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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Was ist Nachhaltigkeit?

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Gleiches Recht für alle?

Auch die „Unterentwicklung“ der sogenannten Dritten Welt wurde seit den 1960er Jahren intensiv diskutiert. Auf der einen Seite gab es Ökonomen, die das wirtschaftliche Wachstums- und Wirtschaftsmodell der Industrie­nationen als nachahmenswertes Vorbild betrachteten. Demnach sollten sich die Volkswirtschaften der Dritte-Welt-Staaten möglichst schnell dem Entwicklungs­stand der Indus­trieländer durch „nachholende“ Industrialisierung und Modernisierung angleichen. Dabei sollten sie durch Entwicklungshilfe unterstützt werden. Als Vorbild diente die Aufbauhilfe im Westeuropa der Nachkriegszeit, die nach dem US-amerikanischen Marshallplan organisiert worden war. Doch diese Politik war nicht überall erfolgreich. Zudem war sie kein Garant für eine umfassende Entwicklung oder dafür, dass die gesamte Bevölkerung eines Landes am Wohlstand beteiligt wurde. Daher wurden neben diesen eher kapitalistisch-westlichen Modellen auch alternative Entwicklungs­modelle entworfen. Diese zielten stärker auf mehr Eigenverantwortung der Entwicklungsländer und eine sozialistisch orientierte Politik der Umverteilung von oben nach unten, etwa durch Land­reformen. Die Entwicklung sollte nicht primär einen höheren Warenkonsum zum Ziel haben, sondern sich an Aspekten wie Bildung, Gesundheit oder der Teilhabe der Bevölkerung an politischen Entscheidungsprozessen orientieren. Ein Meilenstein war der Ecodevelopment-Ansatz der Dag Hammarskjöld Foundation in den 1970er Jahren. Diese Stiftung wurde nach dem schwedischen Diplomaten und UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld benannt, der 1961 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Die Stiftung hat ihren Sitz in der schwedischen Stadt Uppsala und veranstaltet bis heute internationale Tagungen und Seminare, in denen Experten über politische Aspekte wie Sicherheit, Demokratie oder Entwicklung beraten. Damals legte die Dag Hammarskjöld Foundation Leitlinien zur Zukunft der Entwicklungsländer vor, die folgende Aspekte enthielten:
  • Befriedigung der Grundbedürfnisse weitgehend mithilfe eigener Ressourcen;
  • keine Kopie des westlichen Lebens- und Konsumstils;
  • Erhalt der Umwelt;
  • Respekt vor kultureller Andersartigkeit und vor lokalen Traditionen;
  • Solidarität mit zukünftigen Generationen;
  • Einsatz von Technologien, die an die Bedingungen vor Ort angepasst sind;
  • Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen und insbeson­dere der Frauen an gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen;
  • Familienplanung;
  • teilweise Abkopplung vom Weltmarkt und Entwicklung lokaler Märkte;
  • Orientierung an religiösen und kulturellen Traditionen;
  • kein Beitritt zu den militärischen Machtblöcken der NATO (North Atlantic Treaty Organization, Organisation des Nordatlantikvertrags) und des Warschauer Paktes.
Diese Leitlinien umfassen bereits wesentliche Elemente der heutigen Nachhaltigkeitsdebatte.

Weit mehr als Waldwirtschaft und Umweltschutz

Ging es bei der Nachhaltigkeit anfangs allein um die Waldwirtschaft, kamen später die Aspekte Bevölkerungswachstum, Ernährung und Umweltschutz hinzu. Seit den 1970er Jahren rückten immer stärker gesellschaftliche Aspekte in den Fokus der Nach­haltig­keits­diskussion – etwa die ­Frage, wie verschiedene Interessengruppen an gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen teilhaben können oder inwieweit der Mensch für das Wohl künftiger Generationen verantwortlich ist. Vor diesem Hintergrund setzten die Vereinten Nationen (United Nations, UN) 1980 die World Commission on Environment and De­velopment (WCED, Weltkommission für Umwelt und Entwicklung) ein. Sie sollte Wege finden, um zugleich mehrere große Ziele zu erreichen, nämlich:
  • die Armut in den Entwicklungsländern zu bekämpfen;
  • die Entwicklungsländer bei einer an ihren Traditionen orientierten Entwicklung zu unterstützen;
  • die ökologischen Herausforderungen zu meistern;
  • den Gegensatz von westlicher Marktwirtschaft und Staatssozialismus auszugleichen.
1987 legte die Kommission ihren Bericht vor, der nach der Vorsitzenden der Kommission, der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, auch als „Brundtland-Bericht“ bezeichnet wird. Ihm liegt die Idee zugrunde, dass die Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse (basic needs) Vorrang vor allen übrigen Zielen habe sollte. Dieser „basic needs“-Ansatz ging auch in die Nachhaltigkeitsdefinition des WCED-Berichts ein. Darin heißt es: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ Keine Nachhaltigkeitsdefinition wurde und wird so häufig zitiert wie diese. In dieser Formulierung ist die wichtige Forderung enthalten, dass die Menschen ihre Bedürfnisse innerhalb der Tragfähigkeit der natürlichen Umwelt erfüllen sollten. Die Kommission wählte die Formulierung „sustain­able development“ (nachhaltige Entwicklung) nicht zuletzt, um die verschiedenen und teilweise miteinander konkurrierenden Ziele Umweltschutz, Armutsbekämpfung und Wirtschaftswachstum miteinander verknüpfen zu können. Sie versuchte mit dieser Definition, die verschiedenen Vorstellungen davon, wie sich die Entwicklungsländer künftig entwickeln könnten, teilweise zu integrieren. Die Formulierung „sustainable development“ sollte helfen,
  • die Idee der Eigenverantwortung der Entwicklungsländer zu berücksichtigen, ohne sozialistischen Idealen allzu nahe zu rücken;
  • auf die ökologischen Grenzen des Wachstums hinzuweisen;
  • das alte UN-Ziel der Bekämpfung von Armut nicht aus den Augen zu verlieren;
  • westliche Lebensstile nicht grundlegend infrage zu stellen;
  • die Herausforderung des Bevölkerungswachstums anzusprechen.
Alles in allem wollte die Kommission den kleinsten gemeinsamen Nenner der Nachhaltigkeit definieren, den alle ihre Mitglieder akzeptieren konnten. Das Ergebnis war eine Kompromissformel. Ein weiteres Ziel des WCED-Berichts war, das Thema Nachhaltigkeit in die Öffentlichkeit zu tragen. Das ist gelungen. Der Bericht hat geradezu katalysatorisch die neue Debatte um die Bedeutung von Nachhaltigkeit angestoßen. Konkrete Handlungsanweisungen für die Politik lieferte der Bericht aber nicht. Das Problem des Begriffs „sustainable development“ und des gesamten WCED-Berichts ist, dass die darin als Kompromisslösung formulierte Definition von verschiedenen Interessengruppen, von Politikern oder der Industrie völlig unterschiedlich ausgelegt werden kann. Daher enthält der WCED-Bericht keine systematische Konzeption von Nachhaltigkeit. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass der Nachhaltigkeitsbegriff bis heute im politischen Diskurs so unscharf geblieben ist. Nach der Veröffentlichung des WCED-Berichts setzte sich in vielen Ländern die Vorstellung durch, dass sich Nachhaltigkeit erreichen lässt, wenn man die von der WCED formulierten Ziele – Armutsbekämpfung, gerechtes Wirtschaftswachstum und Umweltschutz – gleichermaßen anstrebt. Theoretiker formulierten daraus das sogenannte Drei-Säulen-Modell. Nach diesem Modell wird Nachhaltigkeit von den drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales getragen, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Allerdings wird keine Aussage darüber getroffen, ob diese Gleichrangigkeit jetzt schon besteht oder erst noch erreicht werden muss. Kritiker werfen zudem ein, dass der Nachhaltigkeitsbegriff eine normative Dimension beinhalte. Demnach ist Nachhaltigkeit mehr als ein philosophisch-theoretisches Modell. Vielmehr müssten aus der Theorie am Ende klare Handlungsanweisungen abgeleitet und Maßnahmen umgesetzt werden.

Zusatzinfo Das klassische und das erweiterte Drei-Säulen-Modell

Verantwortung für die Nachwelt

Ressourcen langfristig mit Bedacht zu nutzen, damit diese auch in Zukunft zur Verfügung stehen, das ist eine zentrale Idee der Nachhaltigkeit. Somit ist sie sehr eng mit der Zukunftsverantwortung der heute lebenden Generationen verknüpft. Wie weit diese Verantwortung reicht, war und ist umstritten. In den 1970er Jahren vertraten einige Wissenschaftler die Auffassung, dass die heute lebende Generation keinerlei Verantwortung für die Nachgeborenen trage. Das Argument lautete: Ungeborene Personen exis­tieren nicht, sind daher keine Rechtsträger und können somit keine Rechte gleich welcher Art haben. Demnach haben die Lebenden den Ungeborenen gegenüber keine Pflichten. Diese extreme Perspektive wird heute allerdings kaum noch vertreten. Kritiker führen ins Feld, dass allein die Tatsache ausreiche, dass zukünftige Personen Rechte haben werden, um daraus Verpflichtungen für die heute lebenden Menschen abzuleiten. Diese Verpflichtungen würden sich nicht auf einzelne ungeborene Individuen beziehen, sondern allgemein auf in der Zukunft lebende Generationen von Menschen. Intergenerationelle Verteilungsgerechtigkeit ist demnach ein wesentlicher Bestandteil einer nachhaltigen Entwicklung. Strittig ist allerdings, was oder wie viel die heutige Menschheit der Nachwelt hinterlassen soll.

Auf der Suche nach dem gerechten Standard

Auf die Frage, welche Verpflichtungen heute lebende Menschen gegenüber kommenden Generationen haben, gibt es verschiedene Antworten – je nachdem, welchen Standard man zugrunde legt. So unterscheiden Wissenschaftler beispielsweise den komparativen beziehungsweise. vergleichenden Standard und den absoluten Standard. Nach dem Konzept des komparativen Standards soll es den Menschen nachfolgender Generationen alles in allem nicht schlechter gehen als den heute lebenden Menschen. Allerdings stellt sich die Frage, mit welchem Standard verglichen werden soll – dem Standard der Menschen in den Industrienationen oder dem von Menschen in Entwicklungsländern. Auch in den Industrienationen und den Schwellenländern selbst gibt es erhebliche Unterschiede im Lebensstandard der Menschen. Die Definition eines einzigen globalen komparativen Standards ist also schwierig, da jede Vergleichsbasis willkürlich anmutet. Der absolute Standard hingegen legt Mindestanforderungen fest, die grundsätzlich zu einem menschenwürdigen Leben gehören. Dieser absolute Standard soll für alle Menschen gleichermaßen gelten. Das schließt die Nachgeborenen mit ein. Allerdings ist ein absoluter Standard, mit dem lediglich die Grundbedürfnisse erfüllt werden, ein eher niedriger Standard. In der Realität existiert heute noch kein plausibler absoluter Standard für alle. Immerhin leben weltweit noch immer Millionen von Menschen unter harten Bedingungen. Ihnen fehlt es an Nahrung, sauberem Trinkwasser oder der Möglichkeit, sich zu bilden. Diese Einsicht kann dazu führen, dass die Bekämpfung der Armut durch wirtschaftliches Wachstum in den Schwellen- und Entwicklungsländern als wichtiger erachtet wird als der von der Nachhaltigkeitspolitik geforderte langfristige Schutz natürlicher Ressourcen.
1.7 > Ein Slum in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Auf der Welt leben Millionen von Menschen ohne sauberes Wasser, sanitäre Einrichtungen oder die Chance auf Bildung.
Abb. 1.7: Ein Slum in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Auf der Welt leben Millionen von Menschen ohne sauberes Wasser, sanitäre Einrichtungen oder die Chance auf Bildung © Andrew Biraj
Heute herrscht unter Nachhaltigkeitstheoretikern die Meinung vor, dass weder der komparative noch der absolute Standard allein eine Richtschnur für Nach­haltig­keits­konzepte sein könne, denn in der Realität seien die Lebens­be­ding­ungen in der Welt momentan zu unterschiedlich. Auch könne man nicht davon ausgehen, dass es mittelfristig gelingen werde, die Lebensstandards in armen Entwicklungsländern wie etwa Bangladesch auf das Niveau reicher Industrienationen wie beispielsweise der Schweiz zu bringen. Pragmatischer sei es deshalb, so die Experten, regional unterschiedliche Standards zu definieren. So sei es sinnvoll, einerseits einen guten absoluten Standard für Entwicklungs- und Schwellenländer anzustreben. Für die stärker entwickelten Regionen hingegen seien darüber hinaus verschiedene komparative Standards praktikabel, die sich von Land zu Land oder Region zu Region unterscheiden. Das bedeutet keineswegs, dass die jeweiligen Lebens­umstände immer so bleiben sollen, wie sie sind. Moderne Nachhaltigkeitskonzepte streben nach wie vor an, die absolute und extreme Armut zu reduzieren sowie die extremen Unterschiede zwischen armen und reichen Menschen. Diese beiden Ziele sind zu unterscheiden. Denn wie das Beispiel China zeigt, ist es möglich, dass die Armut in einem Land allgemein abnimmt, es aber dennoch große Unterschiede im Einkommen und Vermögen gibt. So schrumpft heute in China die Armut in den ländlichen Regionen, zugleich bildet sich in den Metropolen eine wohlhabende Mittelschicht heraus, deren Einkommen deutlich über dem der ländlichen Bevölkerung liegt. Nachhaltigkeitstheoretiker befürworten vor allem, die absolute Armut zu verringern. Das sei vorrangiges Ziel. Zwar gebe es eine Verantwortung für die Zukunft, doch vor allem auch eine für die Gegenwart. Sich auf die Zukunft zu konzentrieren und zugleich heutiges Elend zu ignorieren sei die falsche Prioritätensetzung. Inwieweit es aber überhaupt ökonomische Ungleichheit geben darf, darüber sind die Theoretiker bislang uneins. >
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