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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Was ist Nachhaltigkeit?

Was ist Nachhaltigkeit? © Massimo Ripani/SIME/Schapowalow

Was ist Nachhaltigkeit?

> Der Begriff „Nachhaltigkeit“ stammt aus der Forstwirtschaft und bedeutete ursprünglich so viel wie: natürliche Ressourcen mit Bedacht zu nutzen, sodass sie langfristig zur Verfügung stehen. Heute allerdings ist der Begriff unscharf, zum einen, weil es verschiedene Nachhaltigkeitstheorien gibt, zum anderen, weil das Wort inflationär verwendet wird. Deshalb diskutieren Wissenschaftler, was mit „Nachhaltigkeit“ eigentlich gemeint ist, und versuchen, konkrete Regeln für nachhaltiges Handeln und Wirtschaften zu entwickeln.

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Ein schwieriger Begriff

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist heute aus keiner öffentlichen Diskussion mehr wegzudenken und wird geradezu inflationär verwendet. Da das Wort „Nachhaltigkeit“ positiv besetzt ist – ähnlich wie „Frieden“, „Gerechtigkeit“ und „Naturschutz“ –, wird es gern in allen möglichen Zusammenhängen benutzt. Die Industrie spricht von „nach­haltiger Produktion“, die Finanzdienstleister von „nachhaltiger Wertentwicklung“. Verbraucher sollen „nachhaltig genießen“, Musikförderung dient der „nachhaltigen Entwicklung von Kindern“ und selbst die Einführung eines Warmbadetages für Senioren wird als „nachhaltig“ beworben. Jeder versteht unter „Nachhaltigkeit“ etwas anderes.
Abb. 1.1: Den Begriff „nachhaltend“ führte der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz 1713 in seinem Werk „Sylvicultura oeconomica“ ein. Darin propagierte er die schonende Waldwirtschaft. © bpk/Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Herbert Boswank 1.1 > Den Begriff „nachhaltend“ führte der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz 1713 in seinem Werk „Sylvicultura oeconomica“ ein. Darin propagierte er die schonende Waldwirtschaft.
Der Begriff stiftet mehr Verwirrung als Nutzen. Je nach Definition, Projekt oder Kontext bekommt er eine unterschiedliche Bedeutung. Doch die verwirrende Mehrdeutigkeit verdankt sich nicht nur dem inflationären Gebrauch heute. Es mischen sich in dem Begriff tatsächlich verschiedene Faktoren. Nachhaltigkeit ist nun mal eine komplexe Angelegenheit. Ökonomische Entwicklungsmodelle, die Welternährung, der Natur­schutz, die Armutsbekämpfung oder die Verteilungsgerechtigkeit – alle Aspekte spielen heute in der Nachhaltigkeitsdiskussion eine Rolle. Schaut man allerdings in die Vergangenheit, stellt man fest, dass die einzelnen Themen oftmals unabhängig voneinander betrachtet und getrennt untersucht wurden. Je nach historischer Situation waren bestimmte Fragen von Vorrang. Andere mussten zurücktreten, bis wiederum ihre Zeit gekommen war. Experten bemühen sich heute, nachvollziehbare ­Theorien und Modelle zu entwickeln, um das Verständnis dafür, was Nachhaltigkeit alles umfasst, zu verbessern. Die Herausforderung für die Zukunft besteht hierbei vor allem darin, die weithin anerkannten Erkenntnisse der Nachhaltigkeitstheoretiker in konkrete gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Konzepte umzusetzen.

Angst vor Holzknappheit

Der Ausdruck „nachhaltig“ oder „Nachhalt“ stammt aus der deutschen Forst­wirt­schaftslehre des 18. Jahrhunderts. Bereits 1713 veröffentlichte der Ober­berg­haupt­mann Hans Carl von Carlowitz aus Freiberg im damaligen Fürs­tentum Sachsen die forst­wirt­schaftliche Schrift „Sylvicultura oeconomica“, in der erstmals von einer „continuirlich beständigen und nachhaltenden Nutzung“ die Rede war. Als von Carlowitz den Begriff aufbrachte, benötigte man in vielen Gegenden Europas für den Bergbau und die Verhüttung von Erzen große Mengen an Holz. So wurde nach und nach die Umgebung vieler Bergbaustädte entwaldet. Es drohte eine Holzknappheit. Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts musste das Holz aus großer Entfernung über die Flüsse herangeschafft werden. Von Carlowitz warnte, dass man ohne Holz „große Noth leiden“ würde. In seiner „Sylvicultura oeconomica“ forderte er, die Wälder zu bewahren. Die Menschen, schrieb er, sollten Holz sparen, Wälder durch Säen und Pflanzen erhalten und nach „Surrogata“ suchen, nach Alternativen zum Holz. Alles in allem solle der Mensch nur so viel Holz entnehmen, wie nachwachsen könne. Ziel eines Waldmanagements war es, nachhaltig – also auf Dauer – einen größtmöglichen Holzertrag zu erzielen, ohne den Wald zu übernutzen. Von Carlowitz stellte damit schon vor 300 Jahren Forderungen, die auch in der aktuellen Nachhaltigkeitsdiskussion eine wichtige Rolle spielen. Allerdings standen ökonomische Erwägungen im Fokus, nicht der Natur- und Waldschutz an sich. Das zeigte sich auch in der Gestaltung der Wälder, wie sie damals als nachhaltig galten: Es handelte sich eher um Monokulturen aus Baumarten, die für die Holzwirtschaft interessant waren, als um naturnahe Wälder. Da der Begriff der Nachhaltigkeit ursprünglich klar und eng umrissen war, ließen sich auch verbindliche Regeln ableiten. So legte man für jede Baumart Hiebsätze fest, Holzmengen, die in einem Waldstück jährlich maximal geschlagen werden durften.

Zu viele Menschen – zu wenig Essen

Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa beschäftigten sich Gelehrte im 18. Jahrhundert mit der Endlichkeit natürlicher Ressourcen, wobei von Nachhaltigkeit in diesem Zusammenhang – anders als bei von Carlowitz – keine Rede war. Ein wichtiger Aspekt war die Versorgung der wachsenden Bevölkerung mit Lebensmitteln. Heute schätzt man, dass die Bevölkerung in ganz Europa zwischen 1750 und 1850 von 140 Millionen auf 266 Millionen zunahm. Allein in England stieg die Einwohnerzahl im selben Zeitraum von etwa 7 auf 20 Millionen Menschen.
1.2 > Waldbauern im US-Bundesstaat Minnesota Ende des 19. Jahrhunderts. Damals war Holz in den USA ein besonders gefragter Rohstoff. Der Häuserbau in den wachsenden Städten erforderte Unmengen des Rohstoffs.
Abb. 1.2: Waldbauern im US-Bundesstaat Minnesota Ende des 19. Jahrhunderts. Damals war Holz in den USA ein besonders gefragter Rohstoff. Der Häuserbau in den wachsenden Städten erforderte Unmengen des Rohstoffs. © Nixon, Harry F./Minnesota Historical Society
Der britische Ökonom Thomas Robert Malthus warnte, dass die Produktion von Lebensmitteln künftig nicht mit der Bevölkerungszunahme werde Schritt halten können. Verbesserte sich die Lage der Armen, schrieb er, würde dies zu einer weiteren Bevölkerungszunahme führen – und damit zu einem Nahrungsengpass. Am Ende würde sich die Armut insgesamt dadurch eher noch verschlimmern. Eine Lösung schien für Malthus und andere Denker darin zu bestehen, die Bevölkerungszahl konstant zu halten. Einige Gelehrte wie der norddeutsche Jurist Justus Möser hatten bereits einige Jahre zuvor die Blatternimpfung aus bevölkerungspolitischen Gründen abgelehnt. Durch die Impfung, warnte Möser, würde sich die Kindersterblichkeit derart reduzieren, dass „die Welt den Menschenkindern zu enge“ würde. Die düsteren Befürchtungen von Gelehrten wie Malthus und Möser erfüllten sich nicht. Bevor das Bevölkerungswachstum in Europa zu einem Nahrungsmangel größeren Ausmaßes führen konnte, löste ein Naturforscher das Problem: Der deutsche Chemiker Justus Liebig entwickelte Mitte des 19. Jahrhunderts den Kunstdünger. Damit ließ sich die Produktivität der Ackerbauflächen enorm steigern. Wie schon von Carlowitz für die Forstwirtschaft strebte auch Liebig dauerhaft hohe Ernten an. Dabei sollte die Bodenfruchtbarkeit allerdings nicht beeinträchtigt werden.

Abb. 1.3: Bereits 1892 erklärten US-Behörden den waldreichen Adirondack Park im US-Bundes­staat New York zum National­park. Mit einer Fläche von 24 000 Quadrat­kilo­metern ist er fast so groß wie die Insel Sizilien. © Massimo Ripani/SIME/Schapowalow 1.3 > Bereits 1892 erklärten US-Behörden den waldreichen Adirondack Park im US-Bundes­staat New York zum National­park. Mit einer Fläche von 24 000 Quadrat­kilo­metern ist er fast so groß wie die Insel Sizilien.

Naturzerstörung durch die industrielle Revolution

Ein Nahrungsmangel, wie ihn Malthus für die Zukunft prophezeit hatte, trat also dank Liebigs Erfindung nicht ein. Vielmehr drängte sich das Thema Naturzerstörung in das Bewusstsein der Denker und Wissenschaftler, denn im späten 18. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich in Europa die industrielle Revolution durch: die langsame und tief greifende Umgestaltung der Agrar- in eine Indus­trie­gesell­schaft. Der Kohlenbergbau, die Metallverhüttung, die wachsenden Städte, Staudämme, Straßen- und Schienenwege veränderten die Welt radikal. Einer, der die verheerenden Auswirkungen dieses industriellen Wachstums kritisierte, war der US-amerikanische Staatsmann und Gelehrte George Perkins Marsh, der in den 1850er Jahren Europa bereiste und zwischen 1861 und 1882 Botschafter am italienischen Hof in Rom war. An vielen Orten, die er besuchte, be­­obachtete er, wie der Mensch die Natur veränderte und teilweise zerstörte. 1874 veröffentlichte er sein wichtigstes Werk „Man and Nature: The Earth as Modified by Human Action“ (Mensch und Natur: die Welt, wie der Mensch sie verändert), in dem er seine Beobachtungen beschrieb. Marshs Ideal war die dörfliche Gemeinschaft, die die Natur mit Bedacht nutzt und langfristig erhält. Er warnte, dass der Mensch im Begriff sei, „die Erde, die Heimat des Menschen, ihres ehrwürdigsten Bewohners, unbewohnbar zu machen“. Der Mensch müsse die Natur aus einem „aufgeklärten Eigennutz“ heraus schützen – dem „enlightened self-interest“. Marsh betonte aber auch, dass es möglich sei, die natürlichen Ressourcen vernünftig zu nutzen. Der Mensch habe ein Recht, die Güter der Natur zu nutzen, aber keines, sie zu missbrauchen.
Abb. 1.4: Der US-amerikanische Gelehrte George Perkins Marsh gilt als einer der Urväter der Umweltbewegung. Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte er auf einer Reise durch Europa, wie Natur zerstört wurde. Seine drastischen Schilderungen dieses Raubbaus trugen dazu bei, dass in den USA die nachhaltige Waldwirtschaft eingeführt wurde. © Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, D.C./Reproduction Number: LC-DIG-cwpbh-02223 1.4 > Der US-amerikanische Gelehrte George Perkins Marsh gilt als einer der Urväter der Umweltbewegung. Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte er auf einer Reise durch Europa, wie Natur zerstört wurde. Seine drastischen Schilderungen dieses Raubbaus trugen dazu bei, dass in den USA die nachhaltige Waldwirtschaft eingeführt wurde.
Marshs Thesen und seine drastischen Schilderungen von der Naturzerstörung in Europa zeigten vor allem in seiner Heimat Wirkung, den USA. Um eine Entwaldung europäischen Ausmaßes zu verhindern, wurde der Entschluss gefasst, Wälder zu bewahren. Zunächst schützte man nur einzelne Gebiete. So wurde beispielsweise im Jahr 1892, 10 Jahre nach Marshs Tod, der waldreiche Adirondack Park im US-Bundesstaat New York gegründet. Dieser heute größte Nationalpark der USA ist mit einer Fläche von 24 000 Quadratkilometern fast so groß wie die Insel Sizilien. Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich gingen die Behörden dazu über, den Wald im ganzen Land vor Raubbau zu bewahren. So wurde 1905 die Forstverwaltung der Vereinigten Staaten gegründet, eine Waldbehörde, deren erster Vorsitzender Gifford Pinchot war. Pinchot, ein Forstwissenschaftler und Politiker, war von den Lehren Marshs inspiriert und etablierte in den USA die nachhaltige Waldnutzung, wie sie knapp 200 Jahre zuvor bereits durch von Carlowitz propagiert worden war.

Wohlstand statt Nachhaltigkeit?

Abgesehen von einigen wenigen positiven Beispielen konnte sich die Idee von der schonenden Nutzung der Natur aber weiterhin nicht durchsetzen. Nicht zuletzt ­führten die entbehrungsreichen Zeiten der Weltkriege dazu, dass die Politik in den westlichen Industrienationen Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem ein Ziel verfolgte: Wohlstand für alle schaffen und durch ständiges Wirt­schaftswachstum absolute Armut über­win­den und Klassen­gegen­sätze abmildern. Der Dualismus von Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit war damit vor­pro­grammiert. Anfang der 1960er Jahre begann es jedoch, zunehmend Kritik an dieser Wachstums- und Fortschritts­gläubigkeit zu geben. Die Schäden, die das ungehemmte Wirtschafts­wachstum verursachte, nahmen immer größere Ausmaße an. Böden und Flüsse wurden vergiftet. In vielen Ballungszentren bildete sich Smog aus den Abgasen von Autos, Fabriken und Kraftwerken. Vor allem Kinder litten an Atem­wegs­er­krankungen. Schwefel­dioxidemis­sionen aus Kraftwerken und Auto­motoren führten zur Entstehung von „saurem Regen“, der Bäume und ganze Waldgebiete absterben ließ. Umwelt­schützer sprachen vom „Waldsterben“. In den 1970er Jahren begann dann die Renaissance des Begriffs „Nachhaltigkeit“. Der wurde nun weiter gefasst als früher. Befürworter der Nachhaltigkeit kritisierten die etablierten ökonomischen Modelle, die die Notwendigkeit eines fortwährenden Wirt­schafts­wachstums propagierten. 1972 veröffentlichte der Club of Rome seine viel beachtete Studie „Die Grenzen des Wachstums“, in der erstmals von einem „nach­halt­igen Weltsys­tem“ die Rede war. Der Club of Rome warnte in seinem Bericht vor den Folgen des Raubbaus. Er entwickelte eine Theorie, die besagte, dass auf jede Phase eines starken Wirtschaftswachstums unweigerlich ein großer Zusammenbruch des Systems folgen würde. Rohstoffknappheit und Umweltverschmutzung würden zu schweren Krisen und noch vor dem Jahr 2100 zum Rückfall in einfache Lebensverhältnisse führen.
1.5 > Essen führte 1966 als erste deutsche Stadt Fahrverbote ein, um die Belastung durch Smog zu verringern. Doch erst mit der Einrichtung von Abgasfiltern in Kraftwerken und Industrie­anlagen in den 1980er Jahren besserte sich die Luftqualität merklich.
Abb. 1.5: Essen führte 1966 als erste deutsche Stadt Fahrverbote ein, um die Belastung durch Smog zu verringern. Doch erst mit der Einrichtung von Abgasfiltern in Kraftwerken und Industrie­anlagen in den 1980er Jahren besserte sich die Luftqualität merklich. © ap/dpa/picture alliance/Süddeutsche Zeitung Photo
Club of Rome Der Club of Rome ist eine inter­nat­ionale Nicht­regie­rungs­organisation und Experten­runde, die von führenden Industriellen, Ingenieuren, Wirt­schafts­experten und Geistes­wissen­schaft­lern 1968 gegründet wurde, um die nega­tiven Konse­quenzen des Wirt­schafts­wachs­tums zu analysieren und Lösungen zu erarbeiten.
Gegner dieser düsteren Zukunftsvision führen bis heute immer wieder an, dass sich die nicht erneuerbaren Rohstoffe nicht verknappt hätten, weil immer wieder neue Rohstoffvorkommen entdeckt und erschlossen worden seien. Andererseits warnen viele Experten heute vor Versorgungsengpässen bei bestimmten Metallen, die nur in geringen Mengen vorhanden seien oder auf die einzelne Staaten ein Monopol hätten. Zudem würden durch den Rohstoffabbau weiterhin Naturgebiete zerstört. Ihnen zufolge sind die Mahnungen des Club of Rome durchaus berechtigt. Die Annahme des Club of Rome, dass die Umweltverschmutzung mit dem Wirtschafts­wachstum grundsätzlich immer größere Ausmaße annehmen würde, hielten manche Kritiker zwischenzeitlich für widerlegt. Vielmehr nahmen einige Ökonomen sogar an, dass mit steigendem Wohlstand verstärkt in Umweltschutz investiert werden würde. In vielen europäischen Staaten, aber auch in anderen Industrienationen auf der Welt gelang es in der Tat, durch technische Maßnahmen wie Kläranlagen, aber auch Filter in Kraftwerken und Autos die Umweltverschmutzung deutlich zu verringern – obgleich sich das Wirtschaftswachstum fortsetzte. Angesichts der massiven Umwelt­ver­schmutz­ungen und -zerstörungen in Schwellenländern wie Brasilien, China und Indien gewinnen die Mahnungen des Club of Rome heute aber wieder an Bedeutung. Vor allem im heutigen China sieht man geradezu exemplarisch, welche Umweltschäden und ökologischen Kosten das ungebremste Wirt­schafts­wachstum mit sich bringt. Die Debatte zwischen Wachs­tums­kritikern und -befürwortern hält bis heute an. >
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