatiens. Nicht nur die Adria, sondern jedes Meer der Welt hat so viele verschiedene Funktionen, dass es nicht in vollem Umfang substituierbar ist. Von Bedeutung ist beispielsweise die Erholungsfunktion. © mauritius images/Henryk Tomasz Kaiser

Zusatzinfo Das Ebenenmodell – eine Brücke zwischen Theorie und Alltagsgeschäft

Mehr Umweltschutz dank starker Nachhaltigkeit

Während manche Ökonomen heute noch immer am Konzept der schwachen Nach­haltig­keit festhalten, betrachten es Vertreter anderer Wissenschaften als gescheitert. Das liegt daran, dass man heute davon ausgeht, dass nicht jedes Naturkapital ohne Weiteres substituierbar ist. Betrachtet man, welches Ausmaß und welche Konse­quenzen die Zerstörung von Naturkapital heute haben, werden die Grenzen der Substituierbarkeit sehr viel ­deutlicher als in ökonomischen Modellen. Das gilt insbe­sondere für multifunktionale Naturkapitalien, also solche Kapitalien, die mehrere Funktionen erfüllen. Meere zum Beispiel liefern Nahrung, sind Einkom­mens­quelle für Fischer oder Aquakulturen und Erholungsgebiet für Millionen von Touristen. Den multifunktionalen Lebensraum Meer komplett zu ersetzen ist unmöglich – und damit die Idee der Substituierbarkeit obsolet. Ähnliches gilt für Wälder mit ihren vielen Funktionen. Seit einigen Jahren setzt sich deshalb langsam das Konzept der starken Nach­haltig­keit in der Nachhaltig­keitstheorie durch. Auch in der Politik findet es zunehmend Verbreitung. Starke Nachhaltigkeit hat das Ziel, das Naturkapital zu erhalten, unabhängig davon, ob und inwieweit es substituierbar ist oder wie sich andere Kapitalbestände wie etwa das Sachkapital (zum Beispiel in Form von Industrie- und Konsumgütern) entwickeln mögen. Im Sinne der starken Nachhaltigkeit ist Naturkapital wegen seiner vielen verschiedenen Funktionen zu erhalten – nicht nur seiner materiellen, sondern beispielsweise auch seiner kulturellen Werte wegen. So stellt sich nicht nur die Frage, ob Naturkapital substituiert werden kann, sondern insbesondere, ob die Menschheit jetzt und in Zukunft überhaupt eine fortwährende Substitution wünscht. Die heute lebende Genera­tion kann nicht einschätzen, welche Bedürfnisse und kulturellen Wertvorstellungen die künftigen Generationen haben werden und ob die Nachgeborenen mit unseren heutigen Substitutionen einverstanden sind. Eine Substitution von Naturkapital, also letztlich der Verlust natürlicher Lebens­räume und der Wegfall an Artenvielfalt, ist unumkehrbar und kaum zu recht­fer­tigen. Wird Naturkapital heute verbraucht, steht es den Nachgeborenen nicht mehr als Option zur Verfügung. Kommende Generationen haben damit nicht mehr die Wahl zwischen Naturkapital und Substitut, sondern müssen mit dem Substitut leben. Da nach dem Konzept starker Nachhaltigkeit das heutige Naturkapital konstant gehalten werden soll, bedeutet das, dass die Zerstörung von natürlichen Lebens­räumen und die Degradierung ökologischer Systeme gestoppt werden müssen.
Moderne Nachhaltigkeitskonzepte versuchen, wirtschaftliche Nutzung von Natur­kapi­talien und deren Schutz in Einklang zu bringen. Um dies zu ermöglichen, sind allerdings einige Regeln nötig. Ein Beispiel ist die sogenannte Constant Natural Capital Rule (CNCR), die die Menschen verpflichtet, Naturkapital in der Summe zu erhalten. Dabei geht es keineswegs um eine Art von musealem Naturschutz, der es gänzlich verbietet, naturnahe Bereiche zu verändern. Vielmehr hat die CNCR das Ziel, Naturkapitalien bewusst zu nutzen und vor allem verbrauchte Naturkapitalien durch gleichwertige Natur­kapitalien zu substituieren. Es ist wichtig zu betonen, dass es gemäß CNCR nicht nur einen einzigen Weg gibt, Naturkapitalien zu ersetzen. Starke Nachhaltigkeit zwingt politischen Entscheidern also keinen Idealweg auf, von dem sie nicht abweichen dürfen. Vielmehr fordert die CNCR, kreativ nach guten Lösungen für eine Substitution von Naturkapital zu suchen. So lässt sich ein abgeschlagener Baum möglicherweise durch einen neuen Baum einer anderen Art ersetzen. Es ist sogar denkbar, ein bestimmtes Waldbiotop durch ein anderes zu substituieren. So könnten in manchen Fällen naturnah bewirtschaftete Forste viele Funk­tionen zerstörter Urwälder erfüllen. Es kann auch sinn­­voll sein, Naturkapital beispielsweise in Form von Plantagen aufzubauen, wenn dadurch andernorts Urwälder geschützt werden. Die CNCR stellt daher eine moderne, flexible und praktikable Regel der starken Nach­haltig­keit dar, mit der sich Nutzungskonflikte lösen lassen. Der große Unterschied zur schwachen Nachhaltigkeit besteht darin, dass gemäß CNCR verbrauchtes Natur­kapital durch gleichwertiges Natur­kapital ersetzt werden muss. Eine Substitution durch Sachkapital oder ausschließlich technische Lösungen, wie bei der Substitution von sauberem Flusswasser durch Wasser aus Meerwasserentsalzungsanlagen, lässt die CNCR nicht zu. Textende
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