Suche
english
4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Der Wert der Natur

Seite:

pH-Wert Chemiker bestimmen den Säuregrad einer Flüssigkeit anhand des pH-Wertes. Je kleiner der Wert ist, desto saurer ist die Flüssigkeit. Der pH-Wert reicht von 0 (sehr sauer) bis 14 (sehr basisch). Seit der industriellen Revolution ist der pH-Wert der Ozeane von durchschnittlich 8,2 auf 8,1 gesunken. Bis zum Jahr 2100 könnte der pH-Wert um weitere 0,3 bis 0,4 Einheiten abnehmen. Das klingt vernachlässigbar klein. Doch die pH-Wert-Skala ist logarithmisch. Sie ist sozusagen mathematisch gestaucht. Tatsächlich würde das Meer dann um 100 bis 150 Prozent saurer sein als Mitte des 19. Jahr­hun­derts.

Die Studie ergab, dass sich die Publikationen zu den ökonomischen Aus­wir­kungen der Ozeanversauerung zum großen Teil nur mit den direkten wirtschaftlichen Aus­wir­kungen für den Menschen befassen, insbesondere mit den Folgen für die Fischerei. Nur einige wenige Arbeiten analysieren die Situation in Korallenriffen. Darin wird zwar erwähnt, dass ein Sterben der Korallen zu Einbußen im Tourismus führen könnte, eine genaue wirtschaftliche Analyse aber fehlt. Zudem erwähnt keine Publikation die indirekten Folgen des Korallensterbens, etwa die Tatsache, dass auch der Küstenschutz beeinträchtigt sein würde. Die Autoren der Studie listen mehrere inhaltliche Lücken auf:
  • Ein Großteil der ökonomischen Studien fokussiert auf direkte wirtschaftliche Auswirkungen wie etwa den Rückgang des Fisch- oder Schalentierfangs in bestimmten Meeresgebieten. Existenz- oder Vermächtniswerte bleiben unberücksichtigt.
  • Wissen über die möglichen zukünftigen Veränderungen des pH-Wertes in küstennahen Meeresgebieten fehlt bislang. So bleibt unklar, welche Meeres­regionen künftig am stärksten betroffen sein werden. Genau das aber ist wichtig, um zu ermitteln, wie groß die wirtschaftlichen Folgen vor Ort sein wer­den, aber auch um gezielt Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
Ein grundlegendes Problem besteht auch darin, dass die Ergebnisse in den naturwissenschaftlichen Publikationen zur Ozeanversauerung oftmals in einer Form präsentiert werden, die nicht in einer ökonomischen Analyse verwendet werden kann. So sind oft vereinfachende Annahmen nötig, um aus Änderungen einer Kalzi­fi­zierungs­rate bei Muscheln Veränderungen in den Bruttoeinnahmen der Fischer errechnen zu können. Dementsprechend kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die ökonomischen Auswirkungen der Ozeanversauerung heute einfach deshalb nicht abschätzbar sind, weil allein schon die biochemischen Zusammenhänge im Meer zu komplex sind. Hinzu kommt, dass sich viele Publikationen auf Organismen beziehen, die leicht zu beobachten oder im Labor zu halten sind, aber in keiner Weise eine besondere ökonomische Relevanz oder zentrale Bedeutung für die Nahrungsnetze im Meer darstellen. Da die naturwissenschaftlichen Fach­pub­likatio­nen wiederum Grundlage für die ökonomischen Studien sind, ist auch deren Aussagekraft als sehr eingeschränkt zu betrachten. Die Autoren der Studie schlagen daher für die Zukunft eine engere Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaftlern und Ökonomen vor. Das betrifft nicht nur die Ozeanversauerung, sondern auch alle anderen Umwelt­bedrohungen beziehungsweise Ökosystemleistungen. Gemeinsam könnten so naturwissenschaftliche Frage­stellungen bearbeitet werden, die auch ökonomisch von Bedeutung sind. So ließen sich möglicherweise bestimmte Organismen für Studien auswählen, die marktwirtschaftlich von Interesse sind.

Abb. 1.17: Im September 2009 protestierten Fischer und andere Seeleute an der Pazifikküste vor Alaska gegen die Ozean­ver­sauerung. © interTopics/UPI Photo/eyevine 1.17 > Im September 2009 protestierten Fischer und andere Seeleute an der Pazifikküste vor Alaska gegen die Ozean­ver­sauerung.

Vor allem schützenswert: kritisches Naturkapital

Von Interesse sind heute insbesondere solche Naturkapitalien, die so bedeutend sind, dass eine Zerstörung in jedem Fall verhindert werden sollte. Nachhaltigkeits­theoretiker bezeichnen diese als kritische Naturkapital­bestände. Eine Mehrheit von Experten zählt dazu Naturkapitalien, die durch nichts zu ersetzen, also nicht substituierbar sind – beispielsweise knappe Grundwasservorkommen in den trockenen Gebieten Afrikas. Dieses kritische Naturkapital muss erhalten werden, weil es für die Menschen von elementarer Bedeutung ist. Andere Experten zählen zum kritischen Naturkapital auch schützenswerte Natur­gebiete, die zwar nicht für den Menschen existenziell wichtig, aber Lebensraum bedrohter Pflanzen- und Tierarten sind. Diese etwas weiter gefasste Auffassung von kritischem Naturkapital wird insbesondere von Naturschützern vertreten – unter anderem von der britischen Umweltagentur Natural England (bis 2006 English Nature), die bereits in den 1990er Jahren mehrere Kategorien definiert hat, die helfen können, kritisches Naturkapital an Land zu identifizieren:
  • kleinräumige Habitate mit seltenen oder bedrohten Lebewesen;
  • Ökosysteme, die einen charakteristischen Lebensraum mit allen typischen Pflanzen- und Tierarten darstellen;
  • Gebiete, die wichtige Dienstleistungen erbringen, beispielsweise Ero­sions­schutz, Aufnahme von Umweltschadstoffen oder die Bereit­stellung von Trink­wasser;
  • erdgeschichtlich bedeutende Gebiete, insbesondere geologische Formationen wie der Grand Canyon in den USA, die von besonderem wissenschaftlichem Interesse oder einzigartigem Charakter sind.
Nachhaltigkeitstheoretiker betonen, dass kritisches Naturkapital keineswegs mit unberührter Wildnis gleichzusetzen sei. Denn oft handle es sich dabei um von Menschen kultiviertes und bereits genutztes Naturkapital. Eine weitere schonende Nutzung sei daher auch durchaus denkbar. Allerdings müsse in vielen Fällen genau festgelegt werden, ab welchen Schwellen- oder Grenzwerten es zu inakzeptablen Verlusten an Naturkapital kommt.

Gemeinsam Naturkapital erhalten

Erfreulicherweise ist es in den vergangenen Jahren mehrfach gelungen, kritische Naturkapitalien in großem Stil zu schützen. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist die Einrichtung von Nationalparks und die Verabschiedung verschiedener inter­natio­naler Naturschutzkonventionen oder besonderer Richtlinien. In diesen Fällen sah man dringenden Handlungsbedarf, sodass es keine Notwendigkeit gab, zunächst den Wert der Naturkapitalien im Detail zu bestimmen. Ein Beispiel für diese vorausschauenden Schutzbemühungen war das internationale Montreal-Protokoll, mit dem 1989 der Einsatz von chemischen Substanzen verboten wurde, die die Ozonschicht zerstören. Darin wurden ganz konkrete Richtwerte für den Ausstoß von Chemika­lien festgelegt. Die Unterzeichnerstaaten verpflichteten sich zur Reduzierung und schließlich zur vollständigen Abschaffung der Emission von bestimmten Substanzen. Damit gelang es, die Ozonschicht als primary value und lebenswichtiges Naturkapital zu erhalten. Ein weiteres Beispiel ist das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (Überein­kommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten frei lebender Tiere und Pflanzen; Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora, CITES), mit dem seit 1973 der Handel mit seltenen oder gefährdeten Tieren stark reglementiert wird.

Zusatzinfo Große Ziele für die Zukunft

Gemeinsame Ziele für eine nachhaltige Zukunft

Im Jahr 2000 formulierte eine Arbeitsgruppe im Auftrag der Vereinten Nationen 8 Millenniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals, MDGs), die bis zum Jahr 2015 erfüllt sein sollten. Damit sollte die Lebenssituation der Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern deutlich verbessert – und zugleich eine Schonung von Naturkapitalien erreicht werden. Es ist aber unverkennbar, dass der Schwerpunkt der MDGs auf der Bekämpfung von Armut und armutsbedingten Mangelsituationen sowie auf Aspekten wie Gesundheit oder Bildung liegt. Heute zeigt sich, dass diese Ziele weltweit noch nicht erreicht worden sind. Eine Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen hat daher für den Zeitraum zwischen 2015 und 2030
Nachhaltige Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs)
definiert, in denen die Ziel­vor­stellungen konkreter gefasst werden als in den MDGs. Sie betreffen nicht mehr nur die Entwicklungsländer, sondern beziehen sich auf die ganze Welt. Darüber hinaus sollen die SDGs in verstärktem Maße den Schutz von Naturkapitalien berücksichtigen, indem sie auch die Bereiche nachhaltige Landwirtschaft, Energie und Klimawandel sowie die Ozeane einschließen. Folgende Themenbereiche werden für die SDGs als besonders wichtig angesehen:
  • Ernährungssicherheit und nachhaltige Landwirtschaft,
  • Wasserversorgung und Verbesserung der Hygiene,
  • Energie,
  • Bildung,
  • Armutsbekämpfung,
  • Gesundheit,
  • Mittel zur Durchführung des SDG-Prozesses,
  • Klimawandel,
  • Umwelt/Management natürlicher Ressourcen,
  • Beschäftigung.
An diesen – nach Priorität geordneten – Aspekten ist deutlich erkennbar, dass sich die Arbeitsgruppe bemüht hat, alle Aspekte des klassischen Drei-Säulen-Modells der Nachhaltigkeit ausgewogen zu berücksichtigen. In den kommenden Jahren wird sich zeigen, ob den Staaten dieser Balanceakt tatsächlich gelingt. Textende
Seite: