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4 Der nachhaltige Umgang mit unseren Meeren – von der Idee zur Strategie

Der Wert der Natur

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Verschiedene Typen von Dienstleistungen

Mit der Veröffentlichung der Studie 1997 kam die Frage auf, ob es überhaupt zulässig sei, Naturkapital einen monetären Wert zu geben. Ein Argument lautete, dass Naturkapital für den Menschen überlebenswichtig, unersetzlich und damit unendlich wertvoll sei. Eine Monetarisierung sei unangemessen. Diese extreme Position vertreten heute nur noch wenige Fachleute. Als nicht monetarisierbar gelten heute lediglich sogenannte Primärwerte (primary values), die die Grundlage für das Leben auf der Erde darstellen – etwa die Sonnenstrahlung, das Süßwasser oder der Luftsauerstoff. Solchen Primärwerten einen Preis zu geben wäre wenig zielführend.
1.14 > Ein Teil der Blüte der Orchideen­art Lepanthes glicensteinii ist wie das Geschlechts­teil weiblicher Trauermücken geformt. In die Irre geführt, kopuliert das Männchen mit der Blüte und nimmt dabei Pollen auf, mit denen es anschließend andere Pflanzen bestäubt – ein Beispiel für eine regulierende Ökosystemleistung.
Abb. 1.14: Ein Teil der Blüte der Orchideenart Lepanthes glicensteinii ist wie das Geschlechtsteil weiblicher Trauermücken geformt. In die Irre geführt, kopuliert das Männchen mit der Blüte und nimmt dabei Pollen auf, mit denen es anschließend andere Pflanzen bestäubt – ein Beispiel für eine regulierende Ökosystemleistung. © Mario A. Blanco
Sicher ist, dass sich dem Naturkapital nur dann ein Geldwert zumessen lässt, wenn man es kleinräumiger betrachtet. So kann der Wert des Meeres in seiner Gesamtheit kaum bestimmt werden; der eines bestimmten Meeresgebiets oder einer bestimmten Dienstleistung schon sehr viel eher. Bevor man sich überhaupt daranmachen kann, Naturkapital zu bewerten, muss es zunächst kategorisiert werden. Einen solchen Versuch starteten im Jahr 2001 die Vereinten Nationen (United Nations, UN) mit dem internationalen Großprojekt Millennium Ecosystem Assessment (MA), in dem mehrere Hundert Forscher alle Ökosysteme weltweit analysierten und in
verschiedene Kategorien von Dienstleistungen
einteilten:
  • unterstützende Dienstleistungen (supporting services), die das Ökosystem selbst erhalten, etwa Nährstoffkreisläufe oder die genetische Vielfalt;
  • bereitstellende Dienstleistungen (providing services), die Nahrung, Wasser, Baumaterial (Holz), Fasern oder Rohstoffe für Arzneimittel hervorbringen;
  • regulierende Dienstleistungen (regulating services), die das Klima einrichten, für die Aufnahme von Abfallstoffen sowie Luftschadstoffen sorgen, für gute Wasserqualität verantwortlich sind oder für die Bestäubung von Pflanzen;
  • kulturelle Dienstleistungen (cultural services), die Erholung, Naturtourismus, ästhetisches Vergnügen und spirituelle Erfüllung ermöglichen.
Obwohl solch eine Einteilung bei der Monetarisierung von Naturkapital hilfreich sein kann, sind viele Ökosys­teme mitsamt den vielen Beziehungen zwischen den Lebewesen doch so komplex, dass man ihre Bedeutung und Leis­tung, und damit ihren Wert, nicht in ganzem Umfang erfassen kann. Wissenschaftlern fällt es sogar schwer abzuschätzen, welche Konsequenzen das Verschwinden allein einer Tierart wie zum Beispiel einer Raubfischspezies haben könnte, ganz zu schweigen von der Zerstörung eines ganzen Ökosystems. Orchideen im Regenwald beispielsweise werden mitunter nur von einer einzigen Insektenart bestäubt. Fehlt das Insekt, verschwindet die Orchidee, von der wiederum andere Tierarten abhängig sind. Erkennt man diesen Zusammenhang nicht, verkennt man den Wert der Insektenart. Verkompliziert wird die Bewertung von Ökosystemen auch dadurch, dass sie auf vielfältige Weise miteinander verwoben sind und sich gegenseitig beeinflussen. Diese Abhängigkeiten können Forscher heute oftmals kaum durchschauen – und damit auch Dienstleistungen, die Ökosysteme füreinander erbringen. Ein Bergwald etwa stabilisiert den Boden. Stirbt der Bergwald, verstärkt das die Erosion. Erdreich wird in Bäche und Flüsse gespült, wodurch sich auch die Lebensbedingungen im küsten­nahen Meer verändern.

Der Wert der Natur – heute und morgen

Um den Wert von Naturkapital einschätzen zu können, muss daher noch feiner differenziert werden. Ökonomen versuchen das, indem sie die Ökosystemleistungen der Natur verschiedenen Wertkategorien zuordnen. Der Gesamtwert eines Natur­kapitals ergibt sich dann aus der Summe all seiner Dienstleistungen – Fachleute sprechen dabei vom Total Economic Value (TEV, ökonomischer Gesamtwert) eines Ökosystems. Gemäß TEV unterscheidet man zunächst zwischen dem Nutzungswert, der sich aus der Nutzung des Naturkapitals ergibt, und dem Nicht-Nutzungswert, den das Naturkapital an sich darstellt. ­Nutzungswert und Nicht-Nutzungswert werden dann weiter ausdifferenziert.
Zum Nutzungswert zählen:
  • der direkte Nutzungswert, den beispielsweise ein gefangener Fisch bietet. Dieser Wert lässt sich je nach Dienstleistung konkret in Form eines Marktpreises ausdrücken;
  • der indirekte Nutzungswert wie beispielsweise die klimaregulierende Wirkung eines Waldes oder des Meeres oder die natürliche Wasserreinigung im Boden;
  • der Optionswert, der sich durch eine potenzielle künftige Nutzung eines Naturkapitals ergibt, beispielsweise von medizinischen Wirkstoffen, die aus Meeresorganismen gewonnen werden.
Zum Nicht-Nutzungswert zählen:
  • der Existenzwert, den Menschen Lebewesen wie Blauwalen oder Lebensräumen wie etwa Mangrovenwäldern beimessen, ohne davon ausgehen zu können, die Lebensräume in Zukunft selbst zu nutzen oder zu erleben. Der Existenzwert ergibt sich schlicht aus der Freude darüber, dass die Lebewesen oder Lebensräume existieren;
  • der Vermächtniswert, der darin besteht, dass Menschen den Wunsch verspüren, Naturgüter so unversehrt wie möglich an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.
MA und TEV sind miteinander verwandte Konzepte. Dank MA und TEV lässt sich die Bedeutung von Ökosys­temen heute besser einschätzen, obwohl beide nur klassifizieren, aber keine konkreten monetären Werte liefern. Während es das Ziel des MA war, einen Überblick über die weltweiten Ökosysteme und Ökosystemleistungen zu erhalten, differenziert der TEV diese Dienstleis­tungen noch feiner aus. Dabei gelingt die bessere Einschätzung durch den TEV nicht deshalb, weil er alle Werte zu einem Gesamtwert zusammenfasst, sondern eher dadurch, dass er überhaupt verschiedene Wertkategorien berücksichtigt. So wird es möglich, die Bedeutung verschiedener Ökosystemleistungen miteinander zu vergleichen. Heute weiß man, dass viele Ökosysteme, und damit auch Naturkapitalien, in einem schlechten Zustand sind. Um die Situation zu verbessern, macht es allerdings wenig Sinn, einen monetären Gesamtwert des Naturkapitals zu bestimmen. Vielmehr stellt sich die Frage, mit welchen Maßnahmen sich die Zerstörung eines Ökosystems verhindern lässt oder wie man seinen Zustand verbessern kann. In der Regel gibt es dafür eine Fülle von konkreten Maßnahmen, die gegeneinander abgewogen werden müssen. Dabei ist eine vorherige Kategorisierung der Ökosystemleistungen durch den TEV hilfreich.
Schon seit mehreren Jahren nutzt beispielsweise das britische Amt für Umwelt, Ernährung und ländliche Angelegenheiten (Department for Environment, Food and Rural Affairs, Defra) den TEV, um Naturschutzmaßnahmen wie etwa die Re­natu­rier­ung von Vogelschutzgebieten zu bewerten. Außerdem verwendet sie den TEV, um zu untersuchen, welche Bedeutung Parks und Grünflächen für die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung haben, indem sie Raum für Erholung, Sport und Bewegung an ­frischer Luft bieten. Natürlich entstehen Kosten für die Pflege oder den Erhalt der Parks und Grünflächen. Zudem stehen diese Flächen nicht als Bauraum zur Verfügung. Doch ist dieser Untersuchung zufolge der Gewinn für die Bevölkerung erheblich, weil durch die Bewegung an frischer Luft Krankheiten vorgebeugt wird. Nach dieser Studie erspart ein einziger Park in einem Stadtgebiet dem Gesundheits­sys­tem jährliche Kosten in Höhe von 910 000 britischen Pfund, rund 1 150 000 Euro, unter der Voraussetzung, dass 20 Prozent der Bürger dieser Stadt die Grünflächen nutzen. Denkt man diese Studie weiter, wird klar, dass für die Bewertung eines Naturkapitals nicht sein momentaner Gesamtwert relevant ist, sondern der Wert, der sich aus den Ver­än­der­ungen ergibt. Je kleiner beispielsweise die Parkfläche wird, die zur Verfügung steht, desto relativ wertvoller wird sie, weil für die Erholungssuchenden immer weniger Quadratmeter zur Verfügung stehen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Ausgangsgröße der Parkfläche. So ist der Wertverlust durch ein paar abgezogene Quadratmeter bei einer kleinen Parkfläche viel größer als bei einem riesigen Park. Entsprechend ist bei einem großen Park der zusätzliche Wert durch weitere Qua­drat­meter viel geringer als bei einem kleinen Park. Solche Wert­änderungen eines Naturkapitals, die sich durch Maßnahmen wie zum Beispiel die Zerstörung oder Schaffung einer Parklandschaft ergeben, spielen in der Nachhaltigkeitsdiskussion eine große Rolle. Ökonomen sprechen dabei von „marginalen Veränderungen“ oder „marginalen Werten“.
1.15 > Der Hongkong-Park, 1991 eröffnet, hat einen direkten Nutzen für Bürger in Form von Erholung, aber auch einen hohen indirekten Nutzungswert, weil er das innerstädtische Mikroklima verbessert.
Abb. 1.15: Der Hongkong-Park, 1991 eröffnet, hat einen direkten Nutzen für Bürger in Form von Erholung, aber auch einen hohen indirekten Nutzungswert, weil er das innerstädtische Mikroklima verbessert. © Christian Kerber/laif
In vielen Fällen lässt sich einer bestimmten Kategorie einer Ökosystemleistung ein monetärer Wert zuordnen. Ein Park, der den Bewohnern als Freizeitmöglichkeit dient, hat beispielsweise einen ganz bestimmten monetären Wert in Form von Kosten­er­sparnis im Gesundheitswesen – also einen direkten Nutzungswert. Erheblich schwieriger ist es, den indirekten Nutzungswert dieses Parks zu bestimmen, zum Beispiel seinen Beitrag zu einem besseren innerstädtischen Mikroklima. Um auch den indirekten Nutzungswert eines Natur­kapitals bewerten zu können, wird beispielsweise anhand von Verbraucherbefragungen abgeschätzt, wie viel ein Haushalt für die Verbesserung von Umweltbedingungen maximal zu zahlen bereit wäre – in diesem Fall zum Beispiel für die Vergrößerung eines innerstädtischen Parks. Ökonomen sprechen hier von der willingness to pay (WTP, die Zahlungsbereitschaft). Bestimmt wird auch, inwieweit die Bevölkerung Kompensationen für eine Ver­schlech­terung der Umwelt­bedingungen (zum Beispiel die Verkleinerung oder Bebauung des Parks) akzeptieren ­würde, wie groß die willingness to accept (WTA) ist. WTP und WTA hängen oft vor allem vom kulturellen oder gesellschaftlichen Kontext ab und sind daher mitunter gar nicht zu bestimmen. Ein Volk, für das ein Park, eine Landschaft oder ein Naturdenkmal eine kulturelle oder gar religiöse Bedeutung hat, wird Veränderungen oder gar eine Zerstörung kaum akzeptieren. Viele Nach­haltig­keits­experten fordern, solche Faktoren bei der Bewertung von Natur­kapital zu berücksichtigen, auch wenn sie kaum quantifizierbar sind.
1.16 > Die australischen Ureinwohner, die Aborigines, glauben, dass ihr Kontinent von unsichtbaren, mythischen Traumpfaden durchzogen ist – eine besondere Art des kulturellen Naturkapitals, das in der Vergangenheit häufig durch Baumaßnahmen zerschnitten oder zerstört wurde.
Abb. 1.16: Die australischen Ureinwohner, die Aborigines, glauben, dass ihr Kontinent von unsichtbaren, mythischen Traumpfaden durchzogen ist – eine besondere Art des kulturellen Naturkapitals, das in der Vergangenheit häufig durch Baumaßnahmen zerschnitten oder zerstört wurde. © Ingetje Tadros/Getty Images

Mangel an Wissen

Wie schwierig es ist, den Wert von Naturkapital abzuschätzen, zeigt auch eine aktuelle Studie deutscher Ökonomen. Die Wissenschaftler haben eine Reihe von Publikationen zum Thema
Ozeanversauerung
untersucht. Sie wollten herausfinden, ob es belastbare Aussagen darüber gibt, welche Kosten die Ozeanversauerung künftig verursachen und wer davon betroffen sein könnte. Die Ozeanversauerung ist neben der Erderwärmung eine der am meisten befürchteten Folgen des Klimawandels. Die Meere nehmen aus der Atmosphäre einen gro­ßen Teil des Klimagases Kohlendioxid auf, das durch die Verbrennung von Erdgas, Erdöl und Kohle freigesetzt wird. Vereinfacht ausgedrückt bildet sich dadurch im Wasser verstärkt Kohlensäure. Dadurch sinkt nach und nach der pH-Wert des Wassers. Meereswissenschaftler fürchten, dass davon vor allem Korallen und Fischlarven be­trof­fen sein könnten sowie Muscheln und Schnecken, die Kalkgehäuse produzieren. >
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